32 | Ööööhmmm, anlamadim!

16.10. – 20.10.2016 | Von unserem letzten Campingort in Griechenland waren es nur noch rund 45 km bis zur Grenze. Als wir unsere Räder besattelten und die ersten Kilometer radelten, waren wir voller Vorfreude. Wir konnten es kaum abwarten, das 13. Land auf unserer Reise in Teilen zu erkunden. Besonders Istanbul ließ unsere Herzen höher schlagen und vor allem die Aussicht, dass wir bei Nursen, einer Freundin von mir, unterkommen können. Der Wind blies uns schon auf den ersten Kilometern ordentlich ins Gesicht und erschien uns für die kommenden Stunden als Menetekel. Je dichter wir der Grenze kamen, desto mehr sahen wir die riesige türkische Flagge, welche majestätisch im Wind flatterte. Auf Sithonia hatten Robert und ich schon Scherze ob der auf dem Mittelfinger unerwarteten geradelten Höhenmeter gemacht. Brechen wir unseren bisherigen Höhenmeterrekord oder nicht? Die Frage hatte sich schon irgendwo zwischen Asprovalta und Kavala geklärt, nun schauten wir aber, ob wir vielleicht noch die 7.000 Höhenmeter knacken. Letztlich sollten uns aber noch 65 Höhenmeter fehlen. So oder so war Griechenland das Land mit sowohl den meisten geradelten Kilometern als auch jenes mit den meisten Höhenmetern. Wer hätte das gedacht. Wir hatten noch ein paar Euros übrig. Im Duty Free Shop hinter der griechischen Grenzstation hat Robert die letzten Eurotaler verbraten und u.a. – ganz zu meiner Freude – einen Fünfer-Pack Snickers mitgebracht. Wir haben jeweils einen Snickers gemütlich gegessen und sind dann weiter zur türkischen Grenzstation. Der Grenzübertritt ging wie stets zuvor ohne jegliche Probleme von statten. Nun waren wir also da, in der Türkei! Wahnsinn!

Gleich hinter Grenze begann ein Schnellstraße, welche aber eher an eine Autobahn erinnerte. Diese führte quasi schnurstracks gerade aus durch das hügelige und staubige vor uns liegende Land. Auf in neue Abenteuer! Die Schnellstraße verfügte glücklicherweise über einen breiten Seitenstreifen, auf dem wir problemlos radeln konnten, ohne den vorbeirauschenden Lkws allzu nahe zu kommen. Die Landschaft war öde. So weit das Auge reichte, offenbarte sich eine unendliche Hügellandschaft, welche von trockenen Äckern gekennzeichnet war. Hier und da konnte man riesige Staubwolken erkennen, welche von den vielen Landwirtschaftsmaschinen verursacht wurden. Die erste größere Stadt, welche wir durchquerten war Ipsala. Uns erschien sie noch relativ jung, da vieles frisch in Bau war bzw. noch ist. Dabei handelte es sich vornehmlich um Wohnungsbauten. Parallel zur Schnellstraße befanden sich einige Werkstätten, Industrie- und Handelseinrichtungen. Robert und ich fragten uns, wer denn in diese Peripherie ziehen möchte, wo es unserem ersten Eindruck nach zu urteilen, nicht viel schönes gab, außer Landwirtschaft und Ödness. Wir würden allzu gerne wissen, wie es hier im Frühling aussieht.

Bevor wir in Athina losgefahren sind, haben wir einen Blick auf die Karte geworfen. Hintergrund war der, dass wir uns fragten, wo es denn eine hinreichend große Stadt gibt, wo wir einen Geldautomaten vermuten und wo wir eventuell unser Zelt aufschlagen könnten. Die Wahl war recht einfach, sodass wir uns für Kesan entschieden. Von der Grenze sollten es noch ca. 35 km sein. Die Straße führte permanent auf und ab. Zwar bewegten wir uns die meiste Zeit nur zwischen 200 und 300 Meter Höhe, aber im Endeffekt summierten sich die Höhenmeter. Aber was uns viel mehr zu schaffen machte, war der stetige Gegenwind. In den Genuss eines so starken Gegenwindes kamen wir auf unserer Reise bisher noch nicht. So ging es langsam und mühselig nach Kesan.

