42 | Kambodscha,Transportkünstler, Lara Croft und Khmer

23.01. – 04.02.2017 | Nun waren wir an der thailändisch-kambodianischen Grenze, Aranyaprathet in Thailand, Poipet in Kambodscha. Diese Grenzstation gilt als die wichtigste zwischen den beiden Ländern, da hier die Hauptverbindungsstraße zwischen Bangkok und Siem Reap bis weiter nach Phnom Penh verläuft. Was wir zum Zeitpunkt des Grenzübertritts noch nicht wussten und erst später in Siem Reap erfahren sollten, ist, dass oben genannter Grenzübergang unter den Reisenden als sehr zwielichtig und korrput wahrgenommen wird und mit mehreren Fallstricken aufwartet.

Kommt man bspw. mit dem Zug, Bus oder Mini-Van in Aranyaprathet an, nimmt der ein oder andere ein Tuk-Tuk zur Grenze. Dieser führt aber gerne die Touris zur vermeintlichen kambodianischen Botschaft, mit dem Hinweis, dass man hier schon sein Visum beziehen könne, da es an der Grenze nicht möglich sei. Fallen Leute darauf rein, erhält der Tuk-Tuk-Fahrer einen Teil des Gewinns. Zudem ist das Visum hier teurer als an der Grenze.

Wir kamen mit dem Fahrrad im geschäftigen Aranyaprathet an, der Verkehr ist wuselig, die zahlreichen Thais, Kambodschaner und Touris huschen über die Straßen, kaufen auf einem riesigen Markt Trikots, Klamotten oder Schuhe oder ziehen Güter in improvisierten Holzwagen zur Grenze.

Ein Mann sieht uns mit unseren Rädern ankommen und winkt uns zu sich. Wir waren in diesem Moment etwas orientierungslos, ob der Frage die wir uns stellten, wo wir denn nun langfahren sollen. Daher kam er ganz recht, so dachten wir. Er fragte uns, ob wir zur Grenze wollen und bejahten dies, woraufhin er wissen wollte, ob wir denn schon ein Visum für Kambodscha haben. Wir sagten, dass wir dieses noch nicht hätten. So ließ er uns wissen, dass sich im Gebäude zu unserer linken Seite die kambodianische Botschaft befindet. Wir waren skeptisch, denn im Erdgeschoss befanden sich ein paar kleine Einkaufsläden, oben ebenso, was wir spontan sehen konnten. Welche Botschaft teilt sich denn das Gebäude mit Einkaufsläden, fragten wir uns. Der Herr meinte, dass Visum koste hier 35 US-$, woanders sei das teurer. Wir wussten aber, dass Kambodscha ‚Visa on Arrival‘ (also Visa bei Ankunft an der Grenze erteilt) und das dieses nur 30 US-$ kostet. Spaßenshalber schauten wir trotzdem mal rein und unsere Skepsis bestätigte sich.

Wir fuhren weiter und machten einen kurzen Stopp bei der Touristen-Polizei, wo wir nach dem richtigen Weg und nach dem Ort des Ausstempelns fragten. Der freundliche Polizist erklärte uns dies und wir fuhren anschließend von dannen.

Auf der thailändischen Grenze ging das Prozedere recht schnell von statten. Unsere Pässe wurden eingesammelt und in das Grenzhäuschen, welches sich vor uns befand, gereicht. Während wir warteten, beobachteten wir die zahlreichen Kambodschaner, wie sie zahlreiche Waren auf improvisiert zusammengeschusterten Wagen transportierten. Ein für uns irgendwie faszinierender Anblick, wie sie das alles bewerkstelligten (in Poipet und auch weiter im Landesinneren lachten wir immer wieder aufgrund der zahlreichen Transportkünste, irre 😀 ). Ein Grenzbeamter gab uns zu verstehen, dass wir einzeln vor das Grenzhäuschen treten sollen, damit von uns ein Foto gemacht werden kann. Ein paar Sekunden später, hatten wir unsere Pässe mit dem Ausreisestempel in unseren Händen und fuhren über eine kleine Brücke. In Thailand herrscht Linksverkehr, in Kambodscha hingegen Rechtsverkehr. Vor dem Grenzübertritt haben wir uns schon versucht auszumalen, wie denn so ein Verkehrswechsel vollzogen wird und schauten deshalb auf der Brücke nach irgendeinem Hinweis. Wir fanden aber keinen und die Autos und LKWs bahnten sich so ihren Weg. Warum so schwer, wenn es auch so einfach geht^^

