05 | Ahoj Tschechien

01./02.07.2016 | Pünktlich zum ersten Juli haben wir Deutschland endlich verlassen und bei Schmilka die Grenze zu Tschechien passiert. Bis hier hin hatten wir in Deutschland ca. 750 km zurückgelegt. Nun hieß es, ab in das Land von Pavel Nedvěd, Franz Kafka, Jan Palach und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (anbei eine kleine Portion nutzloses Wissen 😀 Pavel Trávníček, der den Prinzen im besagten Film gespielt hatte, wurde selbst auf Tschechisch synchronisiert, weil er dem Regisseur nach mit einem zu starken südmährischen Dialekt sprach). Neue Sprache, neue Abenteuer 🙂 An der Grenze trafen wir auf einen 70-Jährigen Herrn, der wie wir, ein Foto vom Grenzstein machte. Dabei kamen wir ein wenig ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er in Prag startete und bis Cuxhaven die Elbe (in Tschechien ‚Labe‘ genannt) entlang radeln möchte. Bis jetzt hat er zwei 700 km- und eine 800 km-Tour zu verbuchen. Diese soll die nächste sein. Zwar liebt er das Radfahren schon seit Kindesbeinen an, aber Radreisen hat er erst im höheren Alter angefangen. Ein bisschen bedauerte er das späte Nachgeben gegenüber der Reiselust, aber Frau und Familie haben ihn nicht früher loskommen lassen. Das machte uns etwas neugierig, aber wir haben dann nicht weiter nachgefragt und haben einander eine gute Weiterreise gewünscht.

Bei Hrensko mussten wir eine kleine Fähre nehmen, um auf das gegenüberliegende Ufer überzusetzen. Ein kleines Schild wies uns daraufhin, dass wir eine Umleitung in Kauf nehmen mussten. Die erste größere Stadt, die uns auf tschechischer Seite begegnete, war Děčín. Der Weg schlängelte sich mehr oder weniger parallel zur Elbe durch die Landschaft. Wiesen säumten den asphaltierten Weg, hier und da war die Luft vom Duft der Kamille geschwängert. Kleinere Industrieanlagen waren auf der anderen Uferseite zu sehen. In etwas größerer Ferne grenzte sich die grüne nordböhmische Landschaft vom blauen Horizont ab. Die Hügel und Berge erinnerten von der Form her ein wenig an die Knusperflocken von Zetti, eben nur in grün und zigmal größer 😀 Die Landschaft wechselte sich immer wieder mit kleinen Siedlungen und Städtchen ab.

Nachdem wir auf tschechischen Boden bereits ein paar Kilometer zurückgelegt hatten, wurden wir von einer Gruppe von sechs Männern überholt. Als einer von ihnen auf gleicher Höhe mit mir war, ertönte eine Stimme und fragte „Auch aus Rostock?!“, was ich euphorisch bejahte. (An meiner großen hellblauen Gepäckträgertasche baumelte eine Mecklenburgflagge.) Das ist ja irre, dachten wir uns. Da sind wir weitab der Heimat und treffen auf jemanden aus Rostock. Robert und ich unterhielten uns während der Fahrt ein wenig mit ihm. Später sollte sich herausstellen, dass er von der Truppe liebevoll ‚Vati‘ genannt wird 😉 Da die Jungs ordentlich fix auf ihren Rädern unterwegs hatten, drückten wir auch ein wenig auf die Tube und versuchten Anschluss zu halten. Später machten wir gemeinsam mit der Gruppe eine Pause. An einem kleinem Fußballplatz wurden dann erst einmal ein paar Biere und Colas gezischt und ein wenig geschnackt.

‚Die blöden Schweine‘

Wie sich herausstellte, waren die sechs selbsternannten „Blöden Schweine“ durch die Bank sehr sympathische Kerle mit einer guten Portion Humor, Selbstironie, einem nicht zu übersehenden Genuss des goldenen Gerstensaftes und Verrücktheit 😉 Die Sechs kennen sich größtenteils aus Schulzeiten und machen seit mehreren Jahren mehrtägige Radtouren mit um die 130 km pro Tag. Sie sagen, sie kommen vom Land, da kennt man sich 😀 Robert und ich fanden es derbe cool, dass sich ihre Wege seit so langer Zeit noch nicht getrennt haben und noch so feine Sachen wie dieser Drahteselritt unternehmen. Diese Tour führte sie von Magdeburg nach Prag (525 km) und das in nur innerhalb von vier Tagen! Alter Lachs, wenn das nicht mal ’ne Ansage ist!

