24 | Durch das Hinterland von Montenegro

Nach einigen entspannten Tagen in Kotor sollte es weiter gen Shkodra in Albanien gehen. Dabei bestanden für uns zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen. Einerseits entlang der vielbefahrenen Küstenstraße durch Budva, Bar und Co. Oder andererseits durch das Landesinnere via Cetinje und Podgorica. Wir haben uns für letztere Variante entschieden. Und das hieß für uns, die 20 km lange und serpentinenreiche Straße (welche wir bereits zwei Tage zuvor beim Trampen bestaunen durften) sowie ca. 1.300 Höhenmeter zu bewältigen. Mit jeder neuen Serpentine war der Blick einfach nur sagenhaft.

Auf dem Weg nach oben vernahm Robert ein seltsames Fahrgefühl an seinem Rad und stellte fest, dass das Vorderrad lose war. Ob es auf den leichten Sturz am gleichen Tag oder auf vergangene raue Abfahrten zurückzuführen war, konnten wir nicht klären. Robert baute sein und zum Vergleich auch mein Vorderrad aus. Nach einer kurzen Weile war das Problem gelöst und die Fahrt konnte weitergehen.

Oben angekommen, radelten wir entlang des Randes des Lovcen Nationalparkes, dessen höchster Berg, der Štirovnik (1.748 m), majestätisch über die gesamte Landschaft thront. Auf der Hochebene durchquerten wir das beschauliche und verschlafene Bauerndorf Njeguši. Hier oben schien die Zeit viel langsamer zu schlagen, als im turbulenten Touristenort Kotor. Die Sonne warf einen sanften Schleier über die Gebirgslandschaft und kündigte das Ende des Tages an. Wir passierten verlassene Häuser, welche langsam aber sicher von der Natur vereinnahmt werden sowie Ziegen- und Schafsherden, kleine Eichenbäume und flache von Hand gelegte Steinmauern zierten die Berghänge. Nach dem Überqueren des Bergkamms offenbarte sich vor unseren Augen eine traumhafte, in einen blauen Dunstschleier gehüllte Berglandschaft. Fetter Ausblick! Bis nach Cetinje ging es von hier aus nur noch bergab. Die Kleinstadt war ob ihres Lichtermeeres schon aus der Ferne gut im dunklen Tal zu sehen. Vom 15. Jahrhundert bis 1918 war Cetinje die Hauptstadt Montenegros, welche seit jeher als geistiges und kulturelles Zentrum des Balkansraates gilt. Als Montenegro 1946 jedoch Teilrepublik Jugoslawiens wurde, bekam das damalige Titograd (heute Podgorica) den Status als Hauptstadt anerkannt. Nachdem wir ein Zimmer gefunden haben (der italienischen Sprache sei Dank^^), durchstreiften wir die Stadt. Cetinje ist ein kleines Städtchen, welches mit vielerlei Denkmälern, Kirchen, Museen, Galerien und Fakultäten sowie mit einem idyllischen Zentrum aufwartet. In der Innenstadt war gut was los, viele Cafés und Bars waren voll. Viele verfolgten dort den Wasserballklassiker Kroatien gegen Montenegro. Daheim mag Wasserball nur eine Randsportart von vielen sein, aber hier auf dem Balkan ist dieser Sport äußerst populär.

Am folgenden Tag sollten wir bis Shkodra knapp 100 km zurücklegen. Das Streckenprofil war dafür wie gemacht, bis Podgorica ging es quasi nur bergab, tolle Berglandschaften und einen wunderbaren Blick auf den in Dunst gehüllten Skutarisee. Der Streckenabschnitt Podgorica nach Shkodra war hauptsächlich flach und mit nur wenigen Anstiegen.

Podgorica durchquerten wir recht fix. Vildan und auch Mita meinten, dass man dieser Stadt nicht unbedingt einen Besuch abstatten muss. Schon beim Anblick vom letzten Berg vor der Hauptstadt dachten wir, dass das alles irgendwie trostlos und nicht so prall aussieht. Mag sein, dass Podgorica hier und da schöne Ecken hat. Manche mögen sich einem vielleicht nicht sofort erschließen und man muss sie erst einmal suchen, um dann dem Charme zu erliegen. In anderen Städten mögen einem die schönen Ecken sofort ins Gesicht springen und es wimmelt schier überall von ihnen. Letzteres trifft unserer Meinung weniger auf Montenegros Hauptstadt zu.

Bis zur albanischen Grenze verlief unsere Strecke mehr oder weniger entlang des Skutarisees. Er ist der größte See auf dem Balkan, ist wichtiger Brut- und Rastplatz für Zugvögel aus Nordeuropa und beherbergt um die 20 endemische Tier- und Pflanzenarten. Typische Auwälder und Weichholzauen zieren die Ufer.
Und nun standen wir da, zwischen Autos und warteten darauf, die Grenze zu passieren.

2018-06-24T01:07:30+02:00 08.09.2016|Montenegro|0 Kommentare