50 | Abenteuerlicher und spannender Süden

10.08. – 02.09.2017 | Großstädte und Fahrradfahren vertragen sich nicht immer. Es sei denn es handelt sich bei den Städten um Kopenhagen oder Amsterdam 😉 Radfahren in den Millionenmetropolen Istanbul und Tehran war für uns nicht wirklich ein Vergnügen; zu viel Verkehr und Abgase, laut, chaotisch, hektisch und wir mittendrin. So entschieden wir uns, Bangkok mit dem Zug gen Hua Hin zu verlassen. Von unserem Hostel im Osten der Stadt bis zum Bahnhof Hualamphong waren es dennoch rund 21 Kilometer. Die Straßen schienen restlos überfüllt und der Verkehr schien aus allen Nähten zu platzen. Mal kamen wir fix voran, mal schlängelten wir uns wie die Schlange aus dem alten und geliebten Handyspielklassiker ‚Snake‘ durch die Autoreihen. So ging das weiter, bis wir nach 1:45 h am Bahnhof ankamen. Wir waren definitiv schneller als die Autofahrer unterwegs. Wahnsinn, wie viel Zeit die Leute Tag für Tag auf sich nehmen, um ein paar Kilometer zurückzulegen. Am Bahnhof ging es an den Schalter, Tickets gekauft, Räder in den langen Zug verfrachtet und dann tuckerten wir auch schon los …

Nachdem wir den Zug in Hua Hin verlassen haben, machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Es dauerte nicht lange bis wir eine günstige Bleibe gefunden hatten. Die Taschen wurden fix auf das Zimmer gebracht, anschließend gabs ’ne Dusche und dann tauchten wir schon in das nächtliche Leben von Hua Hin ein. Wie wir später erfahren sollten, war der Ort vor rund 10 Jahren noch ein kleines beschauliches Fleckchen. Im Laufe der letzten Jahre aber hat sich die Stadt aber zu einem gut frequentierten Touristenort entwickelt, wenn auch nicht vergleichbar mit jenen an der Westküste, die an die südliche Andamanensee angrenzt. Zudem wird dieser Ort (noch) überwiegend von thailändischen und chinesischen Touristen besucht. Auf dem Nachtmarkt stillten wir unseren Hunger 🙂 Nachtmärkte sind in Thailand in allen größeren Städten zu finden und so schlenderten wir auch schon in Udon Thani, Khong Khaen, Nakhon Ratchasima oder wie jetzt auch in Hua Hin über diese sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen beliebten Märkte. Hauptsächlich findet der Besucher verschiedenste Stände, die allerlei köstliche Leckereien feilbieten und Stände mit Klamotten, Accessoires und Taschen. Anschließend statteten wir dem Strand am Golf von Thailand einen Besuch ab.

Amüsant und irgendwie auch bizarr war es abends bzw. nachts durch das Bar- und Kneipenviertel von Hua Hin streifen. Es war ein kleines Viertel und schachbrettmusterartig angelegt. Überall Bars, Kneipen, Restaurants und Massagestudios. Musik schallte raus auf die belebten Gassen, welche von bunten Lichtern illuminiert wurden. In vielen dieser Lokale herrschte bis auf die vielen aufgebretzelten und gelangweilt dasitzenden Thai-Frauen, die an den Eingängen oder auf den Ballustraden saßen und vorwiegend männliche Touristen hereinzulocken versuchten, gähnende Leere. Die Frauen riefen den (männlichen) Touristen hinterher, mal charmant, mal derb und anzüglich oder stellten sich einem in dem Weg, um ihre Reize wohlwissend einzusetzen. Betritt man(n) nicht das Lokal und geht stattdessen weiter, so wiederholt sich dieses Schauspiel und man(n) könnte den Eindruck bekommen, man befände sich in einem Tal mit einem endlos langen Echo. In anderen Lokalen wiederum sahen wir viele weiße männliche Touristen höheren Alters, von schlank bis äußerst korpulent. Die Thai-Frauen, teils hätten es ihre Töchter sein können, sitzen da auf dem Schoß, hier zwischen den Herren, manche interessiert, kommunikativ und lachend, andere gelangweilt, der Blick finster und im Kopf woanders. Es war amüsant diese Szenerie zu beobachten und ein Klischee irgendwo bestätigt zu sehen 😀

Da wir in Bangkok für lange Zeit wie Honig an Bärenpfoten klebten (Stichwort: Fotoausstellungsvorbereitung^^), waren wir nun wieder ganz heiß darauf, auf unseren Drahteseln zu pedalieren und den Süden des Land des Lächelns, wie der Kosename Thailands lautet, zu entdecken. Aber eine letzte Sache stand für uns noch an, bevor wir die Vorbereitung für die Fotoausstellung im Rostocker Hof abhaken konnten. Da wir ja nicht in Rostock waren, brauchten wir noch ein paar Helfer, die uns in dieser Sache unter die Arme griffen. Wir fanden in unseren Freunden René und seiner Familie sowie in Sebastian, ebenfalls mit seiner Familie, wertvolle Unterstützung! Mit Sebastian und Sandy skypten wir während unseres Aufenthaltes in Hua Hin, um noch einmal die letzten Schritte zu besprechen. (In diesem Moment (30.08.17) schreiben wir diese Zeilen auf einem Spielplatz in dem kleinen südthailändischen Ort Thepha. Während hier die Sonne scheint, vor uns auf dem Sportplatz ein Fußballspiel läuft und hinter aus auf dem Rasen ein paar malaiische Muslime picknicken, läuft daheim in Rostock unsere Fotoausstellung. An dieser Stelle vielen vielen lieben herzlichen Dank an René und Petra plus Kind sowie an Sebastian und Sandy plus Kind!! :-)) Eure Hilfe war mega!! Das verleiht dem positiven Feedback, welches uns von verschiedenen Stellen erreicht, einen fetten Eimer I-Tüpfelchen, der natürlich auch Euch gebührt!

