27 | Unser kosovarisches Kaleidoskop

10.09. – 22.09.2016 | Am 10.09.16 gen 16:30 Uhr erreichten wir die Grenze. Glücklicherweise stand uns nach dem langen Anstieg erst einmal eine lange Abfahrt bevor 🙂 An der Grenze fragte ich den Grenzbeamten, ob man hier ‚faleminderit‘ oder ‚hvala‘ für ‚thank you‘ sagt. Seine Antwort war letzteres. Ich habe mich recht herzlich bei ihm bedankt und die anderen drei darüber informiert. Je nachdem wo man sich auf dem Balkan aufhält, gibt es kleine Unterschiede in der Sprache. Benutzt man das falsche Wort, womöglich noch ein Wort vom verhassten Feind, für die etwas stärker national denkenden, kann es schon blöd werden. Kurz hinter der Grenze kamen Mathilde und Yoann mit einem Mann ins Gespräch. Sie sprachen französisch. Später erfuhren wir, dass der Mann hier aus dem Kosovo kommt und in Belgien arbeitet. Zudem erfuhren wir, dass der Mann in Gjakovë wohnt und uns dort für die Nacht gerne aufnehmen würde. Er gab den Franzosen eine Wegbeschreibung zu einem Supermarkt, welcher wohl seine Familie gehört. Dort würde er auf uns warten. Edle Sache, Unterkunft wäre somit schon fix 🙂 Auf der Abfahrt waren wir voller Vorfreude auf den Kosovo. Die traumhafte Fahrt mit der Fähre war ein perfekter Start in den Tag. Der nette Grenzbeamte, die sichere Unterkunft beim Halbbelgier versetzten unsere Gesichter in ein Dauergrinsen und ließ uns glauben, dass das noch lange nicht alles war. Bei dem passieren der ersten Ortschaften werden wir von vielen Leuten und Autofahrer wie Popstars begrüßt. Wie winken immer fröhlich zurück und lassen unsere Klingeln ordentlich rasseln.

Später im Ort Gjakovë angekommen, machten wir uns gleich auf die Suche nach dem Halbbelgier. Wir waren gut in der Zeit und folgten der Wegbeschreibung. Leider gab es dort, wo wir den Supermarkt gesucht haben, sehr viele Supermärkte. Somit gingen wir auf die Verkäufer zu, ob sie jemanden kennen, welcher in Belgien arbeitet. Die Verständigung war schwierig und die Suche gestaltete sich zunehmend zu einer Mammutaufgabe. Wir fuhren dazu nochmal eine Parallelstraße ab, aber auch hier vergebens. Inzwischen machte sich der Magen bei uns allen bemerkbar. Ein letztes Mal fuhren wir die Straße für zwei Kilometer aus dem Ort raus und sahen einen Supermarkt, wo wir ein letztes Mal fragten. Leider anscheinend wieder nicht richtig. Dazu gesellte sich noch ein alter Mann, welcher dem Anschein nach der Supermarkt gehörte. Er konnte ein paar Brocken deutsch und ich unterhielt mich mit ihm und stellte ihm die gleichen Fragen, wie zuvor dem Verkäufer. Leider auch hier Fehlanzeige. Der Verkäufer vom Supermarkt hat jedem von uns eine Banane gespendet. Genau das richtige, um unsere Bäuche zu beruhigen – Danke 🙂

Auf dem Weg zurück in die Stadt suchten wir nach einem geeigneten Fleckchen, wo wir unsere Zelte aufschlagen können. Davon gab es genug, aber leider waren überall streunende Hunde und das war uns nichts. Wir fuhren zum nächsten Supermarkt und versorgten uns mit dem nötigsten. Yoann fuhr währenddessen schon mal durch die Ortschaft, um nach einer Schlafmöglichkeit zu suchen und insgeheim hat er die Suche nach dem mysteriösen Supermarkt noch nicht aufgeben. Inzwischen war unser Zeitvorteil hin und die Sonne verabschiedete sich allmählich. Wir fragten den Verkäufer, ob wir bei ihm unsere Duschsäcke mit Wasser füllen dürfen. Er zeigte mir sein kleines Bad und ich bedankte mich recht herzlich mit ‚hvala‘. Darauf verschwand auf einmal sein Lächeln und er schaute mich mit ernster Miene an und sagte „no no ‚hvala‘, ‚faleminderit'“. Ich entschuldigte mich und er gab mir zu verstehen, dass das alles nicht so schlimm sei für ihn, aber andere reagieren da vielleicht halt anders. Die Serben benutzen dieses Wort und die Albaner das andere. Im Kosovo leben überwiegend Albaner. Dazu muss man wissen, dass die Serbischen Streitkräfte gegen die UÇK kämpften. Die UÇK war eine albanische paramilitärische Organisation, die für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpfte. Somit weckt man schnell die junge Geschichte in den Köpfen der überwiegend albanischen Bevölkerung. Keine Ahnung, wie ich die Aussage des Grenzbeamten deuten soll.

Als wir aus dem Supermarkt raus kamen, war Yoann auch zurück und hat in einem Hotel gefragt, ob wir auf der Wiese neben dem Hotel schlafen dürfen. Der Angestellte gab ihm vorsichtig ein ja, müsse aber noch seinen Chef fragen. Als wir vor dem Hotel standen, war es schon dunkel und der Angestellte kam uns mit einem Kopfschütteln entgegen. Er zeigte uns auf der Karte eine Wiese, nicht weit entfernt, wo wir keine Probleme mit streunenden Hunden bekommen werden. Leider stellte sich das als falsch heraus und wir suchten weiter. Die beruhigende Wirkung der Banane für unsere Bäuche war inzwischen schon wieder verflogen, zusammen mit der Freude. Wir fragten eine Gruppe von Männern vor einer Kfz-Werkstatt, ob die einen Schlafplatz für uns hätten. Kurz darauf folgten wir einem der Herren, welcher uns mit seinem Auto zu seinem Grundstück führte, auf welchem wir unsere Zelte aufschlagen durften und wir Schutz hatten vor den streunenden Hunden. Er selber wohnt nicht dort, da es alles noch eine Baustelle ist. Er meinte nur, wir sollten sein Namen und Telefonnummer aufschreiben, da die Nachbarschaft nach dem rechten schauen wird und es gut für uns sei, wenn wir seinen Namen kennen und Nummer hätten – Danke Kristi Allakaj!

