36 | Isfahan

22.11. – 27.11.2016 | Es ist Freitag, der wöchentliche Ruhetag im Islam. Die Sonne hüllt den vor uns liegenden parkartigen Platz in ein warmes Licht. Hier und da sitzen an diesem frisch-kühlen Vormittag Familien auf den Rasenflächen und picknicken. Während ältere Herren Backgammon spielen, laufen kleine Kinder quietschfidel über den Platz und spielen Fußball. Jugendliche relaxen versteckt zwischen den Hecken und rauschen Shisha. Eine kleine Gruppe von in schwarzen Tschadors eingehüllten Frauen wandeln über die die breiten Flanierwege, welche um den Platz führen. Aus den uns von allen Seiten umgebenden 1,2 km langen doppelstöckigen Arkaden sind Rufe von Teppichhändlern, Kunsthandwerkern und Gewürzhändlern zu vernehmen. Das Hufgeklapper der Pferde untermalt die Szenerie mit einem eigentümlichen Rhythmus. Im Süden und im Osten werden die Arkaden von den imposanten Portalen der Schah-Moschee und der Sheikh Lotfallah Moschee mit ihren Zwiebelkuppeln unterbrochen. Ob der sich vor uns ausbreitenden sowie sehr beeindruckenden Kulisse fühlen wir uns um Jahrhunderte zurückversetzt. Denn wir befinden uns auf dem Meidan-e Imam (Imamplatz), dem Herzstück Isfahans. Dieser gilt nach dem Tiananmen-Platz in Peking als der zweitgrößte Platz der Welt und veranschaulicht wie kaum ein anderer Ort im Iran die Pracht und Macht der Safawidendynastie (1501- 1722).

Ein altes persisches Sprichwort – „Esfahan, nesf-e jahan“ – besagt, Isfahan ist die halbe Welt. In dieser ‚halben Welt‘ sollten Robert und ich fünf Nächte verweilen und eine tolle Zeit genießen. Bevor wir Tehran verlassen haben, haben wir via Warmshowers nach einem Host gesucht und wurden relativ fix fündig. Das Netzwerk von Warmshowers haben wir seit Österreich permanent genutzt und bisher nur (sehr) gute Erfahrungen gemacht. Was uns aber im Iran überraschte (wie auch später beim Netzwerk Couchsurfing), war die schier unendliche Anzahl an registrierten Nutzern! Selbst in den entferntesten Winkeln des Irans boten die Iraner ein Bett, Essen und die namensgebende warme Dusche an. So kam es, dass Reza und seine, wie sich schnell herausstellen sollte, sehr sympathische Familie uns aufnahm.

Nachdem wir unsere Räder aus den Bussen entladen haben, sind wir noch ca. acht Kilometer durch die Nacht von Isfahan geradelt. Ein paar Haupt- und Nebenstraßen später, fanden wir uns in einem ruhigen Viertel wieder. Wir schrieben Reza, dass wir vor seinem Haus angekommen sind. Es öffnete sich ein großes Tor, Reza trat im Dunkeln der Nacht auf die Straße und begrüßte uns mit seiner ruhigen, schüchternen Stimme herzlich Willkommen im Iran und in Isfahan. In der Wohnung wartete schon die Familie sowie Sonia und Guillem aus Barcelona, welche zwei Stunden vor uns angekommen waren. Es lag ein leckeres Aroma in der warmen Küchenluft und kurze Zeit später unterhielten wir uns bei köstlichen persischen Essen. Vor allem Themen rund um das Radreisen sorgten für leidenschaftlichen Gesprächsstoff. Woher kommt ihr her? Wie war Eure bisherige Route? Wann seit Ihr gestartet? Wo soll es als nächstes hingehen? Habt Ihr ein großes Endziel oder lasst Ihr euch einfach treiben wie eine Feder im Wind? Wetter, Pannen, lustige, bizarre und verrückte Reise- und Hostgeschichten waren auch hier wieder brennende Gesprächsthemen. Die beiden sind seit April 2016 unterwegs. Sie radeln einfach gen Osten, so lange das Geld reicht und wenn Südamerika und mehr noch drin sein sollte, umso besser. In Nepal und China wollen sie für mehrere Monate arbeiten, bei einem kleinen lokalen Hilfsprojekt und als Spanischlehrer. Wir vier Gäste haben uns sowohl untereinander als auch mit Reza und Majid (sein jüngerer Bruder) von Anfang prima verstanden und so war wohl von Anfang klar, dass wir in den nächsten Tagen gemeinsam die Stadt erkundeten.