Erste Momente in Kambodscha

Vor uns sahen wir ein riesiges Tor, welches die Grenze zu Kambodscha darstellte und stark an Angkor Wat erinnerte und so quasi schon einmal die Vorfreude etwas steigen ließ. Bevor wir aber das Tor durchquerten, mussten wir noch unser Visa on Arrival beziehen. Dazu gingen wir in ein Gebäude, welches sich zu unserer rechten befand. Fünf Grenzbeamte saßen vor dem Gebäude und hatten anscheinend nix zu tun als sich mit ihren Smartphones zu beschäftigen 😀 Im Inneren zeigte sich uns ein ähnliches Bild. Wir gingen zum Schalter, wo wir ein Formular erhielten, dass wir ausfüllen sollten. Ein Grenzbeamter meinte, wir sollen jetzt 30 US-$ bezahlen und zusätzlich 100 Baht (thailändische Währung, entsprach ca. drei Euro). Wir fragten ihn, wofür denn die 100 Baht seien? Darauf konnte er uns keine Antwort geben und so zahlten wir lediglich die 30 US-$. Ein erster kleiner Versuch der Abzocke. Während wir ca. 10 Minuten warteten, beobachteten wir die großen Touristenströme, die die Grenze passierten. Zahlreiche junge und ältere Backpacker, Hippies und Rentnerreisegruppen.

Als wir unser Visum, welches eine ganze Seite in unserem Pass einnahm, hatten, fuhren wir weiter zur nächsten Station, wo wir unseren Einreisestempel abholten. Auf dem Weg dorthin, kam uns ein Beamter aus der ‚Immigration Information‘ entgegen und fragte, ob er uns denn ausstempeln solle. Und schob gleich hinterher, dass dies was kosten würde. Wir sagten nein und fuhren weiter. Nach ca. 100 m kam die offizielle Station. Zwei lange Reihen warteten darauf, ihren Einreisestempel zu bekommen. Ein paar Minuten später hatten wir auch diesen in unseren Pässen.

Da waren wir nun. In Kambodscha. Im Land der Khmer. Jene, die ‚Angkor‘ erschaffen haben und im 20. Jahrhundert durch die Hölle gegangen sind und wieder zurück.

In Poipet zeigte sich ein ganz anderes Bild als was wir von Thailand kannten. Es ist schwierig unsere Gedanken diesbezüglich in Worte zu kleiden … Poipet ist eine Grenzstadt. Sie ist laut. Sie ist dreckig. Sie ist geschäftig, heruntergekommen und nicht wirklich ansehlich. Hier gibt es quasi nichts zu sehen bzw. nichts, was die Mehrheit der Touristen interessiert. Halt nicht der klassische Touriort. Die meisten Touristen springen, nachdem sie die Grenze passiert haben, gleich in einen Bus nach Siem Reap. Manche Zungen behaupten, Poipet reimt sich auf das englische Wort ‚toilet‘. Dennoch lohnt es sich, dieses Flair für eine Weile auf sich wirken zu lassen. Wir haben Hunger und machen Halt an einer Straßenküche. Während wir essen, beobachten wir die irren Verkehrskünste der Kambodschaner. Sie transportieren nahezu a l l e s mittels Motoroller / Motopeds. Körbe, Tiere, Baumaterialien, Rohre, Holz, Möbel, Motorräder, Lebensmittel und vieles vieles mehr. Und alles in riesigen Massen. Oftmals mussten wir fassungslos lachen. Wofür man in Deutschland womöglich einen Kleintransporter oder Sprinter benötigt, benutzen sie hier einfach Mopeds und ähnliches 😀 Manchmal so viel, dass man den Fahrer gar nicht mehr sehen kann bzw. genau hinschauen muss. Wir haben Kambodscha spontan das Land der Transportweltmeister bzw. der Transportkünste genannt. Aber seht selbst 😉

Über Land

Nach einer Weile hieß es wieder, in die Pedale zu treten. Von Poipet nach Siem Reap sollten es 144 km sein. Unser Ziel für jenen Tag aber lag in 44 km Entfernung und nennt sich Sisophon. Lediglich eine Straße führt dort hin. Wir teilten uns die Straße mit Mopeds, Autos, LKWs, Bussen (Busfahrer sind unserem Eindruck nach die wahnsinnigsten Verkehrsteilnehmer hier) und eigenartigen Kreationen aus Rasentraktormotor und LKW-Anhänger. Die Strecke war flach und führte uns durch das ebene Kambodschanische Becken. Die Straßen waren von zahlreichen satten, grünen (Bananen)Bäumen sowie von Pfahlbauten unterschiedlichster Art und Weise und Bauzustand gesäumt. Im Anschluss an die bewohnten üppigen Grünstreifen folgten weite, platte Landwirtschaftsflächen, gesprenkelt mit hohen Palmen, über welchen die Sonne erbarmungslos brannte.

