25 | Shkodra

„Mensch, nun sind wir in Albanien!“ sagten wir mit einem breiten Grinsen, „fette Sache“ 🙂 Die bisherigen Grenzübertritte nahmen wir abgesehen von der entsprechenden Infrastruktur und den Stempeln gar nicht wirklich wahr. Das alles war alles ein fließendes Kontinuum ohne abrupte Veränderungen und Eindrücke. Alles war eins und die Grenze existierte nur auf dem Papier. Aber als wir die Grenze zu Albanien passierten, war es das erste Mal, dass wir dachten, das ist irgendwie ein erkennbarer Wechsel. Das dachten wir auch später noch einmal in Shkodra während eines Gespräches mit anderen Radreisenden, die einen ähnlichen Eindruck hatten. Das wohl Ungewöhnlichste im Vergleich zu den bisherigen Grenzstationen waren wohl die Ziegen, die hier grassten 😀

Wir fuhren in etwas größerer Entfernung parallel zum See. Die Berge ließen hier zwischen dem Ufer und ihren Füßen eindeutig mehr Platz als anderswo am See. So waren weite Flächen von vielen alleinstehenden Häusern mit großen Grundstücksflächen, braunen Wiesen und vereinzelten Landwirtschaftsflächen geprägt. Nur ab und zu gab es eine grüne Wiese zu sehen, welche dann aber stets mit einem zum teil pompösen Anwesen korrespondierte. Viele der Häuser waren im Rohbau oder ohne Fassade wie wir es aus Deutschland kennen. Hier war vielerorts der bloße Baustein den verschiedenen Witterungsbedingungen ausgesetzt. Wäsche hing auf dem Balkon, welcher keine Brüstung kannte. Entlang der Straße waren viele Autowerkstätten zu sehen und was uns hier erheblich mehr auffiel als in anderen Ländern des Balkans, war der viele Müll, der an den Straßenrändern und an trockenen Flussbetten lag, zum teil auch verbrannt. „Schön ist was anderes“ dachten wir. Das alles wirkte wenig einladend auf uns. Mark Ruffalo sagte mal sinngemäß in einer schönen Szene des wunderbaren Films „Can a song save your life?“ zu Keira Knightley (er spielte einen abgehalfterten und ehemals erfolgreichen Musikproduzenten und sie eine Hobbymusikerin), dass Musik selbst die banalsten Dinge schön wirken bzw. schön aussehen lassen kann und so einen gewissen Zauber entfalte. „Recht hat er“ dachte ich mir, als ein Yann Tiersen Song aus der kleinen Musikbox schallte.

Irgendwann am späten Nachmittag kamen wir im Green Garden Hostel in Shkodra an. Via ‚Warmshowers‘ hatten wir zuvor Kontakt mit Mikel, dem Besitzer des Hostels, aufgenommen und gefragt, ob wir unsere Zelte im Garten aufstellen können. Nun standen wir da und sagten, dass wir einen Tag früher als ursprünglich gedacht, angekommen sind und ob das eventuell ein Problem sei. Er konnte sich nicht wirklich daran erinnern, dass er uns geschrieben hat, dennoch antwortete er mit „stellt ruhig eure Zelte auf“ Ähnlich erging es dem französischen Pärchen, welches kurz nach uns ankam. Ein wenig verpeilt der Herr 😀 Die beiden sollten sich später als Sophie und Francois vorstellen, mit welchen wir in den folgenden Tagen entspannten, regnerische und tolle Tage verbrachten zusammen mit dem belgischen Radreisepärchen Jeff und Kathrien.

Die Zelte wurden aufgebaut, dann ging es in die Innenstadt (denn das Hostel lag am Stadtrand) zum Geld abheben und Essen fassen. In der City war ob des großen Bierfestes ordentlich Stimmung und viele Leute waren unterwegs. Livemusik schallte durch die Straßen, die Stadt lebte. Zudem wurde noch das WM-Qualispiel Deutschland gegen Norwegen übertragen, welchem wir spontan beiwohnten.

Am nächsten Tag war noch mehr Stimmung und Bambule in der Stadt. Grund dafür war das WM-Qualispiel Albanien gegen Mazedonien (Italien und Spanien spielen in der gleichen Gruppe, so ein Spiel anzuschauen wäre richtig Sahne). Wenn ich Mikel richtig verstanden habe, war es das erste Mal, dass die albanische Nationalmannschaft in Shkodra spielte. Karten gab es leider keine mehr, denn das Stadion war komplett ausverkauft. Mikel und sechs Aussie-Mädels hatten aber das Glück Karten zu haben – und kamen nach Abbruch des Spiels im Regen, welcher wie aus Eimern schüttete, zurück.

