02 | Unterwegs durch Sachsen-Anhalt

19.06.2016 – 22.06.2016 |

jetzt ist wieder eine Woche vergangen und so langsam wird es wieder Zeit, ein bisschen in die Tasten zu hauen. Seitdem wir am vergangenen Sonntag in Glöwen gestartet sind, verbrachten wir viele Stunden auf dem Sattel. Bei unseren Ritten mit den Drahteseln durch die Landschaft fliegen einem vielerlei Gedanken durch den Kopf. Und was wir dabei dachten, welche Eindrücke uns heimsuchten und wen wir u.a. begegneten, lest ihr nachfolgend.

Landflucht

Nachdem wir uns von meinen Großeltern in Glöwen verabschiedet haben (wir hatten eine großartige Zeit mit viiiieeel leckerem Essen und gefühlt 5 kg mehr Gewicht:D), ging es gen Havelberg. Unser Tor zu Sachsen-Anhalt. Das Bundesland mit den meisten UNESCO-Welterbestätten – nach Bayern. Wer hätte das gedacht? 😀 Sind aber auch nur vier.

Im Laufe der Zeit zwischen Havelberg und Magdeburg vermochte nur ein Wort unseren Eindrücken Ausdruck zu verleihen. Tristesse. Sorry, wenn wir damit jemandem aus Sachsen-Anhalt auf den guten Schlips treten sollten. Aber, alter Lachs, da sagen sich ja Fuchs und Hase gute Nacht – wenn sie sich überhaupt begegnen sollten 😀

Zwischen den beiden oben genannten Städten radelten wir auf dem Elberadweg entlang und bestaunten die schöne Landschaft, welche durch den mäandrierenden Verlauf der Elbe bestimmt wird. Daneben prägen Auen und Altarme bzw. Altwässer, Weiden und Stieleichen, Heiden, Trocken- und Magerrasen das Landschaftsbild. Libellen, Vögel, Schmetterlinge und Insekten schwirren durch die Luft. Schafherden mit vielen kleinen, tollpatschigen Lämmern, welche auf den Hängen der Deiche grasen, belustigen uns mit ihrem Blöken. Bäääääh! Bei Deichbrücke bei Bittkau schlugen wir unser Zelt auf und genossen unsere erste Nacht unter dem nächtlichen Firmament auf dieser Tour.

Aber zurück zum Thema.

Wie gesagt, Tristesse.

Heruntergekommene Dörfer, wo vor Generationen das Leben noch tobte,

die Scheunen zerfallen,

die Natur sich ihren Weg bahnt,

der Putz von den Wänden fällt,

der letzte Buchstabe vom Gemeindehaus auf halb Acht hängt

und die Fährpläne längst vergilbt sind.

Dann gibt es aber auch jene Dörfer, welche gehegt und gepflegt sind,

breite Pflasterstraßen und ebenso breite Grünstreifen prägen das Ortsbild,

gesäumt von alten, dennoch gut erhaltenen Backsteinhäusern und landwirtschaftlichen Höfen,

die Straße teilt sich in der Mitte des Dorfes entzwei,

in dessen Zentrum eine Kirche steht.

Bunte, schick hergerichtete Blumenrabatten versprechen Leben hier,

zu sehen ist hier leider keins,

die idyllische, aber gleichzeitig gespenstische Ruhe wird nur vom Säuseln des Windes und vom Blöken der Schafe und Rinder unterbrochen.

Brötchen und Brause werden längst woanders verkauft,

die verbliebenen Gesichter sind tief und grau.

Wo ist bloß die Jugend hin?

Ausbildungsberufe sind auf dem absteigendem Ast,

das ganze Land ist im Abitur- und Akademisierungswahn,

die Großstädte sind der Jugend neues Domizil und großer Verheißungsort,

dort, wo das Leben tobt,

dort, wo Hoffnungen und Wünsche blühen,

dort, mit reichlich Abenteuern in der Nacht.

Zugegeben, das Ganze ist etwas überspitzt dargestellt, aber es gibt unsere Eindrücke ganz gut wieder. Musikalisch wird das, wie ich finde, ganz gut in den Liedern „Geisterstadt“ von Clueso und „Berlin“ von Jupiter Jones beschrieben. Anhören lohnt sich.

Dessau – die DDR lebt

In Magdeburg haben wir bereits das Erbe des Zweiten Weltkrieges bestaunen dürfen. Ein wirrer Stilmix, der seinesgleichen sucht. So tummelten sich auf engstem Raum Bauten aus der Gotik, Gründerzeit und Moderne, des sozialistischer Klassizismus sowie feinster DDR-Plattenbau in zentraler Innenstadtlage. Magdeburg fanden Robert und ich, soweit sich die Stadt uns offenbarte, dennoch gut, vor allem in Verbindung mit den weiten Grünanlagen und der Natur östlich der Elbe. Als Student, stellen wir uns vor, hat man hier bestimmt eine gute Zeit, vor allem in der Gegend um den Hasselbachplatz in der südlichen Altstadt. Hier befinden sich viele Bars und Kneipen und gilt deswegen als das Szeneviertel der Landeshauptstadt.

