46 | Bye bye Vietnam

Da saßen wir nun wieder endlich auf unseren Rädern. Hanoi ist mittlerweile einer grünen üppigen Landschaft und kleinen Dörfern gewichen. Anstatt der Hochhäuser Hanois zieren jetzt bewachsene Karstformationen den Horizont, die unsere Blicke fesseln. Manche stehen wie ein einsamer Zuckerhut in der Landschaft, andere sehen aus wie ein Drachenrücken. Hier und auch in den kommenden Tagen bis zur Grenze werden wir noch einmal eine andere (landschaftliche) Facette Vietnams kennenlernen als bisher.
An jenem Tag, an dem wir Hanoi verließen, radelten wir lediglich 41 km. Erst einmal wieder reinkommen lautete unsere Devise 😀 Wir machten in einem kleinen Örtchen halt und bezogen für eine Nacht ein Guesthouse. Nach dem wir den Preis verhandelt haben, haben wir unsere Drahtesel entladen und sind anschließend durch den Ort geschlendert, um was zu Essen zu finden. Es sollte nicht lange dauern bis wir fündig wurden …

Am kommenden Tag radelten wir nur 31 km bis nach Hoa Binh, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Hier haben wir schnell ein Guesthouse gefunden und sind anschließend mit den Rädern entspannt durch die Stadt und zum nahegelegenen Staudamm gefahren. Oben angekommen, genossen wir die Sicht über die Stadt zur einen Seite sowie die Sicht über den gestauten Fluss zur anderen Seite. Der Staudamm schien ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen zu sein. Vor allem ältere Frauen und Männer schienen den Staudamm als Ziel ihrer sportlichen Betätigung auserkoren zu haben. Schnaubend kamen die kleinen Grüppchen in kleinen und großen Schritten oben an, anschließend haben sie sich gedehnt und nebenbei gequatscht und gelacht. Andere joggten oder fuhren mit dem Rad hier hoch. Darunter auch Hoang, 18 Jahre alt. Er kommt aus Hoa Binh und studiert Wirtschaft in Hanoi. Am Wochenende kommt er hier seine Mutter besuchen und nutzt die Zeit, um mit dem Fahrrad durch die grüne Landschaft zu radeln. Er liebt das Radfahren, aber in Hanoi macht das einfach keinen Spaß. Zu viel Verkehr, zu viel Abgase, keine schönen Strecken und keine entsprechende Infrastruktur. Nach einer Weile fragte er uns, ob wir auch zur Ho-Chi-Minh-Statue, welche auf einem kleinen Berg neben dem Staudamm stand. Wenig später und nach einem ordentlich steilen Anstieg standen vor dem riesigen steinernen Antlitz des Begründers der Republik Vietnam.

Da es inzwischen schon Abend war und unsere Mägen sich allmählich meldeten, haben wir Hoang gefragt, ob er eine gute Küche im Ort kennt. Er schmunzelt und sagt, dass wir ihm folgen sollen. Nach ca. 15 min fanden wir uns in einer Straßenküche wider und wir beide bekamen jeweils eine große Portion fried rice mit Gemüse und Ei und ein Cola dazu 🙂 Nach dem Essen ließen wir den Tag mit dem Film ‚Monsieur Claude und seine Töchter‘ ausklingen 😀

Auf dem Weg nach Mai Chau

Es ist dunkel als wir in einem Homestay in Mai Chau ankommen. Die Räder werden entladen, die Dusche ruft und beim Essen, das uns die Familie serviert, lassen wir den Tag Revue passieren und schmunzeln darüber, dass wir wieder einen guten Tag mit einer ebenso guten Portion Glück hatten 🙂

Von Hoa Binh nach Mai Chau waren es lediglich 60 km. An für sich eine Distanz, die wir relativ schnell runterspulen können, wenn wir powern wollen. Aber ganz so leicht war es dann doch nicht. Denn zwei Faktoren ließen die 60 km schwieriger erscheinen. Zum einen war da die heftige Sonnenintensität am Vormittag und später der Regen, und zum anderen die Topografie, sprich das Profil, welchem wir dieses Mal bei der Streckenplanung nicht wirklich Beachtung geschenkt haben. Schon beim Frühstück auf der Straße brannte die Sonne erbarmungslos und lieferte schon mal einen Vorgeschmack, was in Kürze auf uns zukommen sollte.