Überall in der Stadt hingen albanische Flaggen, zig Menschen mit roten T-Shirts und einem schwarzen doppelköpfigen Adler darauf und von Bier geschwängerten Zungen waren auf den Straßen unterwegs. Zwischendurch gab der Mullah aus den Lautsprechern der Moschee sein Bestes dazu. Während die Massen draußen voller Vorfreude auf das Spiel warteten, streiften wir zusammen mit den beiden oben genannten Pärchen durch das Museum für Fotografie. Dabei erweckte besonders eine Fotografie mein Interesse. Es zeigte eine verhüllte Person mit einer Spitzkaputze, welches das Gesicht nicht zu erkennen gab. Das Bild ziert ein Buch, welches bei mir zu Hause in Rostock steht. Autor des Buches „Der zerrissene April“ ist der Albaner Ismail Kadare. Sujet seines Werkes ist die albanische Blutrache, eine alte Geißel der Menschen in den Bergen Nordalbaniens, welche nach einem jahrhundertealten Gesetz handeln müssen, wenn sie ihre Ehre nicht verlieren möchten. Der Kanun, das mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht, besagt u.a., dass vergossenes Blut nur mit zu vergießendem Blut gesühnt werden kann. Zwei Familien aus dem gleichen Dorf führen seit 70 Jahren eine blutige Fehde, welche bereits 44 Opfer zu beklagen hat. Beide Familien sind Täter und Opfer zugleich, es nicht Hass oder derartiges, sondern der Kanun mit seinem archaischen, starren Korsett … Ich fragte die Dame am Einlasstresen, ob diese Praktik immer noch besteht. Daraufhin entgegnete sie mir, dass das eigentlich – soweit sie weiß – nicht mehr Gebrauch findet. Der Kanun ist vor vielen Jahrhunderten in den Bergen Nordalbaniens entstanden und regelt vereinfacht gesagt das Sozialverhalten in vielerlei Hinsicht. So gehören negative Aspekte wie die Blutrache, aber positive Aspekte wie das Gastrecht dazu. Dass sich der Kanun im Kernland von Dukagjin entwickeln und über Jahrhunderte befolgte wurde (vllt. auch heute noch praktiziert wird?), ist vor allem der geografischen Lage in den zum Teil sehr schwer zugänglichen Bergen Nordalbaniens geschuldet. Regierungs- und Herrschaftssysteme, z.B. die der Osmanen, konnten sich ob der Abgeschiedenheit und der damit verbundenen schweren Kontrolle nicht durchsetzen. Mit Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr die Einhaltung des Kanuns infolge der Schaffung von staatlichen Institutionen und Strukturen in Albanien nur noch begrenzt Sinn und Substanz. Die kommunistische Diktatur Enver Hoxhas sistierte zudem die Tradition der Blutrache …

Die erste Nacht campen war frei, jede weitere kostete ein Fünfer. In Anbetracht, dass die nächsten Tage nur von Regen und hin und wieder Gewitter geprägt sein sollten, dachten wir uns scheiß drauf, wir ziehen ins Hostel um. Wir Pussies 😀 (für drinnen musste man drei Euro mehr blechen). Wenn es mal nicht regnete streiften wir durch Shkodra; alte Plattenbauten, von Trauben verhangene und abgeschirmte Höfe, eine schöne kleine Innenstadt, welche an ein spanisches Dorf in Andalusien erinnern könnte, Moscheen, reger Auto- und Radfahrbetrieb.

Robert hatte noch eine amüsante Begegnung 😀 Und die ging so von statten:
– How are you doing?
– I’m fine.
– What are you doing?
– I’m taking some pictures of the city.
– Where do you come from?
– I come from Germany.
– Which City?
– Rostock.
– I don’t know.
– It’s 200 km in the north of Berlin, directly on the coast of the baltic see.
– Do you live in Germany?
– For usually yes, but now I make a World Trip with my bike.
– Where are you going?
– Australia.
– Where?
– Australia!
– I don’t know.
– You know Europe?
– Yes, of course.
– Asia?
– Yes, yes!
– And Australia?
– Ah, Australia. How are you doing? With your bike…laughing.
– Yes.
– I make a World Trip with my bike to Australia.
Es folgte ein Kopfschütteln und er verabschiedete sich, indem er mit seinem Kopf Roberts Kopf berührte.