Hua Hin – Chumpon

Von Hua Hin ging es nun weiter in den thailändischen Süden. Wir hatten wie so oft keine festen Tagesziele, wo wir am Abend sein wollen. Wir ließen uns treiben und beobachteten das Wetter, da nicht weit von uns über der langen nord-süd verlaufenden Bergkette sich große dunkle Cumulonimbuswolken entwickelten bzw. sich immer weiter auftürmten. Sahen wir gegen Ende unserer Tagestour die dicken Regenschleier auf uns zukommen und vermuteten, dass es bald ordentlich regnen könnte, entschieden wir möglichst bald Halt zu machen und einen Schlafplatz zu suchen. Zwei Nächte verbrachten wir in einem Bungalow (einmal am Strand wenige Kilometer unweit von Bang Saphan Yai und einmal in Ban Krut), die restlichen Nächte zelteten wir; sei es zwischen Nadelbäumen am Strand unweit des Khao Sam Roi Yot Nationalparkes, an den Stränden unweit von Prachuap Khiri Khan und Thap Sakae, ein anderes Mal hat uns ein altes Pärchen aufgenommen und wir konnten vor ihren Ferienbungalows mit Meerblick zelten und in Pathio campten wir auf dem Schulgelände. Dabei suchten wir uns stets Orte die überdacht waren, denn unser Außenzelt wollten wir aufgrund der nächtlichen Hitze nicht benutzen. Es war schon nur mit Innenzelt sehr warm, manchmal zu warm und jeder lag nur mit Schlüpper im Zelt und die Schweißperlen glitten langsam über die Haut. Würden wir das Außenzelt benutzen, könnten wir gleich in einer Sauna schlafen 😀

Bis Chumpon radelten wir fast ausschließlich auf wenig befahrenen Nebenstraßen durch eine schöne Landschaft, die sich vorzüglich zum Radreisen eignete. Es war das komplette Gegenteil von stupiden Geradeaus fahren. Der Straßenverlauf war abwechslungsreich, Kurven, Knicke, Us, Zickzack und der Verlauf verlief quasi mehr oder weniger parallel zur Küstenlinie, sodass wir oft auch am Wasser entlangfuhren und den wunderbaren Salzgeruch des Meeres genießen konnten. Sattgrüne Vegetation, (Kokos)Palmenwälder und kleine Dörfer wechselten sich regelmäßig ab. Oftmals führte unser Weg über top ausgebaute asphaltierte Straßen, manchmal auch über dirt roads (Schotter-, Sandpisten), wobei die rote Erde einen saftigen Kontrast zur grünen Vegetation und zum blauen Himmel bildete. Wir begegneten vielen streunernden Hunden, die tiefenentspannt am Straßenrand lagen und uns manchmal auch lauthals anbellten. Andere Male sahen wir auch Langschwanzmakaken, die auf den Zweigen der Bäume umhertobten und Grünzeugs aßen.

Während dieser Tage hatten wir mehrere schöne und kurzweilige Begegnungen, aber jene mit dem bereits oben genannten alten Pärchen und John blieben uns dabei besonders in Erinnerung. Das alte Pärchen hatten wir an einem Tag kennengelernt, als wir einen in unserer Karte eingezeichneten Campingplatz nicht fanden. Sie haben vier Bungalows mit Strandblick, die sie an Touristen vermieten. Vor diesen konnten wir unsere Zelte aufstellen, feine Sache! Dazu griff sie sich noch unsere miffigen und mit Schweiß getränkten Sachen und schmiss sie in die Waschmaschine, was uns ein zusätzliches Lächeln in unsere Gesichter zauberte. Später sprangen wir noch in den warmen Golf von Thailand 🙂 Kurz vor dem Rausgehen hatten wir beide noch in feurige Begegnung^^ Robert sagte auf einmal, dass etwas seinen Unterarm und seinen Oberschenkel gestreift hat, das es brennt und wir lieber das Wasser verlassen sollten. Daraufhin meinte ich, dass ich noch mein kleines Geschäft beende und dann folge. Kaum hatte ich meinen Satz beendet, spürte ich ebenso ein plötzliches Brennen 😀 Wir sind dann beide raus aus dem Wasser und haben nach Essig gefragt. Danach gab es noch eine Creme und dann ging es. Das alte Pärchen sprach kein Englisch und wir kein Thai, aber dennoch klappte die Kommunikation ganz gut mit Händen und Füßen, lachen und lächeln 🙂 Bevor wir am nächsten Tag losfuhren, kochte uns die gute Frau noch ein leckeres Mittagessen und gab uns noch Instant-Nudeln sowie Limetten mit auf dem Weg.

An einem anderen Tag trafen wir auf John, einem US-Amerikaner, Mitte/Ende 40, der seit rund 15 Jahren in Thailand lebt. An jenem Tag hatten wir bis zur Mittagspause in Ban Krut rund 27 km zurückgelegt. Wir aßen gerade einen Burger als John auf uns zu kam und fragte, ob er sich zu uns gesellen kann. Er sagte, er habe unsere vollgepackten Reiseräder gesehen und wäre an unserer Reise und unseren Erlebnissen interessiert. Er frage öfters, wenn er Tourenradler sieht und so sagten wir „klar setz dich!“ So zogen an diesem Tisch zwei interessante und tolle Stunden ins Land und zwischenzeitlich luscherten wir kurz auf die Uhr zwecks Weiterfahrt. Auf einmal meinte John, wenn wir nicht von den Burgern gesättigt wären, würde er uns noch auf zwei Pizzen bei einem Freund um die Ecke einladen. Robert und ich schauten einander an, grinsten und sagten, dass das Schöne am Radreisen sei, dass man (quasi) so viel essen kann wie man möchte, weil man einfach so viel Kalorien verbraucht. Kurze Zeit später sah jeder von uns eine große Pizza vor sich 🙂 Da haben wir uns erst einmal gefreut! Und an diesem Tisch zogen drei Stunden ins Land, in denen wir viel lachten und über das Radreisen erzählten. John hat früher acht Jahre bei der Navy gedient und auf jedem Schiff hatte er sein Mountainbike dabei. Wo auch immer auf der Welt das Schiff vor Anker lag, schnappte John sein Bike und erkundete das Hinterland. So kam er zum Radreisen, was einen großen Teil seines Lebens nach der Navy ausmachte. Er sagte, am Radreisen liebe er es, dass das Hirn immer auf Touren läuft, gefordert werden und entdecken will. Stets können neue Probleme auftauchen, hinter jeder Kurve und jedem Hügel können neue Herausforderungen auf dich warten, die eine Lösung oder Ideen bedürfen. Diese und andere Sätze von John regten zum Nachdenken an, was die Begegnung so toll machte. Mittlerweile war es schon 17:30 Uhr und eine Weiterfahrt machte jetzt nur noch wenig Sinn. Und das ist eine weitere schöne Sache, wenn man ohne strikte Zeitvorgaben reist: Für spontane Begegnungen Zeit haben, ohne sich eine Platte zu machen.

