43 | Mekong und Ratanakiri

04.02.2017 – 24.02.2017 | Gegen drei Uhr wurden wir irgendwo im Nirgendwo rausgelassen. Kurz darauf fing es an zu regnen. Wie gut das wir Unterschlupf in einem Geschäft fanden. Ja, manche Läden haben rund um die Uhr auf. Im Südosten Asiens scheint es generell nicht unüblich zu sein, direkt auf Arbeit zu schlafen, ganz extrem scheint dies in Kambodscha zu sein. Der Verkäufer hat sich seine Hängematte vor dem Geschäft aufgespannt und schläft. Wenn jemand was kaufen will, weckt derjenige ihn einfach. In Deutschland können wir uns sowas gar nicht vorstellen. Zumal sein Geschäft direkt an der Hauptstraße liegt, wo viele Lkws vorbei fahren. Der Verkäufer war so nett und gab jedem von uns einen Stuhl. Wir ‚versuchten‘ noch ein bisl zu schlafen.

Gegen 6 Uhr haben wir beschlossen uns auf den Weg zu machen. Der Sonnenaufgang war bereits in vollem Gange und der Verkehr nahm stetig zu. An Schlaf war gar nicht mehr zu denken. An diesem Tage hatten wir nur 50 km vor uns, zudem war es flach. Unser Ziel war eine kleine Stadt direkt an Mekong, Kampong Cham. Bereits gegen 10 Uhr erreichten wir diesen Ort und das Fahrrad hatte für den Rest des Tages frei – neuer Rekord. Wir suchten nicht lange und hatten eine Unterkunft mit direktem Blick auf den Fluss. Als erstes holten wir ein bisl Schlaf nach und gönnten uns später ein paar leckere Sachen in der Stadt. Die Hitze war an diesem Tag kaum auszuhalten. Keine Ahnung wie warm es war, aber in der direkten Sonne lief die Suppe nur so den Körper herunter. Abends lauschten wir ein Weilchen dem Fluss bzw. mehr den Insekten und schauten gespannt auf die nächsten Tage. Wir waren gespannt 😀

Unterwegs auf Sandpisten

Am nächsten Morgen hat mal wieder seit langem die Vernunft gesiegt und wir verließen das Hotel nach nur einer Nacht. Wir hatten schon angefangen Witze zu machen, von wegen zwei Nächte in dem Örtchen zu verweilen. Wir beide kennen uns inzwischen gut genug, dass es mehr als nur ein Witz war. Wir passierten die Brücke auf die andere Seite des Mekong River und fuhren ab dann die nächsten Tage flussaufwärts. Die ersten Kilometer passierten wir einige kleine improviesierte Dörfer und sahen viele Moscheen. Hier lebt die muslimische Minderheit ‚Cham‘. Das Leben scheint hier sehr einfach zu sein.

Die Cham bilden nach den Vietnamesen die zweitgrößte Minderheit in Kambodscha. Sie sind Nachfahren der Bevölkerung des ehemaligen Königreiches Champa, welches sich seinerzeit im Süden des heutigen Vietnams befand. Nachdem das Königreich im 15. Jahrhundert infolge der Niederlage gegen die Vietnamesen untergegangen ist, fanden die Überlebenden in vier großen Fluchtwellen Zuflucht im Khmer-Reich, wo sie heute hauptsächlich zwischen Phnom Penh und Chhloung entlang des Mekongs als Reisbauern für Trocken- und Nasskulturen sowie als Fischer leben. Die Cham bzw. das Königreich Champa waren ursprünglich hinduistisch geprägt, nahmen aber im Laufe der Jahrhunderte – vermutlich durch den Einfluss muslimischer Kaufleute aus Indien und Malaysia – den muslimischen Glauben an. Nach Jahren des Bürgerkrieges und Beendingung eben dieses in den 1990er Jahren, kam viel Hilfe aus der muslimischen Welt. Neben der Vergabe von Stipendien für die jungen Generationen zum Studium in muslimischen Ländern sind der Bau von Brunnen und vor allem die Errichtung von Moscheen sichtbarstes Merkmal der Unterstützung. Nahezu jedes Dorf, welches wir auf dem Weg von Kampong Cham flussaufwärts nach Chhloung durchquerten, beherbergte ein bis zwei Moscheen. Die Cham gelten als integrativer Bestandteil der Bevölkerung Kambodschas und obwohl keine nennenswerte Vermischung zwischen Cham und Khmer stattfindet. Unsere Begegnung mit dem buddhistischen Mönch zeigt uns zwar, dass sie sich gegenseitig tolerieren, aber auch nicht mehr.

