21 | Mostar und die Herzegowina

24.08. – 27.08.2016 | In Mostar angekommen, wurden wir herzlichst empfangenen, wenn auch ein bisl zu herzlichst. Wir standen zusammen mit Justin, einem Kanadier, vor der Empfangsdame und wurden erst einmal über alles und jeden informiert. War sehr nett gemeint, aber eigentlich waren wir nach unserem 126 km Ritt nicht mehr in der Lage die Menge an Informationen zu verarbeiten. Justin erging es ebenso. Später erfuhren wir, dass er zuvor zwei Tage in Kroatien durchgefeiert hat. Wir staunten nicht schlecht und noch mehr über die Summe, die er dort liegen gelassen hat – mein lieber Scholli, damit würden wir beide knapp über einen Monat auskommen.

Die Dame bemerkte schnell unsere mangelnde Aufnahmefähigkeit und legte in ihrem Redetempo noch mal einen oben drauf. Selbst der Kanadier hat nicht alles verstanden. Ich schaute während des gesamten Gespräches gespannt in die Gesichter von Tobi und Justin und schaute definitiv am dümmsten aus der Wäsche 😛 Unser Zimmer war recht schick. Wir hatten ein Dreibettzimmer bekommen. Neben uns zwei schlief ein nettes Mädel namens Kübra aus der Türkei. Sie arbeitete seit knapp einem Monat als Volunteer in Mazedonien und war gerade für ein paar Tage unterwegs in Bosnien, um das Land zu erkunden. Im Hostel selbst gab es einen gemeinschaftlichen Außen- und Innenbereich. Echt schick und gemütlich gemacht und machte den Kontakt zu den restlichen Hostelbewohnern unausweichlich. Was auch das Ziel des Hostels ist. So kamen wir schnell mit den Rest der Truppe ins Gespräch. Eine sehr internationale Runde (Kanada, USA, England und Australien).

Am nächsten Morgen hatte uns Tobi für eine Rundfahrt eingetragen. Er schwärmte schon seit Tagen von dieser Tour und ich war schon ganz gespannt. Ein kleiner Einwurf, Tobi war bereits das zweite Mal in diesem Hostel. Bereits 2014 hat Bosnien und Herzegowina Tobi in den Bann gezogen und ihn zur Erkundungstour angelockt. Der Guide dieser Tour namens Bata war ein cooler Typ mit sehr gutem Durchsetzungsvermögen. Er wusste wie man die Aufmerksamkeit der Runde lenkt 😉 Als erstes durften wir uns in Reihe und Glied vor ihm Aufstellen, bevor es in den Bus ging. Er fragte alle woher wir kommen. Als Tobi an der Reihe war und er erfuhr, dass er Deutscher ist, hatte er sein erstes Opfer gefunden. Ich war das nächste 😉 Zur Belohnung durften wir beide im ‚Kofferraum‘ des Busses Platz nehmen. Dort standen zwei Gartenstühle. Die anderen hatten alle was zu lachen und wir nahmen schon mal Platz. Mit Sicherheit haben die es hier nicht so. Aber wir waren ganz zufrieden. Die anderen zehn Leute plus Fahrer fanden auf den dafür vorgesehenen Sitzen Platz.

Motor an und los ging es. Als erstes fuhr er mit uns durch Mostar und zeigte uns hier und dort Zeugnisse des Krieges und was sich seit dem geändert hat oder auch nicht 🙁 Es war für mich faszinierend zu beobachten, wie er zwischen Witze machen und absolut ernster Miene hin und her wechselte. Ihn und seiner Schwester Majda, welcher das Hostel gehört, haben den Krieg (den Zerfall Jugoslawien) sehr intensiv miterlebt. Beide sind während des Krieges von Gasteltern aufgenommen worden, sie in England und er in Schweden. Beide wollten aber immer zurück und aktiv mitwirken, die Vergangenheit auf ihre Weise zu verarbeiten und ihre Erfahrungen mit allen teilen, auf dass sie ja nicht vergessen werden. Daher ist das Hostel für internationale Gäste zugleich ein idealer Platz ihre Erlebnisse aus dem Krieg mit allen Interessierten zu teilen.

Während wir durch Mostar fuhren, hielten wir vielerorts an und erfuhren viel über Mostar, dessen Geschichte und wie heute damit umgegangen wird. Mostar wird von dem Fluss Neretva in zwei Teile aufgeteilt. Dem westlichen kroatisch geprägten Teil und dem östlichen bosniakischen Teil. Das Wahrzeichen der Stadt, die Brücke ‚Stari Most‘, verbindet beide Seiten miteinander. Nahezu täglich springen todesmutige Menschen von der Brücke und stürzen sich 24 m tief in den Fluss.