Die Behausungen waren oftmals auf Pfählen errichtet, manche wiederum nicht und sahen oftmals sehr einfach und rudimentär aus. Hier wie auch zuvor in Poipet dachten wir, dass Kambodscha offentsichtlich und mit Abstand das ärmste Land auf unserer bisherigen Reise ist. Zwischen den Pfählen spazierten Hühner, spielten Kinder, hingen ältere Menschen in ihren Hängematte, standen Kühe. Am Straßenrand befanden sich kleine Verkaufsstände, die Obst, Getränke, kleine Mahlzeiten und eine gelbe Flüssigkeit in zahlreichen verschiedenen Flaschen offerierten. Wir fragten uns stets, was sich in den Flaschen befindet. Später sahen wir, dass sich in den Flaschen Benzin befindet. Wenn einem der zahlreichen Motoroller und Mopeds der Saft ausgeht, wird an einem viele Stände kurz gestoppt und eine oder zwei Flaschen nachgekippt und weiter geht die Fahrt. Interessantes Tanksystem. Während wir über die Straßen sausten, hörten wir stets ein lautes ‚Helloooo!‘. Oftmals hörte man nur die Rufe, konnte aber nicht verorten, von wo sie kamen. Es waren Kinder, viele kleine Kinder, die aus den Büschen, vom Straßenrand und aus den Behausungen mit Freude strahlenden Gesichtern zuriefen und winkten! Ein wahres Konzert, welches abends in den Ohren noch nachschallte^^. Auf der langen Straße nach Sisophon passierten wir auch eine Hochzeitsfeier. Der hübschdekorierte ‚Feierpavillon‘ stand in seiner ganzen Größe komplett auf der Fahrbahn, welche von Sisophon zur thailändisch-kambodschanischen Grenze führte. Von dem Brautpaar wurden Hochzeitsfotos auf dieser Straße gemacht, Mopeds, aberwitzig vollbeladene Mopeds und LKW rasten an der Hochzeitsgesellschaft vorbei. Ein irgendwie skurriles Bild … 😀

Kurz vor Sisophon wurden wir von einem Moped überholt und wir staunten nicht schlecht, was wir sahen 😀 Über den Rücksitz verlief eine breite Holzhalterung, an der zahlreiche Hühner an den Füßen befestigt waren und links und rechts vom Moped hangen, die Köpfe über dem Asphalt. Manche renkten die Hälse, manche versuchten mit ihren Flügeln zu schlagen. Die Hühner leben also noch.

Sisophon

Nach ca. 75 km Fahrstrecke erreichten wir Sisophon, eine kleine geschäftige Stadt. Die Eingangsstraße war von zahlreichen Reparaturstätten, Shops und Straßenküchen gesäumt. Im Zentrum der Stadt haben wir uns erst einmal was zum Essen gesucht und wurden schnell fündig. Ein junger Mann von der Nachbarstraßenküche gesellte sich zu uns und wir lernten unsere ersten Worte auf Khmer, die Amtssprache von Kambodscha. Einen Abend später waren wir mit ihm und ein paar Freunden auf einem Konzert, welches von Cambodia Beer gesponsort wurde (Bierwerbung ist nahezu überall in Kambodscha, Cambodia Beer hier, Cambodia Beer da, Marmorbänke mit eingefrästen Cambodia Beer Schriftzug 😀 ). Amüsante Runde und viel Bier…haha. Nach einer Weile machten wir uns wieder auf dem Weg und suchten ein Guesthouse für zwei Nächte. Auch in diesem Fall wurden wir fix fündig und bezogen unser Zimmer.

Sisophon ist wie Poipet kein besonderer Ort, der lange zum Verweilen einlädt. Dennoch hatten wir hier entspannte Tage, interessante Begegnungen und faszinierende Einblicke in jenes Kambodscha, welches nicht unbedingt in Reiseführern erwähnt oder in Illustrierten abgebildet wird.

Oftmals schlenderten wir ziellos durch die Straßen, was uns zu die Sinne einnehmenden Orte führte. Zwei blieben besonders in Erinnerung. Der erste Ort war ein Markt in einer großen Markthalle. Sich hier durchzuwurtscheln kam einem kleinen Labyrinth gleich, was einen schnell vereinnahmte. Hier wurde alles angeboten was geht, von Schmuck und Schrott über Haushaltsutensilien, Klamotten und Dienstleistungen bis zu Obst, Gemüse und Fleisch. Besonders letzteres ließ uns etwas staunen. In der Hitze und Sonne war auf Holzbrettern und Plastiktischdecken zahlreiches Fleisch, Leber und Co. ausgelegt, auch ein Schweinekopf war dabei. Hier und da schwirrten Fliegen umher, kleine Ventilatoren sorgten für kältere Luft. Alles nicht wirklich einladend und wir hätten zu gern das Gesicht eines deutschen Metzgers gesehen 😀