Die Sonne kündigte langsam ihren Abschied an. Kesan erschien am Horizont. Es war nicht mehr weit. Direkt an der Schnellstraßenkreuzung befand sich ein großes Einkaufszentrum, vergleichbar mit dem Hanse-Center. Wir machten dort einen Stop, um etwas Geld in lokaler Währung abzuheben. Gleichzeitig wollten wir auch etwas essen. So nahmen wir unsere Lenkertaschen ab und gingen ins Center, wo wir uns jeweils zwei Dürüm Döner gegönnt haben. So ganz satt wurden wir dennoch nicht, waren die Portionen doch recht klein (zumindest für unsere Mägen). Wie wir im Laufe unserer Zeit in der Türkei beobachten sollten, scheint es hier wohl Gang und Gäbe zu sein, kleine Mahlzeiten zu kredenzen. Aber was heißt schon ‚klein‘? Unserer Meinung nach hätte es ruhig deutlich mehr sein können. Während wir also unsere Dürüms vernaschten, überlegten wir, wo wir zwecks Übernachtung unser Glück versuchen könnten. Inzwischen war es draußen bereits dunkel. Ich schaute bei Warmshowers nach, ob es hier vielleicht jemanden gibt, der ein wenig Platz für zwei offeriert. Wir haben das Profil einer Frau gesehen, welche gegenwärtig nicht in der Stadt war, aber gute Tipps parat hatte. So erwähnte sie einen Stadtpark, wo man ohne Probleme sein Zelt aufschlagen kann. Am besten hinter dem kleinen Häuschen des Wachmannes, da ist es am sichersten und man wird nicht sofort gesehen. Die Zeilen ließen unsere Mundwinkel nach oben ziehen. Glücklicherweise erwähnte sie auch, dass sich besagter Park in unmittelbarer Nähe zum Center befindet. Wir fragten die Servicekraft, ob sie uns den Park auf Google Maps zeigen könnte, was sie auch tat. Minuten später sollte sich jedoch herausstellen, dass die Person falsch lag. Es war nur ein Acker. Und daneben ein See und eine sandige Fläche voll mit Müll. Schöner Mist. Es wurde zunehmend kalt, weswegen wir etwas ungeduldiger wurden. Wir zoomten aus der Karte raus und entdeckten fix den richtigen Park. Nur wenige Augenblicke später, waren wir im Cennet Park. Es war ein hübsch angelegter und gepflegter Park, viele kleine Rasenfläche, Spielplätze und Sportgeräte für die älteren Generationen. Der Park war wegen der Lampen, welche den Park illuminierten, in kühles Licht getaucht. Wir entluden unsere Räder im hinteren Bereich des Parkes als auf einmal ein kleiner Mann zu uns kam. Er fragte uns was auf Türkisch. Wir antworteten mit ‚anlamadim‘, was so viel bedeutet wie ‚ich verstehe dich nicht‘. Dazu machten wir großere, fragende Augen, um unserer Antwort mehr Gewicht zu verleihen. Mit seinen Händen signalisierte er uns, dass wir ihm mit unseren Rädern und Sachen folgen sollten. Er führte uns nur ein paar Meter weiter weg. Am nächsten Morgen sollten wir verstehen warum. Denn unser ursprüngliches Plätzchen war nahe an dem Fitnessbereich, welcher in aller Frühe von älteren Damen und Herren gut genutzt wird und es daher zu laut für uns sein könnte. Als wir unsere Zelte fertig aufgebaut hatten, wollten wir noch fix eine Katzenwäsche machen. Dabei mussten wir allerdings recht fix vorgehen, denn der Wachmann kam immer wieder an, um nach dem rechten zu sehen. Wir versteckten uns hinter unseren Zelten. Da wir zwar obenrum was an hatten, aber nicht unten rum, haben wir uns in regelmäßigen Abständen immer ein bisschen über die Zelte erhoben, um zu schauen, ob er wieder kommt. Ein stiller Beobachter aus der Ferne hätte auch meinen können, dass wir uns wie Erdmännchen in der Savanne Afrikas verhalten Und dann auf einmal kam er wieder angetrottet. Robert war schnell in sein Zelt gesprungen, ich hatte mir meine Büx, fix angezogen, leider falschrum. Zudem hingen meine Sandalen auf denen ich zuvor saß, mit ihren Klettverschluss wie ein Affenschwanz an meinem Po. Dann auf einmal war er da und meinte nur, dass wir unsere Räder an den Baum schließen sollen. Später haben wir noch den Park angeschaut. Bei einem Imbiss blieben wir stehen und fragten, ob die Dame auch Eis habe…hehe. Sie verneinte und sagte, dass sie uns morgen aber was zum Frühstück machen könne. Die Antwort könnt ihr euch ja vielleicht denken. Wir saßen noch ca. 20 min mit ihr und dem Wachmann zuammen und versuchten unsere ersten Türkischkenntnisse anzuwenden und neues zu lernen. Eine Frage, die uns beiden unter den Nägeln brannte, war, wie das Wetter am folgenden Tag werde. Sie schaute nach und meinte, dass es von Kesan bis Tekirdag nur regnen werde. ‚Hmmm‘ dachten wir und verschoben die Entscheidung auf den folgenden Tag. Erste Stimmen waren im Park zu vernehmen. Ältere Frauen und Herren machten ihren flotten Morgenspaziergang durch den Tag und betätigten sich an den Fitnessgeräten. Der Himmel war dunkelgrau bedeckt, zudem ließ das laute Rascheln der Baumkronen vermuten, dass der Wind nicht nachgelassen hat. Zudem kam er immer noch aus der selben Richtung. Auf Gegenwind und Regen hatten wir mal so überhaupt keine Lust, weshalb wir spontan einen Tag abwarten wollten und somit einen weiteren Tag im Stadtpark von Kesan verbrachten. Zum Frühstück ging es zur Dame, vom vorherigen Abend. Es gab reichlich Blätterteigrollen mit Käse und Salami Wir saßen ca. 2h bei ihr im Imbiss, bevor wir die Stadt durchquerten.

