08 | Eine amüsante Begegnung

10.07. – 12.07.2016 | Nach unserer Nacht in Jemnice haben wir uns gen Kalladorf in Niederösterreich auf den Weg gemacht. Die letzten Tage waren geprägt von zum Teil sehr anstrengenden und langen Anstiegen, wohingegen die folgenden Kilometer bis nach Kalladorf weitaus gemütlicher für uns werden sollten. Die Landschaft in Mähren wurde flachwelliger, die Waldlandschaften nahmen ab und riesige Kornfelder und Wiesen, welche schier bis zum Horizont reichten, traten deren Stelle. Je mehr Kilometer wir gen Süden zurücklegten desto länger konnten wir uns auf den Abfahrten rollen lassen. Dabei kamen wir zum Teil auf Geschwindigkeiten von um die 63 km/h. Das war schon fett! 😀

Hinter einem kleinen Waldstück passierten wir die Grenze zu Österreich. Nun waren wir in Niederösterreich angekommen. Das größte Bundesland des Landes ist landschaftlich in vier Viertel aufgeteilt. Mit unseren Rädern durchquerten wir das Wald- und das Weinviertel. Ersteres ist seit jeher ein strukturschwaches Landwirtschaftsgebiet, das Weinviertel hingegen ist das größte Weinbaugebiet Österreichs. Daneben wird zudem eine großflächige Landwirtschaft betrieben.

Auf unseren Weg nach Kalladorf sahen wir links und rechts weite Felder mit unterschiedlichsten Anbauprodukten. Wein, Mais, Getreide, Kohl, Zuckerrüben, Zwiebeln und weiteres Gemüse. Dazu säumten oftmals zahlreiche Kirschbäume – wie schon zuvor in Tschechien – die Straßen. Denen konnten Robert und ich natürlich nicht widerstehen und pflückten uns somit ein paar gut schmeckende Kirschen.

In Kalladorf angekommen, erkundigten wir uns bei einem beleibten Herrn (er meinte, hier in der Gegend nennt man Männer, die weniger als 100 kg wiegen, „Krippen“, sie sind also Buben oder so ähnlich 😀 ) wo denn die Familie Burger wohnt. Er wies uns den Weg und wir folgten diesem. Auf dem Weg hierher waren wir schon voller Freude, da wir dieses Mal nicht überlegen mussten, wo wir denn unser Zelt aufschlagen müssen. Eine Sorge weniger. Feine Sache! Überhaupt waren wir begeistert, dass Christa meinte, bei Louise könnt ihr ruhigen Gewissen nächtigen. Solche Angebote erleichtern einem die Reise ungemein!

Vor dem Haus der Familie Burger angekommen, staunten wir nicht schlecht, da es sich um ein großes Weingut handelte. Während ich in meinen Taschen noch rumwühlte, klingelte Robert und die Tür ging auf. Wie Robert mir später mitteilte, waren die ersten Worte „Wollt Ihr etwas trinken?“. Robert war etwas perplex, da er wohl mit etwas anderem gerechnet hatte. Am Vorabend meinte Christa nämlich noch, dass sie Louise Bescheid geben wollte, dass wir kommen werden. Robert übergab das Wort an mich und ich erzählte kurz von unserer Reiseidee, dass wir Christa in Jemnice kennengelernt haben und sie meinte, dass wir hier ruhig klingeln könnten. Daraufhin antwortete Frau Burger sinngemäß „Eine Christa kenne ich nicht, aber kommt doch rein“.

Wir taten wie geheißen und folgten ihr in den großen, grünen Innenhof. Wow, dachten Robert und ich nur à la „Das is‘ ja mal fett!“. Wir konnten uns aussuchen, ob wir neben den Schafen unser Zelt aufstellen wollten oder im Innenhof. Wir entschieden uns für letzteres. Auf dem kleinen tartanunterlegten Spielplatz nahmen wir die Schaukeln ab und stellten unsere Zelte auf. Derweil kam noch ein Pärchen aus Sachsen in den Hof, mit dem wir ins Gespräch kamen. Später sollten wir vier noch einen schönen Abend bei Speis‘ und Trank verbringen.

Neben Frau Burger war noch eine weitere, sehr freundliche Dame mit dem Namen Helene auf dem Hof (an dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, dass wir den Namen erst viel später erfahren sollten ;-)). Wir fragten, ob es möglich wäre, eine Dusche zu nehmen. Zu unserer großen Freunde erhielten wir eine positive Antwort 🙂 Den ganzen Tag hierher begleitete uns die Sonne, 33°C im Schatten. Der Schweiß lief, das Salz blieb, die Haut klebte. Von daher waren wir sehr froh, als das Wasser in einem lauwarmen Schwall über uns lief und uns von Mok und Schweiß befreite. Es hatte etwas von einer seelischen Reinwaschung wie bei den Hindus im Ganges 😀 Obwohl wir noch nicht in so ariden Gebieten unterwegs sind, wo das Wasser ein kostbares Gut ist, waren wir doch sehr froh Wasser zu haben. Ein tat ungemein gut zu wissen, dass wir nicht klebrig und stinkig in unsere Schlafsäcke kriechen mussten. Zugegeben, das hat etwas ‚jammerhaftes‘, da sicher noch ganz andere Tage und Situationen auf uns zukommen werden …

