34 | Die Reise geht weiter

15./16.11.2016 | Nachdem wir zu Genüge Klimadiagramme aus vielen Orten der Türkei und des Nordwestens des Irans studiert hatten und zudem auch wussten, dass wir eigentlich auch zu spät dran waren, um mit den Fahrrädern die Türkei zu durchqueren, haben wir uns letztlich für den Bus entschieden. (Wenn wir aber ehrlich zu uns sind, wussten wir eigentlich schon in Deutschland, dass wir einen Großteil der Türkei motorisiert zurücklegen müssen; wir waren einfach zu spät mit unseren Rädern in Deutschland gestartet.) Der Bus sollte uns von Istanbul bis nach Dogubayazit (ca. 30 km vor der iranischen Grenze) bringen.

Nursen hatte bereits am Vorabend unseres Abschiedes zwei Tickets reserviert. Insofern waren wir nun in der glücklichen Lage, nur noch mit den Drahteseln zum acht km entfernten Busterminal Otokar zu fahren und beim entsprechenden Schalter unsere Namen zu sagen, damit alles klar geht. Die Fahrt zum Busterminal führte uns über zwei Stadtautobahnen und gestaltete sich einfacher als gedacht und war bei Weitem auch nicht mit jener vom Ankunftstag in Istanbul zu vergleichen 🙂

Am Busterminal angekommen, wussten wir erst einmal nicht so richtig in welche Richtung wir gehen sollten. Der Busbahnhof war wie ein Sechseck angeordnet. Im Inneren des Sechsecks befanden sich viele Parkplätze für die PKWs, die Gebäude waren ob der schier unendlichen Werbeschilder kunterbunt, was eine Orientierung erschwerte. Wir schwenkten spontan nach rechts und gingen durch einen Tunnel. Außerhalb des Sechsecks befanden sich die Busse. Viele Menschen standen vor diesen, warteten darauf, dass sie in den Bus einsteigen konnten oder entluden ihre sieben Sachen. Hier und da stapelten sich neben den Bussen riesige weiße Säcke, zahlreiche Schnüre sollten verhindern, dass diese aufplatzen. Geräusche laufender Busmotoren, laute Diskussionen und der Duft von Tee lag in der Luft. Als wir aus dem kurzen Tunnel heraustraten, schwenkten die Blicke der zahlreichen Leute auf uns, wir schienen wie bunte Kugeln am Tannenbaum zu leuchten. Wir fragten nach Bussteig 31 nach und man sagte uns, dass wir uns auf die andere Seite des Busbahnhofes begeben sollten. Dort angekommen, kam uns sofort ein Mann entgegen und meinte „Dogubayazit“ und leitete uns zum Bus. Wir vergewisserten uns kurz, ob es sich dabei um den richtigen Bus handelte. Kurze Zeit später entluden wir unsere Räder, die Sättel wurden abgenommen und anschließend wurden die Drahtesel im Frachtraum des Busses mit unseren Schnüren befestigt. Dann folgten die Fahrradtaschen. Wir unterhielten uns ein bisschen mit ein paar Personen, die den gleichen Weg vor sich hatten. Mal wieder war Fußball das verbindende Element. Der Busfahrer gab uns Bescheid, dass nun die lange 22-stündige Busfahrt beginnt. Wir huschten in den Bus und nahmen unsere Plätze ein, welche leider nicht gerade viel Beinfreiheit offerierten. Wir ließen Istanbul langsam hinter uns. Die urbane Landschaft ging allmählich in eine grüne Naturlandschaft über. Während der Bus über die Autobahn tuckerte, sahen wir nach einer Weile zwischen Hängen und Erhebungen das Schwarze Meer, welches sich nach und nach frei schälte, ebenso wie der Bosporus. Am Horizont des Schwarzen Meeres waren zahlreiche Frachter und andere Schiffe zu sehen. Das Grau Himmel wich langsam dem Dunkel der Nacht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Dummlabern, Schlafen, Lesen und Musik hören. Auf der knapp 1.500 km langen Busfahrt machte der Bus gefühlt jede Stunde eine Pause. Das musste aber auch sein, denn im Bus gab es leider keine Toilette. An den Orten der Pausen war ein stetiger Trubel, egal ob am Tage oder in der Nacht. Oftmals waren wir nicht die einzigen Busreisenden, denn an den besagten Orten tummelten sich viele viele weitere Busse, welche die Türkei durchquerten. Der Co-Busfahrer machte stets kurz vor der Pause eine Ansage (natürlich auf Türkisch). Mit Mimik und Gestik fragten wir, wie lange denn die Pause dauern würde. ’30 Minuten‘ war seine Antwort. Oftmals nutzen wir die Zeit, um uns eine leckere warme Linsen- und Bohnensuppe zu gönnen.