Was uns bei unserem Streifzug durch die Straßen Kesans auffiel und auch später in Inecik, Tekirdag oder Istanbul, waren die vielen vielen Atatürk-Poster, Bilder, Fahnen, Büsten und Statuen, die man überall sehen konnte. Sei es in einem kleinen Café, in einer Autowerkstatt oder im öffentlichen Raum. Es wirkte auf uns allgegenwärtig. Aber wer ist dieser Mann, dessen Personenkult an posthume Heldenverehrung grenzt? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass die Ursprünge im Ersten Weltkrieg zu sehen sind, als er als General die Allierten beim Angriff auf die Dardanellen besiegte. Er schaffte das Kalifat ab und war Begründer der Türkei, dessen erster Präsident er war. Er führte eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion ein. Die junge Republik erfuhr eine neue Rechtsordnung, welche auf deutschen, schweizerischen und italienischen Rechtsformen beruhte und modernisierte das Staatswesen nach westlichem Vorbild. Ein großes Anliegen Atatürks war zudem die Gleichstellung von Mann und Frau, was ihm auch gelang. Sein Wirken kann man als einen revolutionären Neuanfang begreifen, wenn auch ein autoritärer. Was uns weiterhin ziemlich ins Auge stach, sowohl in Kesan als auch in allen weiteren größeren Orten, war die starke Präsenz des Militärs. Ausnahmezustand lässt grüßen.

Am nächsten Tag ging es weiter auf der viel befahrenen Schnellstraße in Richtung Tekirdag. Das Geländeprofil blieb gleich und es ging weiterhin auf und ab. Der Wind blies immer noch direkt oder seitlich von vorne. Das führte dann soweit, dass, wenn kein Wind wäre, wir eine ziemlich fixe Abfahrt hätten. Stattdessen fuhren wir mit 12 km/h den Berg runter und mussten teils dabei noch strampeln. Da kommt Freude auf. So ging es für viele viele Kilometer und Besserung war nicht wirklich in Sicht. Wir kamen nur mühselig voran. Temperaturen und Helligkeit läuteten schon allmählich den Abschied des Tages ein.