Nicht selten kommt es dabei zu schwerwiegenden Verletzungen. Eine Woche vor unserer Ankunft ist sogar jemand ums Leben gekommen. In unserem Hostel gibt es ein Gästebuch, indem sich nur Leute eintragen, welche von der Brücke gesprungen sind. Vom gebrochenen Arm bis gebrochenen Rückenwirbel war alles dabei. Wahnsinn das sich Touristen mit null Erfahrung trauen, da runter zu springen, mit dem Wissen, wie oft es schief geht.

Der Sprung von der Brücke ‚Stari Most‘ hat eine lange Tradition. Seit jeher springen Leute von der Brücke. Selbst zu Zeiten des Krieges, bis die Brücke von den kroatischen Streitkräften zerstört wurde. Nach dem Krieg wurde die Brücke mit viel internationaler Unterstützung wieder aufgebaut und 2004 offiziell eröffnet. Seitdem wird die Tradition wieder täglich gelebt. Jedes Jahr findet von Red Bull ein ‚cliff diving contest‘ in Mostar statt. Dazu bauen die Veranstalter nochmals einen 10 m Turm auf die Brücke, womit wir bei 34 m sind. Verrückt oder?

Zurück zur Geschichte. Während des 2. Weltkrieges wurde diese Stadt dem Unabhängigen Staat Kroatien angegliedert. Der Name mag zwar nett klingen, Fakt ist aber, dass der Unabhängige Staat Kroatien von 1941 bis 1945 ein faschistischer Vasallenstaat der Achsenmächte war. Diktator seinerzeit war Ante Pavelic, welcher 1929 im italienischen Exil bereits die faschistische Vereinigung ‚Ustascha‘ gründete. Die Ustascha könnte man wohl mit antidemokratisch, reaktionär, gewalttätig und hypernationalistisch gut umschreiben. Sie entstand zu einer Zeit als auf der Balkanhalbinsel infolge von Nationalismen und Nationalitätenkämpfe, vermehrt terroristische Geheimbünde gegründet wurden und von denen die serbische ‚Schwarze Hand‘ zu den Bekanntesten gezählt werden kann. Gegner dieser höchst aggressiven Vereinigungen war zum einen Staaten, auf den sich Angehörige ihres Volkes verteilten und zum anderen Menschen anderer Ethnien mit welchen sie seit Jahrhunderten mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten. Zu Beginn der 1990er Jahre erfuhr die Ustascha-Ideologie unter dem damaligen Präsidenten Kroatiens Franjo Tudjman wieder eine Art Renaissance.

Im Februar 1945 wurde die Stadt von Partisanen der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee befreit. Während des Bosnienkrieges kam es in der Stadt zu Auseinandersetzungen zwischen kroatischen und serbischen Einheiten und später zu Kämpfen zwischen Kroaten und Bosniaken. Durch Vertreibungen kam es in den 90’er zu einem kroatisch-westlichen sowie einen bosniakisch-östlichen Teil, der bis heute anhält und das auch verwaltungstechnisch. Die Grenze ist nicht, wie häufig zu lesen, der Fluss Neretva, sondern eine westlich zum Fluss verlaufende Hauptstraße, vielleicht 200 m vom Fluss entfernt. Dies wurde zwar 2004 formal aufgehoben, aber bis heute ist die junge Vergangenheit allgegenwärtig. Zum Beispiel gehen die Schüler alle in dieselbe Schule, werden aber entsprechend ihrer ethnischen Zugehörigkeit getrennt unterrichtet und das auch von unterschiedlichen Lehrern. So kommt es, dass die Geschichte jeweils aus Sicht der Ethnie wiedergeben wird und somit nicht objektiv und auch nicht immer wahrheitsgemäß (Geschichte halt). Zudem sind in einigen Teilen der Stadt noch Graffiti des Ustascha-U zu sehen.