Koh Tao

Den Besuch auf der kleinen und schönen Insel Koh Tao im Golf von Thailand war gar nicht intendiert und kam eher spontan und zufällig zustande 😀 Während der vorangehenden Tage sind wir seit Hua Hin jeden Tag geradelt und so überlegten wir beim Mittagessen in Chumpon, wo wir einen Ruhetag einlegen können. Chumpon wäre eine Möglichkeit gewesen, Surat Thani war zu weit weg und bei den kleinen Dörfern zwischen diesen Städten waren wir uns nicht sicher, ob was dabei ist für zwei Nächte. Auf unserer Karte sahen wir, dass zwischen Chumpon bzw. von einem kleinen Vorort und Koh Tao eine Fähre verkehrt. Da wir kein Wifi hatten, überlegten wir, die Location zu wechseln, um die Fähr- und Unterkunftspreise zu recherchieren und dann zu entscheiden, ob ein Ausflug Sinn macht oder nicht. Die zweite Überlegung lautete in etwa „ach, weißte wat, scheiß drauf, wir fahren jetzt einfach zur Fähre und setzen nach Koh Tao über und werden sehen, ob wir da ne günstige Unterkunft finden.“ Wir entschieden uns für die zweite Überlegung 🙂

Als wir im Hafen ankamen, beschlich uns beim Anblick des Fährterminals der Gedanke, ob wir hier tatsächlich richtig sind. Das Gebäude sah heruntergekommen aus und der überdachte Open-Air-Passagier-Wartebereich schien mehr improvisiert als geplant zu sein^^ Leider war der Haupteingang verschlossen, aber glücklicherweise konnten wir durch die dunklen Glasscheiben der Tür schauen und erspähten die Tafel mit den Abfahrtszeiten. Wie sich nun herausstellte fuhr die nächste Fähre erst am kommenden Morgen um 7 Uhr ab…düdüüüm. Das sollte uns trotzdem nicht davon abhalten, zwei Tage auf Koh Tao zu genießen. Inzwischen war es ca. 14:30 und wir hatten noch viiiieeel Zeit 😀 Wir gammelten vor einem Restaurant rum, zapften das Wifi an, lasen ’n E-Book, machten ein Nickerchen, später fuhren wir zu unserem geliebten 7-Eleven, eine Supermarktkette die in Thailand quasi ubiquitär ist. Manchmal gibt es an einer (!) Kreuzung drei (!) von diesen Läden 😀 Danach fuhren wir in den Park am Hafen und gesellten uns unter die Einheimischen bevor wir uns wieder auf den Weg zum Fährterminal machten, um a) die Tickets zu kaufen und b) unsere Zelte neben dem Pier aufzubauen. Am nächsten Morgen klingelte in aller Frühe der Wecker, weil uns gesagt wurde, wir sollen gegen 6 Uhr beim Check-In sein. Nachdem inzwischen zwei Busladungen Backpacker angekommen sind und unsere Räder auf einem dünnen, wackeligen Holzbrett auf das Schiff verfrachtet wurden, legte das Schiff kurz nach 7 Uhr ab. Gegen 10 Uhr sollten wir uns auf Koh Tao wiederfinden. Hier blieben wir nun zwei volle Tage und eine Nacht, die zweite Nacht verbrachten wir auf der Nachtfähre nach Surat Thani. Ein Hostel haben wir fix gefunden, nur konnten wir noch nicht die Zimmer beziehen, da es noch nicht 12 Uhr mittags war. So nutzen wir die Zeit die nähere Umgebung kurz zu erkunden und zu frühstücken. Nachdem die Sachen von den Rädern auf die Zimmer getragen wurden, packten wir unsere Badesachen und unsere leeren Fahrräder und machten uns auf den Weg zu einem der vielen Strände…

Die zwei Tage auf Koh Tao können wir eigentlich so zusammenfassen: wunderbare Strände, zum Teil sehr klares Wasser, bunte Unterwasserwelt mit vielen bunten Fischen und Korallen, grüne und üppige Vegetation, bergige Insel mit so einigen derben und wirklich schweißtreibenden Steigungen (bis zu 25 %, so viel hatten wir noch die auf unserer bisherigen Reise bewältigen müssen), Touris ohne Ende, schöne Sonnenuntergänge, ruhige und lebhafte Inselfleckchen, nächtliche Feuershow und tanzbare Musik am Strand vor dem Rauschen des Meeres, eine Insel, die man gerne noch einmal besuchen würde 🙂

Am Ende des zweiten Tages nahmen wir eine Nachtfähre, die um 21 Uhr ablegte und uns zurück aufs Festland nach Surat Thani brachte. Die Stimmung an Bord ähnelte einer ausgelassenen Klassenfahrt und so legten wir im Dunkeln der Nacht ab und schipperten von dannen …

Surat Thani – Hat Yai

Von Surat Thani nach Hat Yai sollten wir rund 380 km zurücklegen. Anders als zwischen Hua Hin und Chumpon radelten wir bis auf die Teilstrecke Nakhon Si Thammarat – Hua Sai leider quasi durchgehend auf dem Seitenstreifen der Hauptstraße. Zwar kamen wir schnell voran, aber der Verkehr und der wenig abwechslungsreiche Straßenverlauf minderte etwas den Radelspaß. Um fünf Uhr morgens legte die Fähre in Surat Thani an. Nachdem wir unsere Räder von der Fähre geschoben und ein wenig Frühsport gemacht haben, radelten wir entspannt zum lokalen Marktplatz, wo ordentlicher Trubel herrschte. Dort verspeisten wir erst einmal eine große, saftige Ananas und ein Kilogramm Longan-Früchte. Letztere sind seeeeehr lecker und so bald wir die erste Frucht gegessen haben, konnten wir uns kaum beherrschen, dies restlichen lychee-artigen Früchte nicht aufzuessen 😀