Nachdem der letzte Gerstensaft die Kehle hinunterlief, ging es wieder weiter. Wir schlossen uns der Truppe für diese Etappe an, da beide Gruppen ein ähnliches Ziel für den Tag hatten. So ging es weiter an der Elbe entlang. An einer Schleuse wurde das fixe Fahren auf dem glatt asphaltierten Elberadweg jäh unterbrochen. Juhu, eine fette Treppe! Aber die Jungs packten mit an, sodass das Hindernis schnell überwunden werden konnte. Ansonsten hätten wir unser Gepäck wohl abnehmen und die Treppe hoch und dann wieder runter tragen sowie erneut an die Räder anbringen müssen.

Gegen 19 Uhr erreichten wir einen Zeltplatz, welchen die Gruppe zuvor schon als Ziel der Etappe anvisiert hatte. Dieser befand sich kurz vor der Stadt Litoměřice. Feine Lage, dachten wir, als sich der Zeltplatz uns offenbarte. Direkt am See, Sandstrand, kleine Halbinsel. Nach der hiesigen Ankunft wurde noch einmal eine Runde geordert. Anschließend haben Robert und ich unsere Zelte aufgebaut, sind ins kühle Nass gesprungen und haben unseren in Usti nad Labem erworbenen Gulascheintopf mit feinster Brandenburgischer Salami im Campingkocher erwärmt und verspeist. Lecker wars 😀 Danach ging es wieder zum pulsierenden Herzen des Campingplatzes, wo der DJ unter dem Sternenhimmel einen Evergreen nach dem anderen zum Besten gab. So schallten Bonnie Tylers „It’s a heartache“, Queens „We will rock you“ und Co. durch die Nacht und ließ eine kleine, feierwütige Gruppe von Junggesellinnen in Ekstase versetzen. Das hoffte zumindest der betagte DJ, der zeitweilig die Musik wohl eher für sich spielte als für alle anderen 😉 Denn die Fläche war eher leer denn bevölkert von steppenden Bären. Aber diese sollte sich im Laufe des Abends noch füllen … Während die eine oder andere doch das Tanzbein schwang, saßen wir mit den lustigen „Blöden Schweinen“ zusammen und beäugten die amüsante Szenerie mit etwas Gutem für die trockene Kehle… Irgendwann nach Mitternacht ging es ab in die Federn. Die Jungs tranken und feierten noch weiter bis spät in die Nacht. Aber am nächsten Morgen saßen sie wieder um acht Uhr im Sattel und rissen ihre 100 km nach Prag! Mein lieber Scholli, alle Achtung! 😀

Als die sympathische Truppe von dannen zog, drehte sich jeder von uns beiden noch einmal in seinem Schlafsack um …haha. Wir machten uns gegen 11 Uhr auf, ebenfalls mit Prag als Ziel. Denn das Fußballviertelfinale Deutschland gegen Italien wollten Robert und ich nicht verpassen. Bis dahin mussten wir aber um die 90 km zurücklegen.

Die ersten Kilometer haben wir mit nur einem Schokoriegel im Magen zurückgelegt. In Lounky knurrte der Magen schon lauter. Wir sahen ein Schild, welches wir als Bäckerwerbung interpretierten. War es aber nicht. Es handelte sich um eine kleine Dorfkneipe. Gleichzeitig verdunkelte sich der Himmel über uns. Eine ältere Dame räumte einen Unterschlupf für unsere Fahrräder frei, damit diese nicht nass werden. Feine Geste von der Dame! Drinne bestellten wir uns bei der sympathischen Wirtin in einem Tschechisch-Englischen-Kauderwelsch je zweimal Hühnerbrühe und zweimal Pommes. Als wir unsere Hühnerbrühe schlürften, beobachteten wir eine kleine dörfliche Geburtstagszusammenkunft. Ein alter Herr, gefühlt Mitte/Ende 80, feierte seinen Ehrentag. Kinder, Enkel, Urenkel und Co. kamen vorbei und beglückwünschten den Herrn zu seinen vielen Lenzen. Heiter und fröhlich schlürften auch sie Hühnersuppe, während es draußen regnete. Nachdem es aufgehört hatte, ging es weiter.

