31 | Danke für die schönen Umwege, Griechenland

08.10. – 16.10.2016 | In Ierissos vernahmen wir das erste Mal seit Nea Kallikratia wieder so etwas wie Urbanität. Viele Dörfer welche wir in den Tagen zuvor durchquert haben, waren nahezu menschenleer und beschaulich. Viele scheinen hier nur während der Hochsaison von Leben erfüllt zu sein. Sie ähnelten vielen anderen, welche wir in Griechenland gesehen haben und könnten glatt jenem namenlosen Dorf aus Panos Karnezis‘ makaberen, lyrischen und archaischen Roman ‚Kleine Gemeinheiten‘ entsprechen.

Irgendwo hinter Stratoni machten wir eine kleine Pause. Unsere Blicke hafteten auf dem majestätisch thronenden Berg Athos (2033 m), welcher sich auf dem gleichnamigen rechten Finger der Halbinsel Chalkidiki befindet. Der griechischen Mythologie zufolge soll der Riese Athos den Berg nach den Göttern geworfen haben und an eben jener Stelle gelandet sein. Quasi die gesamte Landzunge Athos beherbergt die 972 gegründete autonome Mönchsrepublik ‚Heiliger Berg Athos‘. In der Mönchsrepublik befinden sich 20 Klöster, zugleich leben hier um die 2.000 orthodoxe Mönche in aller Abgeschiedenheit, Askese, Kontemplation und höchster Spiritualität. Frauen ist der Zutritt zu Ehren Maria, der Mutter Jesu, seit dem Jahr 1045 verboten. Männliche Besucher können dieses seltsame, geheimnisvolle und quasi hermetisch abgeschottete Fleckchen Erde nur mit einer Aufenthaltserlaubnis, welche eine Vertretung der Republik in Thessaloniki herausgibt, betreten.

Als wir so da standen, hielt unweit von uns ein Auto an. Eine Familie stieg aus und ihre Blicke schweiften über die Landschaft. Ein Mann kam auf uns zu und fragte auf Deutsch, ob wir aus Deutschland kämen. Unsere Antwort war ja und wir kamen ins Gespräch. Wir erzählten über unsere Reise, wo wir waren und wo es noch hingehen soll. Besonders bei Australien wurde Theo, so sein Name, hellhörig. Er kam in Melbourne zur Welt und ist im Alter von 15 Jahren in das Land seiner Eltern, Griechenland, zurückgekehrt. Da er nun wusste, dass wir nach Istanbul wollen, ließ er uns wissen, dass er zwischen Asprovalta und Kavala entlang der Küstenstraße eine Taverne habe und wir dort herzlich willkommen seien. Feine Sache, da freuten wir uns derbe! Theo fragte uns noch nach dem Weg nach Ouranoupoli. Wir erklärten ihm, wie er fahren muss und verabschiedeten uns, um uns am nächsten Tag wiederzusehen. Am späten Nachmittag kamen wir in Asprovalta an, wo wir unsere Zelte am Strand aufschlugen. Mal wieder ein feines Plätzchen zum Pennen! Der Strand war von vielen Anglern besucht, deren Angeln im Sand steckten. Ein Schäferhund tollte herum, die Blicke der alten Männer hafteten auf dem weiten Meer. Wir stürzten uns in die Fluten und beobachteten die fetten Quellwolken am Horizont.

Da Theo uns ein Platz zum Schlafen anbot, stand für jenen Tag eine lockere Etappe auf dem Plan. Lediglich knapp 47 km waren zu pedalieren. Wir schliefen aus, sprangen nach dem Aufstehen ins Meer, frühstückten entspannt und fuhren dann allmählich los. So kann ein Tag beginnen.

Irgendwann nachmittags kamen wir bei Theo an, dessen Taverne leicht zu finden war. Seine Frau hieß uns willkommen und leitete uns auf den Hof. Was sich uns offenbarte ließ uns erstaunen! Ein wahrlich schön hergerichtetes Örtchen lud zum lässigen Verweilen ein. Abermals sprangen wir ins Meer, danach erzählte Theo ein wenig aus seinem Leben. Wie oben bereits schon erwähnt, war er mit 15 Jahren von Australien nach Griechenland gezogen. Hier angekommen war es keine einfache Zeit, gerade in der Pubertät. Die Mitschüler mopten ihn als ‚Aussie‘, der Australier. Irgendwann ist er nach Deutschland gegangen, wo er in Iserlohn viele Jahre lang als Koch gearbeitet hat. Nach ca. 15 Jahren ist er wieder nach Griechenland zurückgekehrt, auch um seinen Vater zu unterstützen und um hier eine Taverne (Taverne Michalis) zu eröffnen. Nach und nach gedeiht das Geschäft, aber bis zum Blühen ist es noch ein langer Weg. Dieser Teil Griechenlands gehört nicht gerade zu den vielbereisten Tourismusregionen des Landes. Hinzu kommt, dass infolge der Krise der Ausbau der Internetleitungen ein paar Kilometer vor der Taverne stoppte. Und der Zugang zum Internet ist in der heutigen Welt einfach mal essentiell. Nicht umsonst hat der UN-Menschenrechtsrat das Internet als Menschenrecht erklärt und eine entsprechende Resolution im Juli 2016 verabschiedet. Später machten hier noch zwei ältere türkische Herren einen Stopp über die Nacht. Sie waren auf dem Weg von Istanbul nach Athen und gaben uns noch ein paar Tipps zum Bereisen der Türkei. Am nächsten Morgen machten wir uns weiter auf den Weg gen Kavala. Theo ist ein wahrlich feiner, sympathischer und sehr offener Kerl, sodass wir eine kurze, aber tolle Zeit mit ihm verbrachten.

Kavala wirkt aus der Ferne ob seiner Lage in einer Bucht und an den Hängen eines kleines Küstengebirges wie ein riesiges weißes Amphitheater direkt am Meer. Die Stadt hatte einen besonderen Charme, welcher uns drei Nächte dort verweilen ließ. Eigentlich wollten wir uns in Kavala nur kurz ob des andauernden Nieselregens in einer Taverne aufwärmen. Aber der Regen sollte an jenem Tag und auch während der zwei darauffolgenden Tage kaum nachlassen. So kam es, dass wir von Tag zu Tag unseren Aufenthalt spontan verlängerten. Wenn es nicht regnete streiften wir durch die Stadt, streunerten durch den alten, historischen Teil oder ließen uns im Hafen oder auf den Felsen den Wind ordentlich um die Nase pusten.

Wir durchquerten weite Baumwollplantagen (Griechenland ist der größte Baumwollerzeuger in Europa), beobachteten Pelikane auf dem Vistonida-See, welcher zusammen mit den in der Umgebung liegenden Seen und Lagunen Griechenlands größtes unter der Ramsar-Konvention stehendes Feuchtgebiet bildet und hatten lange Abfahrten entlang grüner Täler und bizarrer Hügel- und Bergformationen.

Die nächsten drei Nächte campten wir wild, auf einem Acker bei Xanthi, am Strand in Alkyona und in unserer letzten griechischen Nacht auf einem Grillplatz vor Atheina bei Alexandroupoli. Am letztgenannten Ort hatten wir uns die Zeit u.a. mit ‚Mit-der-Zwille-auf-Coladosen-schießen‘ und einem Kettenwechsel vertrieben. Letzteres war nötig, da die Kette schon etwas zu sehr gelängt war und daher hin und wieder sprang. Am folgenden Tag sollten wir nun endlich in die Türkei einreisen …

2018-11-04T14:15:16+00:00 28.10.2016|Griechenland|0 Kommentare