Am Ende des Tages hatten wir unsere erste Begegnung mit einem Mönch. Dabei verlief der Tag nicht so mega. Warum? Wir fuhren den ganzen Tag auf Sandpisten entlang. Kam uns ein LKW entgegen, was des öfteren geschah, verschwanden wir komplett im Staub. Am Ende des Tages sahen wir aus wie zwei kleine Kinder, die den ganzen Tag im Sandkasten gespielt haben 😉 Dann sahen wir auf einmal diesen Tempel und kaum haben wir das Gelände betreten, kam der Chef-Mönch auf uns zu und fragte uns, ob wir hier schlafen wollen. Wir sagten sofort zu und er lachte über unser Aussehen. Die kleinen Mönche und viele andere Kinder umzingelten uns. Innerhalb von einer Sekunde waren die Strapazen vergessen. Schnell wurde ein Foto gemacht und danach ging es zusammen mit dem Mönch und ein paar Kindern in den Mekong River. Wir kamen pünktlich zum Sonnenuntergang.

Als der Mönch uns zeigte, wie hoch das Wasser in der Regenzeit steht, konnten wir das gar nicht begreifen! Das waren wahrscheinlich so um die 10 bis 15 m über den Wasserstand, den wir in jenem Moment sahen! Und das bei der Breite des Flusses an dieser Stelle! Einfach irre, unvorstellbar die Wassermassen! In Kambodscha nennt man den Mekong, welcher gemessen an der Länge der 12. längste Fluss der Welt ist und Platz acht belegt, was die Wassermassen angeht, ‚großes Wasser‘. In der Regenzeit macht der Fluss diesem Beinamen alle Ehre, denn er überflutet große Teile Kambodschas und bringt so fruchtbare Erde aufs Land, allerfeinster natürlicher Dünger für lau. Im Nachbarland Thailand wird der Mekong auch ‚Göttin aller Wasser‘ genannt. Der Mekong durchfließt in Südostasien sechs Länder und stellt eine immens wichtige Lebensader für ca. 60 Millionen Menschen im Mekongbecken dar. Zugleich birgt der Fluss aber auch erhebliches Konfliktpotenzial für die Anrainerstaaten. Die gewaltigen und stark variierenden Wassermassen (Monsunregenfälle sowie Schmelzwasser aus dem Himalayawecken) wecken Begehrlichkeiten bei allen angrenzenden Ländern, denn in der Wasserkraft wird großes Potenzial zur Stromgewinnung gesehen. So befinden sich viele Staudämme und Wasserkraftwerke entlang des Mekongs. Vor allem China ist in dieser Hinsicht stark engagiert. So leideten Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam im Jahr 2016 unter schwersten Dürren seit Jahren. Thailand pumpte sich Wasser ab, Laos baut ebenfalls Staudämme (u.a. um Strom nach Thailand zu verkaufen), verschiedene Anrainerstaaten beabsichten die Bewässerungslandwirtschaft mit dem Wasser des Mekongs auszubauen und bei Vietnam ist davon auszugehen, dass es aufgrund seiner südlichen Lage am Unterlauf die wohl größten Risiken trägt. Zudem beherbergt Vietnam das riesige Flussdelta. Jenes zählt zu den am dichtesten besiedelten Agrarregionen der Welt, ist bei Dürre und Niedrigwasserstand aber sehr anfällig für katastrophale Folgen, insbesondere was den Anbau von Reis betrifft. Wie eigentlich in allen Regionen in Südostasien, die vom Mekong abhängig sind. Hauptfaktor für die Dürren ist das Klimaphänomen El Niño / ENSO, die Staudämme verschärfen lediglich die Situation. Der Staudammbau führt dazu, dass in den diversen Staaten unzählige Menschen aus den entsprechenden Baugebieten umgesiedelt werden (müssen). So sahen wir später entsprechende Siedlungen in den Provinzen Stung Treng und Ratanakiri auf dem Weg nach Banlung. Neben Dürren und sich den daraus ergebenden Konsequenzen wie Probleme in der Bewässerungslandwirtschaft, verminderter Ertrag aus dem Reisanbau oder Versalzung der Böden, Abnahme der Ablagerung fruchtbarer Erde, Verminderung der Gesamtmenge des Wassers, welches das Delta erreicht durch die Verdunstung des Wassers in den Stauseen und Regulierung des Wassers zur Stromerzeugung, Eindringen von Meerwasser in das Flussdelta verschärfen die Staudämme auch die Problematik um die Fischerei, denn sie haben Einfluss auf die natürliche Laichwanderung der Fische oder die Verfügbarkeit von Nährstoffen. Und da der Mekong und seine Zuflüsse, wie bspw. der Tonle Sap, zu den wichtigsten Binnenfischereigebieten der Welt gehört, dürfte auch hier eine Entspannung unter den Anrainerstaaten vorerst auf sich warten lassen. Apropos Tonle Sap: Dieser Zufluss stellt eine weltweite Besonderheit dar, denn er ist wohl der einzige Fluss, der sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts fließt. Wenn der Mekong in der Regenzeit seine gewaltigen Wassermassen trägt, drückt die Wasserkraft des Mekongs das Wasser des Tonle Sap Flusses zurück und fließt in den Tonle Sap See. Dieser schwillt dann um das fünf bis sechsfache seiner Größe an und das führt dazu, dass ca. ein Drittel der landwirtschaftlichen Kulturfläche Kambodschas unter Wasser steht. Während der Tonle Sap See in der Regenzeit als natürliches Rückhaltebecken fungiert, erhöht er die Wassermenge im Unterlauf des Mekong, also in Vietnam, in der Trockenzeit. Die Natur is‘ schon ’ne geile Ingenieurin 😉