Wir fuhren bis Melnik immer die Elbe entlang. Dort angekommen kürzten wir die Strecke um ca. 20 bis 30 km ab und fuhren den kürzesten Weg querfeldein von Melnik nach Prag. Die App OSM, welche uns René (ein Kumpel von Robert) empfohlen hatte, erwies uns größtenteils einen super Dienst. So ging es über kleine Nebenstraßen, Bundesstraßen, Schleich- und Feldwege gen Hauptstadt. Unterwegs wartete die Strecke aber mit so einigen fiesen Schabernacken auf, Feldwege mit ordentlich Schotterbelag und zum Teil 7-%iger Steigung. Alter Finne, da freuten sich Oberschenkel und Lungen. Doch es lief gut. Vor allem der Schweiß. Das ein oder andere Mal hallte auch ein lauter Fluch über die weiten Getreidefelder. Dabei dachten wir auch an ein älteres Ehepaar, welches wir in Königstein getroffen haben. Die fiesen Strecken sind jene, worüber man später redet und vor allem lacht, so deren Worte 😀

Mit fortlaufender Zeit verdunkelte sich der Himmel zunehmend und erste Regentropfen fielen auf uns herab. Bis Prag sollte sich das Wetter noch weiter verschlechtern. Nachdem wir die Feld- und Schotterpisten hinter uns gelassen hatten, kündigte sich Prag durch relativ neue Eigenhaussiedlungen an. Daran schlossen sich die großen Plattenbauviertel an. Wir durchquerten diese, einige Blicke streiften uns, so voll beladen wie wir auch waren – im Prager Regen. Nach einigen Abbiegungen und Abfahrten kamen wir am Ufer der Moldau an. Augenscheinlich befanden sich hier modernere Viertel mit vielen Bauten aus Glas und Beton. Während wir am Moldauufer entlang radelten, verabschiedete sich der Regen nach und nach. Der Veitsdom auf der Prager Burg erwies sich dabei als guter Orientierungspunkt. Am staroměstské náměstí (Altstädter Ring, zentraler Marktplatz in der Prager Altstadt) erkundigten wir uns nach einem Hostel. Die ersten zwei waren uns zu teuer, beim dritten hatten wir Glück. Ein Fünfmannzimmer für uns alleine. Die Fahrradräder konnten wir sogar mit auf das Zimmer nehmen. Als wir das Zimmer betraten, bestätigte sich unser erster Eindruck, den wir an der Rezeption bekommen haben. Na ja, sagen wir mal so, wir waren froh nach dem Regen eine warme Dusche und ein Bett zu haben 😉

Nach der warmen Dusche ging es wieder auf die Räder und wir fuhren zur Kneipe, wo die Jungs vom Vortag bereits das Spiel Deutschland gegen Italien schauten. Neben der Truppe waren noch ein paar weitere Deutsche und viele Italiener am Start. Ein Großteil nahm an den „European Tree Climbing Championships“ (Internationale Baumklettermeisterschaft), welche am 2. und 3.7. in Prag stattfand, teil. Im Laufe des Spiels wurden die Nerven mehr und mehr strapaziert, vor allem während des Elfmeterschießens. Mal sangen die Italiener Fußballlieder, mal wir, je nachdem, wer gerade das runde Leder ins Tor oder in die Wolken befördert hatte. Dabei klatschten wir uns gegenseitig zu, sodass es recht amüsant, sportlich und freundschaftlich war.

Im Anschluss an das bekannte Ende fuhren wir zum Abschied (die Jungs fuhren am nächsten Tag mit dem Zug nach Hause) zur Karlsbrücke. Ein Klassiker in Prag. Jungs, es war uns ein inneres Kirschkuchenessen, euch kennengelernt zu haben 😉 Wir hoffen, dass ihr euren Zug nicht verpasst habt…haha.

2018-06-26T13:38:08+00:00 03.07.2016|Tschechien|0 Kommentare