28 | Mazedonien

22.09. – 27.09.2016 | Das Einzige was wir vor der Reise mit Mazedonien in Verbindung brachten, war lediglich die Hauptstadt und dass Toni Micevski in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre für den FC Hansa Rostock gespielt hatte. Früher als die Leichtathletikwettkämpfe noch im alten Ostseestadion stattfanden und samstags die Profis trainiert hatten, bin ich zwischen oder nach den Läufen immer mit meinem Vater zum Training hin, um mir ein Autogramm zu holen, so auch von Micevski.

Vor der Reise haben wir uns mit einigen Ländern mehr beschäftigt, mit anderen Ländern wiederum weniger, je nach Interesse und Zeit. Es war bisher schön gewesen, schon einiges über die jeweiligen Länder zu wissen bzw. über eine gewisse Grundlage zu verfügen, um in späteren Gesprächen mehr über dies und jenes zu erfahren. In Ermangelung der Zeit neben der damaligen Arbeit und während der Vorbereitung, konnten wir uns aber nicht mit allen Ländern megadoll beschäftigen, da ist dann die Neugier und das Überwinden der eigenen Schüchternheit vor Ort gefragt. Und nun waren wir hier, in Mazedonien, ohne wirklich irgendeinen Schimmer vom Land zu haben. Von der Grenze bis nach Tetovo war es nicht weit, vielleicht 20 km. Die Leute aus Prizren haben öfter mal gemeint (als sie gehört hatten, dass wir nach Tetovo fahren), dass Prizren und Tetovo wie Bruder und Schwester sind. Ähnliches Stadtbild, Historie (u.a. Osmanen), ein Fluss, der ebenfalls durch die Stadt fließt und hübsche Frauen. Nur sind sie durch das wunderschöne Sharrgebirge getrennt. Als wir das hörten, flachsten wir rum und meinten, dass wir da auch eine Woche bleiben werden. Im Dunkeln angekommen, kamen uns ob dessen, was sich uns bis dato offenbarte, aber bereits erste Zweifel und wir fragten uns, ob die Leute dicht waren, als sie uns davon
berichteten.

Am nächsten Tag sollten wir uns die Frage vom Vortag selber mit ‚Ja‘ beantworten. Wir ließen Tetovo hinter uns und machten uns nun auf den Weg in den Mavrovo- Nationalpark. Was wir im Netz sahen, ließ ob der zu erwartenden Natur die Vorfreude steigen. Um ein paar Höhenmeter einzusparen, folgten wir der Hauptstraße, welche aus Tetovo rausführte und ließen die am Fuße der Berghänge verlaufene Straße (welche wir ebenfalls hätten nehmen können) beiseite. Nach ein paar Kilometern sahen wir eine Mautstation und fragten uns, ob hier denn etwa eine Autobahn langführt. Fix genauer auf die Karte geschaut und „jo, hier geht ’ne Autobahn lang“. So haben wir uns einen Verbindungsweg zwischen Autobahn und oben besagter Parallelstraße rausgesucht. Dumm nur, dass der Verbindungsweg in ’nem Flüsschen endete, der nicht verzeichnet war. Also hieß es umdrehen und zurück und die zwei Polizisten fragen, welche wir zuvor gesehen hatten. Ende vom Polizistenlied war, dass wir unser Glück an der Mautstation versuchten und fragten, ob es denn möglich sei, dass wir mit unseren Rädern bis nach Gostivar (ca. 20 km) auf der Autobahn fahren dürften. Der Typ, den wir ansprachen, verstand uns nicht wirklich, sodass er Bekim, ebenfalls Polizist, rief. Bekim, ein großer und hagerer Mann, kam mit einem Lächeln auf uns zu, Arme leicht ausgebreitet, so als ob er uns jeden Moment in die Arme nehmen möchte und fragte uns „Where are you from?“. Wir sagten „Germany“, worauf er grinsen musste und uns mitteilte, dass er es liebt, die Bundesliga zu schauen, da er ein großer Fan vom BVB ist. Robert und ich, beide ebenfalls Fans vom BVB, mussten daraufhin lachen und machten high five mit Bekim.