Das Wasser war sehr warm. Anders als man es aus den Alpen gewohnt ist, trotz der gigantischen Wassermassen. Der Mönch zeigte uns, wie die Einheimischen sich ihre Zähne putzen. Sie nehmen ein bisschen Sand zusammen mit Wasser in den Mund und der Finger dient dabei als Zahnbürste. Anschließend gingen wir gemeinsam was essen. Der Mönch hat uns eingeladen. So richtig wussten wir nicht, was wir da gegessen haben. Wir hatten schon die Befürchtung, am nächsten Tag flach zu liegen. ‚Auf Holz klopf‘, bis jetzt hatten wir noch keine Probleme. Die kleinen Mönche wollten später unbedingt Fußball spielen. War gar nicht so einfach die kleinen im Dunkeln voneinander zu unterscheiden. Alle hatten eine Glatze und trugen ihr oranges Gewand. Hat aber super viel Spaß gemacht. Wieder einmal eine schöne Begegnung auf unserer Reise 😀

Kratie – zeitlose Tage am Mekong

Der nächste Tag begann um 07:00 Uhr. Wir wollten an diesem Tage in Kratie ankommen. Dieser Ort liegt direkt am Mekong River und gilt unter den Rucksacktouristen als sehr beliebt. Ein paar Kilometer flussaufwärts von Kratie gibt es die Möglichkeit Flussdelfine zu sehen. Unsere größte Freude für diesen Tag war, wieder auf festem Untergund zu fahren, nach ein paar Kilometern.

In Kratie angekommen, fanden wir schnell ein super Hostel und konnten einen super Preis für uns raushandeln. Handeln lohnt sich hier in Kambodscha besonders, mehr als in jedem anderen bisherigem Land auf unserer Reise. Geplant war für drei Nächte in Kratie zu bleiben. Schlussendlich blieben wir acht Nächte 😉 Jeden Tag haben wir neue Leute kenengelernt, die Gegend erkundet oder einfach mal nichts gemacht 😀 Am ersten Abend haben wir Linda, eine Deutsche kenengelernt. War ein sehr netter Abend. Vielleicht sieht man sich nochmal in Zukunft.

Auf der obersten Etage des Hostels hatte man einen wunderbaren Ausblick auf den Mekong. Jeden Tag um die selbe Zeit sicherten sich die Gäste des Hostels die besten Plätze. Wir beobachteten den Sonnenuntergang stets aus der zweiten Reihe. Genauso spannend empfanden wir den Aufgang des Mondes auf der anderen Seite – feuerrot und dazu noch Vollmond.

Nach der dritten Nacht gesellte sich Mohit, der Inder aus Bangkok zu uns. Bereits das dritte Mal, dass wir uns wiedersehen, zuletzt in Siem Reap. Er blieb für eine Nacht. Zusammen gingen wir zu unserem Lieblingsrestaurant. Alles im Zentrum von Kratie kommt teils den europäischen Preisen sehr nahe. Wir haben die ersten Tage alles abgeklappert und eine sehr gute Alternative gefunden. Vanneary heißt unsere gute Köchin und ist Besitzerin des Restaurants. Nahezu jeden Abend spendeten wir gut ein bis zwei Stunden bei ihr. Ihr Ehemann, ihr Schwester und ihre Kinder arbeiten ebenso dort. Keine Ahnung warum es uns dort so gut gefallen hat. Die haben sich immer gefreut uns wieder zu sehen und haben auch schnell bemerkt, dass wir mehr essen, als der normale Besucher 😉 So haben wir immer eine Extrakelle Reis, Gemüse, Fleisch und Ei auf unseren Teller bekommen. War sehr lecker. Die kleinsten der Familie haben uns gut beschäftigt und waren für das Entertainment zuständig ^^