Im Anschluss ging es weiter nach Sichon, wo wir auf einem Gelände der Stadtverwaltung unser Zelt aufschlagen konnten. Am nächsten Tag gab uns eine Angestellte der Stadt, die uns zu unserem Campingspot geführt hat, noch drei Kilogramm Bananen, zudem wurden wir noch mit reichlich Café und Kakao verwöhnt. Inzwischen war es schon 10:30 und die Sonne brannte ordentlich. Seit wir in Südostasien unterwegs sind, vermeiden wir es in der Mittagssonne zu radeln, da es einfach zu heiß ist. Wir suchen uns dann ein Plätzchen wo wir zwei bis drei Stunden verweilen, Mittagessen, dösen, den Ort erkunden oder Notizen für den Blog schreiben. Zum Mittagessen wurden wir von unserer sympathischen Bekanntschaft und ihren Kollegen eingeladen, was uns ein großes Lächeln in unsere Gesichter zauberte. Gegen Nachmittag verdunkelte sich jedoch der Himmel zunehmend und vor allem in jener Himmelsrichtung, in die wir aufbrechen wollten. Auf Radeln im Regen hatten wir keinen Bock und entschieden uns noch eine weitere Nacht in Sichon zu verweilen. Die meiste Zeit des Tages verbrachten wir vor dem Rathaus und dem ihm vorgelagerten Sportplatz. Auch kam der Bürgermeister auf einen kurzen Plausch vorbei. Am Nachmittag spielten wir ein wenig Frisbee, bevor Robert zum Fußball mit ein paar Einheimischen abgeworben wurde. Ich las derweil auf meinem Kindle, als auf einmal vier Kinder vor mir standen und mit großen Augen die vollgepackten Räder anschauten. Kurze Zeit später fanden wir uns beim Frisbee spielen wieder. Gegen Abend kehrten wir an unserem ‚alten‘ Platz zurück und bauten ein weiteres Mal unsere Zelte auf.

Die folgenden Tage kann man in etwa so zusammenfassen: Radeln auf dem Highway bis Nakhon Si Thammarat, wo wir auf einem Hotelgelände unsere Zelte aufstellen durften, radeln bis Hua Sai, wo wir im Rathaus schlafen durften, radeln bis in einen kleinen Ort, wo wir auf dem Gelände der Stadtverwaltung campten konnten, weiter radeln bis Songkhla, wo wir eine Mittagspause machten und anschließend nach Hat Yai brausten, da der vor uns befindliche Horizont nicht viel Gutes versprach. Denn kurz nachdem wir im Hostel in Hat Yai angekommen waren, öffnete der Himmel seine Pforten und die Erde wurde nass.

An einem der Nachmittage sahen wir am Straßenrand einen Ananasstand und gönnten uns zwei Ananas. Aber nicht nur der Geschmack der Ananas hat uns den kurzen Stop versüßt, sondern auch die alte Verkäuferin. Die Situation wiederzugeben und für den Lesen so nachfühlen zu lassen, wie wir sie erlebt haben, erscheint mir nicht möglich. Es war einfach amüsant und witizg. Die alte Verkäuferin hat einfach gefetzt, sie strahlte über das ganze Gesicht und strahlte eine tolle Lebensfreude aus 🙂 Wir verständigten uns hauptsächlich mittels Händen und Füßen, lachen und lächeln. Wir fragten sie, ob wir ein Foto von ihr machen dürfen, was sie mit einem warmen Lachen, strahlenden Augen und dollen Kopfnicken bejahte. Dann bedeutete sie zu Robert, dass er ihr noch ein paar Schritte folgen soll. Schließlich stand sie stolz und voller Freude vor ihrer reichen Anzahl an Ananassen und dem Werbeschild und Rob lichtete sie ab. Als wir von dannen ziehen wollten, schenkte sie uns noch eine Ananas und getrocknete Bananenscheiben. Da haben wir uns derbe gefreut! 🙂

In Hat Yai verbrachten wir drei Nächte, erkundeten die Stadt, die als letzter bzw. erster Verkehrshub für Touristen fungiert, wenn man nach Malaysia (an die Westküste) will bzw. von Malaysia nach Thailand kommt. Im Hostel stellte sich auch heraus, dass uns die Besitzer des Hotels bereits tags zuvor auf unseren Rädern gesehen haben und sich freuten, dass wir nun hier abgestiegen sind. Die beiden sind ein thailändisches und sympathisches Pärchen, die zudem tolle Gastgeber waren. In Hat Yai suchten wir noch einen Fahrradladen auf. Als wir damals in Bangkok noch Ersatzteile kaufen wollten, waren bei Bok Bok Bikes nicht alle Teile vorhanden. Vor diesem Hintergrund hat uns Praphreut, der Verkäufer, vorgeschlagen, dass er die Teile (Rohloff-Wechselöl und neue Bremsbacken) zu einem Fahrradladen in Hat Yai schicken könnte. Hat alles prima geklappt, nur die Suche nach dem Laden gestaltete sich als eine unerwartete Schnipseljagd 😀 Zwar hatte Praphreut uns die entsprechende Facebookseite inklusive Adresse geschickt, aber leider war weder der Google Maps Pin an der richtigen Stelle noch die richtige Adresse aufgeführt. So streunerten wir durch die Straßenzüge, fragten Einheimische, die aber auch keine Ahnung hatten, wo sich dieser Laden befinden sollte und so fanden wir ihn schließlich eher zufällig. Aber so kann man eine Stadt auch kennenlernen 😀

Das Hostel war ein kleines und die Stimmung war recht familiär. So trafen wir auf einen Italiener und einen Niederländer, mit denen wir die örtliche Küche ausprobierten und über das Reisen und die Möglichkeiten mit möglichst wenig oder gar kein Geld klarzukommen sprachen.