An einer großen Shell-Tankstelle machten wir einen Stop. Wir wollten ‚Truckerwäsche‘ machen und uns dann in der näheren Umgebung einen Platz für unsere Zelte suchen. Als wir auf das Gelände der Tankstelle einbogen, kam uns eine junge Frau entgegen, vermutlich unser Alter. Sie fragte uns auf Englisch, ob ich Tobias sei. Robert und ich schauten uns ganz überrascht an. Nicht zu fassen Letztlich war ich zwar nicht der Warmshowers-Tobias, denn sie suchte, aber dennoch war der Moment sehr amüsant. Sie fragte nach Roberts Namen und meinte dann „ah, dann seid ihr RobTob!“ Wieder schauten wir uns baff an und fragten, woher sie das denn wisse. Sie antwortete, dass sie drei Tage zuvor bei Theo war. Also eben jener, welcher auch uns Obdacht gegeben hat. Was für ein lustiger Zufall. Alice war ihr Name, sie ist vor ca. 1 1/2 Jahr mit dem Rad in England gestartet und ist nun in der Türkei angekommen. Während der Reise arbeitete sie hier und da in Europa für mehrere Wochen und Monate als Mathe- und Englischlehrerin. Das ist natürlich eine feine Sache, wenn man so den Trumpf der englischen Muttersprache ausspielen kann. In Mostar hatten wir bereits mehrere Australier und US-Amerikaner getroffen, die nach diesem Modell schon mehrere Jahre auf Reisen sind. Ihr Ziel ist auch Australien. Der Wind legte etwas zu und uns allen wurde zunehmend kälter. Alice wollte an jenem Tag noch nach Tekirdag, weil sie dort ein Zimmer gebucht hatte. Bevor wir uns verabschiedeten, tauschten wir noch E-Mail-Adressen und Handynummern aus. Nachdem wir uns in der Shell-Tankstelle eine Truckerwäsche gegönnt haben, sind wir in das nahe gelegene Dorf Inecik gefahren, um uns eine geeignete Wiese zu suchen. Am Rande des Dorfes haben wir ein entsprechendes Plätzchen gefunden. Zwar war sie etwas zu sehr mit kleinen Kötteln übersät, aber wir fanden sie dennoch ganz okay. Unweit von uns sahen wir einen sehr betagten Herren auf seinem Bauernhof herumwirtschaften. Wir riefen laut ‚Merhaba‘ (Hallo), um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Er kam zu uns. Wir fragten mit unserem ‚Point-it-Book‘ (das ist ein kleines Büchchen, wo Piktrogramme nach Themenfeldern abgebildet sind; Essen; Unterkunft; Freizeit etc.; sind ziemlich gut, wenn man keine gemeinsame verbale Kommunikationsbasis findet) und mit Mimik und Gestik, ob es möglich wäre, hier sein Zelt aufzuschlagen. Rückblickend denken wir, dass er wohl verstanden hat, was mir meinten. Aber in jenen Minuten fragten wir uns öfter mal, ob er versteht was mir meinen. Er redete laut und in einem nicht endenen Wörterfluss auf uns ein. Wir haben mit fragenden Augen immer ‚anlamadim‘ (ich verstehe dich nicht) gesagt. Mit ausufernden Armbewegegungen gab er uns zu verstehen, in welche Richtung wir gehen sollten. Dann ging er weg. Wir dachten „na gut, dann machen wir das mal so, spielen das Spiel mit und mal schauen wo das hinführt“ Wir gingen langsam in die von ihm gewiesene Richtung und versuchten ihn zwischen den Häusern zu unserer Linken zu erspähen. Auf einmal stand er ca. 30 m vor uns, rief laut nach uns und signalisierte, dass wir uns beeilen sollen. Ab auf die Räder und zu ihm. Uns schloss sich ein weiterer Mann an. Wir fragten ihn, ob er Englisch spricht. Aber er verstand uns nicht. An einer Weggabelung sagte er zu uns „mek mek“ und zeigte, dass wir die linke Abbiegung nehmen sollen. Er selber ging die rechte Abbiegung. „Naja“, dachten wir uns und gingen den Weg. Dieser führte uns zu einem Lebensmittelladen, wo wir ebenfalls nachfragen wollten, ob der Mann darin wisse, wo man sein Zelt aufschlagen könne. Wir waren naiv, dass wir dachten, dass es hier doch jemanden geben müsse, der Englisch spricht. Wir verließen den Laden und schoben unsere Räder durch eine verlassene Straße. Sie führte an einer Teestube vorbei. Darin saßen rund zwei Dutzend Männer. Der Anblick erinnerte mich unweigerlich an das Bild „Nighthawks“ von Edward Hopper, einem berühmten Maler und Verteter des Amerikanischen Realismus. In der Teestube sahen wir einen jungen Mann und dachten „hey, vielleicht spricht der ja Englisch“. Wir stellten die Räder ab und gingen hinein. Vierundzwanzig Paar Augen schauten uns beim Betreten der Teestube an, so als kämen wir von einem anderen Planeten. Dem jungen Mann, welchen wir von draußen sahen, schilderten wir unser Anliegen. Auch dieses Mal wieder mit Händen und Füßen. Er zuckte sein Handy und mittels Google Translator klappte es irgendwie. Aber die englischen Übersetzungen waren wie Puzzlestücke, die wir nicht zusammensetzten konnten. Überraschenderweise wurden wir zum Tee eingeladen. Erst einer, dann zwei, dann drei. Nach einer Weile kam ein weiterer junger Mann hinzu. Dieser sprach etwas Englisch und fragte uns, ob wir Hunger haben. Natürlich sagten wir ja^^ Minuten später aßen wir Toast mit Käse und Salami und zu unserer Überraschung wurden wir auch hier eingeladen. Danach führte er uns wieder in die Teestube. Robert und ich schauten uns schmunzelnd an und kamen uns vor wie der Ball in einem Flipperautomat. Die Herren in der Teestube starrten uns für den ersten Moment wieder an und wir setzten uns auf einer der wenigen freien Plätze.