Bezüglich des Essens fanden wir Kambodscha, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich langweilig. Wirkliche Vielfalt gab es nicht. Man konnte etwa eine Nudelsuppe bestellen oder halt Nudeln bzw. Reis mit Fleisch, Gemüse und Ei bestellen. Nichts im Vergleich zur Vielfalt in Thailand oder anderen Ländern wie Vietnam oder Malaysia. Das haben uns zumindest andere Reisende berichtet. Wir sind gespannt. Vietnam ist für uns nicht mehr so fern.

Ahoi Kratie

Nach der achten Nacht rafften wir uns auf und ließen Kratie hinter uns. Unterwegs hielten wir an dem berühmten Punkt, von wo aus die Flussdelfine zu beobachten sind. Mit dem Boot rauszufahren war uns nichts, aufgrund des Preises. So entschieden wir uns ans Ufer zu gehen und von dort mit ein bisschen Glück Delfine beobachten zu können. Plötzlich fingen da ein paar Herren an mit den Händen zu fuchteln und signalisierten uns, dass wir bei den Geld bezahlen müssen. Wir erklärten, dass wir nur ans Ufer gehen wollen und daher kein Bootticket bräuchten. Da meinten die, das kostet 7 $ pro Person. Tobi lachte laut und fing an mit denen zu diskutieren. Ich schaute gespannt der Diskussion zu. Gut, dann sehen wir halt keine Delfine. Das Abenteuer geht weiter. Also zurück aufs Fahrrad. In diesem Punkt sind die Khmer Profis. Nicht selten versuchen einen die Einheimischen, aus unserer Sicht, abzuzocken. Beispielsweise kauften wir auf den lokalen Märkten täglich Obst. Teils stellten wir uns in die zweite Reihe und beobachteten die Einheimischen. So sahen wir, wie ein Einheimischer 500 Riel (~ 12,5 Cent) für ein Kilo Obst bezahlten. Die Touris bezahlten 18.000 Riel (~ 4 $). Das ist einfach mal das 36-fache des normalen Preises. Klar akzeptiert man, dass man als Besucher mehr bezahlt als die Einheimischen, aber so viel mehr, dass sehen wir dann doch nicht ein. Wir bekamen nach etlichen zähen Verhandlungen unser Obst für ca 30 bis 70 Cent pro Kilo. Ebenso für 1,5 L Wasser verlangen die Preise zwischen 0,50 bis 2,85 $. Viele Touris denken nicht nach und bezahlen die ‚vorgeschlagenen‘ Preise. Wir haben zuletzt nur 75 Cent für 20 Liter bezahlt, sprich ca. 6 Cent für 1,5 Liter Wasser. Die Einheimischen bezahlen noch weniger. Aber das empfanden wir als gerecht. Die Unterkünfte in Kambodscha sind dagegen auch ohne zu verhandeln sehr preiswert. Wir bezahlten in Kratie für ein wirkliches nettes Zimmer 6 $ pro Nacht. Selbstverständlich haben wir uns auch diesen Preis erkämpft 😉 Inzwischen hatten wir unseren Spaß am Verhandeln gefunden 😀

Die Sonne gab wieder mal ihr bestes an diesem Tage. Im 90 Minuten-Takt wurden die 1,5 Liter Flaschen gelehrt während der Mittagssonne. Vorm Sonnenuntergang passierten wir eine Brücke und genossen den wunderschönen Ausblick auf den Mekong River. Wir schauten uns an und lachten. Immer wieder geil solche Momente zu genießen und zu realisieren, was wir schon alles erleben durften und gleichzeitig gespannt nach vorne zu schauen, was wir noch erleben werden. Dieses Abenteuer werden wir, egal was kommen mag, nie vergessen!

