20 | Faszinierendes Sarajevo

18.08. – 24.08.2016 | Nun sind wir angekommen und stehen mit unseren Drahteseln in der Baščaršija, dem osmanisch geprägten Teil der Altstadt von Sarajevo. Vor uns befindet sich ein kleiner Platz, in dessen Mitte der der ‚Sebilj‘ steht, ein öffentlicher Brunnen in Form eines Kiosks und beliebtes Fotomotiv zugleich. Hier herrscht reges Leben, ein kleiner Junge läuft Freude jauchzend durch die große Schar an Tauben, welche erschreckt gen Himmel aufsteigt. Auf dem Dach eines kleinen orientalischen Häuschens weiter rechts sitzen weitere hunderte Tauben, welche sich das Gezeter ihrer Artgenossen aus sicherer Entfernung anschauen. Touris posieren stolz vor dem Sebilj, im Café links neben uns sitzt eine verschleierte Frau und isst einen Kuchen, Händler versuchen Nippes an den Mann zu bringen, während hinter uns eine alte Straßenbahn lang rattert, welche ihre besten Tage schon hinter sich zu haben scheint. Links und rechts sehen wir die bebauten Hänge, in dessen Tal sich Sarajevo befindet. Hier und da ragen Minarette aus der urbanen Landschaft empor, welche gerade zum Gebet aufrufen. Moscheen, Kirchen und Synagogen stehen hier nicht weit von einander entfernt. Willkommen in Sarajevo, wo sich Kulturen treffen, wo der Okzident auf den Orient trifft.

Wir schreiben Vildan, dass wir nun in Sarajevo angekommen sind und unsere Fahrräder langsam zu ihm schieben werden. Schritt für Schritt tauchen wir in die Menschenmenge ein und schlendern durch enge Gassen, als wir plötzlich ein ‚RobTob‘-Rufen vernehmen. Wir dachten, das wir nicht gemeint sein können und gehen weiter. Robert dreht sich trotzdem noch einmal um und sieht die Jungs, welche wir zuvor in Mokra Gora getroffen haben, als sie auf dem Rückweg vom Guca-Festival waren. Was für ein lustiger Zufall! 🙂 Wir quatschen ein wenig über die letzten Tage und gehen dann wieder unseren Weges. Der Gang zu Vildan gleicht einem Spaziergang durch die Zeit. Zuerst passieren wir das osmanische Viertel, tauchen kurze Zeit später in die von den Habsburgern geprägten Straßenzüge ein und enden schließlich irgendwo zwischen 1960 und 1990, sprich im von Plattenbauten gekennzeichneten Sarajevo. Wir rufen Vildan an, welcher uns wenige Minuten später mit einem herzlichen Lächeln in Empfang nimmt.

Der Kontakt zu Vildan kam über Mita zustande, unserem Host aus Belgrad. Beide sind gute Freunde und kennen sich aus gemeinsamen Zeiten, als sie auf Kreuzfahrtschiffen in der Karibik gearbeitet und jede Menge wilde Sachen erlebt haben. Mita schrieb seinerzeit Vildan an, ob er vielleicht zwei ‚Schwabos‘ aufnehmen, woraufhin Vildan gleich ja sagte. Mann, hatten wir uns gefreut! 🙂 Die Sachen und die Fahrräder wurden fix in den 5. Stock geschleppt, wo wir dann auch Vildans Mitbewohner kennengelernt haben. Adin, Maschinenbauer, spricht wie Vildan, welcher bei der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) arbeitet, ebenfalls sehr gut Deutsch. Beide haben während des Bosnienkrieges deutsch gelernt, Vildan ging in Deutschland zur Schule und Adin schaute bei seinem Cousin deutsches Fernsehen. Beide haben es während des Bosnienkrieges in Deutschland gelernt, der eine in der Schule, der andere bei seinem Cousin mittels TV.

Abends ging es noch ein wenig in die Stadt, ein bisschen Sarajevo Filmfestival Luft schnuppern. Den Abend ließen wir auf der Jägermeisterparty ausklingen, welche an jenem Abend, laut Vildan, die angesagteste Party der Stadt sein sollte. Für den Eintritt brauchte man eine Einladung und Vildan hatte noch eine über, nur waren Robert und ich zu zweit. Vildan und seine Freunde sagten, wir versuchen es dennoch irgendwie rein zukommen und so kam es dann auch 😀 So tanzten und feierten wir noch bis spät in die Nacht und landeten gegen 4 Uhr in der Heia.