Wir schlugen unsere Zelte auf, suchten ein geeignetes Fleckchen für die Duschsäcke. Ich durfte als erstes in den Genuss kommen, mit kaltem Wasser meinen Körper vom Schweiß zu befreien. Währenddessen tauchte eine Gruppe, vielleicht von acht Jungs auf, um nach dem rechten zu schauen. Ich noch ganz entblößt, fing an mich zu beeilen und gesellte mich im Schlüpfer zur großen Runde. Wie Kristi uns schon angedeutet hatte, schauen die Nachbarn nach dem rechten. Sie fragten uns, ob wir irgendwas benötigen – Wasser, Essen, Bier. Wir waren aber nach dem Einkauf gründlich versorgt. Nach ein paar Minuten gingen die Jungs und wir fingen an das Essen zuzubereiten. Es gab Reis mit Gemüse und Sauce. Zum ersten Mal auf der Reise hatten wir den Luxus mit zwei Kochern zu arbeiten.
Die Zelte waren aufgebaut, jeder hatte geduscht, das Essen war super lecker und wir alle waren satt. Ich nenne das mal ein happy end 😉

Am nächsten Morgen starteten wir um 10 Uhr. Für uns beide schon ganz schön früh 😉 Mathilde hatte diesen Morgen Probleme mit dem Nacken. Tobi empfahl ihr unsere Wärmesalbe. Bevor wir in die Pedale traten, wurden die Mägen mit Leckereien versorgt. Yoann spielte in der Zeit Musik mit seiner Flöte und sang dazu auch noch. Das klang gar nicht mal so schlecht. Tobi fing an dazu zu tanzen oder so ähnlich – der Cobra move ;-)Das Wetter meinte es an diesem Tag nicht so gut mit uns. Zu Beginn war es ein ständiges stop and go – Regenjacke an und wieder ausziehen. Wir fuhren zur Kfz Werkstatt zurück, um uns nochmal für den Schlafplatz zu bedanken. Leider war Kristi nicht anwesend. Dafür kamen wir mit einem älteren Mann ins Gespräch, welcher verdammt gut deutsch konnte. Die Franzosen schüttelten nur mit dem Kopf – schon wieder jemand, welcher deutsch spricht. Der Herr lebte für eine längere Zeit in Deutschland, allerdings ist dies schon über dreißig Jahre her und seitdem hat er nicht mehr so oft deutsch gesprochen. Respekt an sein Erinnerungsvermögen.

Unser nächstes Ziel hieß Prizren, ein kleines nettes, laut Internet, sehenswerte Ortschaft. Dort wollten wir für zwei Nächte auf einem Zeltplatz nächtigen, welcher sich in guter Stadtnähe befindet. Dafür mußten wir allerdings noch ca. 65 km in die Pedale treten und das bei diesem ach so schönem Wetter. Kaum haben wir die Stadt verlassen, passierten wir den Supermarkt, welchen wir tags zuvor zwei Kilometer außerhalb des Örtchens aufsuchten. Und wer kam da auf uns zugestürmt? Ja, der Mann, welchen wir gestern gesucht hatten. Und siehe da, es war der richtige Supermarkt! 😀 Der Verkäufer ist sein Bruder und der alte Mann, der sogar ein wenig deutsch konnte, ist sein Vater. Wieso konnte keiner was mit unser Beschreibung anfangen? Zudem hatten wir uns wohl nur knapp verpasst. Er spendierte jedem von uns eine Banane und eine Flasche Wasser. Danke 🙂

Zurück auf der viel befahrenen Straße überholten uns viele Landmaschinen. Yoann trat wie aus dem Nichts in die Pedale und hing sich in den Windschatten einer solchen Landmaschine. Ich sah dies als eine Herausforderung und zog nach. Wir schauten uns an und lachten. Mathilde und Tobi fuhren in ihrem Tempo weiter. Yoann und ich wollten dagegen noch schneller fahren. So überholten wir bei der nächsten Gelegenheit die Landmaschine und fuhren die nächsten Kilometer mit über 40 kmh über die Straße entlang. Von den anderen beiden war keiner mehr zu sehen. Unsere Schenkel brannten und wir fuhren keine 30 kmh mehr. Circa 10 km vor Prizren machten wir eine Pause und warteten ausgepowert auf die anderen. Unser Ziel lag nun direkt vor uns und das Wetter war gnädig mit uns. Die ersten Meter waren noch nicht so überzeugend. Als wir das Zentrum erreichten, wurden unsere Erwartungen bestätigt – der Fluss ‚Verona‘, der Boulevard, die Moscheen und die Festung ‚Kalaja e Prizrenit‘.
Unsere Mägen schrien nach Nahrung und wir wurden auch schnell fündig – das Restaurant hieß ‚Meti‘, es liegt direkt am Fluss und ist absolut zu empfehlen. Jeder von uns bestellte drei Speisen. Der Kellner merkte sich dies alles, ohne eine Notiz. Wohl bemerkt redeten wir nicht in der Reihenfolge. Es hat keine fünf Minuten gedauert und wir hatten unsere Salate auf dem Tisch mit Brot. Kurze Zeit später folgte der Rest und der Tisch war übersät mit Tellern voller Essen – Omelett, Carbonara, Pommes, Pizza, Schnitzel, Getränke. Wir waren halt hungrig 😉

Im Kosovo gibt es viel Armut und so gehört es zum Alltag, dass des Öfteren Mütter mit ihren Kindern, nur Kinder oder ältere Menschen vor unserem Tisch standen und die Hände aufhielten und nach Geld fragten. Für uns alle war dies eine unangenehme Situation – wir sitzen da mit einem Berg von Essen auf dem Tisch und diese Leute leben in absoluter Armut. Der Kellner bittete des Öfteren die Gäste beim Essen zu stören, aber kaum waren die weg, kamen die nächsten. Am Ende gaben wir unser Brot ein paar Kindern. Als wir bezahlen wollten, kamen wir mit dem Kellner ins Gespräch. Dabei erfuhren wir, dass das durchschnittliche Einkommen bei 250 € im Monat liegt und bei weitem nicht jede Person eines Haushaltes arbeitet. Sicherlich ist das nicht mit Deutschland vergleichbar, wo 250 € im Monat einfach mal nichts sind, dennoch ist es auch für die Leute im Kosovo sehr wenig Geld. Wir waren Tags zuvor schon im Supermarkt einkaufen und 10 bis 13 € für zwei Leute für Abendbrot und Frühstück sind schon notwendig (Gemüse, Brot, Wasser, Reis, Obst und ein bisschen Schokolade plus Cola).