Zurück zu unserer Tour. Nachdem wir nun viel über Mostar erfahren durften, ging es zu den Kravice Waterfalls. Einfach nur WOW und für uns ging es ab ins Wasser. Manche von uns waren noch so mutig und sprangen von einem kleinen Felsvorsprung ins Wasser. Von der ernsten Miene unseres Guides war nichts mehr zu sehen und er bestellte uns allen was leckeres zu Essen. Unsere nächste Station war Pocitelj. Dies ist ein mittelalterliches und osmanisch geprägtes Städtchen aus Stein am linken Ufer der Neretva, welches sich an den dortigen Bergflanke geschmeidig anschmiegt. Tolles Panorama! Wir waren bei einer alten Dame, welche uns mit vielen Leckereien verköstigt hatte. In dieser Stadt lebten vornehmlich Muslime, welche jedoch infolge der Kriege vertrieben worden sind. Nach dem Krieg kehrte sie zurück und schlief in ihrem Zelt im zerstörten Haus. Stück für Stück erfolgte in den Folgejahren Pociteljs Wiederaufbau. Letzte Station lag auf dem Weg zurück nach Mostar und hieß Blagaj. Es war inzwischen auch schon dunkel. Blagaj ist aus zweierlei Gründen interessant. Zum einen aufgrund der Karstquelle Vrelo Bune, welche als die stärkste Quelle des Landes und als eine der größten Quellen Europas gilt. Das Wasser quillt aus einer Höhle unterhalb einer ca. 200m hohen Felswand hervor. Interessant ist zudem auch das Derwisch-Kloster. Als Derwisch bezeichnet man v.a. in Europa einen Sufi, einen Angehörigen einer muslimisch asketisch-religiösen Ordensgemeinschaft mit spiritueller Orientierung.

Nach ca. 10 Stunden war unsere Tour beendet. Meine Aufnahmefähigkeit war schon nach ca. 3 Stunden gen null gewesen. Tobi hat da weitaus besseres Talent, die Menge an Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, ein Brain halt 😉 Abends sind wir noch alle gemeinsam auf die Fressmeile und danach ging es auch schon in die Horizontale. Am nächsten Tag beschlossen wir Zusammen mit Justin, dem Kanadier, noch eine weitere Nacht zu bleiben. Tobi bekam am Morgen nach dem Aufstehen noch einen kleinen Tanzkurs (türkischer Volkstanz) von Kübra. Ich habe mich prächtig amüsiert. Leider war das Hostel ausgebucht, fanden aber 10 m weiter das nächste Hostel. Kaum angekommen kamen wir mit einer jungen Deutschen aus Passau, ihre Schwester nennt sie Table, ins Gespräch. Sie hatte gerade ihr Studium abgebrochen und macht erst mal eine Reise durch Europa, soweit ihr Geld sie trägt. War auch nicht ihre erste Reise diese Art. Bereits nach dem Abi war sie in Südostasien unterwegs. Cool was sie in ihrem jungen Leben schon gesehen und wahrscheinlich schon erlebt hat. Wir grauen und haarlosen Opis haben da noch was nachzuholen 😉

Witzig wurde es, als ich verdammt dringend auf Toilette musste und gerade ein Mädel sich duschen gehen wollte. Ich habe mal fix mit meinen ‚fantastischen‘ English skills gefragt, ob ich noch mal schnell Pinkeln dürfte. Ihre Antwort: „Rede lieber auf Deutsch mit mir, dass hört sich besser an“. Ok, dann halt auf Deutsch. Sie hatte uns ein bisl gelauscht und wusste daher das wir Deutsche sind. Ihre nächste Frage oder vielmehr Feststellung war dann: „Ihr snackt aber schon ganz schön“. Meine Antwort: „Da wo wir härkommen ist das normal, du“.
„Wo kommt ihr denn her?“
„Roschtock!!!“
„Nicht wahr! Wie geil ist das dähnn!“
„Wieso?“
„Ich komme aus Warnemünde.“
„Das is ja witzig! Hahaha! Also auch aus Roschtock!“ (ein bisl Stoff für die Diskussionsrunden Zuhause – Warnemünde ’nur‘ ein Teil von Rostock‘)
„Da treffe ich seit Wochen auf keinen Deutschen mehr und nun gleich aus zwei aus meiner Heimat. Dat snacken hat mir gefehlt“
„Erging uns ähnlich. Seit Belgrad, wenn nicht seit Ungarn, sind wir auf keinen Deutschen mehr getroffen. Und hier bist du schon die Zweite. Wie heißt du eigentlich?“
„Anja. Du?“
„Robert.“
Anschließend erst mal Tobi vorgestellt und die andere Deutsche, Table. Anja ist eine Frau voller Energie. Sie lebt derzeit in Leipzig, womit wir gleich das nächste Thema in unserer Runde hatten. Leipzig war schließlich auch schon eine Stadt, welche von uns zwei hanseatischen Fischköpfen unsicher gemacht wurde.

Den Tag über sind wir mit Justin durch die Stadt spaziert und haben uns Straßen und Gebäude angeschaut, welche uns Bata, unser Guide vom Vortag, empfohlen hatte. Höhepunkt war für uns der Snipertower. Abends ging es dann mit ein paar Leuten aus diesem Hostel und den Herrschaften aus dem Hostel des Vortages auf die Piste. Netter Abend.

2018-06-26T13:25:15+02:00 30.08.2016|Bosnien & Herzegowina|0 Kommentare