Während Robert und ich unser Abendessen zu bereiteten und uns nebenbei mit dem Pärchen aus Sachsen unterhielten, fragten wir uns, wer denn die Louise ist. Wir sind zwar auf einem tollen Hof, wo wir nächtigen und duschen dürfen, bei einer Dame, die Christa nicht kennt, Christa aber meint, bei der wir nächtigen dürfen. Das klingt verwirrt, nicht wahr!? Das waren wir auch 😀 Als wir vier zu Abend gegessen zu haben, kam noch einmal die Helene über den Hof. Wohl gemerkt, bis zu diesem Moment hatte ich die Helene noch nicht nach ihrem Namen gefragt! Ich bin also vom Essenstisch aufgestanden und bin zur Dame hin, mit den Worten „Dann sind Sie wohl die Louise. Viele Grüße von Christa!“ Daraufhin sagte sie dann „Naaa, ich bin ned die Louise. Das ist jemand anders“. Da habe ich erst mal doof aus der Wäsche geschaut 😀 Nun offenbarte sich so langsam unsere Situation. Wir nächtigten also bei einer Person bzw. Familie, von der wir annahmen, das wäre die richtige und diese bereits über unser Ankommen in Kenntnis gesetzt wurde. Pusteblume! Das war es natürlich nicht:D Ich erzählte Robert davon und dieser staunte ebenfalls nicht schlecht. Unsere Gesichter kann man sich bestimmt gut vorstellen 😀

Zusammen mit dem sympathischen Pärchen aus Sachsen, später gesellte sich noch Frau Burger dazu, verbrachten wir ein paar schöne Abendstunden und redeten über dies und jenes. Solche Begegnungen machen uns immer wieder Spaß und wir haben stets große Freude anderen zu lauschen, wenn sie von Reisen und anderen Erlebnissen berichten.

Helene hatte uns am Vorabend zu gesichert, dass sie uns am nächsten Tag ein Sixpack Wasser und etwas leichtes zu Essen vorbeibringt. Wir freuten uns sehr über diese Geste, vor allem auch deswegen, weil der nächste Tag ein Sonntag war. Am nächsten Morgen stand sie mit eben jenen Sachen vor unseren Zelten und mit von der Partie war auch nun die bis dato omninöse Louise 🙂 Wir haben uns sehr gefreut, sie kennenlernen zu dürfen und die verwirrte, aber dennoch sehr amüsante Situation aufgeklärt zu haben 😀

Nach dem Zusammenpacken haben wir uns wieder auf unsere Räder geschwungen und sind gen Wien geradelt. Bis dahin sollten wir aber noch ca. 70 km zurücklegen. Auf gut asphaltierten Wegen ging es bis Korneuburg, in dessen Nähe wir später auf den Donauradweg übersiedelten. Mit den Wolkenkratzern der Uno-City vor uns radelten wir die letzten Kilometer gen Hauptstadt. Auf dem Donauradweg war guter Verkehr; viele Skater, Radfahrer und Läufer. Am Donauufer saßen auf Wiesen zwischen Wasser, Büschen und Bäumen zahlreiche Menschen, die das gute Wetter genossen. Das vitale Uferleben erinnerte uns ein bisschen an den Cospudener See bei Leipzig. Allein das zu sehen, machte schon Freude auf den Aufenthalt in Wien. Weiter ging es auf gut ausgebauten Radwegen entlang des Donauer Kanals. Dabei passierten wir sehr zu meiner großen Freude viele Locations mit Street Art. Herrlich! Innerhalb von Wien radelten wir recht viele Kilometer und bekamen schon einen ersten guten Eindruck von der Stadt. So sahen wir recht viele pompöse und schicke Bauten, imposante steinerne Zeugnisse mit langer Historie. Angesichts der Baukunst, die sich uns offenbarte, waren wir sehr beeindruckt. Wien ist noch einmal ein ganz anderer Schnack als Prag.

Unser erster Anlaufpunkt in der österreichischen Hauptstadt war die Tourist-Information unweit der berühmten Albertina. Wir hatten uns den Punkt aus zweierlei Gründen ausgesucht. Zum einen wegen der W-Lan-Verfügbarkeit und zum anderen wegen der Nachfrage nach preisgünstigen Unterkünften, insofern wir bei Couchsurfing oder Warmshowers eine Absage oder eben auch keine Nachricht erhalten sollten.

Warmshowers ist ein Netzwerk von Personen, die eine Schlafmöglichkeit und Dusche für Tourenradler anbieten. Dabei handelt es sich meistens um Personen, die ebenfalls schon Radreisen gemacht und infolgedessen auch viel Gastfreundschaft überall auf der Welt erfahren haben. Sie wollen somit das geben, was sie selbst erlebt haben. Feine Idee!

Leider hatten unsere Anfragen kein positives Ende gefunden. So suchte Robert via AirBnB nach einer Unterkunft. Wir hatten aber relativ schnell eine Bleibe im 16. Bezirk von Wien gefunden. Gegen 19 Uhr haben wir uns mit Alexander verabredet, der uns die Tür öffnete. Die Wohnung war top und wir sehr froh ein Dach für die erste Nacht gefunden zu haben. Bei unserem Gespräch stellte sich heraus, das Alexander eigentlich aus Linz kommt, aber schon seit mehreren Jahren in Wien lebt. Er studiert hier Englisch und Italienisch auf Lehramt und ist schon selber sehr viel in der Welt umhergekommen. Thailand, Myanmar, Vietnam und in China war er mehrmals. So hatten wir einen interessanten Abend mit vielen spannenden Geschichten und Tipps.

2018-06-26T13:36:35+00:00 14.07.2016|Österreich|Kommentare deaktiviert für 08 | Eine amüsante Begegnung