22 | Eine Begegnung mit Asim

28.08. – 31.08.2016 | Mostar war die letzte große Station in Bosnien und Herzegowina, das nächste größere Ziel war Kotor in Montenegro. Bis dahin sollten wir drei Tage brauchen. Aus Mostar kamen wir nur schwer los, sodass wir erst gegen 14 Uhr in die Pedalen getreten haben. Im Gegensatz zum Norden von Bosnien und Herzegowina sind die Bergzüge im Süden ab Mostar gen Trebinje recht schroff und kahl, der letzte größere Regenschauer scheint schon etwas länger hergewesen zu sein. Die Sonne knallte, ca. 39°C, während wir einen langen Anstieg hochstrampelten und der Schweiß lief. Hier und da machten wir eine kleine Pause, suchten Schatten in Büschen und leerten eine Flasche nach der anderen. Irgendwann am späten Nachmittag kehrten wir spontan auf einem Campingplatz unweit von Stolac ein.

Dieser lag in einem engen, langgezogenen Tal in dem ein Fluss die spärlich mit Vegetation ausgestattete Landschaft durchschnitt. Links und rechts des Flusses stiegen schroffe Felswände empor. Die Szenerie könnte glatt einem Winnetoufilm entstammen. Fehlte eigentlich nur noch, dass Pierre Brice oder Gojko Mitic plötzlich hinter einer Ecke hervorsprangen und sich als Campingplatzchef vorstellten. Aber dem war leider nicht so … Nachdem wir unsere Zelte aufgestellt haben, sprangen wir erst einmal in das kühle Nass und ließen es uns unter dem blauen Himmel Bosniens gutgehen.

Am darauffolgenden Tag strampelten wir weiter durch die von Karst geprägte Herzegowina. Nach ca. 20 km erreichten wir Ljubinje, wo wir eine längere Pause einlegten. Als wir auf einer Bank saßen kamen drei Jugendliche auf uns zu, welche ganz erstaunt waren, ob unserer vollgepackten Räder. Sie fragten dies und jenes, nahmen die Räder genau unter die Lupe, redeten in ihrer Sprache und mussten kiechern. Einer von den dreien übersetzte dabei stets. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns, machten noch einen kleinen Einkauf für den Abend und ließen das irgendwie trostlos wirkende Ljubinje hinter uns. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, brachte uns lediglich ca. fünf Kilometer weit als wir von einem entgegenkommenden Auto angehalten wurden. Das Auto klapperte ordentlich und auch die Rückbank war nicht mehr vorhanden. Die drei Insassen begrüßten uns freundlich und fragten, wohin wir unterwegs seien. Als wir mit Trebinje antworteten, sagten sie halb aufgebracht, dass diese Straße sehr sehr schlecht und gefährlich sei und wir deshalb umkehren sollten. Aufgrund der Erfahrungen in Bosnien dachten wir „nicht schon wieder“ und waren daher nicht ganz unglücklich als uns ein weiteres Auto entgegenkam. Da die Straße ziemlich schmal war, setzten das erste Auto und auch wir unsere Reise fort. Noch radelten wir auf Asphalt, aber das sollte nicht lange andauern. Der Weg, welcher sich uns nachfolgend offenbarte, ließ uns verstehen, warum uns die Autoinsassen und einer der Jugendlichen aus der Stadt uns von diesem Weg abgeraten hatten. So machten wir kehrt und nahmen die Hauptverbindungsstraße zwischen Ljunbinje und Trebinje. Es sollten noch ein paar Anstiege auf uns warten, bevor wir eine zig kilometerlange und kurvenreiche Abfahrt genießen konnten. Vor unseren Augen erstreckte sich ein langes Tal, welches von vielen Weinfeldern gekennzeichnet war. Hier in der Herzegowina, zwischen Mostar und Trebinje, hat der Weinbau eine lange Tradition. Bereits vor ca. 2200 Jahren brachten die Thraker erste Sämlinge in das heutige Bosnien und Herzegowina.

Die warmen Farben, mit welchen die Sonne die Landschaft wie eine gemütliche Decke die Landschaft überzog, kündigte langsam aber sicher ihren allabendlichen Abschied an. Noch konnten wir eine Weile fahren, um anschließend einen Schlafplatz zu finden. Wir passierten eine Wiese, auf welcher wir später unsere Zelte aufschlagen sollten. Doch bevor wir das taten, fuhren wir noch fix zum Kanal, um in diesen reinzuspringen und uns vom Schweiß zu befreien. Später erfolgte die übliche Wildcampingprozedur, Zelt aufschlagen, einrichten, Essen machen und dann ab ins Bett.

