12 | Eine lange Fahrt im Regen

19./21.06.2016 | Bratislava war nun ein weiteres Kapitel auf unserer Reise. So hieß es nun, das nächste zu schreiben. Kaum hatten wir ein paar Kilometer zurückgelegt, fing es auch schon an zu tröpfeln. Schon den ganzen Morgen über hing eine fette, graue Wolkendecke über Bratislava. Es war nur eine Frage der Zeit bis uns die ersten Tropfen auf den Kopf klatschen sollten.

Während wir auf dem Deichweg parallel zur Donau radelten, nahm die Intensität des Regens zu. Wir sprachen darüber, wie geil es wäre, einen kleinen Unterschlupf zu finden, mit der naiven Hoffnung, dass nach einem kurzen Warten, der dicke Wolkenschleier aufreißen würde. Kaum davon gesprochen, offenbarte sich einige hundert Meter vor uns eine Unterstellmöglichkeit. Es war eine kleine, aber feine Holzarchitektur, welche gemeinsam von Studenten der Universitäten Bergen (Norwegen) und Bratislava entworfen wurde. Diese fügte sich hervorragend in den Landschaftsraum ein und war ein willkommenes Refugium für uns. Wir genossen die graue, aber irgendwie doch schöne Donauszenerie. Die Donau war an dieser Stelle sehr breit und enthielt mehrere Inseln unterschiedlicher Größe. Holz und zum Teil große Baumstämme bzw. Reste davon schwammen an der Oberfläche. Daneben waren ein paar Schwäne, welche ihren Kopf lieber im braunen Wasser versteckten als sich die Tristesse darüber anzuschauen. Das Säuseln des Windes war in den Blättern der angrenzenden Bäume zu hören, ebenso der monotone Klang des Regens. Robert ließ ein paar Steine über das Wasser tätschern, an dessen anderen Ufer man im grauen Dunst bereits Ungarn sehen konnte. Wir warteten hier auf das Ende des Regens. Naiv und vergeblich. Aber eine gute Sache hat die lange Pause, denn der Wind, der durch den Unterschlupf blies, trocknete unsere Kleidung. Zur Aufheiterung der Stimmung schmissen wir die Musikanlage an (kleiner MP3-Player plus kleine Box) und fingen an zu tanzen und zu singen. Ich hoffe es gibt keine Beweisfotos /-videos :D. So hieß es nach aufgeheiterter Stimmung nun, zumindest in unseren Köpfen, Regenklamotten an und weiter ging die Fahrt.

Die Donau erschien uns nicht nur an oben besagter Stelle imposant. Sie ist es auch rückblickend in der turbulenten Geschichte Mitteleuropas. Auf dem Weg von Donaueschingen in Deutschland bis zur Mündung ins Schwarze Meer legt sie ca. 2.860 km zurück und verbindet dabei zehn Staaten miteinander. Dabei sind u.a. so bedeutende Städte wie Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad. Vier Hauptstädte Europas. Die Wassermassen der Donau kommen einem riesigen Spiegelbild gleich, welches die 3.000-jährige Geschichte in dieser Region wiedergibt, von der Entdeckung durch die Griechen bis hin zur Donaukooperation im Rahmen der EU. Wie kann man die Donau beschreiben? Würde man Leute von der Quelle bis zur Mündung nach einer Beschreibung für die Donau befragen, gäbe es sicherlich eine Vielzahl an Antworten. Ganz sicher aber ist sie eine friedliche Handelsstraße, Kulturbrücke und trennende Grenze.

Der Wind kam von hinten und trug uns relativ fix Kilometer für Kilometer auf dem asphaltierten Donauradweg gen Komárno, ein kleines Städtchen an der Grenzen zu Ungarn. Zwischendurch machten wir Scherze, dass wir bis Budapest durchradeln würden. Wir wären nach Angaben unseres Navigationsdienstes gegen 2 Uhr nachts angekommen. Das haben wir aber natürlich nicht gemacht 😀 Nach ca. 70 Kilometern ging der hervorragend asphaltierte Donauradweg in einen Kieselsteinweg über. Der Regen hielt weiter feucht-fröhlich an, die Fahrtgeschwindigkeit reduzierte sich auf ca. 10-15 km/h und die Laune verabschiedete sich so langsam auf dem absteigenden Ast. Weit und breit war kein Dorf zu sehen, wo man ohne große Umwege in Kauf nehmen zu müssen, hätte abbiegen können. Die folgenden 30 km sollten wir auf diesen wunderbaren Untergrund verbringen. Der Regen bildete zunehmend große Pfützen auf dem Weg, welche die Manövrierbarkeit der Räder zum Teil deutlich erschwerte. Wir hätten uns über die blöde Situation aufregen können, aber das hätte letztendlich nichts gebracht außer verschwendete Energie und Nerven. So radelten wir wie zwei störrische Esel weiter.