Robert und ich waren als kleine Schieter beim gleichen Spiel vom FCH gegen den BVB, das war in der Saison 1995/96. Rob war damals mit seinem Opa am Start, ich mit meinem Cousin. Nach dem Spiel telefonierten meine Eltern miteinander, da mein Vater zu der Zeit auf Montage war und wir ursprünglich gemeinsam zum Spiel gehen wollten. Er fragte, wie es mir gefallen hat, woraufhin meine Mutter zur Antwort gab, dass es nicht mein Spiel war. Mein Vater war erstaunt, „Hansa hat doch 3:2 gewonnen“. Das war richtig, aber ich war damals mit ’nem BVB-Schal im Stadion. Nachdem wir offensichtlich fix einen Draht zueinander gefunden hatten, fragte uns Bekim, ob wir nicht Zeit hätten, gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Robert und ich schauten uns fragend an. Die Blicke waren in etwa die gleichen und verrieten die Antwort. Wenig später saßen wir zu viert beim Kaffee / Tee. Es kam noch ein Kollege von Bekim hinzu und wie sich herausstellte, kannte auch er Hamit, da beide früher für die UCK gekämpft haben. In Tetovo waren wir schon später gestartet als tags zuvor eigentlich angedacht. Wir sind ja Langschläfer 😀 Und eigentlich hatten wir noch ein paar Kilometer vor uns und eigentlich hatten wir an jenem Tag noch zu wenig Kilometer auf dem Tacho, um jetzt ein Päuschen zu machen. Aber wir wollen ja Leute kennenlernen und da Bekim auf uns sympathisch wirkte, sagten wir zu.

Bekim liebt wahrlich Fußball, schaut Sky Bundesliga, Premier League, Primiera Division und er kennt Hansa. Ich mein, Hansas glorreiche Bundesligazeiten sind längst passé und sind nun in der dritten Liga, da biste irgendwo in Mazedonien anner Autobahn, dein Gegenüber fragt dich aus welcher Stadt du in Deutschland kommst und als Antwort bekommste wie aus der Pistole geschossen, „ah, Hansa Rostock!“. Da biste erstmal kurz baff, wenn de so was hörst.

Dementsprechend drehte sich viel um Fußball, während wir beisammen saßen. Bekim fragte uns, ob wir noch ’ne Cola trinken und ’n Burger essen wollen. Robert und ich schauten uns an, grinsten und sagten verlegen, „ööööööh jaaaa??!!??“ Er sagte nur, „nicht so schüchtern“ und orderte das für uns. Feine Sache! Da waren wir platt! An dieser Stelle, Bekim, falls du das lesen solltest, nochmals riesen fetten Dank! :-))) So wie für uns momentan ein großer Traum in Erfüllung geht, hoffen wir das auch für Bekim einestages (er liebt Deutschland, war aber noch nie da, möchte er aber gerne, I-Tüpfelchen: ein BVB-Spiel im Westfalenstadio sehen).

Wir verabschiedeten uns und ab ging es auf die Autobahn. We’re on the Highway to hell…haha. Irgendwo hinter Gostivar verließen wir diese schnurstracks geradeaus verlaufene sowie wenig befahrene Straße und bahnten uns unseren Weg in den Mavrovo Nationalpark.

Der Mavrovo Nationalpark ist zugleich der älteste und größte seiner Art in Mazedonien. Hier sollen der Balkanluchs, Bären und Co. wohnen. Wir waren gespannt, ob wir ein wildes Tier sehen sollten.