Hat Yai – Sungai Kolok (an dieser Stelle sei schon einmal verraten: es wird abenteuerlich 😉

Für die weitere Reise durch Malaysia nach Singapur kann man von Hat Yai zwei Richtungen einschlagen. Entweder kann man die Grenze bei Sadao nach Malaysia überqueren und dann entlang der dicht besiedelten und verkehrsreichen Westküste radeln oder man fährt nach Sungai Kolok, um von dort an der Ostküste Malaysias nach Singapur zu fahren. (Natürlich gibt es noch weitere Grenzübergänge, aber lediglich diese zwei stellten für uns Optionen dar.) Als wir noch in Bangkok waren, hatten wir schon stark in Richtung Ostküste tendiert, da die Westküste derzeit stärker vom Monsunregen heimgesucht wird. Dies bedeutete für uns, dass wir in Sungai Kolok die Grenze zu Malaysia überschreiten würden. Und so kam es, dass wir Hat Yai (Songkhla Provinz) in Richtung Südosten verließen.

Bis Chana waren wir auf dem Highway unterwegs. In Chana selbst machten wir eine Mittagspause und setzten anschließend unseren Weg über wenig befahrene Nebenstraßen fort. Tagesziel für jenen Tag war die Kleinstadt Thepha in der Provinz Songkhla. Je mehr wir uns aber Thepha und somit den drei südthailändischen Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat näherten, desto mehr änderte sich das Erscheinungsbild der Menschen. Von Norden kommend sahen wir bis Hat Yai hauptsächlich Thais, aber ab Chana wandelte sich der Anblick. Von nun an bestimmte ein muslimisches Erscheinungsbild die Menschen. Frauen und bereits junge Mädchen trugen nun lange bunte Gewänder und reich verzierte und ebenso bunte Hijabs. Bei den Männern gestaltete sich das etwas anders. Manche trugen Shorts und T-Shirts, andere weiße, beige oder farbenfrohe Gewänder, und auf dem Kopf trugen sie einen sogenannten Songkok. In Thepha angekommen, erklärte mir ein Mittzwanziger, selber Muslim, dass es sich bei der Bevölkerung in den Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat mit überwiegender Mehrheit um die malaiische Muslime handelt.

Auf dem Weg nach Thepha, der uns durch viele kleine Dörfer abseits der großen Hauptstraße führte, hatten wir zwei weitere schöne und kurzweilige Begegnungen. Als wir so radelten, beobachteten wir auch stets die Wolken. Wir fuhren in einem blauen Loch, aber nicht weit von uns entfernt, waberten dunkle graue Wolken über der Landschaft und als die ersten fetten Tropfen fielen, entschieden wir spontan einen Stop einzulegen. Wir sahen ein Haus, dessen Straßenfront komplett offen war und einen Friseurladen beherbergte. Unter dem Vordach parkten wir unsere Drahtesel und fragten, ob wir hier kurz pausieren können. Die drei Damen schauten uns erst mit großen Augen an, offensichtlich etwas verdattert von dem was wir fragten. Aber dann folgte ein warmes Lächeln und sie sagten ‚yes, sure.‘ Die Friseurin, die auch bei der Royal Thai Police arbeitet wie sie uns wissen ließ, ist begeisterte Mountainbikerin und war recht interessiert, wo wir schon überall umher gekurvt sind. Sie spendierte uns noch Café und Früchte. Später kam noch ihre Tochter, die wie ihre Mutter so einige Fotos mit uns machte. Als fünfte Frau im Bunde gesellte sich noch eine alte Oma dazu. Sie kam gerade mit dem Motorroller an, erfuhr von den anderen Damen, was wir so machten und haute dann paar Sprüche raus, was die weiteren Damen und auch sie selber dazu veranlasste, herzlichst zu lachen. Sie deutete uns an, dass sie ein Foto mit uns machen wolle und stellte sich dann zwischen uns, und gab zum krönenden Abschluss Rob einen Klaps auf den Po 😀

Später machten wir an einer Kreuzung einen kurzen Stop. Laut unserer Karte hätten wir links abbiegen müssen, aber es führte auch eine Straße geradeaus weiter, welche aber in unserer Karte nicht zu sehen war. Vor uns befand sich ein kleiner Einkaufsladen, in dem wir nachfragten, ob jene geradeausführende Straße auch nach Thepha führt. Wenn dem so wäre, würde uns das 10 km ersparen. Das junge Mädchen bejahte unsere Frage und so kamen wir ins Gespräch. Sie war ganz aus dem Häuschen, als wir hier erzählten, dass wir einen Loop durch Südostasien gemacht haben und nun auf dem Weg nach Singapur sind. Wir unterhielten uns noch ein bisschen mit ihr, bevor wir weiterfahren wollten. Ich holte noch zwei Colas und wollte bezahlen, aber dann sagte sie, dass sie sie uns schenke! 🙂 Auf dem Weg zu den Rädern lief uns noch ein schwarzer Skorpion über den Weg. Erst folgte Robert ihm vorsichtig, um ein Foto zu machen, dann drehte sich das Spiel und der Skorpion folgte Robert. Aber der Onkel des jungen Mädchens setzte dem Spiel ein jähes Ende, indem er mit einem Besen auf den Skorpion haute und ihn anschließend auf die Straße beförderte. Als wir schon das Fahrrad zwischen unseren Beinen hatten und in die Pedale treten wollten, kam das Mädchen noch einmal an und schenkte uns im Namen ihrer Familie noch eine große Packung Schokolade 🙂 Und jeder der uns kennt, weiß, was für eine Freude das uns bereitet. Und zwar eine seeeehr große 🙂

In Thepha kamen wir gegen 16 Uhr an und hatten noch reichlich Zeit. Auf dem Sport- und Spielplatzgelände beendeten wir unsere Tagestour und dehnten unsere Muskeln. Auf dem Rasen saßen viele malaiische Muslime, picknickten und schauten das Fußballspiel auf dem Fußballfeld vor uns. Ein paar Mountainbiker beendeten ebenfalls ihre Tour hier und unterhielten uns ein wenig mit ihnen. Später gesellte sich noch der oben genannte Mittzwanziger zu uns. Wir hatten uns schon einen Campingspot für die Nacht ausgesucht, fragten aber sicherheitshalber noch einmal nach, ob jener okay wäre. Er sagte okay und das wir bei der Polizei duschen und die Toilette benutzen können. Nachdem es dunkel war und wir unsere Mägen gefüllt haben, schoben wir unsere Räder zum nahegelegenen Campingspot. Und tatsächlich konnten wir uns im Polizeigebäude duschen, ging ganz unkompliziert. Feine Sache!
Irritierend war für uns aber die Ausrüstung der Polizei; Straßensperre, Sandsäcke, mit MGs bewaffnete und Schutzwesten tragenden Polizisten und während des Tages hatte Rob schon zwei Militärhubschrauber am Himmel kreisen gesehen.