So langsam kündigte sich Komárno durch kleine Vororte an. Wir beschlossen den Donauradweg zu verlassen und auf der Landstraße weiterzuradeln. Autos preschten an uns vorbei und hüllten uns in kleine Gischtwolken ein. Am Horizont tauchten die ersten Hochhäuser und Werbepylonen auf. Wir fuhren durch die ca. 37.000 Einwohnern zählende Stadt, passierten zahlreiche Plattenbauten, welche schon seit mehreren Jahrzehnten auf eine Renovierung warten dürften. Als wir in Bratislava losgefahren sind, hatten wir eigentlich vorgehabt zu campen, aber angesichts des Wetters haben wir uns dagegen entschieden. Im Regen das Zelt aufbauen sowie keine Chance auf eine Trocknung der Klamotten, darauf hatten wir ehrlich gesagt keinen Bock. Nach sechs Stunden und 106 km strampeln im Regen wollten wir einfach nur noch eine heiße Dusche und ein warmes Bett. So hielten wir auf das Stadtzentrum zu, welches uns aber nicht sofort offenbaren wollte. Zuvor mussten wir erst noch zwei Gruppen von Personen ansprechen, die uns in die richtige Richtung wiesen. Wir sind aus Versehen am Zentrum vorbeigefahren, so groß und imposant es auch war 😉 Wir waren von Wien und Bratislava halt anderes gewöhnt.

Die erste Pension, die sich uns zeigen sollte, wollten wir nehmen. Und so geschah es dann auch. In der Altstadt sahen wir eine. Fix wurden die Räder geparkt und nach einem Zimmer für eine Nacht gefragt. Zu unserer großen Freude war noch ein kleines Zimmer frei, welches wir später ordentlich in Beschlag nehmen sollten. Wir parkten unsere Drahtesel, trugen die nassen Regentaschen hoch und einer nach dem anderen sprang unter die heiße Dusche. Nach so einem Tag ein absoluter Traum! 😀 Wir hatten allmählich das Gefühl in einer Jägerhütte untergekommen zu sein. Überall hingen ausgestopfte Tiere an der Wand, man konnte schon von Tapete sprechen, und präparierte Tierköpfe. Nun sollte die Kür folgen. Ein genüssliches Essen, allerfeinste slowakische Küche!^^ Wir hatten uns beide für das Gericht Tanz des Hirsches entschieden – Leckääää war es!! Nach dem Essen sind Robert und ich kurz zur Küche marschiert und haben dem Koch einen fetten Daumen nach oben gezeigt. Glücklich und zufrieden fielen wir später in die weichen Federn.

Manche mögen ob unserer bisherigen Schlafplätze meinen, dass wir ‚Weicheier‘ oder ‚Pussies‘ seien, v.a. in Anbetracht wie manch andere Radreisende unterwegs nächtigen (http://www.pushbikegirl.com/wo-schlafe-ich-auf-meiner-radreise.php). Wir sagen, „recht habt ihr“ 😀 Bisher haben wir unser Zelt nur recht wenig benutzt. Dessen sind wir uns bewusst. Vielleicht mag es noch der Komfort sein, welchen man von zu Hause gewöhnt war, vielleicht Bequemlichkeit oder vielleicht mangelnde Campingnehmerfähigkeiten. Wer weiß. Auf jeden Fall wollen wir das Zelt in Zukunft stärker nutzen, (insofern man nicht auf ‚Warmshowers‘ zurückgreifen kann, wenn sich die Gelegenheit bieten würde), um v.a. das Reisebudget zu schonen – und einfach (haha, leicht gesagt :D) der Verführung des einfacheren ‚Hostel-Pension-Weges‘ zu widerstehen. Schließlich werden wohl eher die Schlafplätze oben wie bei ‚Pushbikegirl‘ im Gedächtnis bleiben, als die Hostels und Pensionen und somit vielleicht auch spannendere Geschichten. Wir werden sehen …