Raus aus Hoa Binh und gleich den Berg hoch! So was lieben wir, quasi (lange, steile) Anstiege zum Frühstück 😀 Bei 7-9% Steigung lief der Schweiß in Sturzbächen runter. Und die Sonne brannte. Unsere Körper dampften und da Robert ein schwarzes Shirt an hatte, machte sich die Sonne bei ihm noch ein ganzes Stück heftiger bemerkbar als bei mir. Hinzu kam, das wir zwar dünne, aber lange Klamotten an hatten. Lange?? Jo! Wir fühlten uns, als ob wir lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera hatten. Kurze Sachen und einen fetten Sonnenbrand einfangen (dazu reichen hier zu Mittagssonne schon 10 min aus) oder lange Klamotten, keinen Sonnenbrand, dafür aber eine (zu) heiße Betriebstemperatur. In einer Pause dachten wir an unsere Vorbereitung zurück und die Auswahl der Klamotten, z.B. aus welchem Material sollten sie sein. Farben wählten wir eher nach persönlichen Vorlieben und nicht nach pragmatischen Gesichtspunkten. Einzig beim Zelt sagten wir, dass das Außenzelt grün sein soll, damit wir nicht so schnell entdeckt werden. Nun aber kam uns die Erkenntnis, schwarz und Sonne in tropischen / subtropischen Gefilden ist nicht die beste Kombination. Eine hellere Farbe wäre da für die körpereigene Betriebstemperatur besser geeignet. Aber Sonne ist nicht gleich Sonne. In den Balkanländern hat die Sonne zwar auch derbe geknallt, aber die Intensität ist bei Weitem nicht mit der hiesigen vergleichbar und die Berge kamen wir trotz der dortigen Hitze besser hoch.

Oben angekommen, wartete ein kleiner Verpflegungsspot auf uns. Ab in den Schatten, eine Coke gönnen und die Mittagshitze abwarten. Während wir so da saßen und unsere Blicke sich im Himmel verloren, beobachteten wir, dass Wolken allmählich die Sonne verschwinden ließ. Feine Sache! 🙂 So setzten wir uns wieder auf unsere Räder und weiter ging es. Die Landschaft war inzwischen nur noch dünn besiedelt. Überall wo man hinschaut, Karstberge und Reisfelder, die in ihrem typischen vitalen Grün leuchten. Robert und ich ließen uns immer mehr von der wunderbaren Landschaft einnehmen und begeistern. Bisher waren die Central Highlands und der Phong Nha Ke Bang Nationalpark landschaftlich die Highlights in Vietnam. Aber je mehr Kilometer wir durch den Norden Vietnams gen vietnamesisch-laotische Grenze fuhren, desto mehr kristallisierte sich ein neuer ‚Landschaftsfavorit‘ heraus.

In Muong Khen machten wir eine längere Rast und aßen Pho Bo (Nudelsuppe mit Rindfleisch). Währenddessen beobachteten wir wie die Wolken ihre Pforten öffneten und Regen auf die Straße prasselte. Wir hofften, dass dieser bald aufhören würde, da jetzt eigentlich Halbzeit war. 30 km lagen noch vor uns. Und diese wollten wir eigentlich trocken überstehen. Während es regnete, schauten wir uns das weitere Höhenprofil bis nach Mai Chau auf unseren Smartphones an. Auf einmal durchfuhr uns sowas wie ein leichter Schreck. Unser aktueller Standort befindet sich auf ca. 140 m über NN, aber wir müssen, wie wir feststellten, auf 800 m über NN hochradeln. Erfahrungsgemäß brauchen wir für die Bewältigung von 100 Höhenmetern rund 20 Minuten inklusiv Pausen. Für die noch ca. 640 bevorstehenden Höhenmetern (insofern es kontinuierlich nur bergauf gehen sollte ohne zwischenzeitige Abfahrten) kalkulierten wir rund zwei Stunden Fahrt. Und da es bereits nachmittags war und falls noch die eine oder andere Pause zwecks Regen kommen sollte, würden wir höchstwahrscheinlich erst im Dunkeln ankommen. Wir riskierten es nass zu werden und pedalierten los.