Inmitten einer buddhistischen Zeremonie und ein Schlafplatz in einer Schule

Wenig später sahen wir eine Schule und fragten, ob es möglich sei, sein Zelt hier aufzuschlagen. Die Leute signalisierten uns, dass dies kein Problem sei. Wir müssten halt nur am nächsten Tag vor um 07:00 Uhr das Feld räumen, weil dann die Schule beginnt. Dazu gab es reichlich Wasserstellen auf dem Gelände. Einer erfrischenden Dusche stand somit auch nichts mehr im Wege. Leider gab es hier keine Möglichkeit was zu essen. So fuhren wir in den nächsten fünf Kilometer entfernten Ort. Kaum angekommen, sahen wir eine Hochzeit. Wir schauten nach etwas Essbarem, wurden aber leider nicht fündig. Irgendwie sprach uns das vorhandene Angebot nicht zu. Plötzlich kamen ein paar Leute aus dem Partyzelt auf uns zu und baten uns an ihren Tisch. Dort bekamen wir reichlich Saft und leckeres zu Essen. Später gesellten sich noch ein paar jüngere Leute zu uns, welche auch ein wenig Englisch sprachen. Dabei erfuhren wir, dass dies gar keine Hochzeit war, sondern eine buddhistische Beerdigungszeremonie. Ups, da lag ich wohl mal voll daneben :-/ Tobi hatte von Anfang an seine Zweifel, während ich gar nicht mehr darüber nachgedacht habe. Zusammen mit der jungen Brigade ging es in ein Familienhäuschen. Dort wurden uns die Dorfältesten vorgestellt. Wir fragten wie alt die denn seien. Als Antwort bekamen wir ca. 60 Jahre. Schaut einfach mal selbst auf die folgenden Bilder und schätzt, wie alt die Leute sind. Die Lebenserwartungen sind in Kambodscha bei ca. 64 Jahren (Schätzung von 2015).

Nach zwei Stunden machten wir uns auf den Weg in Richtung Schule. Die Leute haben uns zwar angeboten, dort zu schlafen, aber wir sehnten uns nach Ruhe. Keine Ahnung wie lange die Veranstaltung noch geht und morgen wollten wir ein paar Kilometer schaffen. Gegen 23 Uhr waren die Zelte aufgebaut, wir hatten geduscht und gingen schlafen.

Der Wecker klingelte bereits um 06:00 Uhr und das war auch gut so. Bereits die ersten Schüler waren vor Ort und die Einheimischen bauten gerade ihre kleinen Läden auf. In Kambodscha ist es nicht unüblich, dass kleine Straßenküchen vor der Schule aufgestellt werden und den Nachwuchs mit Nahrung versorgen. Pünktlich gegen 07:00 Uhr waren wir fertig und schauten uns eine Art Fahnenappell an. Alle Klassen standen in Reih und Glied und der Schulleiter gab das Kommando an. Anschließend kamen wir mit dem Schulleiter ins Gespräch und setzten uns die ersten 30 Minuten in seine Klasse. Die kleinen waren super aufgeregt. Womöglich waren wir die ersten Ausländer hier. Voller Stolz präsentierten uns die kleinen Mädels einen kambodschanischen Volkstanz. Anschließend verabschiedeten wir uns und machten noch ein Abschiedsbild mit der Klasse.

Irgendwo im ländlichen Kambodscha

Inzwischen war der Mekong River nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Stattdessen fuhren wir teils durch öde Landstriche. Sah teils echt unheimlich aus. Große weite Flächen, wo hier und dort mal ein Baum stand, ansonsten nur wilde Graslandschaften. Hin und wieder fuhren wir durch Dörfer, welche gar nichts mit dem restlichen Baustil von Kambodscha gemein hatten. Zudem sahen die Häuser alle gleich aus und waren in einem Schachbrettmuster angeordnet. Wir nehmen an, dass es sich dabei um Wohnsiedlungen handelt, die aufgrund des Baus von Staudämmen entstanden sind. Nun wohnen vermutlich dort die Leute, welche aufgrund der Staudämme umgesiedelt wurden.

Am Ende des Tages erreichten wir einen Ort namens Pong Moan. Unsere Mägen schreiten nach Nahrung, so fackelten wir nicht lange und hielten bei der erst besten Gelegenheit an. Wie gut das die Dame ein bisschen Englisch konnte. Wir fragten sie nach der nächstgelegenen Schule, wo wir vielleicht unser Zelt aufschlagen könnten. Daraufhin bat sie uns an, direkt in ihrem Lokal die Zelte aufzuschlagen. Feine Sache, da sagen wir nicht nein. Das war mal schön unkompliziert 😀