Wir beobachteten die Männer. Manche schauten wie gebannt auf den TV, andere lasen Zeitung oder spielten Karten, andere unterhielten sich oder schauten wie in sich versunken einfach nur in ihren Tee oder in den Raum. Die Teestube an sich war ein großer Raum, welcher von eher grellem Licht durchflutet war. An den Wänden hingen Portraitbilder (wie wir später erfahren sollten, waren es die Dorfvorsteher oder Bürgermeister), eine Karte der Türkei, Zettel, welche an Gemeinde- oder Amtsblätter aus Deutschland erinnerten und wiedermal mehrere Bilder von Atatürk. Die Teestube ist der Dreh- und Angelpunkt des öffentlichen Lebens, zumindest des männlichen. Frauen haben wir an jenem Abend und auch am nächsten Morgen nicht gesehen. Man sagt, dass die Tradition der türkischen Teestube anatolischen Dörfern entstamme. Dort dienten sie in kargen Gegenden als Fenster zur Welt, weil es seinerzeit nur da Zeitung oder gar ein Radio gab. Später gesellte sich ein älterer Herr zu uns. Zu unserem Erstaunen sprach er Deutsch – mit bayrischen Akzent. Er hat viele Jahre in Deutschland gelebt bzw. tut es immer noch und kommt hin und wieder mal in diese, von der Landwirtschaft stark geprägte Gegend. Dank seiner Hilfe konnten wir im Gästezimmer des Dorfes (uns wurde gesagt, dass es in quasi jedem türkischen Dorf ein Zimmer für Gäste gibt) nächtigen. Ein Platz zum Schlafen, mehr wollten wir nicht Nachdem wir unsere Räder und Sachen in den Räumen untergebracht hatten, wurden wir auf weitere Tees eingeladen. Dann trat auch der alte Mann, den wir als erstes gefragt hatten, in die Teestube. Unser ‚Übersetzer‘ und der Bauer unterhielten sich kurz, schmunzelten uns an, Ende gut, alles gut.