Unweit vom Hostel war an der Hauptstraße tagsüber stets viel Bewegung und Action. Leute verkaufen in heruntergekommenen Buden oder open-air Gemüse und Obst, Wasser, Brot usw. Männer saßen an Tischen, rauchen und spielen Karten, eine Obdachlose sitzt mit ihrem Baby auf dem dreckigen Boden, ein Stück weiter liegen ein paar nicht gerade gesund aussehende Straßenhunde vor den Autos, 12-Jährige heizen mit dem Mofa über die Straße, Verkäufer bieten ihre Ware und anderes Gedöns halb im Geschäft, halb auf dem Gehweg feil, Gesichter, gezeichnet wie ein schroffer Fels, kommen uns entgegen, Fahrradklingeln sind aus der Ferne zu entnehmen… Was uns in Albanien sehr krass aufgefallen ist, ist dass hier viele, seeeeehr viele Mercedes rumfahren, alte, neue, UK-Versionen etc. pp. Jemand meinte zu uns mal, dass ein Mercedenz-Benz in Albanien noch ein sehr starkes Statussymbol ist … Na jedenfalls war die große Anzahl schon sehr beeindruckend.

Viel Zeit verbrachten wir ob des Regens im Hostel. Ein gemütliches Fleckchen Erde, eine Veranda und ein großer Garten, Hängematten, Sofas open-air, Trauben, Feigen, Granatäpfel, andere Früchte, Paprika, Tomaten, ein großes Anwesen, von welchem sich der Putz langsam abschält. Das Green Garden Hostel gäbe wohl einen perfekten Drehort für einen Werbespot für kubanischen Rum ab und Compay Segundo trällert den passenden Werbejingle.

Das Hostel ähnelt einem bunten Sammelsurium von Radreiseradlern und einer Überraschungstüte voll mit Sehnsüchten, Inspirationen, Hoffnungen, Reiselust, Plänen und losen Vorstellungen sowie Drang nach neuen Horizonten. Die Abende sind geprägt von Geschichten, Gelächtern und Gewürzen, Musik und das Zirpen der Grillen und das Bellen der Hunde. Leute warten hier auf einen neuen Reifen oder auf das Ende des schlechten Wetters. Eine rundum sympathische Radlertruppe verweilte hier, hier im grünen Garten von Shkodra. Leute kamen und gingen bzw. fuhren.

Jeff und Kathrien sind ein Paar aus Belgien und sind seit Juni auf dem Weg nach Indien (www.morgenlandfahrrad.wordpress.com; und warteten seit einer Woche auf einen neuen Reifen), Francois und Sophie machen eine kleine Europarunde (Francois schrieb während der Reise noch an seiner Mathematik-Masterarbeit, irre^^), Yoann und Mathilde machen seit April eine große Europarunde (später sollten wir noch die Freude haben, mit beiden eine Woche zu radeln), Johanna fährt mit dem Rad von Deutschland nach Tirana, um dort ins Flugzeug zu steigen und in Kairo einen Arabischkurs zu absolvieren, das deutsche Küken (ein 18-jähriger Berliner), dessen Namen wir nicht wissen, erkundet seit ein paar Monaten der Nase frei nach Südosteuropa.

Wir diskutierten mit dem Küken und den anderen Deutschen (Backpacker) über die Länder und fingen an sie zu vergleichen, merkten aber schnell, dass jedes Land auf seine Weise schön ist und wir keine Lust haben, dies irgendwie zu gewichten und miteinander zu vergleichen. Würde eh kein Sinn machen, da wir aller Intensität nur ein Teil des Ganzen kennen, welcher bisher stets schön war und uns jederzeit wieder reizen könnte, wieder zurück zu kommen 🙂

Gleiches gilt für Albanien. Jeder von uns hat gerade erst die Grenze ins Land überquert und bei fast allen ist der erste Eindruck eher negativ behaftet. Warum? Weil jedem Teilnehmer in der Diskussionsrunde aufgefallen ist, wie viel Müll auf den Straßen liegt. Dennoch sind wir alle frohen Mutes, dass Albanien noch ganz andere Facetten für uns parat hält. Jedenfalls findet eine Person aus der Runde genau den Müll so interessant, weil es denjenigen an ein anderes Land erinnert, wo die Person bereits für ein Jahr im Ausland war. Tobi und ich schauen uns an und verstehen nicht, wie man deshalb den Müll auf den Straßen toll findet und daher das Land geil ist. Das behielten wir aber lieber für uns 😉 Zumal der Gestank teils sehr streng war. Aber gut, jeder hat halt sein eigenen Geschmack.

Es war eine tolle Zeit in Shkodra und das erste Mal auf unserer Reise, dass wir andere Reiseradler (und dann auch noch so viele) getroffen und kennenlernen durften, mit all den entsprechenden neugierigen Fragen und schönen Gesprächen. Allen Leudden eine gudde, geile und heile Weitäfahrt! 😉

2018-06-26T13:22:07+02:00 24.09.2016|Albanien|Kommentare deaktiviert für 25 | Shkodra