So ging es für lange Zeit bergauf, Wälder überzogen die Landschaft wie eine dicke Decke, der Schweiß lief, die Temperatur fiel und der Wind gab ebenfalls seinen Senf dazu. Auf unserem ‚Peak‘ in knapp 1.300 m Höhe angekommen, zeigte das Thermometer lediglich noch 9°C und die Sonne war nur noch ein wenig hinter der Bergsilhouette zu sehen bevor sie ganz verschwand. Wir hatten einen wunderbaren Blick auf einen vor uns liegenden See, aber so ganz konnten wir die Situation nicht genießen. Die Klamotten waren gut durchgeschwitzt, sodass, wenn wir die Abfahrt so angegangen wären, uns vermutlich eine Erkältung zugezogen hätten. So haben wir fix andere, trockene Klamotten angezogen und waren nun für die kalte und windige Abfahrt gerüstet. Seit ungefähr der Mitte unseres Prizrenaufenthaltes sind die Temperaturen spürbar gesunken. In Mazedonien war es dann noch einmal ’ne Nummer schärfer. Robert und ich sagten in etwa sinngemäß „Scheiße Alter, es sind noch 9°C und wir frieren uns schon den Ast ab. Jetzt haben wir einen Klamottenwechsel gemacht, aber wenn wir da auch noch (gut) reinschwitzen sollten, wird es mager mit warmen Klamotten heute Abend, besonders da die Temperatur noch weiter fällt und wir noch draußen kochen müssen. Das wird noch ein Spaß werden, wenn wir in Regionen kommen, wo es noch höher geht, eventuell auch verbunden mit mehr Regen und mehr Wind“. Wir fühlten uns schon etwas unterkühlt, meine Neoprensocken hatte ich schon länger an, aber mit der Wärme war es schon längst dahin. Wir wollten nur noch eine heiße Dusche, koste es was es wolle.

So kam es, dass wir ein Hotel nahe des Dorfes Mavrovo passierten und spontan anhielten, um zu fragen, was denn ein Zimmer pro Nacht kosten würde. Vor dem Hotel haben wir Jan und Philipp getroffen, welche den gleichen großen Wunsch hegten wie wir und zufälligerweise auch aus Deutschland sind. Später sollte sich herausstellen, dass die beiden ganz sympathische und lustige Jungs waren. Sie hatten mit dem Hotelmitarbeiter bereits einen Preis verhandelt, welchen wir auch okay fanden und glücklicherweise noch in unser Budget passte. Minuten später glich das Bad einer finnischen Sauna.

Pussies wie wir sind, waren wir nun von Freude erfüllt. Abends kamen wir noch einmal in der Lobby zusammen (wir waren die einzigen Gäste im Haus) und erzählten und berichteten von dies und jenem. Die beiden machen – wenn sie nicht gerade bei ThyssenKrupp oder im Krankenhaus am Start sind – seit Jahren jedes Jahr für zwei, drei Wochen einen abenteuerlichen Radurlaub. Mal war es die Türkei, mal das Baltikum, ein anderes Mal wiederum Länder des Balkans. Dieses Mal stand Mazedonien auf dem Plan. Bei einer Geschichte die sie uns erzählten, mussten wir vier ordentlich lachen. Es ist, glaube ich, nicht so leicht, die Story so in Worte zu verpacken, dass Ihr euch das auch gut vorstellen und lachen könnt. Aber ich versuche mal mein Glück.

Also die beiden sind in einem fernen Land unterwegs, radeln durch die Landschaft und irgendwann werden sie vom Hunger heimgesucht. In der Todeskurve, wie sie sie später nennen werden, gab es einen Bäcker, wo sie Halt machten, um ihre hungrigen Mäuler zufrieden zu stellen. Sie bestellten sich was und setzten sich draußen auf die Bank. Es kam ein streunender Hund daher, zog mäandrierend über die Straße, mit der Nase dicht überm Asphalt, der Schwanz wedelnd in der Luft und auf der Suche nach Nahrung. Was der Hund nicht ahnte und Jan und Philipp nicht kommen sahen, war der Laster, der um die Kurve geheizt kam und den Hund urplötzlich den Erdboden gleich machte. Die beiden schauten noch eine Weile wie paralisiert dahin, als ob sie sich fragen würden, ob das gerade tatsächlich passiert ist. In deren Blickfeld kam ein Straßenarbeiter geschlürft, welcher in den Händen eine Schippe hielt. So als ob es das normalste auf der Welt sei, führte er die Schaufel unter den Hund, schmiss ihn in den Graben neben der Straße und trottete wieder von dannen. Jan und Philipp schauten immer noch mit großen Augen drein als auf einmal ein lautes Lachen aus ihnen heraus platzte. Bei der trockenen und nüchternen Art des Mannes, wie er den Hund beseitigte und danach – als ob nix gewesen wäre – wieder seiner Arbeit nachging, konnten sie sich einfach nicht mehr beherrschen. Als sie so herzhaft lachten, kam ein zweiter Hund auf die Straße und schnupperte noch an den verbliebenen Resten seines Artgenossens. Das Murmeltier schien schon wieder zu grüßen, denn es kam ein zweiter Laster angebraust. Die beiden sahen das rollende Unglück kommen, während der Hund noch schnüffelte. Die beiden denken sich nur in etwa sinngemäß „was’n das für ’ne verrückte Straße?“ und sehen ihn ebenfalls schon als Asphaltdekoration den Boden zieren. Das Glück war dem Hund jedoch hold und so konnte er sich letztlich in letzter Sekunde retten… So wurde es mittlerweile zum running gag, wenn der eine zum anderen sagt „ich hole mal die Schaufel“, um anschließend vor Lachen in Tränen auszubrechen. Solche running gags bzw. Situationen, wenn auch hier etwas makarberer Art oder auch wie wir sie erlebt haben, stellen einen irgendwie besonderen und heiteren ‚Erinnerungskitt‘ zwischen den Reisenden und den Erlebnissen der Reise dar, welchen Außenstehende nur bedingt nachvollziehen können. Aber das kennt Ihr ja bestimmt auch, sei es von der Arbeit oder von illustren und heiteren Runden mit Freunden oder oder oder…

