16 | Unter Fahrradkurieren in Novi Sad

06.-08.08.2016 | An jenem Tag (6.8.) sollte Novi Sad unser Ziel sein. Bis dahin mussten wir aber ca. 80 km zurücklegen. Eine Schlafgelegenheit hatten wir uns bereits über das Netzwerk Warmshowers organisiert 🙂 Die Landschaft war nicht anders als tags zuvor, also platt und Felder weit und breit. Wir fuhren wieder auf der Hauptstraße und glücklicherweise hielt sich der Verkehr in Grenzen. Novi Sad kündigte sich langsam durch kleinere Vororte an. In einem der Orte wollten wir Pommes essen, irgendwie hatten wir einen Hieper darauf. Zudem musste Robert ordentlich schiffen 😀 So hielten wir am nächstbesten Lokal an und fragten auf Englisch, wo man denn am besten Pommes essen könne. Die Dame, welche wir angesprochen haben, verstand uns nicht wirklich und fragte stattdessen, ob wir vielleicht Deutsch sprechen. Da staunten wir nicht schlecht 😀 Wir quatschten ein wenig, bis sie uns fragte, ob wir was trinken wollen. Robert und ich schauten uns an und bejahten das 🙂 Sie erzählte uns, dass sie Kroatin ist und 45 Jahre lang in Duisburg gelebt hat. Unweit von Duisburg hatte sie ein eigenes Restaurant, was sie viele Jahre lang betrieb. Irgendwann kam aber der Zeitpunkt, wo sie realisierte, dass sie lange genug in der Gastronomie gearbeitet hat und die Zeit reif dafür sei, dass Leben mehr zu genießen. So ging sie mit ihrem Mann, einem Serben, in seine Heimatstadt zurück. Wie sie sagt, sind die Leute in diesem Teil des Landes recht reserviert (Mita äußerte später in Belgrad eine ähnliche Bemerkung), was es für Zugezogene erschwert hier Anschluss zu finden bzw. sich einzugewöhnen. Ihr gefällt es in dieser Ortschaft nicht wirklich, weshalb sie wieder zurück nach Duisburg ziehen will. Da sind all ihre Freunde und ein Teil ihrer Familie. So wie sie erzählte, vermuteten wir, dass ihr Mann eventuell verstorben sei… Es ist immer wieder interessant Lebenswege von verschiedenen Leuten zu hören, so auch der ihrer. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns, wir bedankten uns für die gesponserte Cola und sie war sichtlich froh, wieder etwas Deutsch und etwas aus dem Nähkästchen gesprochen zu haben.

Novi Sad, welche an der Donau liegt, ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Vojvodina. Überragt wird die Stadt von der Festung Petrovaradin am rechten Donauufer. Diese war die größte Festung Europas im 17. Jahrhundert und war seinerzeit von wesentlicher Bedeutung für Österreich-Ungarns Ambitionen auf dem Balkan. Heute ist die Burg Veranstaltungsort für eines der größten und bekanntesten Festivals Südosteuropas, nämlich dem ‚Exit‘. Das Festival wurde im Jahr 2000 von einer Gruppe Studenten gegründet, welche der Jugend in Serbien nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens eine kulturelle Alternative und Wiederbelebung bieten wollte.

Entlang einer vielbefahrenen Hauptstraße tauchten wir in Novi Sad ein. Die linke Seite der Straße war von großen, bunten Neubauvierteln geprägt. Vor den emporragenden Häusern war ein breiter und sehr langer Grünstreifen angelegt, welcher viele Sportplätze, Freiluftfitnessparkours und Kinderspielplätze enthielt. Es wirkte so, als ob sich das Leben hier außerhalb der eigenen vier Wände abspielt. Kinder spielten, Jugendliche warfen ein paar Körbe, die Alten saßen auf den zahlreichen Bänken und erzählten sich einen Schlag.