Gestärkt machten wir uns auf den Weg zum Zeltplatz. Dort angekommen, fragten wir uns, ob wir hier wirklich richtig sind. Es stand zwar ein Zelt auf dem Platz, dennoch erweckte sich bei uns nicht der Eindruck, auf einem Zeltplatz zu sein. Aber ein sehr schickes Fleckchen Erde so mitten zwischen den Bergen direkt an dem Fluss ‚Verona‘. In der Mitte des Platzes befand sich ein Häuschen in der ein paar Jungs saßen. Beim Betreten dieses kam uns der Geruch von ‚weed‘ entgegen – unsere Zweifel hier richtig zu sein wuchsen. Dazu fing ein großer, nicht gerade sehr nett aussehender Hund an zu bellen – zum Glück war der Hund angekettet. Dann kam uns ein großer Mann namens Hamit entgegen – ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Er erklärte uns im gebrochenem Englisch, dass wir hier richtig sind. Auf die Frage, wo wir uns hier duschen könnten, zeigte er auf einen Schuppen, wo draußen ein Waschbecken angebracht war, welches das Bad war, innen zwei Toiletten sich befanden, plus eine Dusche im Anbau, welche mit Matratzen gefüllt war. Während Hamit die Matratzen wegräumte, fragten wir uns, was wir überhaupt bereit wären zu zahlen? Keiner hatte so wirklich Lust hier zu bleiben, jedoch fehlten uns die Alternativen. Wir planten für zwei Nächte in dem Örtchen Prizren zu verweilen und uns am nächsten Tag die Stadt anzuschauen, ohne dabei die Zelte abbauen zu müssen und alle Sachen mitzuschleppen. Inzwischen war Hamit fertig und präsentierte uns die Dusche. Leider gibt es hier kein warmes Wasser. Von den Toiletten war ich auch gleich ‚unglaublich‘ begeistert – französische Toiletten. Wer denkt sich nur so ein Scheiß aus (Zielscheißen)? Die Franzosen! Da mussten wir gleich mal mit Yoann und Mathilde klären, was die Franzosen sich dabei nur gedacht haben 😉 Ob jemand auf dem Klo hockt und sein Glück versucht, sieht man daran, ob man Füße von außen unter den Holzbrett-Wänden zu sehen sind. Sehr edel 😉 Als Hamit uns mitteilte, dass wir hier umsonst schlafen können und er tagsüber auf unsere Zelte aufpassen würde, waren wir total begeistert und fanden den ‚Zeltplatz‘ auf einmal doch gar nicht so übel. Zudem hatten wir auch WiFi 😀 Abends kochten wir uns was leckeres. Um das Häuschen in der Mitte des Platzes gab es jede Menge Sitzgelegenheiten dafür. Musik dröhnte aus den Boxen und wir beobachteten, wie nach und nach mehr Leute kamen. Alle mit dem Ziel, entspannt eine zu rauchen. Die Musik dröhnte noch bis tief in die Nacht hinein.

Am nächsten Tag setzten wir uns auf die Fahrräder und fuhren durch die Stadt, schauten uns ein paar Sehenswürdigkeiten an, gönnten uns ein Eis und abends fanden wir uns im Restaurant vom Vorabend wieder. Der Kellner von gestern war auch wieder da und begrüßte und herzlichst und bat uns Sitzplätze an. Sein Name ist übrigens Herolind. Kurze Zeit später wussten wir alle was wir wollten und gaben diese bei Herolind auf. Er merkte schnell, dass ich das wählte, was Yoann tags zuvor gewählt hatte und Tobi das, was ich tags zuvor gewählt hatte. Darauf fragte er mit einem leichtem Grinsen, warum wir nicht einfach sagen, dass der eine das gleiche nimmt, wie der andere gestern bestellt hatte. Wir fingen an zu staunen und mussten lachen. Das nennen wir mal ein Erinnerungsvermögen aller erster Klasse. Nach dem Essen bestellten wir uns noch ein Eis, wie tags zuvor und erlaubten uns den Spaß, einfach zu sagen: „Jeder von uns hätte gerne die gleichen Eissorten wie gestern.“ Er antwortete prompt und zählte die Eissorten jedes einzelnen auf. Wir mussten einfach nur lachen.
In der Zwischenzeit dachten wir, Herolind wäre mit seinem Erinnerungsvermögen der ideale Jurist oder Mediziner. Wir nutzten die Gelegenheit und fragten ihn, ob er sich sowas nicht vorstellen könnte. Darauf antwortete er, dass er Jura studiere. Wir sagten: „Mensch, da wissen wir ja, an wen wir uns wenden müssen.“ Darauf meinte er, dass dies nicht so einfach geht. Erstens besteht für einen Kosovaren keine Möglichkeit, ohne Visum nach Deutschland oder Frankreich zu kommen und es ist auch mit viel Aufwand verbunden eines zu erhalten. Und wenn du ein Visum bekommst, dann nur für ein bis zwei Wochen. Zudem wird ein Studium im Kosovo nicht in Deutschland oder Frankreich anerkannt, weil in den Universitäten des Kosovos viele Abschlüsse gegen Bezahlung gegeben werden, natürlich illegal. Damit ist der Abschluss außerhalb des Kosovos nicht viel wert. Das nennen wir mal doppelt Scheiße! Zum einen die bürokratischen Hürden seitens des Visums und zum anderen die korrupten Hochschulen. Er meint, da kannst du noch so gut sein, wenn ein Kommilitone bereit ist, für einen guten Abschluss zu bezahlen, wird dieser am Ende mindestens genau so gut abschneiden, wenn nicht sogar besser. Das richtig bescheuerte daran, es ist auch bekannt unter den Bürgern, in der Regierung und über die Ländergrenzen hinaus. Aber die gesamte Regierung sei korrupt, sagt er. Er wird auch nie so viel verdienen und schon gar nicht wie sein jetziger Chef des Restaurants. Wir fragten ihn, woher er die Motivation nimmt, dennoch weiter zu machen. Er meinte, er ist auch mit wenig zufrieden. Wichtig sei ihm, dass sich das System in Zukunft verändert und das sich das noch junge Land weiterentwickelt und Beziehungen zu anderen Ländern aufbaut. Da merkte jeder von uns schnell, wie gut es uns geht. Wir können zum Beispiel in viele Länder der Welt ohne Visum einreisen und eine abgeschlossene Berufsausbildung wird anerkannt. Somit stehen uns die Türen weit offen, während diese sich für manch andere niemals öffnen werden.