Reza ist 23 Jahre alt und seit ca. sieben Monaten Mitglied bei Warmshowers. In Isfahan studiert er Elektrotechnik und liebt Mountainbiken. Eine Fahrradreise wie wir sie aktuell machen, hat Reza bisher noch nicht gemacht. Eines Tag soll dieser Traum aber in Erfüllung gehen. Auch war er noch nicht im Ausland unterwegs. Aber auch das soll sich irgendwann ändern und dann möchte er die ganze Welt bereisen. Er möchte raus aus dem Land, von dem er sagt, nur Nordkorea sei schlimmer. Und solange er nicht reisen kann, holt er sich die Welt in Form von Radreisenden zu sich nach Hause.

Als wir ihn fragten, wie er zu Warmshowers gekommen ist, antwortete er, dass er vor etwa mehr als einem halben Jahr einen Radreisenden spontan bei sich aufgenommen hat. Dieser erzählte ihm von ‚Warmshowers‘, sodass er letztendlich auch Mitglied wurde. Seitdem hat er viele Gäste bei sich aufgenommen, welcher alle in den Genuss der leckeren persischen Küche seiner Mutter kamen. Er sagt, seine Mutter liebe es, Menschen aus aller Welt bei sich aufzunehmen, sie sei neugierig und interessiert an den Leuten, die den Iran besuchen. Tagsüber erkundeten wir vier meistens mit Majid (Reza musste stets arbeiten) die Stadt, abends saßen wir alle zusammen, genossen leckeres Essen, quatschten und lachten, hörten Musik und machten Witze über Enrique Iglesias, verspeisten Brot und Honigcreme zu jeder Tages- und Nachtzeit oder feierten den Geburtstag von Rezas Mutter. Kurzum war ’ne tolle Zeit!

Während unserer Zeit in Isfahan schlenderten wir nahezu jeden Tag über den Imamplatz. Vor allem im Sommer verleihen Familien, Jugendliche, Freunde und Liebende diesem imposanten Platz ein lebendiges Flair. Während unserer Streifzüge über den Platz wurden wir von einem Teppichhändler zum Tee eingeladen. Zwar gaben wir ihm gleich von Anfang zu verstehen, dass wir nur Radreisende sind und wir mit einem solchen Teppich nichts anfangen können, es sei denn er kann fliegen^^ Er sagte, dass dies kein Problem sei, trotzdem endete es in einer amüsanten Verkaufsveranstaltung. Denn er verkauft nicht nur Teppiche sondern auch Rad- und Motorradtaschen. Auch bewarb er charmant und eloquent kleine Picknickteppiche, welche andere Radreisende zuvor schon hier bei ihm gekauft haben. Zugegebenermaßen, manche sahen nicht schlecht aus, sodass ein Hauch von Nachgeben im Anflug war. Aber, tschaka, wie hielten stand^^

Die Schah-Moschee mit ihrem kolossalen Portalbögen – Iwans genannt – gilt als Prachtstück persischer Architektur und ist zudem UNESCO-Weltkulturerbe. Die Farben Weiß, Gold, Ultramarin und das kräftige Türkis zieren die zahlreichen floralen Ornamente der Fassade und ziehen einen in den Bann. Koransuren in schmuckvoller Kalligraphie ergänzen das prachtvolle Erscheinungsbild der Moschee. Es ist beeindruckend zu sehen, zu welchen Architekturkünsten die alten Baumeister in der Lage waren. Wir hatten vor, der Moschee einen Besuch abzustatten, aber der Eintrittspreis von acht Euro hat uns abgeschreckt. Guillem und Sonia meinten, dass jede Moschee auch einen Hintereingang hat und wir es doch da einmal versuchen können. Diese Info hatten sie von einem Freund bekommen, der bereits vor ein paar Wochen hier in Isfahan war. So sind wir um die Moschee herum gegangen und fanden tatsächlich einen Hintereingang, wo wir uns hineingeschlichen haben. Hat sich gelohnt.

Wir streifen durch die Gassen wie rastlose Straßenhunde. Aus den kleinen angrenzenden Werkstätten ertönt stakkatoartiges Klopfen. Handwerker gehen hier ihrem Handwerk nach, welches über Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben wurde.