Am kommenden Tag sollten wir die Grenze zur südthailändischen Provinz Pattani überqueren. Von Praphreut aus dem Fahrradladen in Bangkok wussten wir, dass diese Provinz und auch die Provinzen Yala und Narathiwat nicht die empfehlenswertesten sind. Unser Weg führte uns weiterhin durch ruhige Nebenstraßen und kleine Dörfer. Gegen Mittag machten wir irgendwo im Nirgendwo eine Mittagspause vor einer Moschee. Die älteren Herren, die gerade zum Mittagsgebet eintrudelten, beäugten uns interessiert, neugierig oder auch verstohlen. Sie trugen alle weiße und beige Gewänder sowie den typischen Songkok, wie er vielerorts in Südostasien unter der männlichen muslimischen Bevölkerung getragen wird. Ein Mann war recht interessiert und fand es spannend wo wir waren. Viel spannender aber fand er es, ob wir Muslime wären. Wir verneinten und sagten, dass wir keiner Religion angehören, was er aber nicht ganz glauben konnte oder wollte. Er fragte, warum nicht und schob mit einem Lächeln irgendwo zwischen süffisant und weise-wohlwollend hinterher, dass der Islam die beste Religion sei und alle Menschen dieser bei-/übertreten müssten. Wir ließen das unkommentiert und er wünschte uns eine gute Weiterreise, worauf ich lächelnd mit ‚inschallah‘ antwortete. Da mussten die Herren dann herzlich grinsen und lachen 😀 Die Situation war insgesamt entspannt und nett, aber sie hatte dennoch einen leichten faden Beigeschmack, was sich rückblickend infolge der Ereignisse am nächsten Tag verstärkte.

Am späten Nachmittag kamen wir in Ban Dan an, ein kleiner Ort der unsere Nebenstraße mit der küstenparallelen Hauptstraße vereinigte. Auf den Straßen war ordentlich Trubel und die Situation ließ uns eher in Iran oder in der Türkei erscheinen bzw. erinnern als an Südthailand. Wir hatten zwar seit Bangkok gewusst, dass im Süden Thailands viele Muslime leben, aber das sich uns so ein Bild offenbart, hätten wir irgendwie nicht gedacht. Keine Ahnung warum … Vor uns war ein panzerartiges Fahrzeug, ohne Rohr, dafür aber mit MG. Wir fragten den Polizisten, wo wir hier denn die nächste Schule oder Polizeistation finden. (In Thailand haben wir bereits zweimal die Polizei zwecks Schlafplatz gefragt und konnten uns weiterhelfen.) Bei der Polizeistation angekommen, sagten die Polizisten, dass wir auf dem Rasthof schlafen können, was wir später auch taten. (Der sympathische Rastplatzchef gab sein Okay. ‚Geduscht‘ wurde auf dem WC für Behinderte und zwar mit dem in Südostasien üblichen Schlauch, den man gebraucht, um sich nach dem großen Geschäft den entsprechenden Ausgang zu säubern 🙂

Vorher aber waren wir auf der Suche nach einem Restaurant mit Wifi und wurden fix fündig. Beim Studieren der malaiischsprachigen Speisetafel standen wir da wie Piek As auf Bahnsteig 8, als uns plötzlich ein korpulenter Mann mit Sonnenbrille ansprach. Er sagte, wir sollen uns zu ihm setzen und so taten wir. Er fragte, woher wir kommen und wir antworteten mit Deutschland, woraufhin er sagte, er liebe unser Militär, aber auch das von Frankreich, Italien, England und USA, aber die USA an sich mag er nicht so. Als nächstes fragte er, ob wir Muslime seien, was wir verneinten. Er sagte das gleiche wie der Herr von der Mittagspause, aber sein Gesichtsausdruck war ernster. Nach einer Weile verabschiedete er sich und wir aßen zu Abend.

Der Schlaf wurde am nächsten Morgen jäh vom Gesang des Muezzins unterbrochen und beendet. Am Vorabend herrschte noch ein riesiger Andrang auf dem Rasthof, die Tanke und 7eleven waren ordentlich frequentiert. Wie uns der Mann aus dem Restaurant wissen lies und Rob es auch schon im Netz gelesen hat, war der Trubel das Resultat in Bezug auf die Vorbereitung des islamischen Opferfestes Eid al-Adha. Es ist das höchste islamische Fest und wird zum Höhepunkt des Haddsch gefeiert, der Wallfahrt nach Mekka. Das Fest beginnt jährlich am Zehnten des islamischen Monats Dhu l-Hiddscha und dauert vier Tage an. An diesem Morgen aber war die Tanke geschlossen und 7eleven kurz davor. Ich spurtete noch fix rüber, um Wasser und etwas zu essen zu kaufen. Die Damen ließen mich fix gewähren, aber drängelten, dass ich mich beeilen soll. Gesagt, getan…

Nach 2:15 h radeln, 51 km und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 22 km/h kamen wir gegen 10:50 Uhr in Yi-Ngo an. Alle Geschäfte waren wohl wegen des islamischen Opferfestes geschlossen, nur 7eleven hatte wieder auf. Unsere Rettung 🙂 Drinnen war ordentlich was los. Es war bunt, aber nicht wegen den Produkten, sondern wegen den vielen farbenfrohen Gewändern und Hijabs 😉 Unweit von 7eleven hatten wir eine schattige Bank, wo wir pausierten. Eine quasi vollverschleierte Frau schenkte uns was, was wie süßer sticky Rice schmeckte, kunstvoll in ein Maisblatt eingewickelt. Wir dankten ihr herzlich. Ab und an kamen ein paar ältere Herren vorbei und wir unterhielten uns mit ihnen. Alle waren in edle weiße und seidig glänzende Gewänder gekleidet. Ein paar Männer standen um eine grüne Schüssel herum, aus der ein Bein mit Hufe herausschaute. Das Opferfest schien auf Hochtouren zu laufen. Wir saßen rund drei Stunden auf der Bank und ein Mann, der öfters vorbeikam, meinte, wenn wir noch länger hiersitzen, bekommen wir noch was leckeres zu essen 🙂 Später fragte uns ein anderer Mann, woher wir kommen und wohin die Reise denn geht. Er war ganz erstaunt und fand das gut, was wir machen. Dann fragte er noch, wo es als nächstes hingeht und wir sagten „nach Sungai Kolok und dann nach Malaysia und Singapur.“ Daraufhin wollte er wissen, wie wir fahren und wir zeigten nach links. Er antwortete, dass es gefährlich ist, wenn man diese Straße bis nach Sungai Kolok fährt und ergänzte, dass wir über die Stadt Narathiwat und dann entlang der Küste gen Süden fahren sollen. Wir aber setzten den von uns eingeschlagenen Weg fort ….