Am nächsten Morgen saßen wir noch gemeinsam beim Frühstück und quatschten noch ein bisschen, bevor wir anschließend noch ein paar Kilometer zusammen radeln sollten. Wir verabschiedeten uns und da war sie wieder hin, eine tolle Begegnung auf unserer bisherigen Reise. Die Abfahrt war herrlich, welche quasi parallel zum Mavrovofluss verlief. Links und rechts sowie vor uns nichts als wunderbare und faszierende Bergformationen. Leider konnte Robert die schöne Landschaft nicht unbeschwert genießen, da sein Hinterrad von einem Speichenbruch heimgesucht wurde. Die Ursache und wie lange dieser schon bestand, konnte nicht geklärt werden. Wir einigten uns darauf, vorsichtig weiterzufahren, um beim nächsten Schlafplatz die Reparatur vorzunehmen. Die Landschaft war wie in anderen Ländern zuvor auch, traumhaft. Gerne wären wir auf einen der vielen umliegenden Berge hinaufgekraxelt. Naja, vielleicht ein anderes Mal. Eine Rückkehr in diese Landschaft lohnt sich jedenfalls sehr.

In Dibär angekommen, suchten wir nach einem geeigneten Platz für unsere Zelte. Wir fragten ein paar Leute, in einem Englisch-Italienisch-Mix boten sie uns Hilfe an. Jemand meinte, es gäbe nicht weit entfernt ein Motel für fünf Euro pro Person pro Nacht. Ein stark übergewichtiger Mann, welcher zuvor etwas abseits in seinem Rollstuhl saß und lauschte, führte uns dorthin. Sein Cousin arbeite da, meinte er. Jedoch stellte sich heraus, dass das Motel ausgebucht sei. Wir fuhren zu einem Hotel und fragten, ob wir auf dem Rasen hinter dem Haus unsere Zelte aufschlagen können. Wieder eine Niete. Wir kehrten zum Kreisverkehr zurück, wo wir zu erst Leute angesprochen hatten. Wir fragten, ob man denn sein Glück auf der Wiese vorm Rathaus versuchen könne, worauf uns mitgeteilt wurde, dass das auch nicht ginge. Einer der Typen hatte ein Restaurant, wo wir erst einmal was aßen. Ich fragte ihn, wann denn der Laden seine Pforten schließe, mit dem Hintergedanken auf der Matratze im Lokal zu nächtigen. Und so hieß es ein weiteres Mal, nö, da hier bis zwei, drei Uhr nachts ’ne Party steigt. So verspeisten wir erst einmal zwei Hamburger, zwei Herren vom Nebentisch, welche aus dem Kosovo kamen, gaben uns noch zwei selbstgeangelte Fische ab, die wir auch gleich mampften. Nach dem Essen wollten wir uns auf den Weg zu einer Wiese machen, welche wir bereits zuvor auf dem Weg zum Motel gesehen haben und welche einer gefleckten Mülldekodecke gleichkam. Besser als nichts, denn die Sonne war dabei sich zu verabschieden. Eine der Personen, welche vor dem Restaurant saßen, gab uns noch einen letzten Tipp, der letztlich positiv für uns endete. Eine klapprige Absteige für’n Fünfer, da kannste nicht meckern. Nach dem Abpacken, sind wir durch die Stadt geschlendert, haben uns einen Kuchen (oder auch mehr^^) und einen Tee gegönnt und das abendliche städtische Treiben beobachtet. Am nächsten Morgen hat Robert problemlos seine gebrochene Speiche ausgewechselt.