Der nächste Tag begann so, wie er tags zuvor endete. Regen. Hallelujah! Wir checkten kurz den Wetterbericht, welcher aber letztlich keine Besserung versprach. Am Vortrag hatte Robert noch mit seinem Charme die gute Pensionsdame überreden können, dass wir anstatt um 10 Uhr erst mittags auschecken können. So ging ich in Schlüpper und T-Shirt runter und fragte nach, ob es möglich wäre noch eine Nacht hier zu verbringen. Sie sagte, jo. Den Rest des Tages gammelten wir rum, lasen auf dem Kindle und machten was für den Blog. Gegen Abend ließ der Regen nach, sodass wir frische Luft schnappen wollten. Einen Teil von Komárno haben wir bereits am Vortag sehen können, nun sollten die Innenstadt und angrenzende Bereiche folgen. Es war ein kleines Städtchen, wovon wir nicht wussten, was wir davon halten sollen. Es war irgendwo zwischen Trostlosigkeit und sozialistischer Retrokleinstadtidylle angesiedelt. Plattenbau neben mittelalterliche Zitadelle. Orthodoxe Kirche neben dem kleinen Tante-Emma-Laden. Dahinsiechende Kaikräne neben brauner Donau. Eigentlich netter Stadtkern neben großen Plattenbauviertel. Grauer Himmel über grauen Asphalt.

Am Abend waren wir noch einmal fett dekadent. Einmal Wildfleisch mit einer extra Portion Kroketten und einmal Spaghetti Carbonara. Und das für jeden 😀 Der Blick der Kellnerin entgleiste und sie fragte nochmal nach, ob wirklich jeder zwei Hauptmahlzeiten wünscht. Wir ließen es uns gut gehen, als auf einmal jemand uns ‚Mahlzeit‘ wünschte. Wir staunten nicht schlecht. Irgendwo im Nirgendwo treffen wir jemanden der Deutsch spricht. Bei dem jemand handelte es sich um Thomas. Er ist 26 und kommt aus Bayern. Er setzte sich an einen anderen Tisch, wo noch drei weitere Personen saßen. Wir quatschten dennoch weiter und gesellte sich später zu uns. Es stellte sich heraus, dass Thomas schon seit ca. vier Jahren unterwegs ist. Non-stop. Wobei er es vielmehr Leben als Reisen nennt. Schon seit er 14 ist, reist er viel allein hier und da hin. Ein erfahrener Traveller also, voller Elan und mit einer großen Portion ‚Hibbeligkeit‘. Wir kamen fix ins Gespräch, hörten einige seiner Stories und den einen oder anderen Tipp. Er ist gelernter Barkeeper und Schreiner und kann dieses Wissen glücklicherweise vielseitig unterwegs anwenden, um seine Reisekasse aufzufüllen. Er besitzt für uns brauchbares Wissen für die muslimischen Länder und wir wurden sehr neugierig. Keines der Länder, welches wir hoffentlich noch bereisen werden, war ihm fremd. In der Türkei hat er sich zudem ein Fischerboot am Schwarzen Meer angeschafft und eine kleine Existenz aufgebaut. Er nennt die Türkei sein zweites Zuhause und konnte es schwer nachvollziehen, warum wir von der Türkei nicht so viel sehen wollen. Dies hat nichts mit der Türkei oder der derzeitigen Lage zu tun, sondern hängt schlicht ergreifend mit dem klimatischen Bedingungen im Nordiran zusammen. Wir wollen auf unserer Reise unbedingt den Iran bereisen und dafür müssen wir spätestens Mitte Oktober die Türkei verlassen. Andernfalls werden wir im Norden des Irans, beim Durchqueren einer von vier Klimazonen des Irans, des öfteren bei Minusgraden unterwegs sein. Darauf haben wir keine Lust.

Später gesellte sich noch Joannie zu uns, eine 23-jährige Kanadierin, welche schon seit sechs Jahren ‚on the road‘ ist. Beide sozusagen ‚road junkies‘. Wie sich herausstellen sollten, waren beide Zimmernachbarn von uns und wir ließen den Abend in deren Zimmer ausklingen. Am nächsten Morgen sollten sich die Wege der beiden ‚road junkies‘ trennen, denn die sympathische Joannie kehrte über Berlin zurück ins das französischsprachige Kanada. Nach über sechs Jahren reisen. Okay, zu Weihnachten war sie das ein oder andere Mal zu Hause. Sonst aber stets unterwegs und dies ausgiebig in Kanada, USA und Mexiko, aber auch in Südamerika. Sie und Thomas haben sich durch Zufall spontan im April dieses Jahres kennengelernt und beschlossen, die nächste Zeit gemeinsam zu reisen. So kam es letztendlich dazu, dass sich unsere Wege im beschaulichen Komárno kreuzten.

2018-06-26T13:34:08+00:00 24.07.2016|Slowakei|0 Kommentare