13 | Budapest, wir lieben dich

18.07. – 31.07.2016 | An diesem Tag sollte es in die Hauptstadt Ungarns gehen. Geile Sache. Vor der Pension haben wir unsere Räder beladen und plauschten noch ein bisschen mit Joannie und Thomas. Letzterer fuhr weiter nach Budapest, Joannie über Bratislava nach Berlin. Thomas wollte entlang der Donau fahren, was ca. 120 km wären. Ludovico, der am Abend zuvor ebenfalls am Tisch von Thomas saß, meinte es wären 150 km. Wir hatten uns aber für eine andere Route entschieden, die uns ca. 105 km durch das Hinterland führen sollte. Zudem hatten wir keine Lust, weiter auf Kieselsteinwegen zu fahren. Und wer weiß wie lange man hinter Komárno darauf hätte noch fahren müssen.

Am Abend zuvor hatte ich noch jemanden über das Netzwerk ‚Warmshowers‘ angeschrieben. Robert, ein Amerikaner, welcher an einer Schule in Budapest Englisch unterrichtet. Da er schon Radfahrer für den von uns angestrebten Zeitraum beherbergte, musste er leider absagen. Aber er war so freundlich und meinte, dass ich mal mein Glück bei seiner Arbeitskollegin Edina, ebenfalls Englischlehrerin, versuchen soll. Kaum geschrieben, kam prompt die Antwort „Ihr seid herzlichst willkommen!“ Feine Sache, Robert und ich haben uns sehr gefreut! 🙂 Für Robert ergab sich zudem die perfekte Gelegenheit sein Englisch aufzupolieren 😉

Der Weg nach Budapest führte uns über mehr oder weniger stark befahrene Straßen. Die einzigen größeren Städte waren lediglich Tata sowie Tatabánya. Von Tata haben wir lediglich einen kleinen Teil gesehen, welcher aber ganz schön war, da sich dieser direkt am Örek-See befand. Letzterer ist der älteste Kunstsee Ungarns. Tatabánya ist eine ca. 70.000 Einwohner große Stadt, welche hauptsächlich durch Plattenbauten charakterisiert ist. Zumindest unserem Eindruck nach. Weiter ging es über kleine Berge und kleine Dörfer. In eines der kleinen Dörfer erweckten wir die Aufmerksamkeit eines älteren Mannes. Wir tranken gerade genüsslich unser Wasser und waren einfach nur erstaunt, wie viel unsere Körper in der Lage sind auszuschwitzen. Die Suppe läuft einfach nur bei über 30 °C und Sonnenschein die Kimme runter. Zurück zum alten Mann, welcher uns auf ungarisch begrüßte. Wir signalisierten ihm, dass wir ihn nicht verstehen. Darauf zählte er sämtliche Länder auf und wir unterbrachen ihn mit ‚Deutschland‘. Zu unserem großen Erstaunen fing er an auf Deutsch mit uns zu reden. Als er begriff, wo wir hin wollen, rief er voller Begeisterung seine Frau zu sich, welche hervorragend Deutsch sprach. Vermutlich konnten die Einheimischen das so gut, weil unsere Elterngeneration zu DDR-Zeiten gerne in Ungarn den Sommerurlaub verbrachte.

