09 | Wien

13.07. – 16-07.2017 | Nachdem wir pünktlich einen Monat nach unserer Abfahrt im Rostocker Stadthafen in Wien angekommen sind und die erste Nacht gut durch geschlummert haben, war eine unserer ersten Aufgaben des neuen Tages, eine Unterkunft für die nächsten zwei Nächte zu finden.

Via Warmshowers haben wir Felix angeschrieben und gefragt, ob es möglich wäre, bei ihm und seiner Schwester Anna zwei Tage unterzukommen. Nach einem kurzen Schriftwechsel, kam das Okay und Robert und ich waren mehr als froh darüber! 🙂 Wir haben uns für den frühen Abend angemeldet. Die Aufgabe war nun erledigt und so hieß es erst einmal Essen fassen. Ab in den Supermarkt; Brot, Gepäck, Obst, Schokolade und Wasser kaufen und genüsslich verspeisen. Im Anschluss hieß es, Wien zu erkunden.

So ging es zurück an den Donaukanal, ein bisschen Street Art bestaunen. Ganz zu meiner Freude, denn ich liebe Street Art / Urban Art in all seinen Formen und Facetten. So habe ich mich sehr über ein Werk von ‚ROA‘ gefreut. Der Typ kommt aus Gent (Belgien) und malt / sprayt vorwiegend wilde Tiere oder Tiere aus städtischen Ökosystemen. Meistens stehen diese in Bezug zu dem Land, in welchen er gerade künstlerisch tätig ist. Und das sind nicht gerade wenige. Seine Werke findet man in den USA, Europa, Asien und Neuseeland. Fett war auch das Werk „The Dissection of Sigmund Freud“ vom Österreicher Street Artist ‚Nychos‘. Mal sehen, was ich noch so an Street Art auf der Reise sehen werde 🙂

Auf dem Weg zum Street Art Sammelsurium haben wir die Müllverbrennungsanlage Spittelau passiert. An sich nix digges, aber die Fassade war von Friedensreich Hundertwasser gestaltet. Ich mag sein Stil. Bereits in Magdeburg haben wir ein „Hundertwasserhaus“ bestaunen können, dasjenige in Wien jedoch nicht. Er war beileibe kein Fan von geraden Linien und Standardisierungen. Das sieht man auch an den Bauten, da sie recht bunt, fantasievoll und individuell aussehen. Was ich recht amüsant finde, vor allem in Anbetracht der heutigen modernen Bauten aus Beton und Glas, welche mir recht steril und kühl vorkommen, sind Aussagen aus Hundertwassers Fensterrecht. Hierbei handelt es sich eher um eine Idee und Forderung, wonach jeder Bewohner eines Hauses das Recht haben sollte, die Außenfassade um sein Fenster so weit zu bemalen, wie sein Arm reicht. Ha, so eine Stadt möchte ich gerne mal sehen… Da kann bestimmt viel Schönes bei rauskommen oder eben auch viel hässlicher Mist 😀 Jedenfalls besser als bloße graue Wände 😀

Was uns auf Anhieb an Wien sehr gefallen hat, war die gut ausgebaute Radinfrastruktur. Anfang der 1990er Jahre zählte das Wiener Radverkehrsnetz noch 190 km, im Dezember 2015 waren es bereits 1.298 km. So gibt es bspw. eigene Radwegebrücken sowohl über den Donaukanal als auch über die Donau sowie ‚Fahrradhighways‘ entlang von stark frequentierten Verkehrsachsen. Das ermöglichte uns schnell von einem Bezirk zu einem anderen zu kommen und dabei noch viel von Wien zu erleben. Auf kleineren Nebenstraßen ist es allerdings weniger gut um die Radfahrfreundlichkeit bestellt, da man sich die z.T. holprigen Straßen mit den Autos teilt. Das ist eigentlich nicht weiter schlimm, nur die Wiener Autofahrer sind alles andere als geduldig 😀