Abends war wieder gleiches Programm wie am Vortag. Die Musik dröhnte aus den Boxen und wir beobachteten, wie mehr und mehr Leute kamen und genüsslich einen rauchten. Über den Platz waren Sitzplätze und Tische verteilt und teils auch Hängematten, auf denen es sich sie Leute bequem machten. Tags zuvor dachten wir noch, dies sei nur eine Ausnahme. Im Häuschen saßen die selben Leute wie gestern. Zwei von der Truppe kamen jeden Abend nach dem Feierabend mit dem Motorroller. Während der Beifahrer abstieg, drehte der Fahrer mit dem Roller seine Runden um das Häuschen und versuchte burn outs – manchmal klappte es. Ich fand dies recht witzig und rief zu ihm ‚Valentino Rossi‘ und er schaute mich an und antwortete ‚the doctor‘. Das Eis zu den Jungs schien von nun an gebrochen zu sein. Daraufhin gesellten sich einige der Jungs zu uns und wir kamen ins Gespräch. Einer von ihnen namens Mohamed konnte zwar nur bescheiden Englisch, dennoch quatschten wir, wie auch immer, viel miteinander. Der Beifahrer konnte perfekt deutsch. Er ging in Deutschland zur Schule und hat anschließend bei der Bundeswehr gedient und war auch im Auslandseinsatz (Afghanistan). Er spielte des öfteren für uns den Dolmetscher. Obwohl er in Deutschland zur Schule gegangen ist, dort im Fußballverein war, viele Freunde in Deutschland hat und für den Bund gedient hat, ging er zurück in seine alte Heimat. Hamit kam später noch zu uns und schenkte uns eine Flasche selbstgemachten Rotwein. Die Franzosen waren begeistert und es schmeckte uns allen außer Tobi, dem alkoholfreien unter uns. Der hat ja nicht mal von dem guten Tropfen probiert. Da Alkohol nicht gut ist für den Körper, bleibt er lieber bei seiner ‚gesunden‘ Cola 😉

Am nächsten Morgen machten wir uns wieder auf. Tagesziel war es nicht weit vor der Grenze zu Mazedonien irgendwo die Zelte aufzuschlagen und am nächsten Tag die Grenze zu passieren. Wir hatten die Tage sehr viele Höhenmeter zu bewältigen. So ging es erst zur Kaufhalle, um sich mit dem nötigsten zu versorgen. Uns stehen Regionen bevor, wo nicht alle Nase lang eine Kaufhalle oder Ort liegt. Yoann hatte diesen Tag ein komisches Bauchgefühl, welches ihm sagen wollte, dass es dort, wo wir über die Grenze nach Mazedonien wollen, vielleicht gar keine Grenzstation gibt. Mathilde und er hatten nämlich bei Google Maps keine Straße dafür gefunden. Auf unserer Karte war eine zu sehen. Schalteten wir in Google auf Satelliten-Ansicht um, sahen wir auch dort eine Straße über die Grenze gehen.
Wir fuhren ein letztes mal durch die Stadt und verabschiedeten uns von Prizren. Wir passierten viele Ampeln und an einer stand ein Bus neben uns. Ich befand mich hinter Yoann, Mathilde und Tobi. Ich stand direkt neben dem Führerhäuschen des Buses und sah doch tatsächlich den Führer höchst persönlich im Bus sitzen. Ohne Scheiß, der Busfahrer sah aus wie Adolf. Wir schauten uns gegenseitig an, da zeigt er mit dem Finger auf mein vollgepacktes Fahrrad und grinste. Ich antwortete, indem ich auf mein Gesicht auf die Stelle zeigte, wo Adolf seinen Bart hatte, und anschließend auf ihn. Er antwortete mit gesteckten, rechten Arm und grinste voller Stolz. Ich war perplex. Inzwischen schaltete die Ampel auf grün und die Fahrt ging weiter. Von den anderen drei hat keiner was von der Szenerie mitbekommen. Es sollte nicht die letzte Begegnung dieser Art bleiben.

Nach ungefähr einer Stunde Fahrt entlang der Hauptstraße ging es auf einer Nebenstraße den langen Anstieg in Richtung Grenze hoch. Wir nahmen Serpentine um Serpentine und merkten nach den ersten paar hundert Höhenmeter wie die Temperatur merklich nachgelassen hat. Jeder hatte Lust auf eine Pause und selbstverständlich auf was zu essen. Im Örtchen Dragash hielten wir vor einer dem Anschein nach passenden Lokalität. Leider hatten die Herren nur Getränke im Angebot. Der Kellner organisierte aber Essen von einem Burgerladen von nebenan. Nach ca. 30 Minuten kam der Koch des Burgerladens mit einem Salat und zwei großen Burger für jeden. Tobi und ich rieben uns die Hände und riefen laut ‚GEIL‘, auch wenn diese Burger nicht ansatzweise an die ‚liberty delis‘ aus Rostock herankommen 😉

Nach dem Essen meinte Yoann, wir sollten vielleicht mal den Kellner fragen, ob wir entlang dieser Straße über die Grenze kommen. Yoanns Bauchgefühl begleitete ihn nun schon den ganzen Tag. Leider reichten die Englischkenntnisse des Kellners nicht dafür aus. Das einzige was er verstand war, dass wir irgendwas über die Grenze wissen wollten. Dafür rief er einen Freund an, welcher kurze Zeit später eintraf. Ein junger, moderner Typ, welcher super Englisch sprach. So erfuhren wir, dass es dort keine Grenzstation gibt. Die letzten Kilometer seien auch nur Wanderwege. Wir könnten zwar über diesen Weg nach Mazedonien kommen, aber wir wussten halt nicht, um welche Art von Wanderweg es sich hier handelt und ob wir Probleme bekommen, wenn wir Mazedonien wieder verlassen werden, weil die Herrschaften von der Grenze uns vielleicht fragen würden, wie wir ohne Stempel überhaupt ins Land gekommen sind. Wir überlegten uns Alternativen. Etwa wir fahren ein Stückchen zurück und dann über die Grenze nach Albanien und später über die Grenze nach Mazedonien oder wir fahren zurück nach Prizren und fahren am nächsten Tag zu einer anderen, tatsächlich vorhandenen Grenzstation. Auf die zweite Variante hatten wir am wenigsten Lust, war aber die vernünftigste. Wir bedankten uns bei den Jungs und waren abends zurück auf dem „Campingplatz“ in Prizren. Hamit und die Jungs hatten was zu lachen.