Nach einem kurzen Snack ging es für uns weiter. Bei Budakeszi schickte uns das Navigationsgerät, obwohl wie ‚unbefestigte Wege‘ dieses Mal vermeiden wollten, über einen Bergkamm, der alles andere als fahrradfreundlich war. Die ersten hundert Meter war der Untergrund sehr erdig mit vielen Steinen und Furchen. Man musste schon ein wenig aufpassen, da der Boden auch von der letzten Tagen Dauerregen aufgeweicht und glitschig war. Nach einem kurzen Päuschen entschieden wir uns weiter den Weg zu fahren, welcher aber zunehmend immer beschissener wurde. Wir stiegen von unseren Rädern ab und schoben diese. Irgendwann kam Robert an eine Stelle, die, wenn man vernünftig bzw. rational denken sollte, umkehrt und die Straße entlang fährt. Aber ich sturer Esel habe gesagt, ach weiter geht’s, ist ja nicht mehr weit. Da hat Robert eine neue Seite an mir kennengelernt, die er in diesem Maße noch nicht von mir kannte^^ Ein Blick auf das Navi erzählte aber was anderes. Wir, und besonders ich, sollten diese Entscheidung später sehr bereuen. Die Wege wurden steiler, das Gebüsch immer engmaschiger und ich hätte mich eigentlich schon früher fragen sollen, wann hier denn das letzte Mal jemand langgekommen ist, egal ob Wanderer, Läufer oder Fahrradfahrer. Naja, Esel halt 😀 Der rutschige Untergrund dank zweier Regentage, machte ein Weiterfahren unmöglich und wir fingen an (nein nicht umzudrehen ^^) die Fahrräder zu schieben. Wir hatten große Anstrengungen unternommen nicht auszurutschen und unsere vollgepackten Drahtesel die bis zu 13% Steigungen entlang des „Wanderweges“ hochzuschieben. Die Dornenbüsche unterwegs waren so freundlich unsere Schienenbeine ein wenig zu ’streicheln‘. Obwohl es im Wald recht kühl war, hatten wir das Gefühl, noch mehr denn je zu schwitzen. Unsere Körper haben regelrecht gekocht. Irgendwann kamen wir an eine Gabelung an, dessen beide sich uns anbietende Wege komplett zugewachsen war. Keine Chance auf ein Durchkommen. Und da hatten wir die Arschkarte. Schmerzliches Eingestehen, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe, obwohl alle Anzeichen davor schon signalisierten ‚Umdrehen‘. Wir haben dann unsere Räder den ganzen beschissenen Weg wieder zurückgeschoben und letztlich eine Stunde Zeit verloren. Nun war es schon um 20 Uhr, und diese Zeit hatte ich Edina als unsere prognostizierte Ankunftszeit mitgeteilt. Aber es waren noch 12 km zu radeln. Diese legten wir nun auf einer viel befahrenen Straße zurück. Dazu mussten wir aber erst einen steilen und laaaangen Anstieg hinter uns bringen. Wir haben uns gegenseitig laut angefeuert und gelacht. Viele Pendler kamen uns mit ihren Autos entgegen und manche schauten nicht schlecht, ob unser mühseligen Fahrt bergauf. Eine Dame hat uns aus dem Auto ein breites Lächeln und ‚einen Daumen nach oben‘ geschenkt, was eine feine Geste war, über die wir uns sehr gefreut haben. Danach ging es mit um die 50 Sachen auf einer gefühlt fünf Kilometer langen Abfahrt nach Budapest. Das hat Spaß gemacht 😀

Nach und nach offenbarte sich uns Budapest und man konnte das berühmte Parlament bereits durch die Häuserfluchten erkennen. Am Ufer der Donau angekommen, gegenüber des Parlaments, (wir kamen von der ‚Buda‘-Seite) waren wir ganz platt angesichts der fetten Architektur, v.a. Robert genoss den Moment. Wir haben fix ein Foto gemacht und sind dann über eine Brücke auf die ‚Pest‘-Seite gefahren. Gegen 20:30 Uhr (Montag, 18. Juli) waren wir nun endlich bei Edina angekommen, welche uns herzlich begrüßte.

Kurzer Zeitsprung: Am Freitag, wir waren also nun schon fünf Tage in Budapest, saßen wir nachts mit Edina auf dem Dach des Hauses, in welchem sie wohnte. Die Silhouetten der Schornsteine und Antennen des gegenüberliegenden Hauses waren im Mond- und Stadtlicht zu sehen. Am Firmament strahlte der Mond. Ich scherzte, dass ich mich schon wie jemand, der schon lange in Budapest lebt, fühle. Das sagte ich nicht ganz ohne Grund, denn wir standen erst meist zwischen 10 und 12 Uhr auf, gingen zum Marktplatz um die Ecke, frühstückten lange zusammen mit Edina, anschließend gingen wir für ein paar Stündchen aus dem Haus, schauten uns Budapest an, kamen wieder zurück, entspannten, tauchten in das Budapester Nachtleben ein oder schimmelten abends zu Hause rum. Kein Hetzen und keine Hektik, um dieses zu sehen oder jenes zu erleben, keine Sorgen, etwas verpasst zu haben, wie es vielleicht bei kürzeren Stadtaufenthalten der Fall wäre. Einfach in einer anderen Stadt in den Tag hinein leben und genießen. Feine Sache. Wie unsere Zeit in Budapest aussah und vielleicht noch aussieht, lest ihr unten (nicht chronologisch).