Ein, zweimal suchten wir noch Unterschlupf vor dem Regen, aber meistens hatten wir Glück mit dem Wetter. Allmählich begann die lange Bergauffahrt – und sie wartete mit zum Teil mehreren 10%igen Anstiegen auf. Alter Lachs, die Schenkel haben sich gefreut, die Pumpe pumpte und keuchte und nach und nach nahmen wir Höhenmeter um Höhenmeter. Wir merkten, dass wir unsere ‚Prä-Hanoi-Form‘ noch lange nicht zurück haben und dass das noch etwas dauern wird bis wir diese wieder einstellen. Unterwegs machten wir die ein oder andere Pause und mampften fleißig Bananen 😀 Auf’m Peak angekommen, war die ‚blaue Stunde‘ nahezu vorbei und bald dunkel. Nun stand eine lange und kurvenreiche Abfahrt bevor, die triefend nassen Shirts wurden ausgezogen und gegen neue eingetauscht. Und dann ging es bergab! Geilo! 🙂 Im Dunkeln angekommen, war unsere erste Station ein Restaurant 😀 Zu uns gesellten sich noch ein Italiener und ein Pole und so hatten wir noch eine heitere Stunde zusammen, bevor wir uns eine Unterkunft suchten. In einem kleinen Dorf etwas abseits von der kleinen Stadt Mai Chau fanden wir einen Homestay und übernachteten dort für zwei Tage bei einer Familie.

Mai Chau – Ein kleines Idyll

Mai Chau ist eine kleine beschauliche Stadt, die eigentlich mit nichts speziellem aufwartet. Aber die landschaftliche Kulisse, in die Mai Chau eingebettet ist und die kleinen umgebenden Dörfer, geben dem Ganzen ein besonders Flair. Der kleine Ort wird gesäumt von grünen Bergen und einem Flickenteppich aus smaragdgrünen Reisfeldern. An unserem Ruhetag schlenderten wir über Landwege durch die grün strahlenden Felder und durch kleine Tai-Dörfer wie z.B. Ban Lac oder Pom Coong mit ihren traditionellen Stelzenhäusern. Die hier lebenden Tais sind entfernt verwandt mit den Stämmen aus Thailand, Laos und China. Vietnam zählt 53 staatlich anerkannte ethnische Minderheiten und machen ca. 12% der Bevölkerung aus. Zu den größten ethnischen Minderheiten zählen Tai-Völker (Thai, Tay, Nung), Khmer, Muong,Hmong und Hoa.

Vor vielen Häusern sahen wir Frauen, wie sie an ihren Webstühlen saßen und kunstvolle Kleidung und Teppiche knüpften. Das ruhige Leben und die tolle Natur empfanden wir als tolle Abwechslung zum städtischen Trubel in Hanoi. Zudem hat unsere Gastfamilie sehr gefetzt, was die Zeit im Mai Chau Tal noch versüßte. Mir (Tobi) gefiel es so gut, dass ich mich sogar überreden ließ, vier Kurze mitzutrinken…haha. Mein lieber Scholli, dieser selbstgebrannte Schnaps hatte es ganz schön in sich. Robert hatte bereits nach der zweiten Runde genug ^^

Letzte Etappen in Vietnam

Von Mai Chau aus, sollte es noch drei Tage dauern bis wir die Grenze zu Laos überqueren sollten. Apropos Grenze: Ursprünglich hatten wir eine andere Grenze anvisiert als jene auf die wir jetzt – zugegebenermaßen nicht ganz freiwillig – zusteuerten 😉 Als wir noch in Hanoi waren, hatten wir uns ein paar Gedanken gemacht, wo wir die Grenze nach Laos überschreiten und wie es anschließend weiter nach Luang Prabang gehen sollte. So hatten wir uns für den Grenzübergang bei Dien Bien Phu entschieden. Dieser Übertritt wurde auch von anderer Seite schmackhaft gemacht. Eines Abends standen wir nämlich vor einem ATM-Automat gegenüber vom Hoan Kiem See. Eine junge US-Amerikanerin namens Kate ließ uns vor, da der Automat ihrer Meinung nach spinnte. So kamen wir ins Gespräch und erfuhren, dass sie erst vor kurzem aus Laos gekommen ist. Da wir auf dem Weg ins Old Quarter waren, um was zu essen, fragten wir sie spontan, ob sie mitkommen will. Sie bejahte und später gesellte sich noch ein Kumpel von ihr dazu. Im Laufe des Abends wollten die beiden wissen, ob wir denn schon Ideen für Laos haben bzw. wo es hingehen soll. So kam es dann auch, dass uns die beiden empfohlen, ein Boot von Muang Khua nach Nong Khiaw zu nehmen und die Landschaft entlang des Flusses ‚Nam Ou‘ zu genießen. Robert und ich grinsten, das fetzt ja mal. „Machen wir“ stimmten wir im Zwei-Mann-Chor zu 🙂 Als der Tag der Abfahrt kurz bevor stand, kam die Frage auf, wann denn unser Visa ausläuft. Ich sagte zu Robert, dass es der 23.5. wäre. Robert dann „sicher?“, ich daraufhin „nö, nicht zu 100%. Schau sicherheitshalber mal im Pass nach“. Und siehe da, es war nicht der 23., sondern der 18.5. Ups! 😀 Da schauten wir nicht schlecht aus der Wäsche! Der Grenzübergang bei Dien Bien Phu kam infolgedessen nicht mehr in Frage für uns, da wir dann 500 km in fünf Tagen hätten fahren müssen plus viele viele Höhenmeter. Nach sieben Wochen der Radabstinenz definitiv zu viel zum Reinkommen. Mit dem Bus zu fahren wäre möglich gewesen, aber wir wollten radeln. Wir haben uns fix im Internet schlau gemacht und Dr. Google spuckte uns den Grenzübergang Na Meo / Nam Soi in ca. 275 km Entfernung aus…

