26 | In den Bergen Nordalbaniens

An jenem Morgen wollten wir mit Yoann und Mathilde starten. Wie nicht anders zu erwarten, starteten andere für gewöhnlich schon früher in den Tag. Wir hatten mit den beiden einen guten Kompromiss ausgehandelt, 11 Uhr los fahren. Düdüm, noch am Abend zuvor entschieden wir uns bis 11 Uhr zu schlafen und uns später in Koman zu treffen.

Es war wie ein Flash dieser Kontrast zwischen dem Müll und teils Gestank in der Stadt und jetzt diese Berglandschaft. Die gefühlt unzähligen Stauseen, machen diese Landschaft einmalig. Wir fragten uns, ob es auffallen würde, wenn jemand diese Landschaft fotografiert und diese anschließend als Bild von Neuseeland oder den Fjorden Norwegens verkauft.

Unterwegs sahen wir hier und da mal eine deutsche Flagge wehen und die Leute grüßten uns auf deutsch. Die Weltsprache hier scheint Deutsch zu sein. Wie sich später für uns noch herausstellen sollte, fühlen sich die Albaner sehr mit den Deutschen verbunden. Spätestens die dritte Frage war, woher kommst du? Wenn sie dann Germany / Deutschland hören, waren sie auf einmal noch freundlicher und wollten sofort irgendwie helfen.

Albanien lädt zum Wandern ein! Im Hostel haben wir flüchtig noch zwei Mädels aus Australien und England kennengelernt, welche seit zwei Nächten in den Bergen unterwegs waren. Das muss Laune gemacht haben. Wenn uns mal jemand fragen würde „Eh, hast du Lust auf wandern irgendwo?“, dann würden uns hoffentlich diese Momente wieder einfallen und wir Albanien für solch ein Vorhaben vorschlagen. Wir haben für uns auf jeden Fall den Reiz des Landes ausfindig gemacht. Also hoffentlich bis bald Albanien. Aber genießt einfach selbst.

Mit dem Wetter hatten wir Glück. Trotz der schlechten Prognose kamen wir glimpflich davon. Als wir eine Pause machten, um ein paar Fotos zu schießen, hielt neben uns ein Auto an. Die beiden Insassen fragten uns, wohin es geht. Wir antworteten mit Koman und dass wir am Folgetage um 9 Uhr die Fähre nach Fierzë nehmen wollen, woraufhin er schmunzeln musste. Es stellte sich heraus, dass einer beiden der Bruder vom Kapitän der Fähre war (Miri war sein Name), mit welcher wir am nächsten Tag quasi die Berg- und Canyonlandschaft durchqueren sollten.

Tobi hatte im Vorhinein mal so einen kleinen Geheimtipp im Netz rausgesucht. Eine 2,5 Stündige Bootsfahrt für 15 € durch die sehenswerte Landschaft des Koman-Stausees. Yoann und Mathilde waren sofort dabei und wir entschieden spontan, gemeinsam die Fähre zu nehmen. Der Kosovo stand sowohl bei den Franzosen als auch bei uns nicht auf dem ‚Plan‘. Mikel aus dem Green Garden Hostel meinte zu den beiden „wenn ihr noch so viel Zeit habt wie ihr sagt, könnt ihr auch durch den Kosovo fahren, Prizren ist eine schöne Stadt im Südwesten des Landes und danach fahrt ihr weiter zum Ohridsee“. Via bikemap.net hatten wir uns eine Route erstellen lassen, welche uns von Shkodra zum Ohridsee führen sollte. Dabei sollte sie für ein kurzes Stück durch den Kosovo gehen, um anschließend wieder durch Albanien via Kukës und Peshkopi in Richtung Mazedonien zu führen. Den letzten Teil haben wir aber bald wieder verworfen und ließen uns ebenfalls auf ein längeres Abenteuer im Kosovo und Prizren ein. So sollten wir nun das erste Mal auf unserer Touren mit anderen Gleichgesinnten radeln – Geil und Vorfreude! 😉

Nach dem Gespräch hatten wir auf einmal einen Schlafplatz auf der Fähre (wir haben auf unseren Isomatten im Gang des Passagierraumes genächtigt) und die Tickets anstatt für 15 € für 10 € bekommen, auch für die Franzosen. Was für ein genialer Zufall! 🙂 Später im Ort Koman angekommen, hielten wir vor einem kleinen Supermarkt und überlegten noch schnell, Fresssalien zu besorgen. Da kam plötzlich aus dem daneben platzierten Restaurant ein junger großer Mann heraus und fragte uns, ob wir nicht Hunger hätten. Wir sagten ja, aber wir würden erst einmal gerne zur Fähre fahren und dafür sind noch mal knappe 100 Höhenmeter zu bewältigen, auf teils unbefestigten Untergrund mit bis zu 14 % Steigung. Er fragte, was wir auf der Fähre wollen und wir erzählten ihm von unserer Begegnung. Dabei stellte sich heraus, dass er der Bruder von Miri und somit der Kapitän war – wie witzig. Er bat uns an, uns später mit dem Auto von der Fähre abzuholen, um uns zum Restaurant zu fahren. Feine Sache, warum nicht.