Am folgenden Tag ließen wir endlich die langansteigenden Hügel hinter uns, aber der Wind beglückte uns auch an diesem Tag mit seiner Kraft. In Tekirdag machten wir eine etwas längere Pause. Wir saßen auf einem Platz und aßen Obst. Jemand sprach uns auf Deutsch an und die folgende Stunde verstricht wie im Fluge. Es kamen einzelne Personen hinzu und gingen wieder. Nachdem sich unsere spontane Bekanntschaft verabschiedet hat, machten wir erneuet eine Begegnung. Diese fragte uns, ob wir eine Unterkunft bräuchten (er war ebenfalls Mitglied bei Warmshowers). Da wir aber weiter wollten, lehnten wir ab.

Ca. 10 km hinter Marmara Ereglisi schlugen wir neben einer Gated Community unweit der Schnellstraße auf einen heruntergekommen Spielplatz unsere Zelte auf. Zuvor hatten wir in einem nahegelegenen Restaurant gefragt, ob sie wissen, ob man auf einer kleinen zum Teil abgesperrten schönen Rasenfläche zelten könne. Sowohl der Restaurantbesitzer als auch der Wachmann der Gated Community verneinten. Eine Gated Community ist vereinfacht ausgedrückt eine abgeschottete Wohnanlage. Hierbei kann es sich um einen einzelnen Wohnblock handeln, um eine Apartmentanlage oder bspw. um Siedlungen mit gar städtischen Ausmaßen. Dabei schützen private Wachunternehmen jeden Quadratzentimeter Manche verfügen zudem über eigene Infrastrukturen wie Schulen, Freizeiteinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie etc. Sie sind eine besondere Form der sozialräumlichen Segregation, die sich vor allem da auftut, wo das Gefälle zwischen arm und reich besonders groß ist, wie bspw. in Brasilien oder Südafrika. Die Ursachen und Gründe für diese Art des Wohnens sind vielschichtig; Sicherheit, Prestige, man möchte unter seines gleichen sein, Vertrauensverlust in die Stadtplanung etc. pp. So wurde der Spieltplatz mit seinen acht streunernden Hunden für eine Nacht unser zu Hause. Während wir unser leckeres Abendmahl zubereiteten, sah Robert aus dem Augenwinkel, wie eine Katze sein Zelt annässte. Schöner Ronny!