Mit Sarajevo verbindet man im Wesentlichen drei Ereignisse im 20. Jahrhundert. Das Attentat von 1914, welches den Ersten Weltkrieg auslöste, die Olympischen Winterspiele von 1984 und die 1.425 Tage währende Belagerung Sarajevos durch die Armee der Republika Srpska zur Zeit des Bosnienkrieges. Über letzteres sollten wir während unseres Aufenthaltes noch viel erfahren.

Die nächsten Tage waren recht entspannt. Wir streiften durch die Straßen von Sarajevo, durch von Krieg gezeichnete Straßenzüge, wo Spuren noch heute sichtbar und allgegenwärtig sind, erklommen einen der zahlreichen Hügel, von wo aus man einen wunderbaren Blick über Sarajevo hatte, schauten von einem anderen Hügel aus ein Fußballmatch der ersten bosnischen Liga, lauschten den Geschichten rund um das Handwerk eines Kupferschmieden, aßen süßen Kram in der Baščaršija, schlenderten abends mit Vildan durch die Stadt, mit dem wir in die Geschichte der Stadt eintauchten und verbrachten entspannte Abende mit Vildan, Perina und Adin. Zudem konnte man mit Vildan sehr gut lachen und rumalbern, hat wie Mita einen coolen Humor, zwar deutlich anders, aber er bescherte uns regelmäßige Lacher! War ’ne lustige Zeit! 😀 So bleibt uns nur festzustellen, dass Vildan ein sehr sympathischer und cooler Typ ist und wir hoffen, dass Mita und er uns hoffentlich eines Tages auch in Deutschland besuchen kommen.

Seitdem wir in Serbien eingereist sind, ist das Erbe der Jugoslawienkriege stets allgegenwärtig, mal offensichtlich, mal latent und versteckt. Besonders in einigen Ecken der Neubauviertel von Sarajevo sieht man Zeugnisse dieser Vergangenheit noch sehr deutlich. Vildan meinte mal, dass die Balkanesen zu Fremden stets sehr freundlich und gastfreundlich sind, sich selbst aber alle 50 Jahre die Köpfe einhauen. Es ist für ihn, Adin, Asim (welchen wir noch später in Trebinje treffen sollten), Bata (später in Mostar) und wahrscheinlich noch für viele andere noch immer unbegreiflich, wie sich solche Grausamkeiten auf dem Balkan ereignen konnten. Im ehemaligen Jugoslawien, besonders zurzeit Titos, welcher nationalistische Tendenzen und Bewegungen unterdrückten konnte und die Religion eine untergeordnete Rolle spielte, gab es viele Mischehen. Die Mutter war bspw. Kroatin, der Vater Serbe. Sarajevo nannte man seinerzeit „Klein-Jerusalem“ des Balkans und veranschaulichte den Gedanken des ehemaligen Jugoslawien wohl am Besten. Man konnte die Stadt folglich als Synonym für das friedliche Zusammenleben von verschiedenen Religionen und Ethnien betrachten. Mit Titos Ableben und aus der wirtschaftlichen Krise Jugoslawiens in den 1980er Jahren, dem Erwachen nationalistischer Tendenzen sowie innenpolitischen Spannungen erwuchs jedoch eine gefährliche Mixtur, welche sich in den bekannten Ereignissen in den 1990er Jahren ergoss. Man könnte so viel dazu wiedergeben, aber stattdessen wollen wir an dieser Stelle für Interessierte auf Wikipedia verweisen. Sehenswert sind zu dieser Thematik bspw. die Filme „Grbavica – Esmas Geheimnis“ und „No man’s land“, die Romane „Wie der Soldat das Grammophon reparierte“, „Die Brücke über die Drina“, „Der Cellist von Sarajevo“ oder der persönliche Erfahrungsbericht von Kurt Köpruner „Reisen in das Land der Kriege: Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien“.

In Novi Sad und Belgrad hatten wir was von der serbischen Seite gehört, in Bosnien und Herzegowina nun was von der bosnischen. Als Außenstehende, wie wir es sind, sind die Ereignisse und wie es dazu kam etc. pp. nur schwer zu verstehen, es ist wie ein großes Puzzle, bei dem man nicht weiß, wie viel Puzzleteile es eigentlich gibt und ob sie überhaupt passen oder vollständig sind … Für die Zukunft bleibt wohl nur Optimismus, nach vorne schauen und das beste zu hoffen – trotz allem was war.

Vildan hatte wie Edina auch, gesagt, dass wir so lange bleiben können, wie wir Bock haben. Aber nach sechs Tagen Sarajevo hieß es denn doch für uns, wieder auf die Räder zu steigen und weiter zu strampeln …

Hvala ljepo Vildan für die tolle Zeit in Sarajevo! 🙂

2018-06-26T13:26:25+00:00 25.08.2016|Bosnien & Herzegowina|0 Kommentare