15 | Irgendwo in der Vojvodina

04.08./05.08.2016 | Es ist der 04.08., der Wecker klingelt, die Sonne scheint, Zeit zum Aufstehen. Wir packen die Sachen, schleppen sie runter und beladen unsere Räder. Die hungrigen Mäuler wollen gefüllt werden und so fahren wir erst einmal zum Supermarkt um die Ecke. Während ich draußen in der Sonne warte, schleudert Robert durch die Gänge und besorgt das Übliche, sprich Schoki, Brot, Obst und Gemüse. Der Einkauf ist getätigt und nun wird ordentlich gemampft. Unsere Blicke schweifen über den großen Platz und den kleinen Boulevard vor uns, sehen den Hugh Hefner von Baja, Eiskugeln runterplumpsen und die Jünger von Popeye umherlaufen. Willkommen auf dem Bajaer Catwalk^^ Während wir an diesem Morgen also wie Fallobst rumschimmeln, sehen wir jemanden mit einem Lächeln auf uns zu kommen. Wir werden gefragt, ob die Fahrräder unsere seien und wohin die Reise denn ginge. Noch voller Euphorie erzählen wir von unserem Vorhaben. Ivan ist von der Idee begeistert, ist er doch selber ein ‚Reisejunkie‘ 🙂 Er ist Agraringenieur und hat viele Jahre in den unterschiedlichsten Regionen der Welt gearbeitet, so z.B. in Laos, Kambodscha, Vietnam, Belize oder Darfur. Es war sehr interessant seinen Worten zu folgen. Besonders mit Laos ist er verbunden und ist darüber hinaus praktizierender Buddhist. Er gab uns viele Infos und Tipps zu Südostasien, teilte seine Erlebnisse und Erinnerungen von vor knapp einem Viertel Jahrhundert mit uns und bat uns, dass, wenn wir in Laos sind, ihm ein Foto von der ersten Thailändisch-Laotischen Freundschaftsbrücke, welche die thailändische Provinz Nong Khai und Vientiane in Laos miteinander verbindet, schicken können. Mal sehen, ob wir ihm diesen kleinen Herzenswunsch erfüllen können; schön wäre es auf jeden Fall 🙂 Nach ca. 20 min verabschiedeten wir uns und wünschten einander alles Gute.

Nach der für beide Seiten schönen Begegnung hieß es für uns heute ca. 70 km zu radeln und irgendwo nach dem Passieren der Ungarisch-Serbischen Grenze, einen Schlafplatz zu finden. Nach ca. 45 km erreichten wir oben genannte Grenze. Der Weg dorthin führte hauptsächlich über Landstraßen, wobei sich der Verkehr ziemlich in Grenzen hielt. Während unsere kurzen Pausen vertrieben wir uns die Zeit mit Mini-Laolas für die vorbeifahrenden Autos…haha. Zurück zur Grenze: An der Grenze war kaum was los, nur zwei, drei Autos und der aus deutschen Nachrichten bekannte Grenzzaun. Dessen Grenztürme konnte man schon aus der Ferne erahnen. Links und rechts des massiven Stahltores auf ungarischer Seite zog sich der Maschendrahtzaun durch die Landschaft. Die sich darbietende Szenerie ließ die Schicksale, welche sich vor nicht allzu langer Zeit an diesem Fleckchen Erde abgespielt haben müssen, nur erahnen…

Auf der serbischen Seite wurden wir freundlich begrüßt und konnten unsere ersten Mini-Serbischkenntisse anwenden. Die gut gelaunte serbische Grenzbeamtin machte den ersten Stempel in unseren Pass und wünschte uns eine gute Weiterreise.

Die folgenden Kilometer zogen Stück für Stück von dannen, immer weiter rein nach Serbien. Willkommen auf dem Balkan! Endlich! 🙂 Die folgenden Wochen wollen wir nun in dieser in vielen Belangen sehr interessanten und spannenden Region verbringen. Ich war bereits vor zwei Jahren für knapp zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina unterwegs und freute mich daher besonders ein weiteres Balkanland kennenlernen zu dürfen. Robert erging es dabei nicht anders und war ebenso voller Vorfreude auf ein neues Land, neue Leute und neue Abenteuer.

Der Himmel über uns war strahlend blau und weit und breit war keine Wolke zu sehen. Die Sonne brannte unentwegt auf uns herab und eine Decke des Flimmerns lag auf dem grauen Asphalt. Lediglich der Fahrtwind und die Sogluft uns entgegenkommender Autos verschaffte etwas ‚Abkühlung‘. Die Beine kurbelten, der Schweiß lief und tropfte. An uns zogen weite Mais- und Kornfelder vorbei. Weit und breit war keine einzige Erhebung zu sehen, geschweige denn zu erahnen. Die Straßen ziehen sich schnurgerade durch das platte Land. Herzlich willkommen in der Vojvodina!
Die Landschaft mit ihren fruchtbaren Böden scheint unspektakulär, aber der Schein trügt. Die Vojvodina ist in einem Vielvölkerreich entstanden, hatte zur Zeit der jugoslawischen sozialistischen Föderation neben dem Kosovo den Status einer autonomen Provinz inne und ist heute in den serbischen Staat integriert, wovon sie ca. ein Viertel der Fläche einnimmt. Die Vojvodina gleicht seit jeher einem multikulturellen/-ethnischen Flickenteppich. So leben hier Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen, Kroaten, Ruthenen, Bunjewatzen und viele weitere Gruppen in (mehr oder weniger) gegenseitigen Respekt und Toleranz.