Tags drauf fuhren wir nicht mehr entlang des Mekong Rivers. Jetzt folgten wir einer Straße gen Osten, direkt nach Vietnam. Uns fielen erneut viele öde Landstriche auf. Wir erinnerten uns an Tommy aus Colorado, welchen wir in Bangkok kennengelernt haben. Er fuhr ebenfalls diese Strecke und berichtete uns von genau dieser Landschaft. Er kommt zwar aus den USA, sieht das, was die Regierung in der Vergangenheit und Gegenwart auf der Welt so treibt, sehr kritisch. So erfuhren wir, was hier wohl geschehen war. Es wird mal wieder Zeit für einen kleinen Geschichtsauslfug 😉

Jene Landschaften, die wir die Tage in den Provinzen Stung Treng und Ratanakiri durchquerten, lassen noch heute erahnen, was sich vor einigen Jahrzehnten zur Zeit des Vietnamkrieges hier ereignete. Norodom Sihanouk, der damalige König Kambodschas, war bestrebt das Land neutral bzw. blockfrei zu halten. Doch der Erfolg blieb aus, denn kurz nach dem Amtsantritt von Richard Nixon als US-Präsident im Jahr 1969, ließ er in enger und geheimer Abstimmung mit seinem damaligen Sicherheitsberater Henry Kissinger, Kambodscha bombardieren. Einem Land, welches sich offiziell mit den USA nicht im Krieg befand. Sowohl die Bevölkerung als auch der Kongress wussten damals nichts von diesen gigantischen Militäraktionen. Denn Letzterer bewilligte entsprechende Mittel nur für Vietnam. Jene flächenhaften Bombardements hielten bis 1973 an. Allein im letzten Jahr sollen mehr Bomben auf Kambodscha niedergeregnet sein als über Japan während des gesamten Zweiten Weltkrieges. So wurde neben Laos, welches von 1964 bis 1973 von US-Streitkräften bombardiert wurde, auch Kambodscha ungewollt in den Vietnamkrieg hineingezogen. Die Bombardements in beiden Ländern gehören zu den größten seit dem Zweiten Weltkrieg bzw. überhaupt. Aber warum gerieten Laos und Kambodscha in den Sog des Vietnamkrieges? Die Antwort ist vor allem in der geographischen Lage der beiden Länder zu sehen, welche im Osten an Vietnam grenzten. Die Vietnamesen nutzten den Ho-Chi-Minh-Pfad, welcher sich im Laufe der Jahre zu einem Netz aus Straßen, Brücken, Versorgungsstationen etc. entwickelte, um Kämpfer und Material in den Süden zu schleusen. Jenes Wegenetz führte auch durch die östlichen Landesteile von Laos und Kambodscha. So fielen durch die Bombardierungen Nachschubwege, (vermutete) kommunistische Basislager und feindliche Dörfer in Schutt und Asche, hunderttausende Zivilisten verloren ihr Leben und Zuhause und dies vor dem Hintergrund des weltpolitischen Kräfteverhältnis v.a. aufgrund des Motivs der Demonstration der Entschlossenheit der USA in der Bekämpfung des Kommunismus in Südostasien. Die Bombardierungen in Kambodscha wurden in den USA 1973 öffentlich bekannt. In der Folge setzte der US-Amerikanische Kongress im selben Jahr den Bombardements und allen direkten Militäreinsätzen im damaligen Indochina per Beschluss ein Ende.
Bis heute hat sich die Landschaft nicht erholt. Früher, so wurde uns von Einheimischen berichtet, war das alles ein großer Dschungel.

Abends fanden wir wieder Unterschlupf in einer Schule. Einige Lehrer wohnten direkt auf dem Gelände, unter ihnen auch ein Englischlehrer. Er wies uns einen Raum zu. Warum nicht, dann schlagen wir unser Zelt halt mal in einem Klassenraum auf. Ich schrieb abends noch ein paar Zeilen für den nächsten Blogbeitrag und Tobi lauschte seiner Musik. Gegen 23 Uhr fielen uns die Augen zu.

Der nächste Tag begann wieder um 06:00 Uhr in der Früh. Dieses Mal versuchten wir ein wenig schneller zu sein, was uns auch gelang. So entkamen wir dieses Mal irgendwelchen Schulvorführungen. Nicht das uns dies das letzte Mal nicht gefallen hat, aber an diesem Tage wollten wir so schnell wie möglich auf die Straße und unser letztes großes Ziel in Kambodscha ansteuern. Dies war ein Ort namens Banlung. Ein beliebter Ort unter den Rucksacktouristen. Von hier aus hat man die Möglichkeit, mehrtägig geführte Touren durch den Dschungel zu machen. Zudem befindet sich in der Nähe ein See in einem erloschenem Vulkankrater, der den Namen ‚Boeng Yeak Laom‘ trägt. Das zweite sagte uns sofort zu.