Unser Navi führte uns durch den Stadtrand von Novi Sad zu unserer Unterkunft. Am Vortag hatten wir das Team von ‚Eko Kurir‘ per SMS angeschrieben, kurz von unserem Vorhaben berichtet und gefragt, ob wir eine Nacht in deren Gästehaus übernachten können. Sie sagten jo und heißen uns herzlich willkommen. Dort angekommen, öffnete uns Mihail das Tor. Das war so gegen 18:45 Uhr. Wir fanden fix den Draht zueinander und konnten so die Zeit gut überbrücken bis Dejan Zeit für uns hatte. Er ist der Boss von ‚Eko Kurir‘ und wohnt zusammen mit seinem Onkel in dem Anwesen, von wo auch das Geschäft geleitet wird.

Bei ‚Eko Kurir‘ handelt es sich um den ersten Fahrradkurierdienst in Novi Sad. Zudem setzen sie bewusst auf das Thema (ökologische) Nachhaltigkeit. So haben sie auch einen kleinen Hof, wo sie Gemüse anbauen und Hühner halten. Dejan erzählte uns, dass es Eko Kurir seit drei Jahren gibt und sie versuchen, für das Fahrradkurierwesen ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen. Hier sei es noch relativ schwer, aber nach und nach gelingt es eine Community aufzubauen und weitere Kunden zu akquirieren. Man kann Eko Kurir aber bei weitem nicht mit solchen wie in Rostock vergleichen. Da fehlt noch einiges, aber die Idee, die Einstellung, Überzeugung und das Engagement fetzen sehr! Um neue Inspirationen zu bekommen, fährt er im September zusammen mit ein paar Freunden für knapp drei Wochen nach Berlin und Kopenhagen. Mal schauen mit welchen Ideen die Jungs zurückkommen werden. Wir wünschen den Leuten von Eko Kurir auf jeden Fall alles Gute, und das alles so klappt, wie sie sich es wünschen.

Nachdem Dejan uns rumgeführt und unser Schlafquartier gezeigt hatte, wollten Robert und ich los, und uns irgendwo den Bauch vollschlagen, verfressen wie wir sind 😀 Mihail, der jetzt (es war kurz nach 20 Uhr) Feierabend hatte, fragte ob wir Bock auf Pasta hätten. Wir bejahten das und fuhren mit ihm zu einem ‚Pasta-Take-Away-Shop‘, wo eine Freundin von ihm arbeitet und zugleich zum Eko Kurir Team gehört. Wir beide bestellten uns jeweils einmal Spaghetti Carbonara und einmal Spaghetti Bolognese. Mmmmmh war das lecker! Wir waren recht froh, dass wir noch einmal die Innenstadt sehen und das Flair hier ‚einatmen‘ konnten, bevor wir am nächsten Tag weiter nach Belgrad fahren wollten. Während wir zusammen mit Mihail auf das Schichtende von Anna warteten, quatschten wir über diese und jene Facetten des Lebens in Serbien. Nach ca. einer halben Stunde gesellte sich Anna zu uns und wir schlenderten gemeinsam durch die Innenstadt. Es war längst dunkel, doch die City war voll. Buntes und reges Treiben auf den Straßen. War schön anzusehen und mit zu erleben. Wir hatten noch Bock auf ein Eis. Gesagt, getan! Feine Sache! 😀 Danach verabschiedeten wir uns und fuhren im Zickzack quer durch das nächtliche Novi Sad. Rockt, würden wir mal sagen 🙂