Die ganze Woche über wurden wir von Edina kulinarisch sehr verwöhnt! Absolute Klasse! 🙂 Mal gab es ein polnisch inspiriertes Gericht mit viel Fleisch, Sauerkraut, feurigen Gewürzen und anderes Gemüse. Ein anderes Mal gab es Lángos, eine typisch ungarische Spezialität. Recht einfach, aber dennoch sehr lecker. Hierbei handelt es sich um einen Fladen aus Hefeteig, welcher in Fett gebacken wird. Wir haben Lángos mit Sour Creme und einem Gemisch aus Öl und Knoblauch gegessen. Lángos wird oftmals als Zwischenmahlzeit gegessen, wenn man nicht große Lust auf Kochen hat oder man weiß, dass es später noch wat ordentliches zu Essen gibt. Dann gab es mal Nudelauflauf, tags darauf eine leckere Suppe aus Kartoffeln, Karotten, Sellerie und anderen Zeug, Nachtisch Pizza. Alter Lachs, Robert und ich freuten uns jedes Mal wie kleine Kinder, die ihr erstes Legogeschenk ever auspackten 🙂 Üppig wie die Abendmahlzeit fiel auch stets das Frühstück aus. Mal ging Edina zum großen Markt um die Ecke, mal wir beide. Brot, Marmelade, Tee und reichlich Obst und Geschnatter.

Am zweiten Abend hat uns Edina in das Budapester Nachtleben eingeführt. Am ‚Erzsébet Square‘ bzw. ‚Elisabeth-Platz‘ haben wir uns mit zwei Freunden von Edina getroffen. So haben wir Niki und einen Kollegen von Edina kennengelernt, dessen Namen wir wieder vergessen haben. Niki sollten wir im Laufe der Zeit noch öfter sehen. Bei dem oben genannten Platz handelt es sich um die größte innerstädtische Grünfläche von Pest. Zusammen mit dem angrenzenden Déak-Ferenc-Platz bildet die Grünfläche den wohl bekanntesten und beliebtesten Treffpunkt von Budapest Downtown. Hier kommen Studenten, Jugendliche und Twentysomethings, Locals und Touris, der Professor und der Arbeiter zusammen, haben ein Bier, schnacken und lachen, spielen Musik und haben einfach eine gute Zeit. Später starten sie alle von hier aus in das Budapester Nachtleben, noble Bars und Restaurants, Party-Hostels, Dachterrassen oder Ruin pubs. Das Nachtleben in Budapest ist vielseitig, sehr vielseitig 😀 Wir hatten so einige lange, durchtanzte Nächte. Edina erzählte uns, dass es früher verboten war, sich auf dem Gras des Elisabeth-Platzes, vor allem in unmittelbarer Nähe zum ‚Akvarium Club‘ niederzulassen. Die Leute protestierten aber fleißig für diesen beliebten Ort des gemütlichen ‚come togethers‘. Das Ende vom Lied seht ihr unten 😉

Oben war schon das ein oder andere Mal was von ‚Buda‘ und ‚Pest‘ geschrieben. Die Hauptstadt Ungarns ist 1873 aus dem Zusammenschluss der ehemals drei selbständigen Städte Buda, Pest und Obuda entstanden. Östlich der Donau, auf der flachen Seite, befindet sich Pest, welches ca. zwei Drittel der Stadtfläche einnimmt. Hier spielt sich auf der Großteil des Budapester Lebens ab; breite Einkaufsstraßen und -center, Kultureinrichtungen, Nachtleben, Unternehmensniederlassungen etc. Auf der westlichen, bergigen Seite, befindet sich Buda. Hier geht es ruhiger und beschaulicher zu, die Grundstücks- und Mietpreise sind hier (sind zum Teil weitaus) höher.