Banlung

Dort angekommen, machten wir uns auf die Suche nach einem Hostel. Auf dem großen Markt direkt im Zentrum trafen wir zwei ältere Französinnen. Sie empfahlen uns ihr Hostel und gaben uns die Adresse, dazu zeigten sie uns zu guter Letzt noch ein Restaurant, wo es angeblich leckere Burger geben soll. Wir hatten Bock drauf. Leider waren die Burger nur durchschnittlich und dazu noch teuer. Interessant war eine Karte dieser Region an der Wand im Restaurant. Auf dieser waren alle bisher gefundenen Minen verzeichnet. Nach dieser Karte sollte man lieber nicht die Straße verlassen. Überall waren Punkte von entschärften Minen oder Fliegerbomben zu sehen. Die Minen stammen zu einem weiteren großen Teil aus dem Bürgerkrieg nach der Pol-Pot-Ära. Neben der Karte waren Fotos von Minen zu sehen und von Menschen, welche Gliedmaßen durch Minen verloren haben. Kambodscha gehört zu den am stärksten verminten Ländern der Welt. 2011 schätzte man noch ca. rund sechs Millionen Blindgänger auf kambodschanischen Boden! Nach dem Datum der Bilder, ist die Gefahr noch aktuell. Immernoch fallen Kinder, aber auch Touristen Minen zum Opfer, welche auf der Wiese abseits der Straße toben.

Das Hostel hatten wir schnell gefunden. Sah von außen sehr interessant aus. Es schien ein altes Gebäude der Franzosen aus der französischen Kolonialherrschaft zu sein. Nun hat hier ein Franzose ein Hostel daraus gemacht und hauptsächlich französische Gäste. Bereits in Siem Reap sind wir auf sehr viele Franzosen getroffen. Wir witzelten immer rum, ob dies vielleicht noch mit der französischen Kolonialherschaft zusammenhängt. Diese Tage fanden wir für uns eine gute Theorie, warum das gar nicht so abwegig ist. Auf diese Theorie sind wir nicht selbst gekommen, aber keine Ahnung wo wir sie aufgeschnappt haben. Demnach hat Frankreich noch alte intakte Beziehungen zu dem Land. Hin und wieder sieht man ‚Total‘ Tankstellen und auch Beschreibungen auf Französisch. Anscheinend aufgrund der noch vorhandenen Beziehungen bieten vermehrt französische Reisebüros Pauschalreisen nach Kambodscha an. Interessant wie weit die Geschichte noch Einfluss auf die Gegenwart hat.
Wie auch immer, wir fühlten uns jedenfalls sofort wohl und lernten auch schnell ein paar Leute kennen. So zum Beispiel auch Jona. Sie kommt aus Deutschland und nimmt sich gerade ein Jahr Zeit die Welt zu entdecken. Quasi als Orientierungsphase zwischen Abi und Uni. Ich staune immer wieder über den Mut solch junger Leute. Ich (Rob) war zu dieser Zeit noch ganz weit weg davon, meine Heimat alleine für so lange Zeit zu verlassen. Hätte mir vor Angst in die Hosen gemacht. Wir verbrachten die kommenden zwei Tage miteinander. Am ersten Tag ging es an den See. Wieder einmal wollten die Geld haben. Aber dieses Mal hat sich jeder Cent gelohnt. Alles war sauber, es war weitläufig und dadurch auch nicht so überlaufen. Das Wasser war ein Traum. Wir verweilten den halben Tag am See und genossen die Ruhe. Ich schlief gefühlt ein paar Stunden und haschten ein bisschen Bräune für unsere Mozzarellahaut.

Auf dem Rückweg ging es durch die Stadt, auf der Suche nach was Essbarem. An den Preisen merkte man schnell, dass wir uns mal wieder an einem Touri-Hotspot aufhielten. Auf dem Land waren wir teils bei unter 2 € für zwei Personen und dazu noch satt. Nach ein paar Anläufen fanden wir eine Art Restaurant direkt an der Straße. Wir waren mit dem Preis nicht so ganz zufrieden, drum forderten wir eine große Portion zum gleichen Preis. Erst brachte der Herr uns einen großen Teller und wir freuten uns. Jona hatte recht schnell die Vorahnung, dass dieser eine Teller für uns alle drei ist. Tobi und ich glaubten dies nicht bzw. wollten wir es nicht wahr haben 😉 Zudem waren da nur zwei Spiegeleier drauf. Wir hatten aber drei Mahlzeiten mit jeweils einem Spiegelei bestellt. So pfiffen wir den Herrn nochmal an unseren Tisch und schauten ein bisschen böse ^^ Er nahm den Teller wieder mit und ein paar Minuten später kam er mit drei Tellern zurück und siehe da, jeder hatte ein Spiegelei. Zudem war es insgesamt auch mehr. Dennoch unserer Meinung nach immer noch viel zu wenig. Davon wird kein Europäer satt. Da wir nicht bekommen haben, was vereinbart war, gaben wir ihm auch nicht was vereinbart war. Er schaute uns blöd an, drehte sich um und schien ein bisschen zu fluchen. Wir verabschiedeten uns freundlich und kauften noch ein paar Bananen als Nachspeise. Der nächste Tag verlief dagegen eher planlos, aber dennoch schön.