Am nächsten Tag wachen wir auf – und es gießt wie aus Strömen. Mein lieber Scholli! Wir checken den Wetterbericht und dieser verspricht keine Besserung für den heutigen Tag. So fragen wir spontan nach, ob wir noch eine Nacht bleiben können. Onkle Eko, welcher eigentlich einen anderen Namen trägt, gibt uns zu verstehen, dass dies kein Problem sei. Den Tag verbringen wir damit, mit den Fahrradkurieren, sofern sie nicht auf Tour sind, rumzuhängen, quatschen und lachen, gehen im Niesel durch das Viertel, schauen mit Onkel Eko ab und zu Olympia und spielen Dart. Abends treffen wir uns wieder mit Anna und Mihail in der Innenstadt und flanieren dort ein wenig. Auf dem großen zentralen Platz in der City erinnert eine Ausstellung an Zeiten aus dem Kroatienkrieg Anfang der 1990er Jahre, insbesondere an die Kriegshandlungen der kroatischen Armee in der Krajina.

Die Kriege, welche sich in den 1990ern überall in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens ereignet haben, sind, soweit wir es aus Gesprächen mitbekommen haben, noch recht präsent in den Köpfen der Menschen. Je nachdem mit wem man spricht, wird man andere Geschichten, Standpunkte und Meinungen hören. Aufgrund der Vielzahl an Betroffenen wird es wohl nie die eine objektive Wahrheit geben. (Während wir diese Zeile schreiben, sitzen wir bereits in Sarajevo und konnten schon mit mehreren Menschen über die Kriege auf dem Balkan zum Ende des 20. Jh. reden. Ich war bereits 2014 für knapp zwei Wochen in Bosnien und Herzegowina mit dem Rucksack unterwegs, u.a. auch weil mich diese Thematik recht interessiert. Die Kriege waren leider sehr bestimmend für die Länder des ehemaligen Jugoslawiens und haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Von daher sind wir u.a. neben der Natur auch an diesem Teil sehr interessiert und neugierig. Damals wie heute ähnelt es mitunter einem Balanceakt, die Leute auf das Thema anzusprechen. Manche Leute beginnen das Thema von alleine in dem sie sagen „Schau mal da, Einschusslöcher vom Krieg damals“, manchmal greifen wir das Thema vorsichtig auf.) Das, was wir durch unsere Begegnungen erfahren bzw. gehört, was wir in Büchern und im Netz gelesen sowie in Filmen und Dokumentation gesehen haben, führte für uns zu einem großen Flickenteppich voll mit Informationen, der es uns bei Weitem nicht leicht macht, das Geschehene zu begreifen bzw. zu verstehen, geschweige denn zu gewichten oder gar zu werten (wenn letzteres uns überhaupt zu steht). Es fällt uns nicht leicht, vor dem Hintergrund des Themenkomplexes und unseren Begegnungen den richtigen Ton zu treffen und die richtigen Worte zu finden, da wir hier keinem auf dem Schlips treten wollen…