An zwei Abenden waren wir im ‚Szimpla Kert ruin pub‘. Mein lieber Scholli, ein feines Flecken in Budapest! Die Fassade bröckelt, ebenso die Wände drinnen. Die Wände an sich sind schon ein Highlight, da sie von oben bis unten beschmiert und bemalt sind, zahlreiche Dekorationen, Poster und Installationen schmücken eben diese. Man kann Stunden damit verbringen, den Blick an den Wänden von unten nach oben und wieder zurück schweifen zu lassen. Es gibt immer etwas zu entdecken. Die Ecken, die vielen kleinen Zwischenräumen und Nischen beherbergen amüsante Ansammlungen von Bric-à-brac. Auch die Decken sind kunterbunt geschmückt, Bildschirme, Gitarren, Figuren und Co. schweben über den Köpfen des mehrheitlich internationalen Publikums. Ein wahres Schlaraffenland! 🙂

‚Szimpla Kert Ruin Pubs‘ ist nicht das erste ‚ruin pub‘, aber wohl das Bekannteste in ganz Budapest. Und es war verantwortlich für die Kehrtwende im Budapester Nachtleben. Die vier Eigentümer des Szimpla Kert (Szimpla Garten) hatten die Ruine 2004 gekauft. Viele sahen darin nur eine alte, baufällige Substanz, welche zuvor Wohnungen und eine Fabrik beheimatete und eigentlich zum Abriss vorgesehen war. Es hatte seinerzeit nicht mal ein Dach, nur eine Plane bedeckte das Darunterliegende. Die Jungs sahen darin aber mehr. Viel mehr. Heute ist das ‚Szimpla Kert‘ mehr oder weniger weltweit bekannt. Jeder der mal da war, weiß warum. Viele weitere ‚ruin pubs‘ haben im Sog des Szimplas ihre Pforten geöffnet und quasi das ‚ruin pub‘ Genre erfunden. Das Szimpla Kert ist aber nicht nur ein Party-Hotspot, sondern bietet gleichzeitig Raum für eine Vielzahl an gemeinschaftlichen Projekten, seien sie permanent oder temporär. Mal werden sie von der Szimpla Crew initiiert und durchgeführt oder in Kooperation mit anderen Institutionen und Vereinen. So findet hier bswp. eine Art Biomarkt statt, wo lokale Produzenten ihren Honig, Käse, Früchte und Co. an Mann und Frau bringen können. Weiterhin ist die gemütliche Ruine auch Veranstaltungsort für Fahrradflohmarkt, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. So haben wir auch noch ein Balkan-Flamenco-Konzert mitgenommen, welches wir zusammen mit Edina und zwei Freundinnen von ihr besuchten. Ein anderes Mal waren wir bei einem Konzert in Obuda, dem ältesten Stadtteil der ungarischen Hauptstadt. Hier findet man noch Spuren der alten Römer. Auf dem Hof eines alten, großen Gutanwesens spielte die Band ‚Besh o droM‘, eine von Edinas Lieblingsbands. Die Leute haben gut Stimmung gemacht, ging ordentlich ab! Es ist schwer die Musik einzuordnen, am einfachsten könnte man sie mit energiegeladener Balkan-Gypsy-Musik beschreiben. Robert und mir haben sie auf jeden Fall gefallen. Durch Edinas Erzählungen könnte man glatt den Eindruck gewinnen, dass jeden Abend in den Sommermonaten irgendwo in Budapest Konzerte stattfinden. Organisiert, spontan und ungeplant, auf Brücken, in Ruin Pubs, auf öffentlichen Plätzen, am Donauufer, auf den Donauinseln und an zahlreichen anderen urbanen Orten.