In aller Frühe des nächsten Morgens war aus der Ferne die laute Stimme eines Schäfers und das Blöken der Schafe zu hören, welche mich aus dem seichten Schlaf aufwachen ließ. Ich hoffte, dass sie nicht zu uns kommen, aber dem sollte nicht so sein. Denn schon am Vortag sind uns in der Dämmerung die vielen kleinen Scheißkugeln, welche an kleine Rumkugeln erinnerten, aufgefallen. Oh du liebes Menetekel! Und auf einmal stand eine große Herde Schafe vor unseren Zelten, zig Augenpaare starrten uns neugierig an, die Kiefer mahlten Gras und amüsante Geräusche waren zu vernehmen. Zum Glück hatten sie unsere Wäsche nicht angeknabbert, die auf einer Leine hing, welche wir zwischen den Rädern befestigt hatten. Wir scheuchten die Schafe von dannen als der Schäfer hinter einem Busch hervor kam. Ich fragte ihn, ob es okay sei, dass wir hier zelten, woraufhin er lächelte, nickte und den Daumen hob. Alles top und zurück ins Zelt, noch eine Runde schlummern.

Noch waren es 20 km bis nach Trebinje, wo wir später Frühstück und Mittag zugleich essen sollten. Die Sonne scheinte, die Strecke war flach und wir kamen gut voran. Trebinje ist eine verschlafene und mediterran anmutende Stadt, welche von Karstgebirge, Klöstern und weiten Weinfeldern umzingelt ist. Vor einem Supermarkt machten wir Halt, Robert sprang in das Konsumlabyrinth, während ich auf unsere Drahtesel aufpasste. Wir saßen auf dem Boden direkt neben dem Eingang und genossen unserer Frühstück/Mittag; Brot, Tomate, Käse, Paprika und Gurke. Auf einmal stand ein großer Mann vor uns und gab uns eine große Schachtel getrocknete Datteln und zwei Packungen Rosinen. Wir waren ganz perplex, ob dessen, was uns geschah und freuten uns wie Bolle! 🙂 Asim, wie er sich später vorstellen sollte, hockte sich zu uns und sagte, dass das für Radler wie uns ganz gut sei. Wir strahlten! Er fragte, woher wir kommen und wohin es geht. Im Laufe unserer Begegnung ließ er uns wissen, dass er während des Bosnienkrieges Zuflucht in Deutschland gefunden hatte. Er hatte damals quasi nichts und wurde in Deutschland herzlichst aufgenommen. Noch heute ist er äußerst dankbar für diese Erfahrung und hat noch hin und wieder Kontakt zu der Familie, welche ihm damals Obdach gab. Kosmisches Schicksal irgendwie… Er hat damals Güte erfahren und nun wir… Asim erzählte von seinen zwei Töchtern und seiner Frau, welche kurz danach hinter ihm erscheinten. Er selber ist Moslem und hatte vor dem Krieg in Rogatica gelebt. Die Stadt, welche wir ebenfalls durchquert haben, liegt in der Republika Srpska, wo vor dem Krieg auch viele Moslems gelebt haben. Nach dem Krieg sah das aber ganz anders aus. Rogatica war vor dem Krieg schön, sie fühlten sich wohl dort. Nun leben sie in einen kleinem Dorf unweit von Sarajewo, wie Asims Frau erzählt. Wir beide vernahmen ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme. Asim und seine Frau wünschten uns alles Gute für die weitere Reise. Sowohl in Montenegro, Türkei und im Iran hat er Freunde und meinte, dass, wenn wir einen Schlafplatz bräuchten, ihn ruhig fragen können zwecks Kontaktherstellung. Und falls wir noch was aus dem Markt bräuchten, sollten wir Bescheid geben, damit er es uns kauft. Wir bedankten uns für das großzügige Angebot und sagten, dass wir alles haben. Wir verabschiedeten uns nochmals. Kurze Zeit später hielt Asim mit seinem Auto vor uns und gab uns eine Tüte, in welcher zwei Shirts waren. Das mal wieder eine äußert tolle und aufgrund unserer Gegenüber eine sehr sympathische und interessante Begegnung! Solche Begegnungen machen unsere Reise so wertvoll und wir sind jedes Mal dankbar, dass die Leute uns so offen und hilfsbereit gegenüber sind! Wir freuen uns stets wie kleine Kinder über derartige Erfahrungen! Asim und seine Familie werden wir auf jeden Fall in Erinnerung behalten.

Wir setzten unseren Weg unter der gleißenden Sonne Bosniens gen Montenegro fort. Zwei Anstiege und ein Hochplateau sollten uns noch bevorstehen bis wir die Grenze zu Montenegro, unserem achten Reiseland, passieren sollten.

2018-06-26T13:24:06+00:00 31.08.2016|Bosnien & Herzegowina|0 Kommentare