Die weiten Agrarfelder zeugen noch heute von der Zeit, als die Vojvodina die Kornkammer Jugoslawiens genannt wurde. Um die Agrarwirtschaft zieht es heute leider schlecht bestellt aus. Sah man in Ungarn noch eine moderne Automatisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft, sehen wir in Serbien noch anstrengende Handarbeit, relativ viele Leute auf den Feldern und asbachuralte Träcker (diese Art der Landwirtschaft sahen wir aber auch in Teilen Südungarns).

Die weiten Ackerflächen wechseln sich mit kleinen Dörfern und Städten ab. So durchqueren wir bspw. Bajmok, Pačir oder Stara Moravica. Beim Durchqueren der Landschaft und Dörfer fühlen wir uns irgendwie an Brandenburg erinnert, fehlt nur noch das Rainald Grebe aus dem Maisfeld springt und ein paar spontane Zeilen zum Besten gibt 😀 In irgendeins der o.g. Dörfer wollen wir Geld abheben, dumm nur, dass wir vergessen haben, den aktuellen Wechselkurs zu recherchieren. So entscheiden wir uns für den mittleren angezeigten Betrag. Die Mägen knurren und wir werden fix fündig. In einer Seitenstraße gönnt sich jeder von uns 10 čevapi mit frischen Zwiebeln im Fladenbrot. Lecker, lecker! Danach waren wir gut gefüllt, ich hätte sofort wegpennen können, aber wir wollten noch ein paar Kilometer radeln und uns dann einen Schlafplatz suchen. Wir schwangen uns auf die Räder und weiter ging die Fahrt.

Während wir nun Dörfer und die Landschaft durchquerten, realisierten wir, dass wir in dieser Gegend eigentlich nur in Siedlungen schlafen können, entweder in einer bezahlten Unterkunft oder man stellt das Zelt auf dem lokalen Bolzplatz auf. Die Landschaft kam nur bedingt infrage, da es hier quasi nur Maisfelder gibt oder Äcker, wo das Getreide gemäht wurde und somit nicht der beste Untergrund für uns Camping-Noobs ist. So sollte Bačka Topola unser Ziel sein. Auf dem Weg dorthin, ging von der Hauptstraße auf der wir fuhren, eine Stichstraße ab, welche zu einem von einem Hund bewachten Gutshof führte. Die Stichstraße wird von einem breiten Grünstreifen gesäumt. Wir fuhren an der Stichstraße vorbei, weil wir sie nur aus unserem Augenwinkel wahrgenommen haben. Ich fragte Robert, ob er das auch gesehen hat, worauf er meinte „ja, sieht gut aus“. So drehten wir um und nahmen das Fleckchen Erde in Augenschein. Wir entschieden uns schnell hier zu nächtigen, war die Szenerie doch recht schön anzusehen. Die Sonne kündigte so langsam ihren Abschied hinter dem Maisfeld an und tunkte den Himmel in goldenes und pastellfarbenes Licht.

Wir entledigten uns bis auf die Schlüpper unserer Klamotten und nahmen die Taschen von den Rädern. Mit den Füßen streichen wir das Gras in eine Richtung mehr oder weniger platt, um zu verhindern, dass sich das zum Teil piekige Gras durch den Zeltboden bohrt. Die Zelte werden aufgebaut und im Anschluss wird der Schlafraum hergerichtet, sprich Isomatte, Schlafsack oder Inlet ausgebreitet, Sachen für die Nacht griffbereit hingelegt (z.B. Taschenlampe, Wechsel-T-Shirt) und die Taschen werden so hingelegt, dass sie einen nachts nicht groß stören. Hier konnte man sie aber auch gut draußen stehen lassen, da hier eh kein Mensch langkommt. Da wir immer noch von den Cevapi satt sind, muss der Kocher heute nicht angeworfen werden. Stattdessen mampfen wir noch eine Banane und einen Apfel und das war’s. Hätten wir keine Cevapi gegessen, hätte Robert jetzt den Kocher angeschmissen und den Eintopf erhitzt, während ich Gemüse geschält hätte, um dies den Eintopf beizumischen. Im Anschluss hätte ich das Geschirr und Besteck gewaschen. So war es bisher bei unseren vorherigen Campingnächten von statten gegangen. Mit dem Leitungswasser aus der Plasteflasche befreien wir uns so gut es geht von Schweiß und Mok. Als wir in Schlüppern umherspringen, kommt ein Auto, welches zum Gutshof fährt, an uns vorbei. Wir denken, dass die Person vielleicht anhält, und sein Ok gibt oder nicht (ähnlich wie wir es einmal in Tschechien hatten). Aber er grinst und grüßt nur und fährt weiter. Im Anschluss labern und albern wir rum, hören Musik, flüchten vor Mücken und sehen wie der Himmel zusehends sein Nachtgewandt anlegt. Mit jeder fortschreitender Minute erscheint der Himmel ob der Sterne immer heller. So offenbart sich peu à peu die Milchstraße am Firmament über unseren Köpfen. Fettes Naturschauspiel par excellence, fetter Anblick! Irgendwo in Serbien. Wir waren glücklich.

2018-06-23T19:35:40+00:00 10.08.2016|Serbien|0 Kommentare