Aber Dessau!? Mein lieber Scholli! Für diese Stadt muss man echt geboren sein 😉 Schon die vorherige Fahrt durch Roßlau lies uns wenig Positives erwarten… In der Altstadt angekommen, dachten und sprachen wir beide nahezu gleichzeitig „Die DDR lebt!“. Das Rathaus noch im Stil der Neo-Renaissance, aber gleich gegenüber ein fettes Gebäude mit gelb-rot vertönten Scheiben à la Palast der Republik, fetter Plattenbau sowie zahlreiche Wohngebäude im sozialistischen Gewand (kennen wir eigentlich nur noch von vergilbten Postkarten aus irgendwelchen Antiquariatsläden :D). Fehlt nur noch, dass Walter Ulbricht und Erich Honecker mit Spreewaldgurken in der Hand aus der Hausnummer 61 spazieren und fröhlich das ‚Lied der Partei‘ trällern und gleichzeitig an einem Wohnblockgiebel die DDR-Flagge ausgerollt wird. Coca Cola Werbung ziert die das Einkaufszentrum, Goodbye Lenin lässt grüßen.

Da an jenem Tag, ein Dienstag, Deutschland spielte, suchten wir nach einer Festunterkunft. Erster Anlaufpunkt war die Tourist-Information. Robert ging rein und fragte nach, ob es denn ein Hostel oder ähnliches gäbe. Ein Hostel gibt es nicht, Hotels, Ferienwohnungen, Pensionen und Co. hingegen ja. Aber die Preise, so die nette Dame in der Tourist-Info, bewegen sich so um die 80 Euro pro Nacht. Roberts Antwort darauf, schlagfertig wie er ist und mit einem zwinkernden Auge „Wat, 80 Euro pro Nacht in DESSAU??! Wofür das denn?“ Sie dann: „Dessau ist UNESCO-Kulturerbe.“ Ha, habe ich mich schlapp gelacht, als Robert mir von diesem Wortwechsel berichtete! Letztlich haben wir dennoch eine Unterkunft für 21 Euro pro Nacht gefunden. Dort haben wir unsere Sachen abgestellt, eine kurze Dusche genommen und sind dann zurück in die Innenstadt gefahren, um dem Public Viewing Deutschland gegen Nordirland beizuwohnen. Für Soziologiestudenten wäre der Abend eine perfekte Gelegenheit für eine Feldstudie 😀 Offenkundig stark rechtsgerichtete Personen, Schwarze, Türken, Alternative und andere Bürger schauten gemeinsam friedlich Fußball.

Nach dem Spiel gingen wir in eine nahegelegene Einkaufspassage, um noch etwas Warmes zu Abend zu essen. Wir entschieden uns für die asiatische Küche. Dort kamen wir mit ein paar Vietnamesen ins Gespräch, schnackten ein bisschen und als die Dame, die uns bediente, hörte, dass wir mit dem Fahrrad nach Australien fahren wollen, war sie ganz aus dem Häuschen und konnte es augenscheinlich nicht richtig fassen. Sie klatsche uns gleich eine doppelte Portion Reis auf die Teller, was uns sehr freute. Feine Sache! 🙂 Nach ein paar netten Abschiedsworten gingen wir des Weges.

Draußen beobachteten wir auf einer Bank sitzend, zusammen mit Schokolade und Cola, die irgendwie uns trostlos erscheinende Szenerie. Vor uns das Einkaufzentrum und eine Bushaltestelle, zu unserer rechten der oben bereits erwähnte Minipalast der Republik, das Rathaus und DDR-Wohnbauten und zu unserer linken eine Kirche sowie mehr oder weniger sanierte Plattenbauten mit einem abgefackelten Balkon. Vor den Plattenbauten auf einem Minizaun, welcher eine kleine Rasenfläche säumte, saß eine kleine Gruppe Mitzwanziger und kickte ein paar Steine weg. Ein Block weiter spielten kleine Flüchtlingskinder mit einem Ball und schräg gegenüber von uns war eine Gruppe Jugendlicher, welche auf Bordsteinen saß und später mit diversen Bierflaschen in der Hand auf und ab schlenderte.