Mathildes Nackenprobleme vom ersten Morgen im Kosovo waren schlimmer geworden. So entschieden die beiden einen Arzt in Prizren aufzusuchen. Dabei trafen sie eine ältere Dame die lange Zeit für die UN im Sicherheitsdienst gearbeitet hat. Sie sprach super Englisch und führte die beiden zu einem Arzt. Der Arzt konnte nichts Schlimmes feststellen. Es handelte sich lediglich um eine Verspannung und sie sollte für mindestens drei Tage das Fahrrad beiseite stellen. Wir überlegten schon vor den beiden Prizren zu verlassen, so gern wir auch mit den zusammen durchtreten würden. Die beiden hatten dafür Verständnis. Wir konnten uns aber nicht entscheiden. Am nächsten Morgen entschieden wir noch eine weitere Nacht in Prizren zu bleiben. An diesem Tage spürte ich, wie mein Körper gegen eine Erkältung ankämpfte. Ich gestand Tobi von meiner Vorahnung und wir achteten darauf, die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Hamit hatte den beiden Franzosen angeboten einen Kumpel anzurufen, welcher Arzt ist und sich den Nacken von Mathilde anschauen könnte. Sich eine zweite Meinung einzuholen, schien den beiden nicht verkehrt zu sein, so nahmen sie sein Angebot dankend an. Im Laufe des Nachmittags kam dieser und konnte nichts anderes feststellen, als der Arzt des Vortages und empfahl ihr Ruhe. Ich ließ mir die Gelegenheit nicht entgehen und ließ mir auch gleich nochmal in den Rachen schauen. Leider bestätige dies meine Befürchtung. Inzwischen merkte ich auch schon ein leichtes Brennen beim Schlucken. Anschließend quatschten wir noch ein Weilchen mit ihm. Dabei quatschten wir viel über den Kosovo. Er liebt sein Heimatland, aber redete dennoch ziemlich schlecht darüber. Viele Leute sind frustriert, dass sie so wenig verdienen und daran nichts ändern können, ausländische Unternehmen das Land ausbeuten und unter den Leuten schnell Neid aufkommt, wenn es bei dem einen oder anderen besser läuft. Aber am meisten stört ihn der mangelnde Respekt von den Kosovaren gegenüber der wunderschönen Natur des Kosovos. Wir verstehen was er meint. Streift man die Straßen lang, sieht man viel Müll. Selbst im Fluss sammelt sich viel Müll. Uns ist dies aber schon in anderen Ländern auf dem Balkan aufgefallen (Serbien, Bosnien, Montenegro). Wir erklären und das so, dass das Bewusstsein größtenteils dafür noch nicht vorhanden ist, wie in anderen Ländern, was aber auch damit zusammen hängt, dass die Leute andere Sorgen haben. Insgesamt bezeichnet der Arzt den Kosovo als das schwarze Loch von Europa. Schon sehr negativ, wie wir es empfinden, wenn auch teils verständlich.

Zum Kaffee waren wir alle bei der Dame von der UN eingeladen. Dazu gesellten sich noch Freundinnen von ihr. Es war eine witzige Runde. Wir gewannen immer mehr den Eindruck, was für eine Powerfrau sie wohl gewesen sein muss und auch heute noch ist. Mit ihrem Auftreten hatten die meisten Männer nichts zu sagen und das in einem Land, zu einer Zeit, wo einer Frau nicht soviel Rechte zustanden, wie in Ländern unserer Vorstellung. Zum Beispiel gab es keine Frau in ihren jungen Jahren, welche Fahrrad fahren durfte. Dies war ein Privileg der Männer. Unbeeindruckt von dessen, setzte sie sich aufs Fahrrad und gilt seit dem als die erste Frau, welche in der Gegend Fahrrad fuhr. Heute ist das nichts ungewöhnliches mehr, aber noch immer reden die Leute über ihren Mut und es hat mit Sicherheit viele Frauen ermutigt, es ihr gleich zu tun und die Veränderung in der Region, gleiche Rechte für Frauen, beschleunigt.

Inzwischen war ich mir sicher, dass ich mich erkältet habe. So kam es, dass ich den nächsten Tag fast nur geschlafen habe. Zum Glück ohne lästigen Husten oder Fieber. Den Tag darauf ging es schon wieder steil bergauf. Dennoch wusste ich, dass ich noch drei bis vier Tage brauchen werde, bis ich mich wieder aufs Fahrrad schwingen werde. Auf dem Weg zur Grenze von Mazedonien gibt es keine Möglichkeit sich warm zu fahren, da es von Beginn an nur bergauf geht. Somit hat sich das Blatt gewendet und es war nicht mehr die Frage, ob wir auf Yoann und Mathilde warten, sondern ob die auf uns warten. Ihnen erging es wie uns bei ihren Überlegungen und entschieden sich auch genauso – sie fuhren vor uns los. So wie sie für unsere Entscheidung Verständnis hatten, haben wir Verständnis für ihre Entscheidung. So genossen wir den letzten Tag mit ihnen und verabschiedeten uns am nächsten Morgen (drei Nächte nach dem Treffen mit der UN-Dame). Auf Wiedersehen Mathilde und Yoann! War sehr schön mit euch! 🙂

Wir hatten richtig Lust das gleiche zu tun, wieder in die Pedale zu treten. Wir überlegten, wie wir die Zeit am besten nutzen können und uns fiel doch glatt ein, dass wir noch einen Blog haben, wo wir Euch mit Neuigkeiten versorgen – kleiner Spaß am Rande 😉 Wir fackelten nicht lange und machten uns an die Arbeit. Das heißt Revue passieren lassen, was wir alles erlebt haben, darüber quatschen, dazu Bilder anschauen und gleichzeitig sortieren und auf die Webseite hochladen und unsere Erlebnisse in die Tasten hauen. Wir hatten schließlich gut was aufzuholen – insgesamt galt es sechs Beiträge zu veröffentlichen 😉