Über die Radwege landeten wir auf der Donauinsel. Diese ca. 21 km lange Insel wurde zwischen 1972 und 1988 zu Hochwasserschutzzwecken errichtet und stellt darüber hinaus ein attraktives Naherholungsgebiet dar. Mit unseren Drahteseln fuhren wir mehrere Kilometer auf der Insel, schimmelten auf Wiesen rum, schlummerten unter eine Autobrücke, während ein Gewitter sich über Wien austobte, sahen viele Skater, Läufer, Ultimate Frisbeespieler, in der Donau schwimmende Leute und viele mehr. Das Nord- und Südende der Insel ist naturnah gestaltet, der Mittelteil hingegen hat einen parkartigen Charakter, wo sich die Mehrheit der oben stehenden Gruppen aufhält. Wir fanden jedenfalls, dass die Donauinsel unheimlich zur Lebensqualität in Wien beiträgt.

Ein schönes Fleckchen Erde, is’n Traum, dort das Großstadtleben im Grünen zu genießen. Wien ist zweifelsfrei eine schöne Stadt, aber abseits der Donau (und den Prater ausgenommen) fanden wir in die Hauptstadt wenig grün. Da sind Berlin und Hamburg unserer Meinung nach um einiges grüner.

Auf dem Weg zur Reichsbrücke, wo wir die Donauinsel verlassen wollten, fiel uns eine riesige Menschengruppe ins Auge. Im Schatten des Betonbogens der Brücke und der zahlreichen Platanen saßen auf ausgebreiteten Decken eine Vielzahl an Thai-Frauen. Bei einem frohen, geselligen Beieinander wurden Plastikteller und -becher, Fisch, Papaya und Huhn herumgereicht. Wie wir später erfahren sollten, trifft sich ein Großteil der Wiener Thai-Community im Sommer allabendlich an diesem Ort.

Anschließend sind wir durch das Vienna International Centre (VIC), der sogenannten UNO-City, geradelt. Das 1979 erbaute VIC beherbergt eine Vielzahl an internationalen Organisationen und neben New York, Genf und Nairobi eins von vier offiziellen Amtssitzen der UN. Kann man sich anschauen, muss man aber nicht 😉

In den Folgetagen radelten wir noch das ein oder andere Mal in und durch die Innenstadt und sahen u.a. (von außen, muss reichen :D) die Albertina (fettes Kunstmuseum), den Stephansdom, den Prater, die Hofburg Wien sowie zahlreiche monumentale Prachtbauten entlang der 5,3 km langen Wiener Ringstraße wie z.B. Staatsoper (Neorenaissance), Rathaus und Parlament (flämische Gotik), Burgtheater (Neobarock) und viele weitere fette Bauten. Beim Anblick all dieser Architektur, fühlten wir uns glatt um das ein oder andere Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt. Wir warteten nur darauf, dass Elisabeth von Österreich-Ungarn aka Sisi zusammen mit Why SL Know Plug aka The Pineapple Dude, besser bekannt als Money Boy, um die Ecke spazierten und fröhlich vor sich hin trällerten … 😀

Die meiste Zeit aber hielten wir uns in den Straßen des 16. Gemeindebezirks von Wien (auch Ottakring genannt) auf. In diesem wohnen Felix und Anna, wo wir Unterschlupf für drei Nächte gefunden haben. Wie oben bereits gesagt, haben wir Felix über ‚Warmshowers‘ angeschrieben. Am Abend kamen wir bei unserer neuen Wiener Bleibe an, wo uns Felix herzlich begrüßte. Wir parkten unsere Räder, nahmen die Taschen ab und tauschten die erste Worte. Robert und ich merkten schnell, dass Felix ein echt feiner Kerl zu sein schien (was sich später auch bestätigte!). Und obendrein ein lebenslustiger und leicht verrückter 😉 Aber dazu später mehr^

Wir kamen in die gemütliche Einraumwohnung, wo wir Anna und Sophie (Cousine) begrüßten, die gerade dabei waren, das Abendessen zuzubereiten. Es sollte später eine leckere Reis-Gemüsepfanne geben. Zum Abendessen kam noch weiterer Besuch hinzu. Tim und Nico, ebenfalls Cousins von Anna und Felix, bereicherten die Runde. Und das auch noch mit leckerem Essen, ganz zu unserer Freude 😀 Wir alle verstanden uns recht schnell und gut, so dass wir einen sehr lustigen Abend mit vielen Lachern hatten („Isch reg‘ misch jetz‘ ned uff, aba was machn wir jetz‘ mit dir?!“ :D). Tim und Nico, zwei sehr sympathische Pfundskerle, fuhren am nächsten Tag gen Tirol, und somit verabschiedeten wir uns leider wieder.