Der Weg von Dibär nach Struga am Ohridsee war echt ’n Traum für Radfahrer. Top Untergrund, kaum Verkehr und tolle, schier unberührte Natur quasi soweit das Auge reicht! Die nächsten Tage haben wir am Ohridsee verbracht, haben uns Struga und Ohrid angeschaut. Ersterer bestach eigentlich nur durch einen Minikanal, welcher in einem Hauch mehr schlecht als recht an Venedig erinnerte. Wir atmeten das abendliche Flair ein, bevor es zum Campingplatz zurückging. Dort übten wir am nächsten Morgen schon mal das Verhandeln für die Türkei und den Iran und konnten etwas Rabatt, wenn auch etwas widerstrebig seitens des Campingplatzbetreibers, aushandeln. Ähnliches sollten wir später in Peshtani wieder versuchen. Robert scheint für die Länder allmählich gut gerüstet zu sein, wo das Handeln der Kultur stark innewohnt und wollte den Preis noch weiter drücken, aber dieses Mal gab unser Verhandlungspartner nicht nach. Das wäre auch zu krass, denn der Preis, welcher letztendlich ausgehandelt wurde, war schon, so empfanden wir es zumindest, seeehr günstig, für das was wir bekommen haben. Der Ort Ohrid, in dessen Hafen wir ein Eis schlenmerten, ist klein, aber fein. Man könnte meinen, die Szenerie wäre malerisch, aber so ganz konnten wir den Weltkulturerbestatus des Ortes (zusammen mit dem gleichnamigen See) dennoch nicht wirklich nachvollziehen. In Ohrid hatte Robert noch eine amüsante Begegnung. Als wir in Ohrid ankamen, stellten wir unsere Räder vor einem Laden ab. Wir fanden, dass wir an dieser Stelle niemanden stören bzw. den Weg verstellen. Ich bin in einen Supermarkt gegangen, Robert passte auf die Drahtesel auf. Ein Mann kam aus dem Laden, vor dessen unsere Räder standen und welchem wir dachten, dass dieser geschlossen hat. Er meinte wir sollen unsere Räder wegschieben. Robert diskutierte ein wenig mit ihm, was dass denn soll, da es offensichtlich ist, dass wir niemanden behindern. Trotzdem stellte Rob die Räder ein Stück weiter weg. Der Mann, der kurz weg war, kam wieder raus. Dieses mal erzürnt, die Nasenflügel waren schon ordentlich am Schnaufen, der Hals schwoll an und fragte Robert „Are you crazy??!!“, ob er denn verrückt sei? Wir sollen doch nun endlich unsere Räder wegnehmen, verscheuchen wir doch seine Kundschaft. Robert und auch ich, als er es mir später erzählte, dachten nur „büdde??! Welche Kundschaft denn!!?“ und mussten lachen. Der Laden sah bei Ankunft aus wie geschlossen und jetzt genauso. Bevor Rob die Räder umstellte aß er noch genüsslich einen Apfel, lächelt verschmitzt den nahezu zum Hulk werdenden Ladenbetreiber an und kam dann seinen, in unseren Augen, lächerlichen Wunsch nach. Nach dem Stop in Ohrid radelten wir gen Südufer. Kurz vor Ohrid hatten wir noch vier belgische Jungs getroffen. Sie waren auf dem Weg nach Thessaloniki, das finale Ziel aber ist Shanghai, wo sie irgendwann im nächsten Jahr ankommen wollen. Wir tauschten uns über dies und jenes aus, und es war recht amüsant ihnen zu lauschen. Daheim in Belgien haben alle vier ca. ein Jahr gearbeitet, um sich was für die Reise anzusparen. Um aber noch etwas mehr zu generieren, boten sie ihren Freunden, Familien und Bekannten an, sie zu unterstützen. Dafür sollten die Leser Aufgaben vorschlagen, die in den jeweiligen Ländern erledigt werden sollen. Sogenannte Challenges waren z.B. von der Brücke in Mostar springen, Fotos mit den Flaggen der belgischen Heimatstädte machen, einen Kurzen mit Locals trinken und andere Kuriositäten. Die Vier behielten sich aber das Recht vor, aus den Vorschlägen Aufgaben auszusuchen und somit nicht jede anzunehmen. Für jede erledigte Aufgabe (ein Foto diente als Beweis) gab es einen finanziellen Betrag.