Oben angekommen zeigte er uns voller Stolz sein Boot, die Bar und die Soundanlage. Wir fragten ihn, wo wir uns eine Dusche gönnen könnten. Seine Antwort: „Im Stausee“. Warum nicht – war halt ein bisschen erfrischender. Aber einen echten Norddeutschen macht das nichts aus 😉

Nach dem ‚Duschen‘ wollten wir was essen und quatschten mit dem Kapitän. Er fragte uns, ob wir Auto fahren können. Ich antwortete „ja“ und er gab mir den Schlüssel für sein Auto. Was für ein geiler Tag.

Zurück im Ort Koman angekommen, holten wir Mathilde und Yoann vom Campingplatz ab. Sie schauten nicht schlecht und Yoann fing über unsere Geschichte an zu lachen und Mathilde konnte es nicht fassen 😀 Und dazu noch die günstigeren Tickets.

Das Essen war ein Traum, selbst aus Sicht der Franzosen. Nebenbei lief deutsches Fernsehen – Fußball Bundesliga Schalke 04 gegen den FC Bayern. Zu guter Letzt durften wir noch ein Sack Zigaretten mit hoch zum Boot nehmen. Der Kapitän und die Restaurantbesitzer sind gute Freunde und unterstützen sich gegenseitig. Auf dem Rückweg nahmen wir noch ein bisschen Gepäck von unseren französischen Mitreisenden im Auto mit zur Fähre.

Der nächste Morgen war von regen Troubel geprägt. Vor der Fähre trudelten immer mehr Autos, Motorräder, Transporter und jede Menge Menschen ein, die ebenfalls auf die Überfahrt warteten. Die Fahrzeuge fuhren alle rückwärts auf die Fähre und wurden milimetergenau eingewiesen. Kein Platz sollte verschenkt werden. Auch kamen kleine Boote gen Ufer angeschippert. In diesen war vielerlei geladen, Kühe, Personen und Waren. Das war interessant zu beobachten, v.a. wie die Leute versuchten, eine große Kuh auf eins der klapprigen Boote zu locken 😀 Wie wir später feststellen sollten, war für viele Leute, die in den Bergen entlang des Sees lebten, das Boot das einzige Verkehrsmittel, um Einkäufe und ähnliche Besorgungen zu tätigen.

Die Fähre legte los und in den folgenden 2 1/2 h zog uns die Landschaft in ihren magischen Bann. Denn das, was wir sahen, war einfach nur traumhaft und absolut sehenswert!! Ähnlich wie bereits die Fahrt nach Koman. Der See zieht sich schlauchartig um die 32 km durch das schmale Tal der Drin. Schroffe Felsen fallen steil in das aquamarin farbene Wasser des See ab. Aber seht selbst 😉

Hin und wieder wurden wir von einem Wassertaxi überholt und hat die gleiche Funktion wie oben beschrieben. Es war recht beeindruckend die Menschen an den Ufern und deren Häuser weit oben am Hang zu beobachten. Die Waren, welche per Boot herangebracht wurden, wurden über steile und steinige Pfade nach oben geschafft. Jung und alt packten gemeinsam an. Hier und da wurden auch Esel benutzt. Weinstöcke, Getreide, Anbauflächen für Gemüse waren zu sehen. Das mag romantisch aussehen, aber es dürfte wohl das Gegenteil der Fall sein. Denn alles wird über das Wasser ab- und abtransportiert, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Ansonsten ist man hier auf sich alleingestellt, zwischen Bergkamm und Seeufer. Was wir auch krass fanden, waren die vielen alten Leute, welche die von der Ferne nicht gerade einfach aussehenden Wege / Stiege / Trampelpfade bewältigen mussten. Wir stellten uns vor, wie es ist, wenn es den Leuten so schlecht geht, dass das Laufen nicht mehr möglich ist. Oder was passiert bei einem Notfall? Oder wenn mal ein neues Möbelstück her muss? Oder die wohl schwierige Landbewirtschaftung an den Hängen.  Für dieses Leben in den Bergen muss man wohl gemacht sein …

Bei Fierzë war Ende im Gelände. Die Fähre spuckte uns wie einen ekligen Kaugummi aus. Und nun waren wir da, irgendwo in den Bergen Nordalbaniens. Von hier sollte es nun bis über Grenze nach Gjakova ins Kosovo gehen.

Yoann drehte seine Musikbox auf volle Pulle. Mick Jagger sowie die restlichen Stones ließen uns bei ‚Start me up‘ mit einem breiten Grinsen ordentlich in die Pedale treten. Freude jauchzend radelten wir vier durch die wunderschöne Berglandschaft.

2018-06-26T13:20:46+00:00 01.10.2016|Albanien|0 Kommentare