Am nächsten Morgen öffneten sich unsere müden Augen und erblickten – Schnee! Die Gegenden in der Osttürkei, welche wir durchquerten, entwarfen einen scharfen Kontrast zu dem, was wir bis Istanbul von der Türkei sahen. In jenem Teil der Türkei dominieren die Kurden. Wir empfanden diesen Teil der Türkei als deutlich von Armut gekennzeichnet. Die Häuser waren mehr schlecht als recht zusammengeschustert, Grundstücke sahen verwahrlost aus, Autos und die Landwirtschaftsmaschinen schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Zusammen mit dem Schnee und Matsch ergaben die Landschaft und die Siedlungen ein mitunter tristes Bild. Oftmals staunten wir auch ob der wunderschönen schneebedeckten Bergketten!

In Agri mussten wir unseren Bus wechseln. Da wir aber mit ca. zwei Stunden Verspätung dort ankamen, war der auf uns wartende Busfahrer etwas hektisch. Mehrere Leute schnappten sich ohne zu fragen unsere Sachen und Räder und verfrachteten diese in den Bus nach Dogubayazit. Wir hatten quasi keine Chance etwas dagegen zu sagen, geschweige denn selbst Hand anzulegen… Im Bus unterhielten wir uns bis zur Ankunft in Dogubayazit mit einem Afghanen, welcher sich auf langer Reise von Istanbul über Tehran nach Afghanistan befand.

Dogubayazit war zugegebenermaßen ein hässliches Nest, ein Platz wo man nicht lange verweilen möchte. Hier schauten wir nach, ob es vielleicht eine Direktverbindung nach Tehran gibt. Wie wir uns schon vorher vage gedacht haben, gab es diese nicht. Ein Taxifahrer bekam Wind von unserer Suche und offerierte uns eine Fahrt bis zur 30 km entfernten türkisch-iranischen Grenze. Vor dem Hintergrund, dass es schon 13 Uhr war und noch eigentlich 50 km Fahrradfahrt nach Maku im Iran anstand und wir dort eigentlich noch im Hellen ankommen wollten, sagten wir dem Taxifahrer zu. An der Grenze angekommen, entluden wir unsere Räder. Währenddessen kam ein Mann auf uns zu und fragte, ob wir türkische Lira in iranische Rial eintauschen möchten. Wir sagten, dass wir erst einmal was essen wollen, denn unweit unserer Standorts sahen wir eine kleine Kantine. Wenig später befanden wir uns mit dem Mann beim Essen und diskutieren über den Umtauschkurs und weitere Umtauschmöglichkeiten.

Bereits vor unserer Abfahrt aus Deutschland hatten wir uns mit dem Thema Geld und Iran beschäftigt. In der Vergangenheit haben viele Reiseradler vor der Einreise in den Iran ihr Budget für den Iranaufenthalt kalkuliert und den entsprechenden Betrag bei einer Bank abgehoben und diesen anschließend die ganze Zeit bar mitgeführt. Wir wussten, dass der Iran seit nicht allzu langer Zeit wieder dem Swift-Abkommen angeschlossen ist. Von daher hielt sich in unseren Köpfen die Vorstellung, dass es doch vielleicht irgendwie möglich sei, im Iran an einem Bankautomat Geld abzuheben. Dazu kontaktierten wir die Agentur, welche uns die Referenznummer für die Beantragung des Iranvisums besorgt hatteund wollten bezüglich der Geldthematik sicherheitshalber noch einmal nachfragen. Deren Antwort sollte die Informationen, welche wir in zahlreichen Foren gelesen haben, bestätigten. So hatten wir in Istanbul 400 € und 400 $ abgehoben. Das ein oder andere Mal haben wir vor Grenzübertritten auf dem Balkan vergessen, den Wechselkurs des jeweiligen Einreiselandes nachzuschauen. Dieses Mal sollten wir aber vorbereitet sein. So haben wir im Internet gesehen, dass wir zu jenem Zeitpunkt für einen Euro knapp 35.000 Rial bekommen sollten. In der Kantine unterhielten wir uns über den Wechselkurs. Der Mann wollte zuerst nur 24.000 Rial pro Euro geben, nach ein wenig Verhandeln wollte er uns 28.000 Rial pro Euro zugestehen. Da er auf uns einen souveränen Eindruck machte, uns auch warnte, dass der Wechselkurs hinter der Grenze schlechter sei und wir auch dachten, dass man bei solchen ‚Straßengeschäften‘ wahrscheinlich eh den Kürzeren zieht, tauschten wir zum Kurs von 1:28.000. Ein bisschen suspekt kam uns das Ganze doch vor, so dass wir auch nur 50 Euro zum oben genannten Kurs wechselten. Als frisch gebackene Millionäre und mit einer neuen Währung in der Tasche, schoben wir unsere Räder gen Grenzstation. Lange sollte es nicht mehr dauern, bis wir iranischen Boden betreten sollten. Jenes Land, auf das wir so lange gespannt waren, ein Land, welches unsere Vorfreude stetig steigen lassen sollte, je näher wir diesem kamen, ein Land, welches wir all die Zeit bis zu eben jener Grenze als unser erstes großes Highlight auf unserer bisherigen Reise ansahen. Wir waren sehr gespannt, auf das, was kommen sollte …

2018-11-04T14:54:48+00:00 03.01.2017|Türkei|0 Kommentare