Wien und Budapest werden mitunter als ‚Zwillingsschwestern‘ angesehen, war Budapest doch die Hauptstadt der ungarischen Hälfte des Habsburgerstaates. Parallelen sind nicht nur in der Lage an der Donau, sondern auch in der Architektur zu sehen. Beide Städte verfügen über sehr imposante und pompöse Bauten, z.B. das Parlament in Budapest. Unserer Ansicht nach hat Wien diesbezüglich aber die Nase vorn und das nicht zu knapp. Anders als Wien – so haben wir es jedenfalls wahrgenommen – ist Budapest viel stärker an die Donau ausgerichtet. Der Fluss als charakteristisches, trennendes Element wird von vielen Prachtbauten; langen, schön hergerichteten Promenaden; Bars und Restaurants; attraktive Grünflächen für Sport und andere Veranstaltungen; Anliegerstellen für die Donauschiffe gesäumt. Darüber hinaus werden die Inseln für Freizeit und Kultur genutzt (und so finden wir, werten sie die zu betonierte Stadt mit ihrem Grün erheblich auf). Zahlreiche schön anzuschauende Brücken (insbesondere die Freiheitsbrücke sowie die Kettenbrücke) verbinden beide Stadtteile miteinander und bilden zugleich vitale Kristallisationspunkte urbanen Lebens.

In der zweiten Woche – jo, ihr habt richtig gelesen IN DER ZWEITEN WOCHE 😀 (Wat? Zweite Woche? Antworten darauf findet ihr weiter unten! Die Spannung soll ja schließlich erhalten bleiben, wir wollen ja nicht, dass ihr mit euren Köppen vor Langeweile und ermüdenden Lesen auf die Tastatur klatscht und ein Quasi-Abziehbild von eben dieser auf eurer Stirn tragt^^) – sind wir an einem Nachmittag abseits der Touripfade durch die Straßen eines heruntergekommenen Viertels geschlendert. Trotz aller Baufälligkeit hatte das Viertel irgendwie Charme und strahlte eine gewisse Art Geműtlichkeit aus. Aus der Ferne hőrten wir entspannte Klaviertőne, die durch die Luft streiften und wir fragten uns, woher dieser angenehme Sound kam. Wir folgten den Klängen und endeten an einem heruntergekommen Eckhaus. Drei Menschen saßen auf den breiten Fensterbrettern im Parterre, quatschten und tranken Tee. Schőne Szene. In einigen Hausfassaden sah man noch Einschusslőcher aus Zeiten des Ungarischen Volksaufstandes aus dem Jahre 1956. Seinerzeit protestierten breite Gesellschaftsschichten gegen die kommunistische Partei und die sowjetische Besatzungsmacht sowie für demokratische und liberale Veränderungen. Der Aufstand endete später mit dem Einmarsch der Sowjetarmee.

Nachdem wir das Viertel hinter uns gelassen haben, sind wir entlang der Donau zurück gen Budapester Zentrum (auf der Pest-Seite) geschlendert. Dabei streiften wir die o.g. Prachtbauten, Grünstreifen, Schiffsanleger und Co. Große fette Wolken zierten den Himmel und die untergehende Sonne tauchte diesen in ein schönes Farbenspiel. Leute saßen auf Bänken, am Wasser, auf Wiesen und Geländern, tauchten mit Bier, Wein und Co. in den Abend. Andere nutzen diese Zeit zum Laufen, Gassi gehen und Fahrradfahren. Budapest schien in diesen Momenten ein freude- und harmoniertrunkener Ort zu sein. Das war einer jener schönen Momente, wo wir dachten, wir haben mit unser Reise alles richtig gemacht. Wir sind nun schon die zweite Woche in Budapest, keine Hektik und kein Stress, einfach Dasein und genießen. Da realisiert man hin und wieder, dass die Zeit in unserem daheim gelassenen Arbeitsalltag ein wertvolles Gut ist bzw. zu sein scheint. Schade eigentlich, dass man schon fast von ‚Gut‘ sprechen muss. Naja, wahrlich keine Erkenntnis, wofür man eine (lange) Radreise machen muss, aber dennoch ein Gedanke der mal raus muss… Die Sonne hatte sich nun vollends verabschiedet, nun beherrschten die Stadtlichter der Brücken, Laternen, Schiffe und Restaurants die nächtliche Szenerie. Budapest bei Nacht, insbesondere das Donauufer, ist schon echt beeindruckend und schön, aber statt schnöder Worte seht selbst 😉