Urpsrünglich wollten wir nur drei Nächte bleiben. Daraus wurden stattdessen fünf Nächte. Jona hatten wir noch vor der dritten Nacht verabschiedetet, da sie am nächsten Morgen früh den Bus nahm. Tobi schwitzte jedoch die Nacht recht doll und musste des öfteren mal aufs Töpfchen. So entschieden wir, sicherheitshalber länger hier zu verweilen, obwohl er sich in der Lage fühlte zu fahren. An den beiden Folgetagen ließen wir uns von dem Hostelbesitzer verwöhnen. Er hatte auf seiner Speisekarte unter anderem Burger und Pizza. Beides bereitet er selber zu und seit unserer Ankunft schwärmt er davon. So gab es abends lecker Burger. Hat sich gelohnt, aber kommt nicht an unseren bisherigen Spitzenburger unserer Reise heran. Der Restaurantbereich vor dem Hostel lud zum Verweilen ein. Das war echt nett eingerichtet. Die Leute saßen alle Beisammen, man kam schnell mit anderen ins Gespräch, die Hunde und Katzen des Hostels schauten immer wieder vorbei. Schließlich könnte ja mal jemand was zu Essen abgeben. Die Katzen sprangen auch mal gerne auf den Tisch. Dank Tobi, der Katzenliebhaber ;-), waren die Katzen ganz schnell wieder auf den Boden ^^.

Am nächsten Tag wollten wir es nochmal richtig wissen. Wir bestellten uns jeweils zwei Pizzen, welche schon ziemlich groß waren und eine Nachspeise. Wir waren sehr gut gefüllt. Am nächsten Morgen gönnte ich mir noch eine große Portion Reis, obwohl mir mein Magen klar signalisierte ‚ich bin voll‘. Tobi war so clever und hat sich nur ein Salat bestellt. Meine Quittung habe ich nach ca. 40 Kilometern auf dem Fahrrad bekommen. Bei mir ging nichts mehr. Ich bekam mehr und mehr Magenkrämpfe, bis ich irgendwann einfach auf dem Boden lag und nichts mehr ging. Tobi musste regelmäßig ins Grüne und Ballast abwerfen. Ja, das war wohl ein bisschen zu viel Nahrung auf einmal. Blöd nur, dass heute unser Visum ausläuft. Wer hätte das gedacht 😀 Zu Beginn sind wir noch davon ausgegangen, dass wir allerhöchstens drei Wochen benötigen, um Vietnam zu erreichen. Jetzt überlegten wir, welche Folgen es für uns hat, wenn wir einfach einen Tag überziehen. In Thailand haben wir erfahren, dass es ca. 300 Baht pro Tag (~ 80 €/Tag) kostet. Schöne Scheisse. Wir schlugen für die Nacht unsere Zelte vor einem Haus unterm Dach auf. Abends ging es mir wieder gut und wir bestaunten die vorbeiziehenden Gewitter am Horizont. Das sah sehr spannend aus. Wir machten uns allerdings ein wenig Gedanken, nachts eines dieser Gewitter abzubekommen. Auf dem Holzboden, auf dem unsere Zelte standen, gab es keine Möglichkeit das Zelt mit dem Boden zu verbinden und schwere Steine haben wir auch nicht gesehen. No risk, no fun. Und es ging alles gut.

Gegen Mittag am nächsten Tag erreichten wir die Grenze. Wir gingen zu den Grenzbeamten und die bemerkten schnell, dass wir einen Tag zu spät dran sind. Zum Glück hatten wir nur noch umgerechnet 16 € dabei. Der Beamte nahm das Geld und schaute seinen Kollegen an und ließ uns passieren. Wir erhielten noch einen Extrazettel in unserem Reisepass, für den überzogenen Tag. Bye bye Kambodscha.

2018-11-04T14:58:33+00:00 03.04.2017|Kambodscha|0 Kommentare