Am folgenden Tag stand die finale Istanbuletappe an, ca. 93 km waren zu radeln. Mit quasi jedem Kilometer merkte man, dass wir uns Istanbul näherten. Der Verkehr nahm zu, ebenso die Bebauung. Letztere schlängelte sich entlang der vielbefahreren Straße. Auf der einen Seite war sie durch das Meer begrenzt, auf anderen nicht, sodass sich dort ein großer Bebauungsteppich zeigte. Entlang der Schnellstraße trafen wir einen älteren US-Amerikaner, welcher mit einer etwas längeren, gesundheitlich bedingten Unterbrechung seit rund drei Jahren ‚on the road‘ ist. Wir radelten mehrere Kilometer zusammen. Da er aber schon recht viele Kilometer an jenem Tag gesammelt hatte, verabschiedeten wir uns nach einer Weile. Aus der Ferne sahen wir bereits einen großen Hügel, auf dem mehrere Wolkenkratzer standen. Büyükçekmece erwartete uns.
Zwischen den Hochhäusern angekommen, machten wir noch einmal eine kleine Snackpause, bevor das richtige Verkehrschaos anfangen sollte Da dachten wir noch, dass Büyükçekmece eine selbständige Stadt ist. Später, nach unserer Ankunft sagten Nursen und Erdem, dass dies nur ein Stadtteil von Istanbul ist! Da waren wir aber ganz schön baff! Denn das hieß dann für uns, dass wir zuvor ca. 30 km auf einer innerstädtischen 10 spurigen Autobahn gefahren sind, plus zwei zusätzliche Spuren für die Expressbusse. Und Nursen wohnt noch nicht einmal auf der anatolischen Seite, sondern in der Nähe vom Atatürk-Flughafen. Und von da waren es auch nochmal rund acht bis zehn Kilometer bis zum Goldenen Horn. Einfach nur Wahnsinn, die Ausdehnung dieser Stadt!! Als wir Büyükçekmece hinter uns ließen, tauchte die Sonne die Stadtlandschaft bereits in ein weiches goldenes Licht, sodass wir befürchteten, die letzten Kilometer im Dunklen zu radeln. Was dann auch so geschah. Rückblickend, wenn wir den Verkehr so sehen, war das schon etwas irre. Aber leider gibt es nunmal quasi nur diesen Weg rein nach Istanbul, wenn man mit dem Rad kommt. Die Autos heizten zu unserer Linken vorbei, zu unserer Rechten fuhren und warteten die Auto auf die dreispurige Hauptverkehrsschlagader zu kommen. Besonders jene Stellen, wo die zwei Fahrbahnstränge sich vereinten, empfanden wir als kritisch, da damit ein Spurwechsel für uns anstand. Und das war nicht immer leicht, wenn die Autos von hinten angeschossen kamen. Ständig mussten wir den Kopf umdrehen, gut sichtbar für die Autofahrer mit den Armen wedeln, wenn sich eine Lücke bot ordentlich in die Pedale treten und die Spur wechseln. Mal war es knapp, mal ließen uns Auto- und Busfahrer gewähren. Mal mussten wir anhalten und warten, mal ging es ganz flüssig wie in einem Strom. Manche hupten, aber größtenteils sahen wir uns keinem Hupkonzert ausgesetzt. Wir fühlten wir uns wie kleine Fische am Rumpf von Blauwalen. Man ist zwar da, aber wird nicht wirklich wahrgenommen. Inzwischen war es schon dunkel und der Verkehr hatte inzwischen, je weiter wir Istanbul gen Bosporus durchquerten, weiter zugenommen. An einem Autobahnkreuz verpassten wir einen Spurwechseln, weil der Verkehr einfach zu schnell und zu dicht war und wir als Radfahrer, vor allem wenn man den Arm ausstreckt, nicht hinreichend sichtbar waren. Daraufhin mussten wir ein Stück weit auf einer anderen Stadtautobahn fahren, bevor wir die Verkehrshauptschlagader verlassen konnten. Die letzten Kilometer fuhren wir durch dicht bebaute und enge Viertel, wo das Tageslicht gefühlt nur selten wirklich Erhellung bringt. Kinder spielen auf den Straßen Fußball und wir schlengelten uns vorbei wie Ronaldinho zu seinen besten Zeiten. Das Ganze hatte auch etwas Gutes, denn so sieht man auch Seiten der Stadt, welche weniger populär sind, die man sonst vielleicht nicht sieht. Aber bei einer Stadt mit einer Größe und Ausdehnung wie Istanbul und mit ihren rund 17 Millionen Einwohnern klingt vorheriges geradezu banal 😀

Im Stadtteil Bakirköy angenommen suchten wir Nursens Wohnung. Wir waren zwar schon sehr nahe am Ziel, aber dennoch mussten wir kurz Hilfe beanspruchen. Ein Mann fragte für uns in einem Geschäft nach, wo sich ‚unsere‘ Adresse befand, als auf einmal. Erdem meinen Namen rief. Nursen und Erdem kenne ich beide aus Sizilien, wo wir in einer WG gewohnt haben. Erdem stand auf der Straße, rauchte eine Zigarette und hielt Ausschau nach uns, als er uns dann mit dem Helfer vor dem Geschäft stehen sah. Er kam aus dem dunklen Schatten des Baumes hervor und wir umarmten uns nach vier Jahren, als wir uns das letzte Mal sahen. Oben in der Wohnungstür stand auch schon Nursen, welche uns mit einem breiten Lächeln herzlichst empfing Nursen hatte ich das letzte Mal vor zwei Jahren in Istanbul gesehen. Der pizzageschwängerte Abend zeigte schon, dass auch Robert zu Nursen und Erdem fix einen ziemlich guten Draht hatte, was sich auch in den folgenden Wochen unseres Aufenthalte bestätigte. Nun waren wir hier, in Istanbul, nach 4.733 km angekommen. Rostock war nun noch weiter weg als je zuvor auf unserer Reise.

2018-11-04T14:36:41+00:00 03.11.2016|Türkei|0 Kommentare