An jenem Tag hatten wir uns auf der Karte ein kleines Dorf zum Übernachten ausgesucht. Da der Himmel sich aber zunehmend verdunkelte und wir nicht in einen möglichen Regen kommen wollten, entschieden wir uns spontan in der Schule links von uns die Tagesetappe nach rund 69 km vorzeitig zu beenden. Wir ließen aufgrund der letzten Straßensperre und Polizei-/Militärposten, die letzten zwei, drei Tage Revue passieren. Was wir sahen, hatte einen stark militarisierten Charakter, der offen davon zeugte, dass die drei südthailandischen Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat u.a. für Reisende wahrlich nicht zu empfehlen sind und eine für uns latente bestehende Gefahr zu existieren scheint. Quasi seit Thepha sahen wir an sehr vielen (T-)Kreuzungen Straßensperren, Militärstützpunkte eingehüllt in Massen an Stacheldraht und Sandsäcken, wir sahen voll ausgerüstete Soldaten und Polizisten, wir sahen Militärihubschrauber am Himmel kreisen, wir sahen panzeratige Vehikel mit MGs und sowas wie Granatwerfern.

Die Menschen waren, wie wir es aus muslimischen Ländern nicht anders kennen, stets offen, freundlich und hilfsbereit, riefen hello und winkten. Aber es war irgendwie anders als in Iran, der Türkei und den VAE. Oftmals schauten viele uns vergleichsweise zu lange wie ein Auto an und etwas misstrauisches lag in ihrem Blick…

Wir erinnerten uns, was wir am Vorabend auf der Seite des Auswärtigen Amtes zu den Reise- und Sicherheitshinweisen für Thailand gelesen haben (vorher hatten wir gar nicht raufgeschaut): „Von Reisen in und durch die unter Notstandsrecht stehenden Provinzen im Süden Thailands an der Grenze zu Malaysia (Pattani, Yala und Narathiwat sowie Teile von Songkhla) wird dringend abgeraten. Dort kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Separatistengruppen und Sicherheitskräften, sowie zu terroristischen Anschlägen, auch auf von Ausländern frequentierte Ziele.“ Da staunten wir nicht schlecht und dachten „nun gut, jetzt sind wir schon in diesen Provinzen und bis zur Grenze ist es auch nicht mehr so weit“ und waren wohl etwas zu naiv und dennoch irgendwie zuversichtlich, dass alles gut geht.

In der Schule fragten wir, ob wir auf dem Gelände campen können. Unser Gegenüber sagte ja und so schoben wir unsere Räder zu dem Punkt, wo wir unsere Zelte später aufstellen wollten. Ein paar neugierige Kinder gesellten sich zu uns und wir dallerten miteinander rum und machten Späße. Immer mehr Leute kamen zu uns, was uns zunehmend unangenehm erschien. Darunter war ein Mann, der sagte, dass er Polizist ist. Wir können bei ihm schlafen, die Dusche und das WC benutzen, aber wir lehnten dankend ab. Hier ist es schön sagten wir und auch, dass wir oft in Schulen in Thailand geschlafen haben. Da sein Englisch nicht so gut war, rief er eine Frau an, die übersetzte. Sie selber ist Lehrerin in diesem Ort und betonte mehrmals, dass es hier nicht sicher ist und wir im Militärcamp schlafen sollen. Da sei es sicher. Später kam sie persönlich zur Schule und redete nochmals auf uns sein. Wir sahen nun kein Sinn mehr darin unsere Position zu verteidigen und radelten in das nahegelegene Militärcamp. Wie sich herausstellte, war der Mann, der sagte, wir können bei ihm schlafen, der Boss des Militärcamps. Auch dieses war eingehüllt in Stacheldraht und Sandsäcke. Er zeigte uns, wo wir schlafen und duschen können.

Nachdem wir geduscht hatten, erschienen drei Polizisten in voller Kampfmontur; Stiefel, Schutzweste, MG, Magazine, Messer und offensichtlich besser und professioneller ausgestattet als unsere gastgebenden Soldaten. Erst hieß es, dass wir den drei Polizisten folgen sollen und woanders schlafen. Nach einer ca. drei Minuten Unterhaltung zwischen Militär und Polizei hieß, dass wir doch hier bleiben können. Die Polizisten fotografierten unsere Pässe, Visum und Visumsverlängerung, dann bedankten sie sich, wünschten uns alles Gute und gingen von dannen. Ein Mann fungierte dabei stets als Bindeglied, da sein Englisch das beste von allen war. Vielleicht war es auch aufgrund seiner Position, von der wir nicht wussten, was für eine das ist. Er sagte, dass wir am morgigen Tag weiterfahren können, aber eine andere Straße nehmen sollen, als jene die wir eigentlich fahren wollten. Sein Rat bzw. besser gesagt seine Anweisung, implizierte einen Umweg um ein Dorf, dass unser eigentliches Ziel für jenen Tag war, das wir aber aufgrund des möglichen Regens nicht mehr angesteuert haben. Anscheinend hatten wir da Glück gehabt…