Eine kleine Anekdote. Als ich morgens meine Zähne putzte, kam ein alter Mann auf den Platz und ging in Richtung Häuschen. Wir hatten ihn schon öfters hier gesehen. Hamit und die Jungs waren zu diesem Zeitpunkt nich anwesend und er kam zu mir und fing an mit mir zu sprechen. Ich signalisierte ihm, dass ich ihn nicht verstehe und er fragte mich, woher ich denn komme. Ich antwortete „I’m from Germany“ und er fing an zu grinsen. Daraufhin zeigte er mit seinem Daumen nach oben und sagte „Sieg Heil“ …(Sekunden vergingen, während er auf eine Reaktion meinerseits wartete)…“Adolf Hitler was a good man“. Darauf ging er wieder. Ich schaute ihn noch ein Weilchen hinterher und dachte mir meinen Teil. Tobi erzählte ich davon und er schaute mich dabei fassungslos an. Uns würde echt mal interessieren, was den Leuten hier in Geschichte vermittelt wurde. Mit einem der einheimischen Jungs quatschte ich auch noch darüber und er erklärte mir, das die Nazis die Albaner im Zweiten Weltkrieg unterstützt haben bei der Errichtung Großalbaniens. Viele Leute hier, sehen die Geschichte nur von dieser Seite und nicht die andere – wie oben bereits erwähnt.

Zur Ablenkung gingen wir hin und wieder in die Stadt zu ‚unserem‘ Restaurant und quatschten mit den Freunden von Hamit. Eines morgens kam ich nach dem Frühstück mit einer Frau ins Gespräch – den Namen von ihr weiß ich leider nicht mehr. Sie kommt jedenfalls aus Prizren, wohnt aber in der Hauptstadt des Kosovos ‚Prishtina‘ und ist nur übers Wochenende hier zu Besuch. Sie studierte Journalismus und arbeitet als Journalistin für eine Zeitung. Wir sprachen über ihren Beruf und unsere Reise. Dazu erzählte ich ihr von den unterschiedlichen Ansichten zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Ich erzählte ihr von unseren Begegnungen in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und jetzt hier und die Ansichten der einzelnen. Nach unserer jetzigen Einschätzung, wird die Geschichte in Serbien und im Kosovo teils sehr einseitig wiedergegeben – die anderen sind schuld. Sie kennt das Problem und weiß wie man auch heute täglich Propaganda betreibt, um die Leute zu manipulieren und auf seine Seite zu ziehen. Später erzählte sie von ihren eigenen Erlebnissen aus dem Kosovokrieg.
Zunächst ein kleiner Ausflug in die Geschichte. Tobi das Brain hat mich inzwischen voll infiziert sich mit der Geschichte der Länder zu beschäftigen (vielleicht geht es einigen von Euch genauso?). Tobi hat ein Buch von dem Herrn Kurt Köpruner mit dem Titel „Reisen in das Land der Kriege: Erlebnisse eines fremden in Jugoslawien“. Ich hatte mich in dem Buch mit dem Kapitel „Das Problem >>Kosovo<<“ beschäftigt. Darin kritisiert der Autor deutlich die einseitige Berichterstattung der westlichen Welt. Demnach haben die Serben in ihrem nationalistischem Wahn nach einem Großserbien die übergroße Mehrheit der Albaner in dieser Region vertreiben wollen und schreckten dabei auch nicht vor Massenvertreibungen oder systematischem Völkermord zurück. Das ist die eine Seite der Geschichte, die westliche Darstellung. In Wahrheit ist die Geschichte viel komplizierter. Grob zusammengefasst wurden in der Geschichte mal die Serben und mal die Albaner drangsaliert, je nach bestehenden Kräfteverhältnis, welches sich mehrmals in der Geschichte änderte. Beide Volksgruppen wurden in der Geschichte durch die Kriege stark dezimiert. Die Albaner gelten als sehr fruchtbares Volk. So kam es, dass die Serben im Kosovo den Albanern von der Anzahl der Bewohner mit zunehmender Zeit stark unterlegen waren. Unter Tito hatten das Kosovo und die Vojvodina einen Sonderstatus (eigenes Parlament, eigenes Bildungswesen etc pp). Diesen Status versuchte Milosevic allmählich abzuschleifen. Ein gewisser Ibrahim Rugova wehrte sich friedlich dagegen. Dabei handelt es sich um einen ausgezeichneten Literat, Ehrendoktorant und Nationalheld und späteren Präsidenten des Kosovos. Er wollte im Gegensatz zu Milosevic die absolute Unabhängigkeit des Kosovo gegenüber Serbien. Dank der übermächtigen Anzahl an Albanern gegenüber den Serben, hatte er den Großteil der Bevölkerung hinter sich und er formte ein System (Bildung-, Recht-, Polizeisystem…), welches absolut unabhängig von Serbien war. Auf diesem Wege versuchte dieser Mann friedlich ein unabhängiges Kosovo zu schaffen. Dabei bat er mehrmals eindringlich um internationale Unterstützung, um ein wiederholtes Blutvergießen zu verhindern, leider anfangs vergeblich. Die Serben wehrten sich. Zeitgleich entstand die paramilitärische Organisation ‚UÇK‘ auf albanischer Seite. Die Organisation für die auch Hamit gedient hat. Diese Organisation kämpfte aktiv gegen die Serben, für ein freies und unabhängiges Kosovo. Die UÇK hatte keine weiße Weste. Sie verübten Anschläge gegen die serbische Polizei und Zivilisation, den sowohl Serben als auch Albaner zu Opfern fielen. Moderate Albaner, welche dem Blutvergießen Einhalt gebieten wollten, wurden selbst schnell zu Opfern der UÇK. Diese Organisation wurde von vielen Seiten als Terrororganisation bezeichnet. Für manche Gruppen des Westen war solch eine paramilitärische- / terroristische Organisation die ideale Gelegenheit ihre geopolitischen Interessen durchzusetzen. Wie in anderen Teilen der Welt auch heute noch.
Zurück zu den Erlebnissen der Journalistin. Während des Kosovokrieges waren serbische Streitkräfte dabei die Albaner zu vertreiben. Viele wurden hingerichtet. Sie und ihre Familie versteckten sich bei ihrem Onkel im Haus. Das ganze ging drei Monate lang und die Nahrung wurde knapp. Bisher haben die serbischen Einheiten sie und ihre Familie noch nicht gefunden, waren aber immer noch aktiv. Eines Tages kamen die Streitkräfte zu ihrem Haus. Die ganze Familie war verzweifelt und der Onkel hatte keine Lust dem einfach zuzuschauen und beschloss sich den Truppen zu stellen. Die Familie wollte ihn davon abhalten. Er sah einfach keinen Sinn mehr, sich noch weiter zu verstecken und darauf zu warten, bis sie seine Familie finden, abführen oder alle hingerichten werden. Die Zeit war inzwischen weiter vorangeschritten und inzwischen marschierte den Geräuschen nach zu urteilen ein ganzes Battalion am Haus vorbei. Er war verzweifelt und ging in Richtung Tür. Die Familie folgte ihm. Sie öffneten die Tür und sie dachte „das wars dann wohl“. Sie hatten alle fürchterliche Angst. Als sich die Tür öffnete, bestätigte sich ihre Vermutung und die ganze Straße war voller Soldaten und Militärfahrzeuge. Sie befanden sich alle in Bewegung und passierten ihr Haus. Sie und ihre Familie trauten ihren Augen nicht. Es fühlte sich für sie wie ein Wunder an, als sie die deutsche Flagge auf den Uniformen der Soldaten sahen. Das war ihre Rettung. Sie hofften seit Monaten auf internationale Unterstützung. Wie schon mal in der Geschichte, waren es deutsche Soldaten, welche die Albaner schützten. Ein wesentlicher Grund, warum die Deutschen dort sehr beliebt sind. Bis heute ist die Bundeswehr dort stationiert und auch willkommen.
Während sie mir ihre Erlebnisse erzählte und ich ihre Augen sah, bekam ich Gänsehaut. Sie bemerkte dies und wir holten und was zu trinken und redeten viel über die Geschehnisse von damals und heute. Mein Ziel war es, diese Geschichte so emotional rüber zu bringen, wie ich sie empfunden habe. Hoffe es ist mit bei dem einen oder anderen von Euch gelungen? Leider musste sie kurze Zeit später zurück nach Prishtina. Wir verabschiedeten uns und anschließend wurde wieder fleißig in die Tasten gehauen.