Der zweite Ort war eine kleine Siedlung, welche man als Slum bezeichnen kann. Dort sind wir durch Zufall gelandet als wir durch die Straßen schlenderten. Auf einmal standen wir vor einem buddhistischen Tempel und betraten das Gelände. Junge Mönche kreuzten unsere Wege, andere saßen im Schatten der Bäume und beobachteten uns mit neugierigen Augen. Die Sonne war bereits am Untergehen und tunkte die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht. Das Gelände war nicht weitläufig und eher von der bescheidenen Sorte, einiges ist in Bau bzw. in Renovierung, der Tempel war klein, aber in seiner Vezierung und Gestaltung beeindruckend und pompös. Wir standen am Fluss und unsere Blicke hafteten am gegenüberliegenden Ufer. Es war reichlich grün, zwischen ein paar Bäumen hing Wäsche und ein paar Pfahlbauten standen unweit des Wassers. Zwar waren wir jetzt nicht weit weg von der vielbefahrenen Hauptstraße, aber dennoch hatte man das Gefühl, mitten im Dschungel zu sein. Beim Verlassen der Tempelanlage schauten wir ein paar Kindern und Jugendlichen beim Volleyball zu. Hinter dem Spielfeld sahen wir ein paar improvisiert zusammengeschusterte Bauten, die unsere Neugierde weckten. Ein paar Minuten später fanden wir uns in einem kleinen Slum wieder. Durch das Slum führt eine Sandpiste, die von Pfahlbauten gesäumt wird. Diese stellt, als wir auf die andere Seite der Hauptstraße schauten, von wo aus die Sandpiste links und rechts abgeht, eine zukunftige Bahntrasse dar. Die Sandpiste rechts der Hauptstraße führte schon Bahngleise, die andere Sandpiste hingegen noch nicht. Es war für uns das erste Mal, dass wir uns in einer derartigen Siedlung befanden. Die aus unserer Sicht krasse Armut war offensichtlich und sprang einem sofort ins Auge. Alles Leben spielte sich auf der Sandpiste ab. Kinder liefen kreuz und quer, tobten, spielten Fußball oder mit Murmeln, Frauen saßen im Schatten zusammen, lachten und kicherten, hier und da standen kleine Verkaufsstände. Zwischen einigen Pfahlbauten sammelte sich der Müll in großen Massen und schwamm im zum Teil übelriechenden Wasser, Leute zimmerten an ihren Häusern oder lasen ein Buch in der Hängematte, manche Kinder schauten uns schüchtern und verstohlen an, aber die meisten kamen mit einem großen Lächeln auf uns zu, winkten und riefen ‚hello‘.

Neue Bekanntschaften auf der Straße

Nach drei Nächten ließen wir Sisophon hinter uns und fuhren nach der großen Mittagshitze gen Siem Reap, wo wir am folgenden Tag ankommen wollten. Bis dahin waren es aber noch 100 km. Als wir ca. 10 km geradelt sind, sahen wir von Weitem zwei Radfahrer am Straßenrand stehen. Wir hielten an und trafen so auf Pawel und Ewelina aus Danzig (Polen). Beide machten auf den ersten Blick einen sympathischen Eindruck und wir kamen ins Gespräch. Natürlich mit den üblichen Fragen^^ Das verheiratete Pärchen war zu jenem Zeitpunkt seit ca. acht Monaten unterwegs und sind im heimischen Danzig gestartet. Sie wollen eigentlich weiter gen Süden in Richtung Singapur. Nach Kambodscha sind sie nur gekommen, um die weltberühmte Tempelanlage ‚Angkor‘ zu besichtigen. Wenn sie das getan haben, fahren sie die ganze Strecke wieder zurück. Robert und ich schauten uns erst einmal doof an und mussten lachen 😀 Das war eher so ein leicht fassungsloses Lachen und dem geschuldet, dass sie die langweilige, öde Strecke Grenze – Siem Reap zweimal fahren müssen. Ich mein, ein wahrer Augenschmaus wie im Iran oder in den Balkanländern ist das hier wahrlich nicht. Die Straße zieht sich kilometer lang schnurstracks durchs Land. Reicht wenn man sie einmal und das auch nur in eine Richtung fährt, spannend ist was anderes 😉 Jedenfalls beschlossen wir, die kommenden Kilometer zusammen zu fahren. Beide hatten einen ordentlich Zahn drauf und Robert schaute mal fix auf deren Tacho, rund 19 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit! Und zu jenem Zeitpunkt hatten sie schon um die 80 km geradelt. Auf der Straße war gut Verkehr, Busse, Mopeds ohne Ende, Laster und am Straßenrand viele viele Kinder, die auf ihren Fahrrädern und in Schuluniformen auf dem Rückweg von der Schule waren. Wir kündigten uns mit einem Klingelkonzert an, woraufhin sich die Köpfe umdrehten. Erst war kein Eindruck zu vernehmen, aber nach einer Sekunde zeichnete ein breites Lächeln die Gesichter der Kinder, welche winkten und ‚hello‘ riefen. Obwohl die Mittagshitze lange vorbei war und die Sonne sich allmählich verabschiedete, war es noch ordentlich warm. Wir machten einen kurzen Stopp und tranken Wasser. Unsere Blicke schweiften über die Landschaft rechts der Fahrbahn. Durch das flache Gras sahen wir eine dünne, aber laaaange Linie sich bewegen. Am Ende dieser Linie und in weiter Entfernung waren drei Gestalten zu vernehmen, die sich langsam bewegten. Wir konnten erst nicht ausmachen, was sich denn da bewegt, aber je näher die mäandrierende Linie kam, desto besser konnten wir es sehen. Es waren hunderte, wenn nicht gar tausende von kleinen Enten, die sich da bewegten. Als ob sie von ganz allein wüssten, wohin sie müssen. Irrer Anblick! 😀