Wir fragten den Boss des Camps, ob wir das Wifi nutzen können, woraufhin er nein sagte. Aber wir können das vom Haus gegenüber benutzen. Dort wohnt eine muslimische Familie, gab uns Wifi und leckere Köstlichkeiten. Sie waren sehr herzlich zu uns (anders kennen wir es auch nicht von Muslimen) und es deutete daraufhin, dass es ein schöner Abend wird. Sie haben uns zum Abendessen eingeladen, wir können hier so lange bleiben wie wir wollen und dann, wenn wir müde sind, ins Camp schlafen gehen. Eine der Damen sagte auch noch einmal, dass es hier gefährlich ist und wir eine andere Straße nach Sungai Kolok nehmen sollen (die gleiche wie der Soldat meinte). Ein paar Mädels aus Malaysia machten mit Rob ein paar Fotos für Instagram und ich quatschte mit einer Frau aus der Familie, als auf einmal der Boss des Militärcamps vor uns stand und uns bedeutete mitzukommen. Wir folgten ihm. In seiner Unterkunft bekamen wir süßen sticky Reis. Auf einmal stand ein großer, korpulenter Mann hinter uns, der mich stark an meinen alten Leichtathletiktrainer erinnerte, bloß die thailändische Version. Wir sollen mitkommen und nahmen kurze Zeit später an einem großen Besprechungstisch Platz, an dem nun auch zwei Personen saßen, die uns neu waren. Unser ‚übersetzendes Bindeglied‘ deutete auf eine Person und sagte, dies sei sein Boss und der district officer. Die Herren meinten, dass sie uns in der Nacht nach Sungai Kolok bringen würden. Wir waren etwas perplex und fragten, ob sie voranfahren und wir ihnen mit dem Fahrrad folgen, quasi das sie uns eskortieren. Daraufhin antworteten sie, dass die Räder auf zwei Pickups geladen werden und wir dann in die Stadt fahren, wo wir in einem Hotel übernachten können und ob das okay wäre. Robert sagte, dass, wenn sie das als notwendig erachten, wir dem nachkommen. Der district officer sagte, dass sie wollen, dass wir in Sicherheit sind. Und wie sich herausstellte, hätten wir eh keine Wahl gehabt, denn die Autos standen schon vor dem Tor.
So packten wir die Räder und hievten sie auf die Autos. Wir sprangen ins Auto und auf die Ladefläche sprangen ein paar Soldaten mit MGs und so ging es im Dunkeln der Nacht über sichere Umwege um das besagte Dorf an die malaiisch-thailändische Grenze. Dort angekommen, bedankten wir uns herzlich und verabschiedeten uns.

Gerade (04.09.17, 2:00 Uhr nachts) sitzen wir in einem Homestay in Kota Bharu und schreiben die letzten Zeilen des Eintrags, als wir ein Kommentar von einem Thailänder zu einem Foto lesen, das wir vor kurzem bei Facebook gepostet haben. Der Eintrag machte uns noch einmal deutlich wie naiv, dumm und ignorant wir waren, wie leicht die Situation hätte wohl anders ausgehen können und dass wir letztendlich insgesamt viel Glück hatten.

Rückblickend wurden wir nämlich mehr als genug gewarnt: von Praphreut in Bangkok (wir haben uns das nicht wirklich zu Herzen genommen, denn vor und während der Reise meinten Leute, da, da und da sei es gefährlich. Fährt man da aber lang, kann man das geschilderte nicht wirklich in Gänze nachvollziehen, was einem über diesen und jenen Ort gesagt wurde. Manche übertreiben, andere glauben, was in den Nachrichten gezeigt wird, entspricht zu 100% der Wahrheit bzw. der realen Situation, andere verkleiden persönliche Ängste und Animositäten als Fakt über die (vermeintliche) Gefahrensituation. Das war auch mal Thema als wir andere Radreisende in Albanien getroffen haben. Klar muss man vorsichtig sein, schauen, ob und was an den Warnungen dran ist, aber letztendlich muss man sich sein eigenes Bild machen. Ansonsten hätten wir bspw. nie erfahren, dass der Iran ein so wahnsinnig gastfreundliches und sicheres Reiseland ist! Neben Praphreut wurden wir von einigen Muslimen gewarnt, wir haben die Warnung vom Auswärtigen Amt gelesen, das sehr präsente Militär und die Polizei hätten uns zu denken geben müssen, und später, hier in Kota Bharu in Malaysia, bestätigte unser Gastgeber, ebenfalls Moslem, dass das Militär richtig gehandelt hat.

Um zu illustrieren, wie gefährlich die Situation in den drei Provinzen ist, hier der oben erwähnte Kommentar: „That regions is so dangerous, man. It’s the reason why the people looked at u guys so different. It’s been a drastic and complicated problem in 3 province in south of Thailand for a long time. I was studying in province of Pattani about 10 years ago. Seem like the time go year by year and the problem go more dangerously. It’s the dangerous and so complicated problems. It’s about terrorism. They made car bomb, kill people, kill police, stole military’s weapons for more terrorizing, burned the school, bombed the marketplace, the hotel etc. and today even the hospital wasn’t exception. Be careful, man. I wish you have a safe trip.“

Der Konflikt, der seit 2004 ca. 6.500 Menschen das Leben kostete (hauptsächlich Zivilisten), ist kompliziert und vielschichtigt. Sehr kurz gefasst, kämpfen verschiedene Separatistengruppen in den drei südthailändischen Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat gegen Sicherheitskräfte des Staates Thailand mit dem Ziel der Herauslösung dieser Provinzen und der Bildung eines unabhängigen islamischen Staates, zusammen mit zwei nördlichen Provinzen aus Malaysia. Die Bevölkerung in diesen drei Provinzen ist mehrheitlich malaiisch-muslimisch geprägt. Dabei richtet sich zwar die Gewalt oftmals gegen Institutionen des Staates, aber inzwischen werden auch Anschläge auf Krankenhäuser, Märkte, Lehrer sowie gegen Muslime verübt, die im Verdacht stehen mit dem thailändischen Staat zu kooperieren. Der nachfolgende Artikel gibt einen guten Überblick über bestehenden gewaltsamen Konflikt (www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54695/sued-thailand).

In Sungai Kolok haben wir fix eine preiswerte Absteige für eine Nacht gefunden. Im Anschluss haben wir unsere Mägen gefüllt und am nächsten Tag die Grenze zu Malaysia passiert.

2018-11-04T15:00:11+00:00 04.09.2017|Thailand|0 Kommentare