Inzwischen war dies für Tobi und mich wie ein Zuhause. So böse manche Gestalten auch schauten, wir hatten niemals Probleme oder fühlten uns unwohl. Selbst die Hündin Bia, welche uns anfangs stets angeknurt hatte, wedelte inzwischen mit dem Schwanz, wenn sie uns sah. Hin und wieder streichelten wir Bia. Hamit hat sich darüber super gefreut, dass wir uns mit Bia angefreundet haben. Sie ist echt nicht einfach. Früher wurde sie für Wetten in Hundekämpfen eingesetzt. Sie hat ein absolut liebes Herz, bekommt sie jedoch auch nur ein bisschen Angst, wird sie schnell aggressiv. Wir wären nicht die ersten gewesen, welche von ihr gebissen werden. Wenn keine fremden Leute auf dem Gelände waren, konnte Hamit sie von der Leine lassen, ohne um uns Angst haben zu müssen. Hamit und Mohamed erzählten uns von ihrem Bruder. Leider lebt dieser Hund nicht mehr, weil dieser von einem Bären getötet wurde. Wir fragten wo. Sie antworteten hier auf dem Gelände. Tobi und ich bekamen ganz große Augen. Sie lachten über unsere Gesichtsausdrücke. Darauf erzählte Hamit dass hier zwei Bären leben. Einer auf der Ostseite und der andere auf der Westseite des Flusses. Wir fragten, ob sie nicht Angst hätten. Sie antworteten nein, weil der Bär sich nicht für Menschen interessiert und der Hund war halt nicht angeleint und ging auf den Bären los. Der Bär holte einmal mit der rechten und linken Pranke aus und ging weiter. Der Hund war sofort tot.

Während ich Bia streichelte kam die nächste böse aussehende Gestalt namens Suat. Aufgrund der schwierigen Lage im Land, wuchs er bei seiner Tante in Deutschland am Bodensee auf. Er besitzt eine eigene Firma zur Ausbildung von Personenschützern. Seine Spezialität ist Krav Maga – Selbstverteidigung. Ihm wurde in Israel die Kampfkunst gelehrt. Wir fanden seine Geschichten sehr spannend und wollten ein paar Tricks lernen. Tobi hatte schon ein paar mal angemerkt, dass er ja nicht der größte sei. Suat ist nochmal einen Kopf kleiner als meine Wenigkeit. Somit hatte er sein Übungsopfer gefunden 😉 Er sagte, dass du alles trainieren kannst und am Ende vielleicht aussiehst wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Jahren. Was du jedoch nicht trainieren kannst sind die Gelenke. Die bleiben die Schwachstellen. Genau das nutzt du aus. Er gab Tobi ein Messer in die Hand und er sollte ihn angreifen. Tobi war noch recht zögerlich und wollte dem kleinen Mann nicht weh tun. Er brüllte Tobi an und die Show begann. Ich hatte gut zu lachen. Tobi schrie sogar einmal vor Schmerzen. Wahnsinn wie schnell Tobi das Messer verlor und im Ernstfall tot gewesen wäre. In seiner anderen Vorführung setzte er sich auf den Stuhl und einer sollte ihn von hinten angreifen. Wir haben ein bisschen was gelernt und waren absolut perplex, was so alles möglich ist. Auch bemerkenswert war, wieviel Sprachen er spricht – Deutsch, Englisch, Albanisch, Serbisch, Türkisch und Hebräisch. Später ging er mit uns in die Stadt und zeigte uns ein paar schöne Ecken, welche wir noch nicht kannten. Zudem brachte er mich zu seinem Cousin, welcher Friseur ist und meine Haare wieder in Form brachte. Seit unserer Abfahrt in Rostock sind sie doch schon wieder ein bisschen länger geworden 😉 Der Typ zeigte mir jede Menge Tricks mit der Schere. Tobi und Suat hatten gut was zu lachen, während ich nur dachte: „Scheiße, gleich steckt die Schere in meinem Kopf.“ @Nadine: An Deine Schneidkünste kam er nicht ran. Du bleibst die unangefochtene Nummer eins, wenn es darum geht meine Haare irgendwie in Form zu bringen. Nächstes mal lass ich dich einfliegen 😉 Später kauften wir fleißig ein und machten einen dicken fetten Salat für alle bös blickenden Jungs. War ein geiler Abend 🙂