Nach ca. 50 km (und für Pawel und Ewelina nach 110 km) kamen wir in Kralanh an. Da Robert und ich sowohl in Thailand, aber vor allem im Iran gute Erfahrungen mit Schulen gemacht haben, schlugen wir vor, Ausschau nach einer zu halten und wurden auch fix fündig. Auf dem Schulgelände kamen uns ein paar Jungs auf ihren Mopeds entgegen, welche wir anhielten und fragten, ob es okay wäre, wenn wir hier nächtigen können. Sie sagten ja, aber sicherheitshalber fragten wir nach, ob vielleicht noch ein Lehrer anwesend sei. Dem war auch so und kurze Zeit später öffnete er uns einen Raum, wo wir unsere Innenzelte aufstellen konnten. Feine Sache! 🙂 Wir fragten ihn, ob die Möglichkeit besteht, sich irgendwo zu waschen. Daraufhin schickte er seine Schüler los, welche fünf große Kanister Wasser herbeischafften. Wir waren baff und dachten uns wieder ‚feine Sache!‘ 🙂 Nachdem wir alle geduscht und glücklich aussahen, fragte uns der Lehrer, welcher Englisch und Khmer unterrichtet sowie Mountainbiken liebt, ob wir Hunger hätten. Ein kleines Chor rief gut gelaunt und nahezu gleichzeitig ‚jaaaa!‘ und wir machten uns gemeinsam mit dem Lehrer auf zu einer Straßenküche. Dort stillten wir unseren Hunger und verbrachten einen entspannten Abend.