Kommunikation ist auf unserer Reise immer wieder eine amüsante Thematik für sich 😀 Dialekte, egal ob Sachsen oder Wien, neue Sprachen und neue ‚Eisbrecher‘ (so nenne ich Wörter und Phrasen aus der jeweiligen Landessprache, um fix Zugang zu den Menschen zu finden); das ging ja bis jetzt noch alles gut, mal mehr, mal weniger…haha. Aber Ungarn?! Alter Lachs, das topt alles 😀 Für uns kommt Ungarisch eher einem schier unendlichen Zungenbrecher vor. Die Vorfahren der heutigen ungarischen Bevölkerung kamen irgendwo aus dem Gebiet zwischen dem nördlichen Teil der Aralo-Kaspischen-Niederung und dem Uralgebirge, also von ganz weit weg. Jemand meinte mal scherzenshalber, dass die Stämme aus jenem Gebiet und welche später weit gen Westen zogen, mit den ‚Dothrakis‘ aus der HBO-Serie ‚Game of Thrones‘ zu vergleichen sind 😀 Will damit sagen, die sprachliche Entwicklung des Ungarischen hat absolut nix mit denen der europäischen Sprachen zu tun. Wenn man Spanisch spricht, kann man mehr oder weniger schnell Italienisch lernen oder zumindest in Ansätzen verstehen. Ungarn steht da ganz allein auf weiter Flur. An einem Abend war Kata, eine Freundin von Edina, bei uns zu Besuch. Sie und Robert haben miteinander auf Englisch geredet, irgendwann ging die Kommunikation in ein Ratespiel über. Robert hat nämlich ein Ungarisch-Deutsch-Wörterbuch zur Hand genommen und ungarische Wörter vorgelesen. Kata, die auch etwas Deutsch spricht, sollte erkennen welche. Bevor Kata ein Licht aufging, schaute sie Robert oftmals mit großen, fragenden Augen an (sie hätte Klaus Kinski Konkurrenz machen können), was er denn meinte. Er las dann noch zwei-, dreimal das Wort vor und dann antwortete Kata mit einem lustigen ‚aaaah, das Wort meinst du‘ und sprach es dann richtig aus. Das war amüsant zu beobachten und zu hören, wir lachten gut. Das liegt aber daran, dass vieles ganz anders ausgesprochen als es geschrieben wird. SZ wird wie S ausgesprochen, das S hingegen aber wie SCH, die Endung GY klingt wie DJ und LY wie J. Man brauch also gudde Nerven^^

Oben habe ich ja bereits erwähnt, dass wir mittlerweile seit ca. zwei Wochen in Budapest sind. Manche mögen sich inzwischen vielleicht schon gefragt haben, warum, wieso, weshalb. Hier nun die Antwort 😉 (Bitte nichts Spektakuläres erwarten, es ist das ganz das Gegenteil^^.) Als Robert auf dem Balkon stand, ist ihm sein Handy runtergefallen. Nicht auf die Straße, aber die eiserne Türkante. Ein kleiner Riss im Display war das Ergebnis. Dieser sollte sich über Nacht ohne jegliche weitere Fremdeinwirkung über das gesamte Display erweitern, sodass Robert am Ende nicht mehr das Handy bedienen konnte. Nichts passierte mehr, nada. So fasste er den Beschluss, nach einem Reparaturladen zu suchen, wobei ihm Edina half. Es gab zwar mehrere Läden, die den Service angeboten haben, verlangten dafür aber zwischen 100 und 160 Euro (umgerechnet). Nix da! Ein letzter Tip von Edina war noch ein Laden am Rande von Budapest, ca. 20. min mit der Straßenbahn von ihrer Wohnung Entfernung. Robert und Edina sind dann hin und haben den Laden gesucht, welcher sehr gut versteckt war. Ein kleiner Laden, irgendwo in einem Semi-Gewerbegebiet, ganz unscheinbar von außen. Da musste man sich dreimal die Augen reiben, ob das der richtige Laden sei. War er letztendlich auch. Die beiden sind rein und haben den Fall geschildert. Das Gegenüber meinte, dass das Handy in zwei Tagen, spätestens aber in einer Woche in voller Funktionstüchtigkeit zur Abholung bereit sei. Kurz nachgedacht und dann dafür entschieden. Eigentlich wollten wir nur zwei, drei Tage in Budapest bleiben, aber durch den Vorfall verlängerte sich dieser. Edina hatte absolut kein Problem damit und versicherte uns, dass wir ruhig noch bleiben können. `N Traum!