Während Robert ein Foto von Guillem und Sonia machte, ließ ich meinen Blick über den Platz schweifen. Auf einmal sprachen mich zwei ältere Herren, wahrscheinlich in den 60ern, an und fragten mich, ob ich ein Foto von ihnen machen könne. Ich musste schmunzeln, hätte einer der beiden doch glatt eine iranische Kopie von Günter Netzer sein können. Ich kam ihrem Wunsch nach und anschließend kamen wir ins Gespräch.

Wie so oft im Iran fragten sie mich die üblichen Fragen wie z.B. Wo kommst du her? Was machst du hier? Wie gefällt dir der Iran? Was ist dein Job? und hießen mich dann im Iran herzlich willkommen. Als ich von der Radreise berichtete, wollten sie wissen, wo es denn als nächstes hinginge. Ich antwortete mit Dubai und Thailand. Bei letztgenannten Land mussten sie schmunzeln und sagten, dass sie auch bald dorthin fliegen. Was sie gleich im Anschluss folgen ließen, ließ mich erst einmal verstutzen. Denn der Grund sei Sex, Sexurlaub. Ich meine, da stehste im Iran auf ’nem Platz, es kommen zwei wildfremde Herren daher, die du bis eben überhaupt nicht kanntest und nach zwei Minuten reden, sagen se dir frei von der Leber weg, dass sie zum Sexurlaub nach Thailand fahren. Da stehste erst einmal da und schaust wie ein bedöppertes Reh, welches ein schnell näherndes Auto auf sich zukommen sieht. Ich frage vorsichtig und naiv nach, warum dem so sei, obwohl ich mir den Grund denken kann.

Infolge der Islamischen Revolution von 1979 sprach Ayatollah Chomeini davon, den Iran von westlichen Einflüssen zu befreien. In den Folgejahren der Revolution wurde die Gesellschaft radikal islamisiert, wodurch soziale und individuelle Freiheiten erhebliche Einschränkungen erfuhren. So mussten die Frauen beispielsweise von nun an Kopf und Körper verschleiern, zudem herrschte in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens eine Geschlechtertrennung (letzteres sieht man z.B. noch in einigen Bussen in Isfahan oder in der Metro in Tehran; man sieht aber auch viele Frauen außerhalb der ‚Nur-für-Frauen-Bereiche‘, also so strikt wie in den 1980ern ist es wohl nicht mehr). Mit diesen Maßnahmen wollte das Regime außereheliche Beziehungen zwischen den Geschlechtern verhindern. Frömmigkeit war seinerzeit en vogue. Heute wie auch damals ist es verboten, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, wenn man nicht verheiratet ist. Die Islamische Republik sieht für nahezu alle Lebensbereiche strikte (Verhaltens) Regeln vor. Die Sexualmoral der Kleriker steht im (krassen) Widerspruch zu weiten Teilen der Bevölkerung. Die beiden Männer geben offenherzig zu, dass in der Islamischen Republik Sex außerhalb der Ehe nicht erlaubt ist. Und wenn man Single sei, bieten sich diesbezüglich kaum Möglichkeiten. Ob Sie nur für sich sprechen oder ein allgemeines Bild zeichnen, kann ich nicht wirklich entschlüsseln. Ein ‚Urlaub‘ nach Thailand sei daher die beste Option den strikten Restriktionen zu entfliehen. Ein in Frankreich lebender iranischer Soziologe meinte mal, dass gerade die jungen Generationen im Iran hin- und hergerissen sind – zwischen Traditionsverhaftung (bspw. durch das Elternhaus) und den gepredigten Moralvorstellungen der Geistlichen auf der einen Seite und dem Aufbegehren gegen eben diese und der Entwicklung einer liberalen sexuellen Gesinnung dank Internet, TV und Co. auf der anderen Seite.

Die Sexualität wird zunehmend enttaburisiert, dennoch ist sie für viele Leute noch in Dunkelheit eingehüllt. Gerade weil vieles verboten und traditionsverhaftet ist, ist der Schrei und das Verlangen nach dem Verbotenen umso größerer.

Doch die jungen Menschen von heute, Säkulare und Liberale sowie jene, welche nach der Revolution geboren sind und keine Bindung zum damaligen Zeitkolorit haben, ignorieren zunehmend die archaische und obsolete Moralvorstellung des Regimes und machen das, was ihnen Spaß macht. Sie haben vorehelichen Sex, tricksen das Jungfräulichkeitsdogma aus, indem sie das Hymen künstlich wieder herstellen, trinken Alkohol oder normale Parties verwandeln sich in Sexparties. Sie setzen der offiziellen Revolutionspropaganda ihre eigene private Revolution entgegen. Sex wird sozusagen zum Protest gegen das Regime, ‚Enghelabe-dschensi‘ heißt es im Volksmund. Der Ruhm des verstorbenen Revolutionsführers Chomeini und sein strenger, durchdringender Blick ist zwar allgegenwärtig, aber dieser scheint mit den jungen Generationen mehr und mehr zu verblassen.

