23 | Entspannte Tage in der Bucht von Kontor

Der englische Dichter Lord Byron schrieb im 19. Jahrhundert mal über die montenegrinische Küste, v.a. aber bezogen auf die Bucht von Kotor, dass sich bei der Geburt des Planeten, die schönste Begegnung zwischen Land und Meer hier ereignet haben müsse. Nach fünf Tagen Aufenthalt in der Bucht können wir des Lords Enthusiasmus gut nachvollziehen.

Die kurvenreiche Abfahrt von der Grenzstation bis nach Herceg Novi ging super fix. Als sich uns der erste Blick auf die Bucht offenbarte, dachten wir nur „meine Fresse, ist das ein geiler Ausblick! Könnte glatt in Norwegen sein“ und waren baff. Wir konnten es kaum erwarten, in der Bucht anzukommen. Als dem so war, schlug uns ein Stück Heimat ins Gesicht. Der dezent salzige Geruch des Meeres, getragen von leichten Brisen, ließ uns an die Ostsee erinnern. Lächeln streifte über unsere Gesichter. Entlang der Küstenstraße, welche entlang der gesamten Bucht führt, spielte sich vor allem in Herceg Novi, Savina, Meljine und Zelenika das kunterbunte touristische Treiben ab. Appartements, Hotels, Ferienwohnungen und Co. reihten sich aneinander, die Flächen zwischen den Bauten und dem Wasser zierten allerlei Menschen in Badeklamotten und der rege Verkehr. Hinter Kamenari ließ der Verkehr deutlich nach, da die meisten Vehikel von hier die Fähre nahmen, um nach Lepetane überzusetzen.

Während wir die Bucht Stück für Stück gen Kotor umradelten, verabschiedete sich die Sonne langsam hinter den kantigen Bergkämmen. Während manche Berghänge schon im Schatten verschwanden, waren andere noch ins goldbraune Licht getunkt. Der Himmel kam einen pastellfarbigen Farbenspiel gleich. Mit jedem Kilometer ergaben sich immer wieder neue und schöne Aussichten über die Bucht. Wir durchquerten u.a. Donji Morinj, Risan, Perast (gilt als besterhaltener Barockkomplex im Mittelmeerraum und einst florierendes Seefahrerzentrum) und weitere kleinere Ortschaften. Im Wasser vor Perast thronen die zwei Inseln ‚Gospa od Škrpjela‘ und ‚Sveti Ðorde‘, welche ein tolles Postkartenmotiv abgeben. Zwischen dem Wasser und den schroffen, karstigen Felswänden war nur wenig Platz für Bebauung, sodass sich die Siedlungen an den unteren Berghängen anschmiegten.

In Kotor kommen wir nach ca. 96 km an als die Sonne schon längst untergegangen war. Die zwei Hosteladressen, welche wir uns notiert haben, findet unser Navi nicht – oder wir waren zu blöd. Vor dem Busbahnhof wurden wir von Sandra abgefangen, welche uns ein Zimmer offerierte. Wir hackten ein bisschen nach und folgten ihr dann. Die nächsten Tage ziehen Stück für Stück ins Land und wir verbringen die meiste Zeit damit, faul am Wasser rumzuliegen oder darin zu schwimmen. Muo war dafür ein entspannter Ort. Tolle Blicke auf die gegenüberliegenden Bergzüge und Kreuzfahrtschiffe, von denen jeden Tag zwei bis drei in der Bucht ankerten. Da wurde uns mal wieder bewusst, wie toll wir es eigentlich momentan haben. Zeit und Bock, dass zu machen, wonach uns der Sinn steht, nämlich kreuz und quer mit dem Drahtesel zu radeln, entdecken und genießen. Wenn wir nicht am Wasser rumschimmelten, verliefen wir uns in den malerischen Gassen der kompakten Altstadt von Kotor und lauschten und verloren uns im Sound einer kleinen Band, welche mit Violine, Akkordeon und Cajón Cover vom Feinsten zum besten gaben. Diese, aber auch kleine Paläste und Kirchen, die Miniausgabe der Chinesischen Mauer sowie die natürliche Lage trugen dazu bei, dass Kotor zum UNESCO Weltkultur- und Naturerbe zählt. Beim Durchstreifen der Gassen fühlt man sich in andere Jahrhunderte zurückversetzt, als Osmanen, Österreicher, Serben, Kroaten und Co. versuchten, die Altstadt zu erobern. Hätten die Macher der grandiosen Serie ‚Game of Thrones‘ nicht u.a. Dubrovnik als Drehort ausgesucht, wäre Kotor definitiv eine gute Wahl gewesen. An einem anderen Tae waren wir wandern. Über steinige Serpentinen, Wiesen, Wälder und trockene Flussbette ging es von 0 auf 900nochwas Meter hoch. Die Aussicht war einfach nur top. Robert wollte auf die Spitze eines 1098 Meter hohen Berges, aber angesichts dessen, dass wir erst gegen 14 Uhr gestartet sind und der tiefgrauen Wolken, die uns entgegenkamen sowie des Regens, Donners und einiger Blitze war ich nicht gerade optimistisch, dass wir es bis zum Peak schaffen. Wir haben abgewogen und uns dafür entschieden, kein Risiko einzugehen. Auf dem Wanderweg, der in einigen Abschnitten überhaupt nicht danach aussah, trafen wir auf ein Pärchen, welches meinte, dass auf der Bergstraße Busse verkehren. Wir fragten in einer Hütte nach. Die Antwort war, dass hier keine Busse verkehren. Der gleiche Weg kam ob des Wetters für uns nicht in Frage. So blieb nur einer übrig: die Straße nach Kotor, 20 km Fußweg. Und das gegen 19 Uhr. Alter Lachs dachten wir und versuchten daher zu trampen. Ich hielt ein Auto an und fragte nach. Er bedeutete mir ‚Panorama‘. Keine wirkliche Ahnung was er meinte bzw. wo der Panoramapunkt sein soll, aber wir stiegen einfach ein. Nach 2 oder 3 km war allerdings Ende im Gelände und der Aussichtspunkt erreicht, von wo er kurze Zeit später einen Imbisswagen abschleppte. Wir stiegen aus, bedankten uns und warteten auf eine neue Gelegenheit. Diese ließ nicht lange auf sich warten, denn unsere Helden des Tages kamen in einem roten Leihwagen daher. Die beiden waren ein sympathisches Pärchen aus Moskau, welche in Montenegro Urlaub machten. Sie räumten fix die Rückbank auf und wir fanden ein trockenes Dach über den Kopf. An der Abzweigung der Bergstraße nach Budva ließen sie uns raus und die restlichen vier Kilometer bewältigten wir zu Fuß. Die letzten zwei Abende chillten wir auf der Terrasse, zusammen mit zwei netten Slowaken, welche den Balkan bereisten.

2018-06-26T13:23:33+02:00 07.09.2016|Montenegro|Kommentare deaktiviert für 23 | Entspannte Tage in der Bucht von Kontor