Robert und ich finden die Idee recht witzig, v.a. wenn Aufgaben gestellt werden, welche starken Bezug zur regionalen Kultur und Identität haben, da man dadurch einerseits das Land zum Teil noch besser kennenlernt, man (bizarre) Begegnungen hat und Seiten / Facetten sieht, die einem sonst eventuell verborgen bleiben und andererseits man vielleicht einfach noch mehr Abenteuer hat. Falls der ein oder andere Leser geneigt ist, uns aus Interesse und Neugier oder aus purer Schadenfreude eine Aufgabe zu stellen, nur zu! (Anregungen gefällig?^^ Mal verrückte Wettkämpfe / Festivals à la Käserollen, Tomatina etc., verrückte Sitten und Bräuche googeln, lasst euch von ’nem Schamanen böse Geister austreiben, Schafskopf in der Mongolei essen usw. Der Name ‚Balkan‘ stammt vermutlich aus dem Türkischen und kann in etwa mit ’steile Gebirgskette‘, ‚Gebiet(e) mit vielen Bäumen, Sträuchern und Büschen‘, ‚Berg(e) mit vielen Wäldern‘ übersetzt werden.. Angesichts des Passes, welchen wir auf dem Weg nach Bitola zu überqueren hatten, fanden wir die Erklärung ziemlich passend. Denn vor uns offenbarte sich eine schier unendlich grüne Wand, welche eher an Bilder des Ruwenzori-Gebirges in Ruanda aus dem National Geographic Magazin erinnerte.

Serpentine für Serpentine ging es von 600 irgendwas Meter mit zum Teil 10%-iger Steigung bis auf unseren Gipfel in eine Höhe von 1.300 m hinauf, wo der Wind ordentlich blies. Windjacke an und dann ging es auf der anderen Seite wieder ins Tal. Hier zierten unzählige und große Apfelplantagen das Landschaftsbild, Bergketten waren überall am Horizont zu sehen. Wir stibitzten uns zwei Äpfel und machten eine kleine Pause. Die Sonne schien prächtig und wir genossen unserer Ergaunertes^^. Ich sagte zu Robert, dass ich mich gar nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal einen sooo leckeren und v.a. großen Apfel gegessen habe. Eine wahre kleine Freude zwischendurch.

In Bitola übernachteten wir in einem kleinen Hostel, wo schon zuvor Mathilde und Yoann Halt gemacht haben. Beide hatten bereits in Prizren ihre externe Festplatte vergessen und in diesem Hostel ihre Pfanne und ein Messer, Schnitzeljagd auf dem Balkan. Später in Thessaloniki haben wir die Sachen mit der Post nach Athen geschickt, wo die beiden eine gemeinsame Freundin besuchten. Im Hostel trafen wir auch auf zwei Deutsche, welche in ihren Semesterferien innerhalb von zwei Monaten von Passau nach Thessaloniki fahren wollten. Abends streunerten wir noch durch die Straßen. In Teilen erinnerte mich die Stadt an die alten historischen Bauten aus der Greifswalder Fleischervorstadt oder an brandenburgische Gutsdörfer, die ihre besten Zeiten längst hinter sich haben. Wenn man durch Mazedonien reist und Bitola auf der Reiseroute liegen sollte, kann man hier ruhig ein, zwei Tage verweilen. In dieser Stadt besuchte zudem der Staatsgründer der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, eine Militärakademie. Den Abend ließen wir in einer Bar ausklingen, wo wir dem Champions League Spiel BVB vs. Real Madrid beiwohnten. Am nächsten Tag sollten wir die Grenze zu Griechenland passieren und unsere erste fiese Begegnung mit Hunden machen, dazu aber im nächsten Eintrag mehr.

2018-11-04T12:47:03+00:00 01.10.2016|Mazedonien|Kommentare deaktiviert für 28 | Mazedonien