Rote Khmer

Im Laufe des Abends kamen wir auch auf das Thema ‚Khmer rouge‘ zu sprechen. Wenn man Kambodscha hört, mögem die ersten Assoziationen wohl Angkor Wat und die Khmer rouge (Roten Khmer) sein. Ersteres steht wohl wie nix anderes für die kulturelle Blüte Kambodschas, deren Manifestation bis heute die Menschen fasziniert und in den Bann zieht, wohingegen letzteres zweifellos das dunkelste Kapitel des südostasiatischen Staates schreibt. Es zeichnet ein äußerst düsteres Bild, dass die Einwohner Kambodschas am liebsten nie gesehen hätten. Ein Bild, welches millionenfachen Mord, unendliches Leid, gegenseitige Bespitzelung, Mangelernährung, Entvölkerung der Städte, Abschaffung jeglicher Menschenwürde und einen radikal-kommunistischen Bauernstaat zeichnet. Unser Lehrer erblickte das Licht der Welt erst nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Khmer, ließ uns aber wissen, dass quasi jede Familie in Kambodscha in jener Zeit mindestens einen Angehörigen verloren hat. So auch seine. Also was ereignete sich, dass eine anfänglich kleine und im Untergrund kämpfende Guerilla-Armee, bestehend aus glühenden Liebhabern ihres Landes, welche äußerst unzufrieden waren mit den ökonomischen, politischen und sozialen Gegebenheiten und das eigene Land solch ein kollektives Trauma erleiden ließ, dessen Auswirkungen noch heute zu spüren sind? Ganz grob zusammengefasst kann man sagen, dass eine kleine Gruppe von linken Studenten im Paris der 1950er Jahre den Marxismus für sich entdeckte, in der Folgezeit in die KP eintraten, in ihr Heimatland zurückkehrten, wo kommunistische Strömungen unterdrückt wurden, nach einigen Reformversuchen gingen sie in den Untergrund und eroberten 1975 mit einer Guerilla-Armee die Macht und bauten ein Terrorregime auf. In der Zeit dieses Regimes wurden zwischen 1975 und 1979 alle Städter aufs Land getrieben, wo sie Zwangsarbeit nachgehen mussten, das Geld wurde abgeschafft, ebenso wie Privateigentum und Verpflichtung einer einheitlichen Kleidung. Je nach Quelle starben zwei bis vier Millionen Menschen in Kambodscha, was ungefähr ein Viertel bis Einhalb der damaligen Bevölkerung entsprach. An dieser Stelle möchten wir darauf hinweisen, dass wir auf die komplexen Entwicklungen seit dem ersten Indochinakrieg und auf genaue Zusammenhänge hier nicht eingehen werden. Jene sind aber notwendig zu wissen, um zu verstehen, warum die Roten Khmer die Macht ergreifen konnten und machten, was sie machten. Dazu verweisen wir auf das gute Internet oder auf das sehr lesenswerte Buch ‚Die Kinder der Killing Fields‘ von Erich Follath. Im Zentrum des Regimes stand Pol Pot, der allerdings eher unter dem Pseudonym Bruder Nummer eins offiziell bekannt war. Das liegt vor allem darin begründet, dass die Roten Khmer lange versuchten, die Bevölkerung hinsichtlich der Führung dieses Regimes im Unwissen zu lassen. Ziel Pol Pots war die Errichtung eines autarken radikal-kommunistischen Bauernstaates mit einer bedürfnislosen Gleichheit seiner Bürger. Sichtbarstes Mahnmal dieser Zeit ist das heutige Museum und ehemalige Foltergefängnis S-21, welches zuvor das Tuol-Svay-Prey-Gymnasium war. Ca. 20.000 Menschen wurden hier gefoltert und ca. 12.000 Menschen sind bei diesen Torturen gestorben. Und das vornehmlich weil sie sich nach Ansicht der Roten Khmer einem Verbrechen schuldig gemacht haben. Die angeblichen politischen Gegner, die überlebt haben, wurden wie zigtausende andere Menschen auf die ‚killing fields‘ vor den Toren Phnom Penh getrieben, wo sie auf den Reis- und Baumwollfeldern Zwangsarbeit erledigten bis sie vor Ort starben. Effizienz war ein großes Wort bei Pol Pot und seinen Schergen. Leute mussten Gruben ausheben, sich an den Rand knien und wurden anschließend von hinten mit einem Knüppel erschlagen, so dass sie in die Grube fielen. So spare man Munition. Die Köpfe der Babies wurden am Baum zerschmettert, Intellektuelle und scheinbar Intellektuelle (Stichwort Brillenträger) waren der Erzfeind der Roten Khmer. Der bürgerliche Mittelstand fand quasi seinen Exodus ebenso wie die religiösen und kulturellen Institutionen des Landes – einzige Ausnahme: Angkor. Neben der radikal-kommunistischen Ideologie spielte ein starker Nationalismus eine wesentliche Rolle im Denken der Roten Khmer. Jener Nationalismus leitete aber zugleich das Ende des Terrorregimes ein. Das Mekongdelta war seinerzeit von Kambodschanern bewohnt, sodass Pol Pot 1978 Vietnam angriff. Dies führte dazu, dass die vietnamesische Armee im Januar 1979 Phnom Penh einnahm und das Regime der Roten Khmer beendete. Dennoch gab es starke ‚Terrornachwehen‘ bis in die Mitte der 1990er Jahre, da sich die Roten Khmer in den Dschungel zurückzogen und einen Bürgerkrieg führten.

Entspannte Tage in Siem Reap

Die letzte Strecke von Kralanh nach Siem Reap haben wir fix abgeradelt und in der wahrscheinlich touristischsten Stadt in Kambodscha angekommen, verabschiedeten wir uns von Pawel und Ewelina. Unser Ziel war an jenem Tag das ‚Blue Lizard Backpacker Hostel‘. Über Warmshowers haben wir das Hostel gefunden, welches ein ähnliches Angebot parat hatte wie das tolle ‚Spinning Bear Hostel‘ in Bangkok. Erste Nacht für lau, danach Rabatt. Dort angekommen und kaum die Räder abgestellt, haben wir erst einmal eine Runde Dart gespielt und wie Marianna es Tage später mal mit einem breiten Lächeln rekapitulierte à la’Hi wir sind Robert und Tobias, RobTob, tut uns leid, dass wir einen Tag später angekommen sind als ursprünglich kommuniziert. Jetzt sind wir hier, willst du mit uns essen gehen, denn wir sind hungrig?‘ Fortan waren wir für den Rest unseres Aufenthaltes ein gutes Gespann und hatten ’ne dufte Zeit mit unserer Freundin aus Homer (Alaska, sie reist übrigens seit viereinhalb Jahren durch die Welt. Quasi eine Weltbürgerin 🙂 Und arbeitet mal hier, mal da und reist immer weiter).