Das kam auch meinem linken Knie zugute, welches hin und wieder Sorgen bereitete. Edina meinte, ich solle mal zum Arzt gehen. Nach einigen Hin und Her in meinem Kopp, bin ich mit Edina hin. Dieser meinte, die Patellasehne sei sehr unter Druck bzw. Spannung. Entlasten und Hochlegen war sein Rat. Bezahlen musste ich glücklicherweise nichts. Die weitere Zeit nutzten wir, um Budapest weiter zu erkunden. Neue Ziele waren der Lehel Csarnok und das fette West End Einkaufscenter, beides um die Ecke. Ersteres ist eine große Markthalle, wo viel Obst, Gemüse und Co. feilgeboten wird. Robert kannten sie dort schon langsam, weil er da oft was zum Frühstück besorgte. Zuerst dachten sie, er sei ein Touri, welcher nur einmal dort einkauft. Aber nach mehreren Mal begrüßten sie sich schon mit einem Lächeln und wussten, was er kaufen will. Ab und zu entspannten wir im kleinen Park hinter der Markthalle, beobachteten die Leute und Tauben um uns herum. Wir fühlten uns wie Budapester oder zumindest wie Erasmus-Studenten 😀 An anderen Tag erkundeten wir das Budapester Stadtzentrum und Donauinsel, erklommen den Gellértberg und die Freiheitsbrücke. Vor allem Robert hatte mächtig Spaß beim ‚Bridge-Walk‘ 🙂 Die Freiheitsbrücke ist für Autos und andere Fahrzeuge gesperrt, sodass die Brücke ein beliebter Treffpunkt für die Menschen ist. Im Sommer finden hier auch öfters Konzerte statt. Abends schimmelten wir hin und wieder auf Edinas Couch rum, und erzählten uns mit Edina einen ordentlichen Schlag Geschichten und Gedanken. Langos, Bier und Cola waren mit am Start.

An anderen Abenden waren wir mit Edina und paar Freunden unterwegs. So auch jener, als wir zur Buda-Seite fuhren. Dort gibt es einen hochgelegenen Park, von wo aus man eine schöne Sicht über Budapest hat. Gleichzeitig ist dieser Ort auch ein sehr beliebter Ort für eine Gruppe Gleichgesinnter, welche eine große Leidenschaft für ungarische Folkloretaenze hat. Livemusiker und eben jene Gleichgesinnte kommen hier vor allem in den Sommermonaten zusammen. Die einen spielen, die anderen tanzen. Bekanntgemacht werden die Treffen relativ spontan via Facebook. An jenem Abend stand moldawische Folklore auf dem Plan. Das Firmanent war tiefblau, Sterne leuchteten, vor uns das Budapester Lichtermeer, eine kleine Kerze stand auf dem Boden, worum die zwei, drei kleinen Gruppen tanzten und der Klang von drei Violinen und einem Arkordeon schallte durch die Nacht. Feine Szenerie.