Isfahan liegt in einer Flussoase im fruchtbaren Tal des Flusses Zayaneh Rud, am Rande des Zagrosgebirges. Aber von dieser Fruchtbarkeit ist heute leider nichts mehr zu sehen. Der Fluss, der einst der Lebensnerv dieser an der ehemaligen Südroute der Seidenstraße gelegenen bedeutenden Stadt war, ist ausgetrocknet, der Boden des Flussbettes wird von Krusten geziert und das einzige, was hier einmal Wasser vermuten ließ, sind die beeindruckenden Brücken Pol-e Khadjou, Pol-e Choubi und Si-o Se Pol, welche beliebte Treffpunkte für die Einwohner Isfahans und heimliche Rendezvous sind. An einer dieser Brücken treffen wir Majid. Er muss in ein Institut für Künste, er hat dort eine Unterredung mit seinem Englischlehrer. Wir werden gefragt, ob wir mitkommen wollen und wir sagen spontan ja. Auf dem Weg dorthin fassen wir einen Tee, und dort angekommen warteten wir bis Majid zum Lehrer kann. Während wir warten, gesellt sich eine junge Frau zu uns. Sie lächelt, ihr Hijab liegt auf der Mitte des Kopfes und ihr Haar fällt locker ins Gesicht und ist erstaunt ob so vieler offensichtlich nicht iranischer Gesichter. Sie fragt neugierig und charmant wer wir sind und was wir hier machen. Wir antworten wie schon so oft auf unserer Reise und kommen so fix ins Gespräch. Majid ist inzwischen bei seinem Englischlehrer und wir sitzen in der zweiten Etage des Instituts in einer Galerie. Sie ist stellvertretende Galerieleiterin. Momentan hängen Bilder von Akbar Mikhak aus. Wir sitzen ca. eine Stunde zusammen und reden viel über den Iran, wie es uns im Iran gefällt, was wir über den Iran gedacht haben, bevor wir hierher kamen, was wir nun denken, was für welche Erfahrungen wir hier gemacht haben und was uns besonders überrascht hat. Guillem und Sonia antworten, dass sie von der Geschlechtertrennung im öffentlichen Transportsystem überrascht waren, wie sagten, dass wir von der großen Lücke zwischen der Regierung einerseits und der Bevölkerung andererseits überrascht sind. Das sie infolge unserer bisherigen Gespräche anscheinend so groß ist, hätten wir nicht gedacht. Irgendwann gesellte sich Majid noch kurz zu uns bevor wir uns auf den Heimweg machten und wir das leckere Abendessen von Rezas und Majids Mutter genossen.

An einem anderen Tag haben wir mal wieder den Imamplatz und seine Arkaden passiert. Mit den hinter den Arkaden befindlichen Bazaar, welcher zu den größten im Orient gehört und den eigentlichen Platz, vereinte Schah Abbas I. zugleich Weltliches und Göttliches. Wir ließen uns durch die weiten und verzweigten Irrgänge des Bazaars treiben und wurden irgendwann aus dem Labyrinth ausgespuckt wie ein Surfer aus der Tube. Nun befanden wir uns auf einer viel befahrenen Straße. Wie überall in den Teilen der Stadt, welche wir gesehen haben, befanden sich auch hier unzählige kleine Shops, die Schrott, Nippes oder wirklich Brauchbares verkauften, zahlreiche Reparaturläden für Autos, Waschmaschinen, Kleintechnik und anderes. Wir strandeten in einem kleinen Restaurant, wo es lecker Kabab mit ordentlich viel Reis und ein paar Granatapfelkernen gab. Danach landeten wir wieder in einem anderen Teil des Bazaars, bevor wir abermals spontan aus den bunten Treiben der vielen Massen ausgeworfen worden. So standen wir vor der imposanten Freitagsmoschee von Isfahan, wo wir auch hier ein weiteres Mal den Hintereingang nahmen. Es waren nur weniger Leute anwesend, die Atmosphäre war ruhig und entspannt, die Sonne warf ein sanftes Licht auf die Innenplatzfläche der Moschee. Man konnte beobachten wie sich die Schatten zwischen den Säulen bewegten. Robert stellte bei seiner Kamera die richtigen Einstellungen ein, um zwei Mädchen zu fotografieren, welche versuchten die Moschee zu skizzieren. Auf einmal stieg ein großer Schwarm an Tauben gen Himmel. Ich fragte Robert, ob er das zufällig aufgenommen hat. Leider geschah das zu spontan, sodass er diese malerische Szenerie nicht einfangen konnte. Ich sah einen jungen Mann zu meiner Rechten und ging hin und fragte ihn, ob er den Moment abgelichtet hatte. Er verstand mich nicht so richtig, weshalb einer seiner Freunde übersetzte. So kamen wir fix ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass es sich bei den anwesenden jungen Leuten um Architekturstudenten handelte. Sie gaben uns interessante Einblicke in die persische Architektur und ihren Skizzierungen.