Und so radelten wir nun entspannt entlang eines kleines Flusses durch eine grüne Landschaft, wobei es leicht auf und ab ging. Nach ca. 60 km suchten wir uns eine Unterkunft, bevor es in den folgenden zwei Tagen zum Endspurt durch die Berge kam. Während unserer letzten zwei Tage in Vietnam hatten wir des Öfteren Regen, so als wolle das Land unseren Abschied beweinen…haha 😀 Es ging durch grüne Berglandschaften, Plateaus, Reisfelder, abgelegene, kleine Dörfer und je weiter wir fuhren, desto mehr verliebten wir uns in die traumhafte Landschaft Nordvietnams.

Am Nachmittag kamen wir im Grenzort an. Während der letzten zwei Tage fragten wir uns oft, wo denn nun genau die Grenze zwischen Laos und Vietnam liegt bzw. welcher nun der Grenzort ist, Nam Soi oder Na Meo? Denn: Google Maps zeigt die Grenze in Na Meo an, unsere Navi-App bzw. Offline-Karte und noch ein, zwei andere Quellen zeigten die Grenze im acht Kilometern entfernten Nam Soi an. Was stimmte nun? Wir konnten uns irgendwie nicht so richtig vorstellen, dass Google Maps sich irrt. Letztendlich offenbarte sich, dass Google Maps doch falsch lag. Kurz bevor wir die Grenze zu Laos überquerten, hauten wir unsere letzten Vietnamesischen Dongs auf den Kopp. Zwei fette Portionen Reis mit Gemüse und zwei Colas gab es zum Abschied. Nach drei Monaten Vietnam verließen wir nun das Land. Irre wie lange wir uns hier aufgehalten haben 😀 Wir wussten, dass ein Monat nicht ausreichen würde, um von Zentralvietnam über Hanoi nach Nordlaos zu radeln, weshalb wir mit zwei Monaten spekulierten. Aber das nun ein Viertel Jahr am Ende bei rauskommen würde, hätten wir nicht gedacht 😀 Wir hatten viele tolle Begegnungen, tolle Landstriche und leckeres Essen genießen können. Danke Vietnam 🙂 Dennoch gibt es einige Dinge, wo wir dachten „hä, WTF, was geht denn da ab?“ 😀 Du gehst über den Gehweg, links und rechts ist alles frei, aber dein vietnamesisches Gegenüber stellt sich direkt in den Weg oder stellt sein Motorroller direkt vor deiner Nase ab, Leute – Frauen und Männer gleichermaßen – strullern in aller Öffentlichkeit an die Straßenseite, gaffen ohne Ende, zum Teil ruppige Sprache, mit Freundlichkeit tun sie sich am Anfang schwer und es dauert bis sie auftauen. Dennoch: Drei Monate Vietnam waren ein Frontalangriff auf die Sinne und in vielerlei Hinsicht komplett anders als daheim in Deutschland und daher so faszinierend und rätselhaft zugleich 🙂

2018-11-04T14:59:18+00:00 01.06.2017|Vietnam|0 Kommentare