Wer ist aber diese Edina, die schon so oft Erwähnung in den vorherigen Zeilen gefunden hat? Sie ist eine wahrhaft sympathische Person mit einer schier unendlichen Portion Gastfreundschaft und einem großen Herzen. Durch ihre Art haben wir sie fix ins Herz geschlossen, nicht nur weil sie so gut kochen konnte 😉 Sie zeigte uns die Stadt, zeigte uns Ecken, weitab von Touri überlaufenen Zonen, erzählte Geschichten zu Dingen, welche wir passierten, tauschte ihre Gedanken und Leidenschaften mit uns aus, sprich sie ließ uns an ihrem Leben teilhaben. Wir hatten lange Abende mit vielen Geschichten und Lachern 🙂 Wir verbrachten viel Zeit miteinander, ließen aber einander auch gut Freiraum, sodass wir ihr hoffentlich nicht allzu sehr zur Last gefallen sind. Wir waren immer wieder begeistert (und sind es immer noch) von dem Vertrauen, dass sie uns entgegenbrachte! Ich meine, sie kannte uns ja kaum, gab uns aber gleich einen Schlüssel für ihre Wohnung. Manch andere bei Couchsurfing und Co. sagen bspw. wenn ich raus aus der Wohnung gehe (z.B. zur Arbeit), dann müsst ihr auch raus (ist auch irgendwo verständlich und nachvollziehbar). Aber das war hier nicht der Fall. Wir hatten hier riesige Freiheiten. Als Dankeschön wollten wir auch öfter mal kochen (ja das können wir^^), aber das wurde dankend abgelenkt. Wir haben dann, wenn wir schnell genug waren, den Abwasch gemacht. Wenigstens irgendwo behilflich sein, das können wir ja nicht auf uns sitzen lassen, dass wir hier eine immense Gastfreundschaft und Herzlichkeit erleben, aber nichts geben können … Edina erzählte uns viel von ihren Wandergeschichten und Tanzcamps in Transsilvanien (Rumaenien), welche von Locals organisiert werden und in abgeschiedenen Dörfern in den Bergen eben dieser Region stattfinden. Es werden Folkloretänze getanzt, gesungen und gespielt, gefeiert und eine gemeinsame Leidenschaft geteilt. Was gibt es Schöneres!? Wir hatten echt riesig Glück, dass wir Edina als Gastgeberin hatten! Falls du das liest (sie kann etwas Deutsch), vielen vielen herzlichen Dank für die wunderbare Zeit!!

Heute ist Samstag, der 30. Juli, 00:05 Uhr, und wir sind immer noch hier 😀 Wenn wir heute nach dem Aufstehen losfahren werden, haben wir hier fast zwei Wochen verbracht. Wahnsinn! 😀 Roberts Handy haben wir am vergangenen Donnerstag abgeholt. Die Reparatur hat also viel länger gedauert als gedacht. Nachdem wir erfahren haben, dass die Reparatur länger dauert, haben wir überlegt, wie wir fortfahren. Losfahren und das Handy später von Edina nachschicken lassen oder hier bleiben und noch eine zweite, aber dieses mal `böser‘ formulierte Mail abschicken, in der Hoffnung, dass es bis spätestens Freitag fertig wird. Edina meinte stets, dass wir ruhig noch bleiben können, was absolut kein Problem wäre. Letztendlich haben wir uns auch für diese Variante entschieden. Warum sind wir dann nun nicht am Freitag gestartet? 😀 Kata, eine Freundin von Edina, welche wir bereits auch schon mehrmals getroffen und liebgewonnen haben, hatte an jenem Donnerstag Geburtstag. Wir kamen alle in Edinas Wohnung zusammen. Mit dabei war noch eine weitere gemeinsame Freundin von Edina und Kata, sowie Kris aus Belgien und Maria aus Schweden. Nachdem wir gegessen und getrunken haben, sind wir in das Budapester Nachtleben gestartet. War ein toller Abend! Hose und Hemden waren auf jeden Fall von Schweiß gut gewässert, so viel haben wir getanzt 😀 Irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr waren wir im Bett. Kata hatte hoffentlich einen schönen Geburtstag und für uns war es ein würdiger Partyabschied aus Budapest. Da bleibt nicht mehr viel zu sagen übrig, außer wir hatten eine verdammt gute Zeit hier!! :-))) Danke an alle, die wir hier kennenlernen durften!

2018-06-26T13:33:10+02:00 04.08.2016|Ungarn|0 Kommentare