So erfuhren wir, dass es bereits unter den Archämeniden (559 – 330 v. Chr.) und den Sassaniden (224 – 642 n. Chr.) zu einer Blütezeit der Stadt- und Palastarchitektur kam, stets mit einer religiösen Konnotation. Wohl bekanntestes Beispiel hierfür ist Persepolis: Die Überreste der achämenidischen Residenzstadt samt der erhaltenen Reliefs ziehen Besucher bis heute in ihren Bann. Seit achämenidischer Zeit (559 – 330 v. Chr.) ist belegt, dass die Mächtigen im Verhältnis zwischen Herrschaft und Religion eine bedeutende Voraussetzung für den Bestand des Reichs gesehen haben. Eine vorgeschriebene, die Reichsbevölkerung verpflichtende Religion wie sie die römischen Christen der Spätantike kannten, gab es jedoch nicht. Es ist anzunehmen, dass seinerzeit ein polytheistisches orientiertes Bild vorherrschte. Weit verbreitet war seit der Achämenidenherrschaft der Zoroastrismus.

Dieser war in der vorislamischen Zeit im alten Persien weit verbreitet, sozusagen die Vorgängerreligion, und im heutigen Iran finden sich noch viele Traditionen aus dieser Zeit wieder. Mit der Islamischen Revolution wollten die geistlichen Führer seinerzeit heidnische Elemente aus der vorislamischen Zeit tilgen, aber sie haben die Verbundenheit mit der vorislamischen persischen Kultur unterschätzt. Bekannteste Tradition aus dieser Zeit ist das Norouzfest. Es ist das iranische Neujahrsfest und wird zusammen mit dem Frühlingsbeginn am 21. März gefeiert. Das Jahr 2016 entspricht im iranischen Kalender dem Jahr 1395. ‚Norouz‘ kann mit ’neuer Tag‘ übersetzt werden, deren Festlichkeiten zwei Wochen andauern können.

Im Zoroastrismus, aus welchem das Judentum, das Christentum und der Islam viele Elemente übernommen haben, nahm Ahura Mazda die höchste Stellung ein, den man als allwissenden, höchsten Schöpfergott verehrte. Obwohl die Zoroastrier mehrere Gottheiten wie z.B. Anahita (Göttin der Fruchtbarkeit) oder Mithras (Gott des Lichtes und Schutzgott der Verträge und der Wahrheit) kannten, die Ahura Mazda unterstützen, ist der Zoroastrismus vornehmlich durch den Dualismus von Gut und Böse, Licht und Finsternis gekennzeichnet. Für Letztere stand die Allegorie des Ahriman. Besondere Bedeutung kam dem Feuer als Symbol der Reinheit zu, was die heute noch archäologisch nachweisbare hohe Verbreitung von Feueraltären, besonders aus sassanidischer Zeit, erklärt. Als höchste Pflicht wurde die Reinhaltung der vier Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) gesehen, wie die Begräbnispraxis zeigt. Könige und hohe Würdenträger ließen sich bereits in achämenidischerZeit in Steinsarkophagen in hochgelegenen Felswänden beisetzen, um die Elemente nicht zu verschmutzen. Der Zoroastrismus wurde unter den Sassaniden (224 – 642 n. Chr.), die sich als Nachfolger der Achämeniden verstanden, weiter gefördert, denn auch sie sahen die Religion als herrschaftssichernd an. So erklärte der sassanidische Herrscher Ardashir I. (224 – 241 n. Chr.) seinem Sohn Shapur, dass die Religion als Grundlage der Herrschaft und die Herrschaft als Hüterin der Religion anzusehen sei. Die Bedeutung der Religion für die Herrschaftsauffassung der persischen Könige zeigt sich besonders in den erhaltenen Felsreliefs in Persepolis, Bisotun und Naqsh-e Rustam. Den Sterblichen entrückt, stand der Großkönig als Mittler zwischen Ahuramazda und der Welt unter dessen besonderem Schutz. Die Erteilung der göttlichen Gnade bedeutete die Legitimation der weltlichen Herrschaft.