Als Antwort auf den demographischen und wirtschaftlichen Strukturwandel in den neuen Bundesländern gab es seinerzeit das Programm ‚Stadtumbau Ost‘. Mit diesem Programm sollte die Lebens-, Wohn- und Arbeitsqualität gesichert und erhöht werden. Aber von diesen Mitteln hat Dessau wohl nichts abgekommen 😉

Als wir das alles in diesem Moment so betrachteten, waren wir recht froh Rostock als unsere Heimatstadt nennen zu können 😉 Nach einer Weile stiegen wir wieder auf unsere Räder und schauten uns noch in der Dämmerung die Stadt an. Zum Ende der Tour haben wir unser vorheriges Urteil revidiert und kamen zum Schluss, dass Dessau zum Teil doch ganz nett ist. Dies gilt vor allem für das Viertel, wo sich das Bauhaus-Dessau befindet. Hier ist es weitaus schöner und angenehmer als in der Innenstadt. Dass Dessau UNESCO-Weltkulturerbe ist, können wir in Anbetracht des Gesamtbildes, welches uns offenbarte, dennoch nicht ganz nachvollziehen 😀 Bauhaus, als Heimstätte der Avantgarde der Klassischen Moderne hin oder her …

Fazit Dessau:

Wortart: Substantiv, Neutrum

Worttrennung: Des|sau

Bedeutungsübersicht: Stadt nahe der Mündung der Mulde in die Elbe

Synonyme: Trostlosigkeit, Ostalgie, Tod, Tristesse 😉

Reisen – ein Geben und Nehmen

Auf dem Weg von Dessau nach Leipzig durchquerten wir kurz vor dem kleinem Örtchen Petersroda eine schöne Wald- und Seenlandschaft. Diese ist aus dem Bitterfelder Bergbaurevier bzw. aus dem Tagebau Goitzsche hervorgegangen, wo seinerzeit Braunkohle abgebaut wurde. Der Tagebau wurde Anfang der 1990er stillgelegt und sämtliche Gruben um Bitterfeld geschlossen. In den Folgejahren wurde der Tagebau nach und nach geflutet. Mehr oder weniger parallel dazu wurden Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt. Das Ergebnis seht ihr unten.

Als wir des Weges entlang radelten, entschieden wir uns spontan in den Ludwigsee zu springen. Bei der Hitze tat die Erfrischung echt gut! Am Neuhäuser See, ebenfalls ein Tagebaurestsee, haben wir noch ein bisschen die schöne Landschaft genossen und ein paar Fotos geschossen. Ameisen, zahlreiche Libellen, Schmetterlinge, Vögel und das Streichen des Windes durch Bäume, Büsche und Röhrichte gestalteten die Szenerie. Danach machten wir uns weiter auf den Weg gen Leipzig. Kurz nachdem wir die Wald- und Seenlandschaft verlassen hatten, haben wir vor dem Ortseingang Petersroda eine alte Dame getroffen (sie mag vielleicht um die 80 Jahre alt gewesen sein).

Wie so oft auf unserer bisherigen Tour, grüßten wir Entgegenkommende mit lächelnden Lippen und einem fetten ‚Moin!‘, woraufhin wir ins Gespräch kamen. „Was macht ihr?“, „Wo geht es hin?“, „Was habt ihr vorher gemacht?“ und ähnliche Fragen. Die gute Dame macht stets morgens und nachmittags lange Spaziergänge durch die Landschaft, war Lehrerin für Biologie und Kunst und war 62 Jahre lang mit ihrem Mann verheiratet. In Anbetracht der heutigen Zeit mit schnelllebigen Beziehungen, (selbst angedichtete) Beziehungsunfähigkeit, Patchwork-Familien, Selbstoptimierungswahn, kurzweilige und vergnügliche Treffen über Online-Dating-Plattformen etc. sind die 62 Jahre Ehe eine ordentliche Hausnummer! Sicherlich kann man das nicht mehr so einfach mit Früher vergleichen, da die gesellschaftlichen Verhältnisse seinerzeit ganz andere waren als heute. Aber dennoch fetten Respekt für die lange Dauer!

Sie erzählte viel von ihrem Mann (er ist mittlerweile verstorben) und freute sich, dass wir ein paar Minuten miteinander verbrachten, da, so ihr O-Ton, „die jungen Leute einer alten Dame heute nicht mehr zu hören“ (oder so ähnlich). So wie sie redete (wir vermuteten später, dass sie ’nah am Wasser‘ war), muss sie viele schöne Ehejahre gehabt haben. Gegen Ende des Gespräches wechselten Robert und ich ein paar Blicke, um uns mitzuteilen, so langsam wieder in die Pedale zu treten. Bis dahin hatte sich das Ende der Konversation schon mehrmals angekündigt, aber dennoch haben wir drei irgendwie weitergequatscht (war ja auch ganz cool). Auf langen Radreisen nimmt man viel (wie z.B. Hilfe bei der Orientierung, Unterkunft oder ein Apfel), aber auch ein Geben ist dabei sehr wichtig und sei es nur für ein paar Minuten einer netten, älteren Dame zuzuhören. Sie freute sich augenscheinlich jedenfalls sehr.

2018-06-26T13:41:05+00:00 26.06.2016|Deutschland|Kommentare deaktiviert für 02 | Unterwegs durch Sachsen-Anhalt