Am nächsten Tag schrieben wir wieder fleißig. Abends kam ein Mann namens Jürgen aus Deutschland mit seinem Motorrad und baute sein Zelt auf. Wir quatschten den Abend viel mit ihm. Er hat schon des öfteren Weltreisen mit seinen Motorrad gemacht. Er war unter anderem schon in Afrika, Europa und Asien unterwegs. Diesmal ging seine Reise nach Singapur. Er hatte sogar mal einen 10-seitigen Reisebericht in einer Motorradzeitschrift veröffentlicht. Unter anderem war er auch schon im Iran. Wir fragten ihn aus und hörten gespannt zu. Er meint, dass sei eines der gastfreundlichsten Länder, welche er je bereist hat. Warum? Weil die Leute einen gerne zu sich nach Hause einladen und die ganze Familie vorstellen und du auch mal schnell drei Tage irgendwo wie gefangen nicht vorwärts kommst. Dauert halt ein bisschen, bis dir alle vorgestellt wurden. Teils empfand er es auch schwierig, weil du nicht vorwärts kommst und wenn du nein sagst, es wie eine Beleidigung für die ist. Tobi und ich können es kaum erwarten in diese Art von Gefangenschaft zu kommen 😉 Am nächsten Morgen war er schon wieder weg. Dafür gesellte sich ein neuer Gast zu uns – eine Radreisende aus der Slowakei. Sie fuhr von der Slowakei bis nach Griechenland und wieder zurück. Dann geht sie wieder ein bisschen arbeiten und spart sich Geld für ihre nächste Reise. Abends gingen wir gemeinsam mit ihr in unser Lieblingsrestaurant und stellten ihr Herolind vor. Leider fuhr auch sie am nächsten Tag weiter und unsere Lust endlich aufzubrechen war wieder voll geweckt. Mir ging es inzwischen gut, aber unsere Hausaufgaben, die Blogeinträge, waren noch nicht fertig. So beschlossen wir unseren Aufenthalt weiter zu verlängern und dafür danach richtig durchzuziehen 😉 Zudem fragten wir Hamit, ob er jemanden kennt, welcher uns zur Grenze fährt. Er meinte, dass sei kein Problem und wir würden wieder einen Tag rausholen. Wir sollten ihm halt nur rechtzeitig Bescheid geben.

Mit dem neuen Plan waren wir am nächsten Tag wieder voll motiviert weiter die Artikel zu veröffentlichen und zu schreiben, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, nicht vorwärts zu kommen. Abends war wieder Party auf dem Platz. Zudem lernte ich ein paar neue Gesichter kennen. Mit einem von ihm namens Miri kam ich ins Gespräch. Während Tobi fleißig weiter schrieb, setzten wir uns zu viert ins Auto und fuhren ein paar Runde durch die Stadt. Teils wurde daraus ein Rennen. Wenn hübsche Mädchen in der Nähe waren, wurden die Scheiben runter gelassen und irgendwie auf sich aufmerksam gemacht B-)

Tobi und ich haben des öfteren schon mit Einheimischen über die Frauen in Prizren gesprochen. Wir haben inzwischen echt schon viel gesehen. Jeder Ort hat eine unterschiedliche Dichte an hübschen Frauen. Auf unserer bisherigen Reise ist Prizren die absolute Nummer eins. Und die Jungs genießen das 😉 Ein fruchtbares Volk die Albaner, wie andere Historiker es schon geschrieben haben. So manche scheinen hier Frau und Kind zu besitzen und lassen sich dennoch nicht davon abhalten fröhlich weiter zu machen. Miri meinte nur, wenn die Mädels wüsten, dass wir aus Deutschland kämen, dann stehen sie Schlange. Wir fingen an zu lachen und dachten uns unseren Teil. Später kamen wir noch mit einem anderen aus der Runde namens Arsim ins Gespräch. Er kommt von hier und arbeitet in der Schweiz. Von ihm haben wir auch noch viele interessante Sachen über das Land erfahren. War ein cooles Gespräch.

Zwölf Tage nachdem wir in den Kosovo eingereist sind, hieß es auch für uns wieder in die Pedale zu treten und sich zu verabschieden. Wir werden die Jungs vermissen. Wir fühlten uns hier super wohl. Die Beiträge waren inzwischen auch alle online. War übringens unsere längste Zeit, die wir hintereinander im Zelt geschlafen haben. Hamit hatte ein Auto von der Stadt Prizren organisiert, mit dem es auf in Richtung Grenze ging. Bevor es losging verabschiedeten wir uns von vielen Jungs – Danke für die geile Zeit und vielleicht sieht man sich ja wieder. Zur Fahrt zur Grenze gesellte sich spontan noch ein guter Freund von Hamit zu uns. Während der Fahrt durch die Serpentinen schauten wir nicht schlecht, was die beiden so wegrauchten und wieviel Bier die beiden tranken. Jap, auch der Fahrer. Unterwegs hielten wir noch bei einer Polizeistation, wo wir einen kleines Hundebaby abgegeben haben, welcher uns schon die ganze Fahrt begleitet. Die Polizisten waren stolz wie bolle und interessierten sich wenig für die etlichen, inzwischen geleerten Bierdosen im Cockpit.

Während weiter durch die Berge fuhren hielten wir hier und da mal an und schauten uns die traumhafte Landschaft an. Die beiden erzählten uns von den etlichen Downhillstrecken und Skipisten. Die Natur sei, auch wenn sie dies kennen, immer wieder ein Traum. Und im Winter liegt immer super viel Schnee und die Skibedingungen sind einfach ein Traum. Ski fahren im Kosovo war für uns neu. Weiter den Straßen entlang sahen wir etliche Hotelanlagen, welche Hauptsächlich im Winter für die Skitouristen genutzt werden. Ein kleiner Geheimtipp für die Wintersportler unter Euch 😉

Weiter in Richtung Grenze sahen wir einige Denkmäler, welche an die ‚UÇK‘ erinnern. Wir fragten uns, wie wohl die Serben, welche hier auch heute noch leben, damit umgehen. Nicht weit vor der Grenze, passierten wir eine Polizeikontrolle. Als die Polizisten erkannten, dass Hamit am Steuer saß, winkten sie uns gleich durch. Andere Autofahrer durften erst einmal aussteigen. An der Grenze angekommen, hieß es auch von Hamit Abschied nehmen. Danke Hamit für alles! Hamit ist demnächst für vier Wochen in Istanbul, vielleicht sehen wir uns in Istanbul wieder 🙂 War auf jeden Fall eine tolle Zeit im Kosovo! 🙂

2018-06-26T13:19:48+00:00 01.10.2016|Kosovo|0 Kommentare