Am letzten Abend von Sonia und Guillem saßen mit ihnen sowie mit Reza und Majid wieder mal beisammen und aßen Brot und Honigcreme. Reza brachte einige interessante Worte in die Runde, weil er fragte, wie das mit dem Vertrauen auf so einer Reise ist. Er machte das an einem Beispiel fest und zwar stellte er sich vor, dass man als Radreisender mehr Vertrauen aufbringen müsse, als der Gastgeber, der den Reisenden aufnimmt. Wir alle schauten erst einmal verdutzt, was er schnell bemerkte. Daraufhin sagte er, dass wir ja bspw. nicht Persisch / Farsi sprechen. Hier oder in anderen Ländern, deren jeweiligen Sprachen wir nicht sprechen, könne sich das Problem ergeben, dass man mitunter fix in eine Situation kommen könne in der man angearscht sei, bspw. wenn man in eine Falle gelockt und ausgeraubt wird. Interessante Gedanken, hatten wir darüber vorher nie wirklich nachgedacht. Hin und wieder gab es schon Situationen, wo wir dachten, können wir der Person wirklich vertrauen? Aber auf welche Grundlage bezieht sich dann die jeweilige spontane Gefühlsstimmung? Nur weil die Person bspw. vielleicht etwas heruntergekommen aussieht, Zähne fehlen oder mit dir redet und lacht, du aber das Lachen aufgrund der fehlenden gemeinsamen Kommunikationsbasis falsch interpretierst? Ist das überhaupt gerechtfertigt? Mitunter landest du in Situationen, wo du letztendlich deinem Gegenüber vertrauen musst. Manchmal hast du die Wahl, manchmal nicht. Und dann stellt sich heraus, das alles prima ist. Eine Leichtigkeit und Heiterkeit liegt in der Luft. All die vorherigen flüchtigen kritischen Gedanken waren unbegründet. Angebrachte Skepsis und Vertrauen wollen mag einem Balanceakt ähneln, aber bisher hatten wir nie Probleme. Man mag es Offenheit, Naivität oder wie auch immer nennen. Letztendlich denken wir, lernt man auf so einer Radreise vor allem zweierlei Dinge: sowohl dem Unbekannten als auch in seine eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir Sonia und Guillem, welche nun den Weg durch die Wüste nach Yazd nahmen. Wir umarmten uns herzlich und hofften, dass wir uns bald wiedersehen! Die beiden sind echt dufte!

Kaum waren die einen Reiseradler weg, kamen schon die nächsten. Reza sprach schon davon das ein polnisches Pärchen kommt, sie würden mit ihren Rädern von Süden des Iran gen Isfahan trampen. Als Kasia und André schließlich angekommen waren, fragten wir, wie denn die das Trampen war. Daraufhin antworteten sie „welches trampen?“ ?? Reza war ganz perplex als er das hörte. Da hat er mit zwei verschiedenen Pärchen geschrieben und ging fälschlicherweise davon aus, dass er mit ein und demselben Paar schrieb. Wir haben uns gerollt vor Lachen. Er erzählte seiner Mutter von der Verwechslung, die nur schmunzelte und ihn wissen ließ, dass das alles kein Problem sei, nur das Kochen für zehn Personen könne sich eventuell als schwierig erweisen. Knapp eine Stunde später erreichten Sonia und Gabriel, zwei Schweizer, die Wohnung der Familie und alle mussten abermals wegen Rezas Schusseligkeit lachen. Wir hatten einen entspannten Abend und wir lauschten den Radfahrgeschichten der beiden Pärchen. Die beiden Schweizer sind seit zweieinhalb Jahren ‚on tour‘, Kasia und Andre seit einem Jahr. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Reza, Majid und Co. und bedankten uns herzlich für die wahnsinnig tolle uns entgegengebrachte Gastfreundschaft und wünschten ihm alles Gute.

2018-11-04T14:56:01+00:00 08.01.2017|Iran|0 Kommentare