In Siem Reap haben wir eigentlich nicht viel gemacht, was auch daran liegt, dass es abgesehen von Angkor hier auch nicht besonders viel zu sehen gibt 😀 Es ist quasi einfach eine große Ansammlung von Hotels, Hostels, Home stays und anderen Unterkünften. Würde es das Erbe um Angkor nicht geben, wäre Siem Reap wohl nur eines von vielen kambodschanischen Städtchen und Dörfchen. So war der angesagteste Spot nach dem UNESCO-Weltkulturerbe unter den Backpackern die sogenannte ‚Pub Street‘. Khao San Road in der Mini-mini-Version sozusagen 😉 Ein-, zweimal waren wir da am Start, u.a. auch mit Christoph. Das war ein amüsanter kleiner Zufall. Christoph, auch ein Radreisender, hatte auf dem Weg von der kambodschanisch-thailändischen Grenze nach Siem Reap Ewelina und Pawel getroffen als diese auf dem Rückweg nach Thailand waren. Sie kamen ins Gespräch und das polnische Pärchen sagte, dass sie auch zwei Deutsche getroffen hätten. So kam dann das eine zum anderen. Christoph hatte uns eine Mail geschrieben, dass er gehört hat, dass wir auch in der Stadt seien und ob wir Lust hätten, uns spontan zu treffen. Wir antworteten sofort ‚jo, gerne‘. Am nächsten Abend saßen wir mit Christoph und Girish beim ‚Khmer Grill‘, unserem Standardrestaurant in Siem Reap, zusammen und plauschten übers Radfahren, dies und jenes. Christoph selbst hat mehrere Jahre lang in Indien gelebt und gearbeitet, dort hat er auch Girish quasi auf der Straße aufgelesen und mit auf Radreise genommen. Später sind wir in der oben genannten Pub Street gelandet. War ein sehr cooler Abend. Die meiste Zeit aber verbrachten wir im Hostel, weil es einfach so gemütlich war; in der Hängematte rumschimmeln, Dart spielen, Musik hören, lesen, ein Spiel spielen, dessen Namen wir nicht wissen, aber höchst amüsant, aber auch leicht gefährlich ist, wenn man nicht aufpasst 😀 Bei dem Spiel steht ein Mast im Mittelpunkt, an welchem ein Seil mit einem Ball befestigt ist. Dabei stehen sich zwei Spieler gegenüber, welche den Ball in entgegengesetzte Richtung versuchen zu schlagen, sodass sich das Seil, an dem er sich befindet, am Mast aufwindet. Der Gegenspieler muss dies dann verhindern. Schlecht zu beschreiben, aber sehr lustig anzuschauen 😀

Angkor

Bei unserem Besuch in Siem Reap stand natürlich ein Besuch von ‚Angkor‘ ganz oben auf der Liste. Dieses faszinierende und sagenumwobene Angkor. Es ist das herausragende Nationalsymbol, welches repräsentativ für die Kultur der Khmer steht und zugleich die Flagge Kambodschas ziert. Angkor ist mit Abstand der Touristenmagnet Nummer eins in Kambodscha. Es ist Zentrum des Khmer-Reiches zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert. Ein Ort, der in seiner Blütezeit mehr als 1.000 Tempel zählte. Ein Ort, der ca. 200 km² einnimmt und somit als größter religiöse Kultort der Welt gilt. Als Gründer dieses Khmer-Reiches gilt Jayavarman II. Er regierte von 802 bis 850 und gründete eine neue Hauptstadt die den Namen ‚Angkor‘ trug. Auf sein Geheiß wurden die ersten Tempel auf dem Gebiet des Angkor-Reiches erbaut, in dessen Blützezeit im weiteren Umkreis der Tempel rund eine Million Khmer lebten. Seinerzeit zeichnete sich das Angkor-Reich durch eine unvergleichlich Hochzivilisation aus, vor allem in den Bereichen des öffentlichen Lebens. Die größte Ausdehnung erfuhrt Angkor unter Jayavarman VII., der von 1181 bis 1218 regierte. Neben weiteren Tempeln ließ er unter anderem Krankenhäuser bauen und das Straßensystem vervollständigen. Finanziert wurden die sakralen Prachtbauten und der Ausbau der Infrastruktur durch die Überschüsse, die das ausgeklügelte Reisanbausystem erwirtschaftete. Im Gegensatz zu den Holzhäusern der Bewohner wurden die Tempel aus Sandstein gebaut. Anfangs waren die Tempel hinduistischen Göttern gewidmet, zumeist Shiva, aber im Laufe der Zeit nahmen sie den Theravada-Buddhismus an.