Den nächsten Tag lebten wir in den Tag hinein und kamen nur langsam in die Puschen. Wir radelten wieder ein bisschen durch die Straßen von Wien. Daheim angekommen, lauschten wir Felix‘ interessanten Geschichten. Er ist ebenfalls sehr reiselustig und reist am liebsten mit dem Einrad! Kein Scheiß, der Typ hat es echt drauf! 🙂 2014 ist er von Montréal, wo seinerzeit die ‚Unicon‘ (ein weltweites Treffen von Einradfahrern, findet alle zwei Jahre irgendwo in der Welt statt) stattfand nach Mexiko gefahren! Klickt mal hier (https://www.youtube.com/watch?v=SpNa0GwDq1w) drauf, dann könnt Ihr euch einen kleinen Eindruck verschaffen. Lohnt sich! Bei Minute 5:22 seht Ihr, wie fix und elegant er sich auf das Einrad schwingt! Während seiner Reise legte er ca. 4.500 km zurück, Wahnsinn! 🙂 Anbei ist auch eine Karte von der Strecke, welche er zurückgelegt hat.

Am zweiten Tag durften wir seine Skills live bestaunen. Abends trafen wir uns mit Anna und eine Freundin von ihr zum Eis essen. Es nieselte leicht und wir schwangen uns auf unsere Drahtesel bzw. auf das Einrad. Beeindruckend, wie spielend leicht Felix das Einrad handhabt. Rauf und los ging es! Und wie! In einem Affenzahn ging es zur Gelateria Bortoletti. Da ich hinter Robert und Felix fuhr, konnte ich die Szenerie gut beobachten. Es sah ziemlich lustig aus, die beiden nebeneinander auf ihren Gestellen zu sehen. Robert sah neben Felix, welcher hoch über den Asphalt thronte, wie ein Zwerg aus 😀 Die Menschen auf den Gehwegen und an den Ampeln verrenkten ebenfalls ihre Köpfe…hehe.

Danach ging es zu Onkel und Tante von unseren Gastgebern. Mit am Start waren auch Sophie und Paul. Es ist immer wieder toll, solch sympathische Leute kennenlernen zu dürfen. Während wir leckeren Nudelsalat verspeisten, hörten wir die fetzige Musik von Claus (Onkel). So gab es Reggae, Balkan-Mugge und Jazz auf die Ohren. Am liebsten hätte ich meine Backroller mit Claus‘ Musik gefüllt 😀 Wir quatschen über dies und jenes, lernten ein wenig ‚Wienerisch‘ und hatten eine paar sehr schöne Abendstunden.

Am kommenden Morgen wollten Robert und ich eigentlich gen Bratislava aufbrechen, aber da wir erst am Mittag zu Bewusstsein gefunden haben, fragten wir Felix und Anna spontan, ob wir vielleicht noch eine Nacht bleiben dürfen, die Gastfreundschaft ist einfach zu guuut 😉 Und so blieben wir noch einen weiteren Tag in der Stadt von Gustav Klimt.

Der Tag ging fix rum. Wieder einmal rollten wir durch die multikulturellen Straßen des 16. Bezirks, entlang der lebendigen Thalia-Straße mit all ihren Geschäften und dem regen Menschenleben auf den Bürgersteigen. Robert und Felix schraubten später zusammen an seinem Einrad herum, bevor wir den Abend ein weiteres Mal bei Claus und Bärbel ausklingen ließen 😀

Wien, es war uns eine große Freude und wir haben die Zeit hier sehr genossen!

2018-06-26T13:35:34+00:00 18.07.2016|Österreich|0 Kommentare