Kurz zum Hintergrund der o.g. Ausstellung: Dazu müssen wir einen kurzen / groben Rückblick in die Historie bemühen, warum es gerade in der Krajina (Kroatien) zu heftigen Handlungen zwischen Kroaten und Serben kam. Sozusagen ‚history light‘ (Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit der Darstellungen.) Weite Teile des Balkans waren mehrere Jahrhunderte unter der Herrschaft der Osmanen. Darunter fiel auch das heutige Serbien. Die Grenze zwischen dem Abend- und Morgenland (Habsburgermonarchie und Osmanen) verlief zum Ende des 17. Jahrhunderts in Form einer Banane von der Adria über Ungarn nach Rumänien. Die Herrschaft der Osmanen war beileibe nicht zimperlich, was man auch gut im Roman „Die Brücke über die Drina“ von Ivo Andric lesen kann. Große Zwangsislamisierungen fanden nicht statt, sodass viele orthodoxe Serben weiterhin ihren Glauben nachgehen konnten (ein Teil der Serben, vor allem in Bosnien sind seinerzeit zum Islam konvertiert). Während der viele Jahrhunderte andauernden Herrschaft der Osmanen haben die Serben stets versucht, sich von eben dieser zu befreien. Jeder Aufstand der Serben wurde mit noch größerer Gewalt seitens der Osmanen niedergeschlagen. So kam es dazu, dass gegen Ende des 17. Jahrhunderte eine große Anzahl an Serben aus der Gegend um den Kosovo gen Norden in osmanenfreie Gebiete (Vojvodina und in das heutige Kroatien) zogen. Dort fanden sie Schutz unter dem Mantel der Habsburgermonarchie, welche aber nicht ganz altruistisch handelten, sahen sie in den Serben doch auch die Funktion als sogenannte Wehrbauern. Sie unterstanden direkt Wien, bekamen Land und Privilegien zugesprochen, was damals unter den Habsburger nicht selbstverständlich war. Die dort ansässigen Kroaten und Slowenen hatten nicht so viel Glück und hatten eher den Status von ungarischen Leibeigenen inne. In den folgenden Jahrhunderten kam es im Großen und Ganzen zu keinen großen Konflikten zwischen Serben und Kroaten, was u.a. auch der Donaumonarchie zuzuschreiben ist. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderte begann sich ein eigenständiges serbische Staatswesen zu entwickeln. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand aus eher pragmatischen Gründen und Initiative der Kroaten und Slowenen das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Dazu muss gesagt werden, dass es sich hierbei nicht um eine breite Willensbekundung der beteiligten Völker handelte sondern vielmehr um eine Entscheidung einiger weniger. Die jungen Herrschaftsjahre waren bei Weitem nicht einfach, vielmehr war die Zeit von heftigen und gewaltsamen Konflikten bestimmt. Mit den Jahren flammte ein zunehmender Nationalismus auf, vor allem mit der Gründung der Ustascha durch Ante Pavelic. Diese Partei verfolgte die Idee eines Großkroatiens bzw. Unabhängiger Staat Kroatien, welches zwischen 1941 und 1945 als Vasallenstaat der Achsenmächte Realität wurde. Ziel der Ustascha-Regierung war es seinerzeit den Staat neben Sinti, Roma und Juden auch von Serben zu befreien. Die Nachkriegsjahre waren durch die Herrschaft von Josip Broz, besser bekannt als ‚Tito‘, geprägt. Mit seinem Tod im Jahre 1980 veränderte sich das Klima im damaligen Jugoslawien. Die Wirtschaft darbte und der Nationalismus flammte zunehmend wieder auf. Turbulente Jahre brachen über Jugoslawien hinein. Die Idee eines geeinten Jugoslawiens schien ausgedient zu haben. Slowenien machte den ersten Schritt und zählte sich nicht mehr zu Jugoslawien und sah sich als eigenen Staat. Daraufhin folgte Kroatien und unter Franjo Tudman erlebte das Land an der Adria die Ustascha-Renaissance. Vor dem Hintergrund der Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg befürchteten die in der kroatischen Krajina lebenden Serben eine Wiederholung eben jener. Auf beiden Seiten war der Nährboden für Extremisten und Nationalisten bereitet. Die Antwort der Serben in der kroatischen Krajina darauf sowie auf die Abspaltung Kroatiens von Jugoslawien war die Gründung der ‚Republik serbische Krajina‘ im Jahr 1991. Im August 1995 begann das kroatische Militär die Operation ‚Sturm‘, die zudem führte, was die Ausstellung auf dem großen Platz in Novi Sad zeigte – nämlich Kriegsverbrechen an die Serben und die Vertreibung hunderttausend serbischer Zivilisten. 20 Jahre danach, im Jahr 2015, feiern die Kroaten den Sieg über die Serben, auf der anderen Seite wird getrauert.

Später essen wir Pizza und mal wieder Eis, lachen, kichern und labern. Schöne Stunden! Der Abend schreitet weit voran und verabschieden uns, da wir am nächsten Morgen weiter nach Belgrad wollen (was wir dann auch geschafft haben 😉 ).

2018-06-26T13:30:47+00:00 10.08.2016|Serbien|0 Kommentare