Wir waren gespannt, inwiefern das seit 1992 unter UNESCO-Schutz stehende weltberühmte Angkor uns in den Bann ziehen würde. In Bangkok hatten wir Tommy kennengelernt, er gab uns seinerzeit die wichtige Information, Angkor vor dem 01.02.2017 zu besuchen, da dann die Preise verdoppelt werden. Gesagt, getan 🙂 Zusammen mit Mohit, den wir ebenfalls im Spinning Bear Hostel in Bangkok kennengelernt haben, und Raimund, haben wir Angkor an einem Tag erradelt. Aber wer ist Raimund, mag sich vielleicht der ein oder andere fragen. Raimund ist wie wir Radreisender und wohnte in Siem Reap im gleichen Hostel wie Mohit. Er kommt aus Wien, ist wahrscheinlich so um die 60 Jahre alt und hat schon mehrere lange Radreisen hinter sich. Die aktuelle führt ihn von Wien über Russland, Mongolei und China gen Südostasien. Zusammen tauchten wir in die Welt von Angkor ein. Unsere Räder trugen uns durch den Dschungel, vorbei an vielen Tempeln (natürlich auch am wohl berühmtesten Tempel Angkor Wat) und den quasi dazugehörenden Wassserbecken, welche die Tempel umgeben. Wir passieren zahlreiche kambodschanische Familien, welche an den Wasserbecken sitzen und mit grillen, weiteren Köstlichkeiten und Bier heiter das chinesische Neujahr feiern, wir kletterten auf einige der sakralen Bauten und fühlten uns wie King Louis aus dem ‚Dschungelbuch‘, zahlreiche Reliefs mit Darstellungen verschiedener Szenen aus der hinduistischen Mythologie sowie aus dem Alltag gewährten uns Einblick in jene Zeit, wir bestaunten die wahnsinnigen Bauwerke, wobei jedes dieser im Grundriss in vier Quadrate aufgeteilt ist, was mit der im Hinduismus wichtigen Zahl Vier (absolute Vollkommenheit) in Verbindung steht, wir stapften auf den Spuren von Lara Croft durch zerfallene und verschlungene Tempelanlagen wie bspw. Ta Prohm die buchstäblich von der Natur einverleibt werden, riesige Feigenbäume bringen Mauern zum Einstürzen oder geben ihnen gleichzeitig Halt und sorgen für offene und staunende Münder, Schlusspunkt ist der Sonnenuntergang über dem Dschungel von Angkor. Feines Erlebnis! 🙂

Tschüss Siem Reap

Eigentlich sollte uns der Weg in Kambodscha auch in dessen Hauptstadt Phnom Penh bringen, da wir dort ursprünglich unser Visum für Vietnam beantragen wollten. Marianna ließ uns aber wissen, dass es auch möglich sei, das Visum in Siem Reap zu beantragen. Wir sind dann ab hin zur Agentur, haben gesagt, dass wir ein 3-Monatsvisum brauchen und dann ging alles sein Gang. Sie haben lediglich unsere Pässe einbehalten und wollten wissen, ab wann wir denn nach Vietnam einreisen wollen. Bis dato hatten wir uns diesbezüglich noch keine Falte gemacht und schauten dementsprechend etwas dumm und unvorbereitet aus der Wäsche 😀 Am 23.2. lief unser Visum für Kambodscha aus, sodass wir mehr oder weniger willkürlich den 18.2., also quasi eine Woche früher, wählten. Sollte genügen, so hofften wir jedenfalls 😀

Am 4.2. verließen wir nun nach mehrmaligen Verlängern Siem Reap. Wir wählten den Nachtbus. Hatten einfach ’ne lockere und entspannte Zeit hier mit tollen Leuten wie Marianna, Patrick, Angie und paar weiteren. Von vielen Radfahrern, welche wir zuvor getroffen haben, haben wir gehört, dass die Strecke zwischen Siem Reap und Phnom Penh ziemlich scheiße sein soll, was v.a. an der hohen Verkehrsdichte liegt. Zudem gibt es nur eine Fahrbahn in eine Richtung, sodass man als Radfahrer bei hoher Verkehrsfrequenz immer wieder von der Straße muss. Allerdings wollten wir gar nicht in der Hauptstadt angekommen, sondern vorher rausspringen. So zeigten wir dem Busfahrer einen Ort auf unserer Karte, wo er uns rauslassen soll. Wir fuhren mit ca. einer Stunde Verspätung los und stellten unsere Wecker auf 4:30 Uhr. Sicherheitshalber ließen wir aber auch den Busfahrer wissen, dass er uns wecken soll, wenn wir angekommen sind. Während wir im Schlafbus mehr schlecht als recht dösten, merkten wir, dass der Busfaher ziemlich fix unterwegs war. So kam es dann, dass der Busfahrer uns um kurz nach 3 Uhr weckte …

2018-11-04T14:58:15+00:00 31.03.2017|Kambodscha|0 Kommentare